Montag, 27. November 2017

Brief 453 vom 27./28.11.1942


Mein lieber, guterErnst!                                           Konstanz, 27.11.42

Wie ich Dir im vorhergehenden Brief schrieb, bin ich heute Nachmittag schnell noch in die Stadt gefahren, damit Jörg seine Eintrittskarte für den 6.12. bezahlen kann. Als ich hinkam, war Helga nur noch beim Üben. Jörg war schon fort. Also habe ich die Karte geholt und bin dann zum Stadler gefahren, weil ich sehen wollte, ob Jörg noch dort war, denn er sollte 2 Kartons besorgen. Er war nicht mehr da, aber dafür sah ich, dass es Kerzen gab auf Haushalts- und Seifenkarte der Kinder. Familien ohne Kinder bekommen nach dem 30.11. nur welche, soweit noch vorhanden. Ich erhielt 12 Stück. Das ist mehr, als im vergangenen Jahr, wo es nur 5 Stück gab. Ich habe dann noch meine Karte bei KdF geholt. Es war gut, dass die Karte schon bestellt war, sonst hätte ich keine mehr bekommen. Nachdem ich noch den Brief an Dich weggeschafft hatte, fuhr ich heim und traf auf der Rheinbrücke Jörg. Der war froh, als er gleich aufsitzen konnte. Wir sind dann heimgefahren und haben das Abendbrot gerichtet. Nach 6 Uhr kam dann Helga und wir haben gegessen. Nachher habe ich noch 2 Päckchen für Dich gepackt, die ich morgen früh zur Post bringe. Bei Päckchen 7 steht die Nummer an der Seite, bei Nr.8 habe ich die Nummer zu schreiben vergessen. Nun habe ich keine Zulassungsmarke mehr und kann also nichts mehr schicken. Hoffentlich hast Du ein wenig Freude an den Sachen zu Weihnachten.
In der vergangenen Nacht habe ich wieder von Dir geträumt. Das hat mich so gefreut. Dein Schlafanzug, den Du zuletzt hier angehabt hast, ist ja immer noch mein Schlafgesell. Er liegt neben meinem Kopf. So habe ich immer noch etwas von Dir hier.
Als ich heute Nachmittag so schnell den Brief beendete, habe ich ganz vergessen, Dir die Bilder von Jörg mitzuschicken. Diesmal lege ich sie aber bei.
Heute kam Jörg erst spät von der Schule heim. Er war noch mit bei den Sechstklässlern. Als er heimkam, erzählte er: „Weißt Du eigentlich was von den Widnkind und von den Externsteinen? Bei den Externsteinen sind doch lauter Steinlöcher und Kammern. Da ist auch ein Steinloch, das hat man jetzt herausbekommen, dass dort bei der Sonnenwende im Juli der erst Sonnenstrahl durchfällt. Weißt Du das?“ Ich wusste es und ich wusste auch was von Widnkind. Das musste ich ihm alles erzählen und es hat ihn sehr interessiert. Wie aber doch der kleine Kerl aufgepasst hat. Er und noch einige waren eigentlich nur in die 6.Klase mit hingegangen, weil sie sich noch Zettel für ein neues Heft schreiben mussten, den die Lehrerin unterschreiben musste.
Es ist nun wieder ½ 11 Uhr geworden und ich bin sehr müd. Lass mich deshalb für heute schließen.

                                                                                                            28.11.
Guten Morgen lieber Ernst! Ehe ich in die Stadt fahre, will ich noch den Brief beschließen. Helga ist schon in der Schule, Jörg ist gerade aufgestanden und zieht sich an. Er muss ja erst ¾ 10 Uhr in der Schule sein und ist deshalb länger im Bett geblieben. Da ist es doch so mollig warm drin. Jetzt rechnet er schon fest damit, dass ich ihn gleich auf dem Rad mit zur Schule nehme. Ich werde ihn auch nicht enttäuschen, denn es ist ja ein Weg.
Morgen beginnt die Messe. Du kannst Dir denken, dass sich die Kinder schon darauf freuen. Vielleicht gehen wir morgen gleich mal hin. Es kommt auf´s Wetter an. Wenn es zu kalt ist, hat es keinen Zweck. Sonst erkälten sie sich nur, denn sie wollen doch bestimmt Karussell fahren.
Ich packe auch bald die Päckchen für Erna und Siegfried und Papa und seine Frau. Viel wird es ja nicht, aber es ist schließlich auch Krieg.
Was agst Du eigentlich zu den Franzosen? Ist es nicht eine Gemeinheit, dass man sich nicht einmal auf ein Ehrenwort von ihnen verlassen kann? Es war doch bestimmt ein Entgegenkommen, dass sie Toulon selber verteidigen durften, und wie wäre es uns bald belohnt worden? Man darf niemand trauen, und Großmut ist immer von Übel. Ich habe eine elende Wut auf die Franzosen. Hätten wir dem General Giraud in seiner Gefangenschaft nicht so viel Freiheit gelassen, könnte er jetzt nicht in Afrika sein. Aber so hat man auf seine Gesundheit Rücksichten genommen. Die Kerle sind es gar nicht wert. Die Deutschen sind immer zu anständig. Wir sollten mehr hassen können.
Nun lass mich schließen. Es ist jetzt Zeit zum Fortfahren. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich, Deine Annie.

Brief 452 vom 26./27.11.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 26.11.42

Ich hatte Dir ja versprochen, gestern Abend noch zu schreiben, aber es ging nicht. Doch ich will der Reihe nach erzählen. Gestern Mittag sind wir also ins Kino gegangen. Es hat uns sehr gut gefallen. Man hat so gesehen, wie sie im Land herumfahren, wie die einzelnen Theateraufführungen stattfinden, und unter welch primitiven Umständen manchmal. Wie es aber doch den Schauspielern und den Soldaten Freude macht.
Nach dem Kino sind wir zum Doktor gegangen, d.h. vorher haben wir noch eingekauft. Wir kamen ¾ 6 Uhr hin und kamen gleich dran. In letzter Zeit war die Geschwulst etwas weicher geworden, aber die andere Brust wurde auch etwas fest. Der Arzt sagte nun, dass wir gar nichts mehr machen brauchen, denn die natürliche beidseitige Entwicklung habe eingesetzt, und wegen dieser Sache ist die Behandlung abgeschlossen. Ich will mich nicht zu früh freuen, aber schön wär´s doch, wenn nun alles gut wär, nicht wahr?
Nachdem wir beim Arzt waren, sind wir mit dem Omnibus heimgefahren. Zuhause bekam ich plötzlich ein wahnsinniges Kopfweh und es wurde mir ganz schlecht. Ich konnte den Kopf überhaupt nicht mehr bewegen. Ich habe dann einmal „gekümmelt“, weil das doch voriges Mal, als Du hier warst, auch geholfen hat. Aber nichts war´s. Ich wollte gleich ins Bett gehen, aber nichts war´s, denn gerade gestern kam Vater. Gleich fortschicken konnte ich ihn auch nicht, denn er fror sehr und bei ihm ist es ja kalt. Also hat er Zeitung gelesen und ich habe inzwischen mit dem Kopf auf den Armen auf dem Tisch gelegen. ½ 10 Uhr ist Vater dann gegangen und ich bin gleich ins Bett. Längere Zeit konnte ich erst nicht einschlafen, weil mir sogar auf dem weichen Kissen der Kopf so wehtat. Siehst Du, deshalb konnte ich Dir nicht schreiben.
Heute Morgen ist das Kopfweh ziemlich besser, aber ich kann leider nicht mit baden gehen. Wir bleiben dann sicher alle daheim.
Heute Morgen habe ich mich nun gleich ans Schreiben gesetzt. Nachher will ich noch die Zeitungen für Dich holen und für Vater die Gasrechnung bezahlen.
2 Päckchen für Dich nehme ich auch noch mit.
Jörg geht jetzt gerade in die Schule, nachdem er vorhin noch Schulaufgaben gemacht hat, die er ja gestern nicht machen konnte.
Bei uns ist es jetzt auch kalt geworden. Gestern hatten wir 6 Grad Kälte. Heute habe ich noch nicht gemessen. Aber die Fenster sind gefroren. Warm ist es also sicher nicht. Fein ist es da, wenn man eine warme Stube hat, wo man sich fein aufwärmen kann, wenn man heim kommt.
Hoffentlich habt ihr es jetzt auch so gut und müsst nicht frieren.
In den nächsten Tagen werde ich sicher für die Kinder noch ein paar Handschuhe stricken. Das gibt dann auch noch ein Weihnachtsgeschenk. Für die Sonderzuteilung an Zuckerwaren habe ich mich schon eintragen lassen. Da weiß man doch wenigstens, dass man den Kindern auch davon was unter den Weihnachtsbaum legen kann. Das ist doch für sie auch eine Hauptsache, etwas zum Naschen. Backen tue ich ja auch noch. Ende dieser Woche werde ich sicher ein Backpulver bekommen. Das reicht dann für mehrere Sorten Kleingebäck.
Nun lass mich schließen. Für heute grüße und küsse ich Dich ganz fest und herzlich, Deine Annie.

Mein lieber, guter Ernst!                                                                  Konstanz, 26.11.42

Am Morgen habe ich ja einen Brief an Dich geschrieben, aber jetzt, ehe ich schlafen gehe, will ich doch noch ein wenig an Dich schreiben. Es fehlt mir einfach, wenn ich nicht mit Dir gesprochen habe, wenn es auch nur im Brief ist.
Viel war ja heute nicht los. Am Morgen war ich in der Stadt, Zeitungen holen, konnte aber einstweilen nur die „Grüne Post“ bekommen. Die anderen erhalte ich am Samstag. Ich habe dann gleich einmal wegen Rasierklingen geschaut und konnte auch drei Stück erhalten. Nach einem Rasierpinsel habe ich auch wieder überall gefragt. Damit ist aber nichts zu machen. Am Nachmittag habe ich verschiedenes aufgeschafft, was in den letzten Tagen liegen geblieben war. Leider hatte, und habe ich noch, den ganzen Tag Kopfweh. Nicht so schlimm, wie gestern. Aber ein bisschen hindert es doch beim Schaffen.
Jörg hat heute einige Bilder gemalt, die ich Dir mitschicke. Er hat sich große Mühe gegeben. Heute Abend hättest Du hier sein müssen. Den ganzen Abend haben die Kinder gelacht und zuletzt habe ich auch noch mitlachen müssen. Wir haben gar nicht mehr aufhören können, sogar beim Beten nicht. Da habe ich den Kindern gesagt, sie sollten woanders hingehen, nicht zu mir, damit wir nicht lachen müssen. Da ist Helga unter die Bettdecke geschlüpft. Da hat man dann immer so murmeln hören, und als Jörg noch fragte: „Hörst Du sie?“, da ging das Lachen wieder los. Uns hat dann alles wehgetan. Aber fröhlich sind die Kinder doch eingeschlafen.
Ich habe vorhin noch gestopft und nun gehe ich schlafen, denn ich bin sehr müd und auch das Kopfweh wird wieder schlimmer. Gute Nacht lieber Ernst, wach gesund wieder auf.

                                                                                                                        27.11.
Ich habe eine große Freude gehabt, Dein lieber Brief 14.11.ist angekommen, dazu die Bilder und die Briefmarken, die ich aufheben werde. Was ist das für ein großes, zusammengeschachteltes Gebäude,, vor dem Ihr photographiert habt?
Das dachtest Du ja auch nicht, als Du hier weg fuhrst, dass Du dort wegen dem Schlafen so herumziehen müsstest. Wenn Du es aber nur in deiner behelfsmäßigen Unterkunft einstweilen aushalten kannst. Wohnst Du noch mit jemand zusammen oder wo sind die anderen Kameraden untergekommen? Du weißt ja, böse bin ich dir nicht, wenn Du mir Butter schicken könntest. Man kann sie ausgelassen ja gut aufheben.
Dass Dir die Bilder gefallen haben freut mich. Schade ist es, dass die Granatsplitter schon so trocken waren und auch noch den Geschmack von der Holzwolle angenommen haben. Vielleicht kann ich Dir bei Gelegenheit mal wieder welche schicken, die dann besser schmecken.
Von Siegfried erhielt ich einen längeren Brief, in dem er von seiner jetzigen Tätigkeit erzählt. Ich schicke ihn mit, wenn ich ihn beantwortet habe. Er hat ziemlich zu tun und zu beaufsichtigen. Am Tag, ehe er geschrieben hat, musste er 600 Soldaten impfen. Er ist, wie er schreibt, dabei schön ins Schwitzen gekommen.
Auf das Kind freut er sich schon sehr, und es ist ihm gleich, ob es ein Bub oder Mädel ist. Wenn nur Mutter und Kind gesund bleiben.
Siegfried schreibt noch, zur Hochzeit habe ihm Papa voll Stolz und Freude den Strauß und die Karte von uns gezeigt.
Jetzt fällt mir gerade ein, dass Jörg heute die 30 Pfg. für seine Karte fürs Theater vergessen hat. Ich werde mich gleich mal fertig machen und rein fahren, denn er würde sehr traurig sein, wenn er nicht bei der Bühne sitzen dürfte.
Ich höre deshalb jetzt mit schreiben auf. Sicher fange ich den nächsten Brief heute Abend noch an.
Viele, viele lieb Grüße und Küsse von Deiner Annie.

Brief 451 vom 24./25.11.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 24.11.42

Ich bin schon darauf gefasst, dass in nächster Zeit eine Reklamation von Dir kommt: „Schreib mehr, und nicht so fades Zeug.“ Ich sehe ein, dass Du Recht haben würdest und doch kann ich es nicht so einfach ändern. Siehst Du, ich sitze hier daheim und erlebe eigentlich nicht viel, und ich meine immer, es wird für Dich wenig von Interesse sein, ob ich gestopft oder geputzt habe. Das sind eigentlich belanglose Sachen. Und auch von dem, was ich am Tag getan habe, kann ich nicht alles schreiben, denn ein kleines Weihnachtsgeheimnis habe ich ja auch. Heute kann ich Dir zwar sagen, dass ich heute meist gestrickt habe und nun auch der Kopfschützer fertig ist. Du wirst ihn also so schnell, als möglich, haben. Hoffentlich gefällt er Dir. Das würde mich sehr freuen. Ich habe ihn nach einer Vorlage von Sachen für Soldaten gestrickt.
In der vergangenen Nacht hat es zum ersten Mal etwas Schnee gegeben, der liegen geblieben ist. Viel war es ja nicht, aber Jörg ist gleich mit dem Schlitten raus. Helga ist auf dem Weg fest geschusselt und kam dafür mit einem Loch in der Schuhsohle wieder. Da muss ich morgen einen Fleck drauf setzen. Es sind ihre hohen Schuhe. Am Nachmittag hatte Helga wieder Probe von KdF. Sie muss jetzt noch was lernen. Da ist sie sehr stolz. Jörg war den ganzen Nachmittag mit dem Schlitten draußen.
Wir haben uns vorgenommen, morgen in den Film „Fronttheater“ zu gehen. Wenn es die Zeit erlaubt, gehen wir hinterher nochmals mit beim Doktor vorbei.
Den Brief schaffe ich heute nicht mehr fort. Es ist schon spät, und augenblicklich wird im Bodenseegebiet ein ausgerissener Schwerverbrecher gesucht, es stand in der Zeitung. Da habe ich ein bisschen Angst, so allein noch fort zu gehen.

                                                                                                                        25.11.1942
Es ist schon wieder Vormittag. Wir nehmen den Brief am Mittag mit. Ich habe heute 4 Päckchen für Dich fertig gemacht und schicke sie heute fort. In dem Päckchen mit dem gelben Papier, an dem an den Seiten noch ein „K“ steht, ist der Kopfschützer drin. 2 weitere Päckchen bringe ich morgen fort. Ich bin mit dem Verpacken noch nicht ganz fertig geworden, und jetzt ist es bald Zeit, dass ich mich zum Fortgehen anziehe. Wir wollen nachher noch schnell essen, dann gehen wir. Erst auf die Post, dann ins Kino.
Wir hatten heute früh 6 Grad Kälte mit einem kalten Ostwind. Jetzt scheint die Sonne, da ist es schon ein bisschen wärmer geworden. Es ist aber ein richtiger Wintertag, denn auf den Dächern liegt überall noch ein bisschen Schnee. Für Jörg ist zwar der Schnee zu wenig, denn er braucht ihn doch zum Schlittenfahren. Damit ist es ja nichts mehr, denn der Wind hat fats alles weggeleckt.
Nun lass mich schließen. Heute Abend schreibe ich weiter. Recht herzliche Grüße und Küsse sendet Dir Deine Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                                       25.11.42

Das ist nun der Kopfschützer. Für starke Kälte ist noch ein Stirnschutz und ein Nasenschutz dabei. Ich habe sie zum anknöpfen gearbeitet, denn immer wirst Du sie nicht brauchen. Mit dem Einknöpfen wirst Du schon zurechtkommen. Ich hoffe, dass Dir alles gefällt. Viele Grüße und Küsse von Deiner Annie.

Brief 450 vom 23.11.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 23.11.42

Ich bekam Deinen lieben Brief vom 13.11. Du glaubst gar nicht, wie es mich freut, wenn du mir so von der Fahrt erzählst. Ich erlebe da alles ein wenig mit.
Ich glaube Dir gern, dass es eine ziemliche Überraschung war, als Du unterwegs den einen Kameraden getroffen hast. So hast Du wenigstens ein Stück eine kurzweilige Fahrt gehabt. Das freut mich für Dich.
Deinen Löffel und die Bürste habe ich Dir nun inzwischen doch zugeschickt. Ich dachte, Du würdest die Sachen brauchen.
Gefreut hat es mich, dass Du einen Wunsch geäußert hast. Den Kopfschützer werde ich Dir machen. Ich denke, dass ich ihn bis Samstag fertig habe, damit er noch vor der Päckchensperre ab 30.11. mit fortkommt. So erhältst Du ihn wenigstens bis Weihnachten. Ich werde auf den Karton „Kopfschützer“ schreiben, damit Du dieses Päckchen evtl. schon vorher aufmachen kannst, wenn es kalt ist. Es hat ja dann keinen Wert, erst bis Weihnachten zu warten. Graue Wolle habe ich ja nicht, sondern ein mattes Blau. Aber das wird wohl nichts machen. Erstens bekomme ich jetzt keine Wolle, und zweitens ist die jetzige Wolle etwas kratzig, wie ich an der braunen Wolle, die ich vor einiger Zeit bekam, merke. Und das Kratzen kannst Du doch nicht so gut vertragen.
Das ist fein, dass die Kameraden so gut für Dich gesorgt haben, als Du hier warst. Das wird Dich auch gefreut haben. Du hast doch daran gemerkt, dass Du nicht ganz allein dastehst, sondern dass Deine Kameraden auch etwas Interesse für Dich haben.
Die Marken hast Du also tatsächlich wieder zurück geschickt. Wenn du sie nicht gebraucht hast, ist es auch nicht schlimm. Aber zur Vorsicht hast Du sie wenigstens dabei gehabt. Es ist ja gut, wenn die Verpflegung jetzt noch besser ist, als vorher. Da habt Ihr wenigstens etwas, über das Ihr Euch freuen könnt.
Über das mitgesandte Bild habe ich mich auch sehr gefreut, und mit mir die Kinder. Es steht jetzt auf dem Radio, damit wir es stets sehen. Ich danke Dir dafür.
Gestern Abend hatten wir wieder mal Alarm. Erst wollten wir oben bleiben, als aber die Flieger kamen, sind wir doch alle runter. Von 9 – ½ 11 waren wir unten. Einige Leuchtbomben haben sie geworfen, sonst sind wir verschont geblieben. Heute Morgen war wieder das Rätselraten um den Schulanfang. Schließlich sind doch beide so um 8 Uhr gegangen. Helga hat dann ab 9 Uhr, Jörg ab ¾ 10 Uhr Schule gehabt.
Jörg malt jetzt immer kleine Bilder für sich. Einen „Sonnenuntergang“, einen „Wald“, einen „Wasserfall“ und noch eins ohne Namen hat er bis jetzt fertig. Davon hat er bisher an Kinder 2 Stück verkauft. Eins für 10 Pfg., eins für 5 Pfg. Jörg sagte zu mir: „Siehst Du, so kommt man zu Geld.“ Er ist doch geschäftstüchtig, nicht wahr?
Ein Fräulein, von Fräulein Weber vom Geschäft geschickt, fragte nach Deiner Adresse. Vielleicht bekommst Du wieder eine Kleinigkeit zu Weihnachten.
Der Ottmar von Webers, der nach Russland gekommen ist, hat die Ruhr bekommen, wie Frau Weber sagte. Es ist doch so, wie Du mal schriebst, viele bekommen die ukrainische Krankheit oder sowas. Russland ist eben ein scheußliches Land.
Papa schrieb heute eine Karte, dass sie am Totensonntag nach dem Friedhof gehen würden. Auf Mamas Grab würden sie einen Kranz tun und auf die Gräber von Deiner Mutter und Deinem Bruder je einen Tannenstrauß mit Blumen.
Er schreibt mir das, damit wir sehen, dass unsere Toten auch nicht bergessen werden. Oh, ich vergesse sie auch nicht. Oft muss ich jetzt daran denken, wie wir im vergangenen Jahr noch in Leipzig waren. Die schönen Tage, dann der Abschied auf dem Bahnhof. Ich bin ein paar Mal aus dem Zug gestiegen und habe Mama wieder einen Kuss gegeben und ihr gesagt: „Wir kommen nächstes Jahr wieder.“ Schon eher war ich wieder dort. Und dieses Jahr hat schon eine andere Frau Mamas Platz eingenommen. Aber bei mir nicht, nein!
Du hattest doch geschrieben, was in Berlin auf dem Bahnhof für ein Gedränge war, und auch im Zug. Da habe ich Dir was ausgeschnitten aus dem „Schwarzen Korps“. Das dürfte doch bald stimmen, wie es da gemalt ist. Ein Vergnügen ist so eine Fahrt ja bestimmt nicht, und ich glaube Dir gern, dass Du froh bist, wieder dort zu sein. Da hast Du doch wenigstens festen Boden unter den Füssen und nicht dauernd das Geratter. Was machen eigentlich die Männer, die früher gesagt haben, sie könnten die Bahnfahrt nicht vertragen?
Doch nun Schluss für heute. Ich will nachher gleich noch ein bisschen stricken. Erfriere Dir inzwischen, bis Dich das Päckchen mit den Schützern erreicht, nicht die Ohren und bleib auch sonst ganz gesund, Du mein liebster, bester Ernst. Ich grüße und küsse Dich ganz herzlich, Deine Annie.
Ich schicke Dir noch einen älteren Zeitungsausschnitt mit, der mir immer wieder gefällt. Vielleicht geht Dir´s genauso.

Dienstag, 21. November 2017

Brief 449 vom 21.11.1942


Mein liebster, besterErnst!                                         Konstanz, 21.11.42

Heute sind es gerade zwei Wochen, seit Du von uns fortgefahren bist. Inzwischen habe ich auch den Brief erhalten, dass Du dort gut angekommen bist. Darüber habe ich mich so gefreut.
Von heute will ich Dir noch berichten. Am Morgen habe ich erst mal den Luftpostbrief an Dich fortgebracht.Damit er evtl. noch mit dem Zug 8:40 Uhr fortkäme, bis ich schon ½ 8 fortgefahren und habe Helga gleich mit in die Schule genommen. Ich habe dann gleich noch eingekauft und den Schuhbezugschein geholt. Hinterher bin ich gleich heimgefahren, habe noch die restlichen Schulaufgaben von Jörg nachgesehen, die er gestern nicht mehr machen konnte, weil er im Turnen war. Dann ging Jörg zur Schule und ich habe meine Hausarbeiten gemacht. Am Nachmittag sind wir zusammen in die Stadt gegangen. Wir sind erst beim Steurer vorbei gegangen. Ich hatte mir ein Kästchen gewünscht, in dem man beim Stricken die Wolle hat und nur der Faden durch ein Loch heraus läuft. Leider gab es das nicht mehr. Wir sind dann wegen Schuhen zum Haug gegangen. Der hatte aber keine Auswahl und so sind wir zum Küll gegangen. Da haben wir paar schöne feste Halbschuhe bekommen. Sie kosten 11,80 Mk. Nach dem Schuhkauf sind wir noch durch die Stadt gegangen und haben Verschiedenes angesehen, was mir gefiel. Aber zu kaufen war es leider nicht mehr. Dann gingen wir zu dem Geschäft neben dem Steurer und die Kinder haben mir dort die Tortenschaufel gekauft, die ich Dir mal gezeigt hatte. Sie heben sie nun bis Weihnachten auf und ich freue mich wirklich. ¼ Pfd. Keks haben wir uns auch noch gekauft und sind dann langsam Heim gelaufen. Es war ein ganz schöner Nachmittag.
Von Papa erhielt ich einen Brief. Er hat sich sehr über den Blumengruß zur Hochzeit gefreut. Sie haben sich doch kirchlich trauen lassen in der Lucaskirche. Siegfried ist gegen Abend auch noch zur Feier gekommen.
Die Frau von Papa hat auch unter den Brief geschrieben. Sie schreibt:
„Liebe Frau Marianne!
Ich habe mich sher darüber gefreut, dass Sie an unserem Hochzeitstag unserer gedacht haben und danke Ihnen ebenfalls herzlich. So wollen wir nun hoffen,  dass uns die Zukunft enger zusammen fügt und damit eine treue Freundschaft entsteht. An Achtung und Liebe meinerseits soll es nicht fehlen so wollen wir hoffen, dass wir uns gut verstehen lernen. Auch wünsche ich Ihrem Gatten alles Gute und hoffe, dass er gesund wieder kommt. Ich bitte, auch von mir ihm herzliche Grüße zu bestellen.. Also nochmals herzlichen Dank und seien Sie sowie Ihre beiden Kinder herzlich gegrüßt von Ihrer Lotti.“
VomGeß erhielt ich die Mitteilung, dass das von Dir bestellte Buch erst in einigen Monaten lieferbar sei, da es neu aufgelegt würde. Ob wir noch Wert auf die Lieferung legten. Ich habe ja gesagt, denn vielleicht kannst Du es dann auch noch brauchen.
Helga ist ganz glücklich mit den neuen Schuhen. Sie hat sie gleich heute Abend angezogen und gerade hat sie gesagt, ob sie sie auch anbehalten kann, wenn wir den Brief noch fortbringen. Gerade haben wir Helga noch einen Zahn rausgerissen, der sie schon lange gequält hat. Jetzt atmet sie richtig auf. Sie sitzt jetzt neben mir und lernt fürs Turnen. Die Lieder und die Worte, die sie sagen muss: „So seid von Herzen uns willkommen.“ Also schon eine große Rolle.
Ich will jetzt noch die Steuerkarte für Kurt einpacken und wegschicken. Ich schreibe erst nur mal ein paar Worte dazu, denn zu einem Brief habe ich jetzt nicht gerade die Zeit.
Nun mein lieber Ernst, bleib gesund und sei herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Liebes Vaterle! Ich freue mich, dass Du gesund hingekommen bist. Viele Grüße und Küsse von Deinem Jörg.
Auch von mir viele Grüße und Küsse von Deiner Helga.

Brief 448 vom 20.11.1942


Mein liebster, besterErnst!                                         Konstanz, 20.11.42

Eine ganz große Freude habe ich heute gehabt. Als ich mit den Kindern gegen Abend heim kam, war ein Brief von Dir da. Ich bin ja so froh. Jetzt weiß ich wenigstens, dass Du gesund hingekommen bist. Und so lieb warst Du, dass Du gleich einen Luftpostbrief geschrieben hast. So habe ich Doch nicht so lange warten müssen. Ich danke Dir sehr dafür.
Es ist ja nicht gerade ein schöner Empfang, wenn man sein Zimmer ausgebrannt vorfindet. Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie Dir zumute war. Es ist gut, dass wenigstens Deine Sachen gerettet sind. Wie ist eigentlich das Feuer entstanden? Gefreut hat es mich, dass die Kameraden wieder nett zu Dir waren. Dadurch wird Dir doch das Eingewöhnen etwas erleichtert.
Mit Freude habe ich gelesen, dass Dir der Urlaub gefallen hat und dass Du gern bei uns warst. Mir hat es auch so gefallen, nur hatte ich manchmal die Befürchtung, es könnte Dir langweilig gewesen sein, wenn wir am Abend so ruhig zusammengesessen sind. Ich habe mich über mich selbst geärgert, dass ich so gar nichts erzählen konnte, aber siehst Du, ich sitze so Abend für Abend allein hier. Da verlernt man das Unterhalten direkt. Wirklich, mir ist direkt ein Stein vom Herzen gefallen, als ich nun las, dass es Dir hier gefallen hat. Ich habe mir ja Mühe gegeben, Dir alles recht zu machen, damit Du Dich wohl fühlst. Wenn es mir soweit gelungen ist, freue ich mich sehr.
Dass wir noch am letzten Abend Ärger mit Jörg hatten, war ja nicht gerade schön, aber daran wollen wir nicht mehr denken. Er ist eben noch ein Kind, und die sind eben nicht immer brav. Er hat ja seine Strafe bekommen. Er hat auch eingesehen, dass er sie verdient hatte, und nachtragen tut er es bestimmt nicht.
Gern habe ich gelesen, dass Du fühlst, dass Du Dich hier erholt hast. Das ist ja die Hauptsache, dass Du nun Kräfte gesammelt hast, um über den Winter hinweg zu kommen.
Bei Euch ist es also schon ziemlich kalt, ganz so schlimm war es hier noch nicht, und augenblicklich hat die Kälte auch wieder nachgelassen.
Uns geht es genauso, wie Dir. Wir denken oft an den Urlaub zurück. Wie schön war doch auch wieder die Fahrt nach dem Haldenhof. Das war auch ein besonders schöner Tag. Ich möchte Dir für die schönen Tage nochmals ganz fest danken.
Nun will ich Dir vom heutigen Tag erzählen. Am Vormittag habe ich gründlich geputzt und die Fußböden neu gefärbt. Am Nachmittag gingen die Kinder ins Turnen. Ich bin dann später in die Stadt gefahren und habe mich nach Weihnachtsgeschenken umgesehen. Ein Vierecktuch habe ich noch für Helga und für Erna gekauft, dazu noch ein kleines Kästchen für Helga, wo sie ihren Schmuck rein tun soll. Das größere, wo sie ihn bisher drin hatte, soll sie für Taschentücher nehmen, denn die liegen so rum. Es ist ein ganz reizendes Kästchen, rot und blau gekästelt, mit einem Herzchen dran. Ich glaube bestimmt, dass sie sich freut. Spielzeug hat sie ja, und es gibt auch keins zu kaufen. Für Erna habe ich noch einen Glasuntersetzer und ein Holzbrettchen gekauft. Für die Frau von Papa habe ich zwei zarte, bunte Taschentücher gekauft. Eigentlich wollte ich drei Stück haben, aber die bekam ich nicht, und in den anderen Geschäften gab es überhaupt keine. Eigentlich wollte ich für die Frau gar nichts kaufen. Aber das geht doch wohl nicht so gut.
An Erna werde ich morgen ein Päckchen mit Zigaretten schicken. Die soll sie Siegfried zu Weihnachten mit geben, denn ich habe ja keine Zulassungsmarken von ihm.
Übrigens habe ich heute beim Ackermann auch das Buch für Helga bekommen, das ich bestellt habe. Raussuchen kann man sich ja nicht, was man will, sondern man bestellt ein Buch für das entsprechende Alter und bekommt einfach eins. Das Buch für Helga heißt: „Pucki, unser Mütterchen“. Ich lese es in den nächsten Tagen durch.
Nun hätte ich alles soweit da. Ich brauche nun nicht mehr rumzulaufen. Da bin ich sehr froh, denn man findet jetzt so schwer was.
Beim Turnen kann Jörg, wie viele andere, nun doch nicht mit Theater spielen. Es kränkt ihn aber nicht sehr. Die Kinder, die nicht mitspielen, erhalten auf den ersten Reihen Plätze und müssen manche Lieder mitsingen. Ich muss mir, wie Helga und Jörg mir eingeprägt haben, gleich am Montag eine Karte holen, denn am 6.12. spielen sie schon. Denke da an uns. Ich denke, dass Du bis dahin den Brief erhalten hast.
Gleichzeitig mit Deinem Brief erhielt ich heute eine Karte, dass die Schuhe für Helga bewilligt worden sind und dass ich den Bezugsschein abholen soll. Das tue ich gleich morgen.
Lieber Ernst, ich danke Dir nochmals für Deinen lieben Brief, über den ich mich so sehr gefreut habe. Ich grüße und küsse Dich fest und herzlich, Deine Annie.

Brief 447 vom 19.11.1942


Mein liebster Ernst!                                       Konstanz, 19.11.42

Jetzt warte ich schon sehr auf eine Nachricht von Dir. Ich dachte erst, Du hättest vielleicht nochmals von unterwegs geschrieben, aber scheinbar war es doch nicht möglich, denn sonst müsste doch sicher der Brief schon hier sein.
Ich bin nicht ungeduldig, denn Du hast ja schon viel länger warten müssen, aber Sorge mache ich mir, ob Du auch gut dort angekommen bist. Ich werde sehr froh sein, wenn ich darüber durch einen Brief von Dir höre. Wenn mal eine Weile kein Brief kommt, merkt man erst, wie unentbehrlich sie einem geworden sind und wie sie beruhigen. Ich hoffe, dass ich jetzt doch nicht mehr so lange warten muss.
Heute Morgen war ich in der Stadt und habe die Zeitungen für Dich gekauft. Dann habe ich eine Geburtstagskarte an Alice und eine einfach Karte an Papa abgeschickt, damit er sieht, dass sein Paket angekommen ist. Hinterher habe ich für Helga noch eine Regenkappe gekauft, die sie auch beim Baden anziehen kann. Für mich habe ich ein einfaches Tuch gekauft, das ich immer auf dem Kopf tragen kann. Die guten Tücher von Dir sind mir zu schade dafür, denn durch das Knoten leiden sie sehr.
Am Nachmittag waren wir baden. Es war wieder sehr erfrischend. Gegen 4 Uhr waren wir dort. Jörg sagte, ehe er zum Ausziehen ging, es gefiele ihm gar nicht mehr so, seit Du nicht mehr mitgingst. Er wäre so allein. Wir haben uns dann fest gewaschen, und dann ging es ans Schwimmen. Das war wieder schön. Nur Jörg macht keine Fortschritte. Er hat eben nicht die richtige Freude und den Ehrgeiz dazu. Vielleicht kommt das später. Die Haare haben wir uns kurz vor dem Heimgehen auch noch gewaschen. Wir wären noch etwas länger geblieben, aber Jörg fror zu sehr. Da haben wir uns eben fertig gemacht. Um 6 Uhr waren wir daheim. Vorhin haben wir Abendbrot gegessen und nun gehen die Kinder ins Bett. Ich schaffe nachher noch den Brief fort und hinterher will ich noch ein bisschen arbeiten.
Ehe wir zum Baden gingen, trafen wir Frau Nußbaumer. Sie kam gerade vom Begräbnis von dem 18jährigen Sohn der Frau Waldmann. Sie sagte, der Sohn hätte Eiter im Kopf gehabt, daran ist er gestorben. Was es doch für Sachen gibt?
Gestern Abend war Vater da. Er hat angefangen, die Tür zu dem Schränkchen fertig zu machen. Ganz ist es ja noch nicht gelungen, denn das Eisen, mit dem er von dem Holz was abschlagen will, damit er die Eisenbänder einfügt, war ihm nicht scharf genug. Er hat es erst noch zum Schärfen mitgenommen. Aber Aussicht besteht doch, dass die Tür bald fertig wird.
Ich sitze wieder hier in der mollig warmen Küche. Ich denke immer daran, ob bei Euch dort auch richtig geheizt ist, oder ob Du frieren musst. Denn mit der Heizung hatte es bisher doch nicht so geklappt. Hoffentlich hat sich das jetzt gebessert.
Nun will ich wieder schließen. Bleib gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.