Donnerstag, 19. März 2020

Brief 859 vom 10.3.45


 Mein allerbester Ernst!                                                                                               10.3.45    

 Nun habe ich wieder Ruhe. Ich hatte ja die ganze Nacht und am Morgen solch Zahnweh. Der Beck hat dann am Zahn und am Zahnfleisch mit einem Häkchen herumgefahren. Das hat schrecklich weh getan. Er meinte dann, eine Betäubung hätte bei dem Zahn keinen Wert. Er hat nur das Zahnfleisch eingepinselt, aber das hat trotzdem weh getan. Nun hat er den Zahn gezogen. Das hat auch nicht gerade gut getan.  Er zeigte sich, daß an der Wurzel ein richtiger Eiterbeutel hing und der Beck meinte, daß er schon glaubte, daß ich da Schmerzen hatte. Es wäre auch auch gut gewesen, daß er keine Einspritzung gemacht hat. Nun habe ich den Quälgeist los.  (unleserlich) eine Quarkstolle und 7 Brötchen. Diesmal habe ich im Kohlenherd gebacken und es ist ganz gut gegangen. Wie froh bin ich, daß ich den guten Ofen habe.  Jörg war am Nachmittag im Dienst, Helga von 4  6 Uhr in der Schule. Zum ersten Mal, daß sie am Samstag Nachmittag Unterricht hatten.  Vater hat mir gestern die lange schmale Roßhaarmatratze gegeben, die er noch im Keller hatte. Ich beziehe sie und mache davon eine Rückwand fürs Sofa, weißt Du, unterm Fenster lang. Da  zieht es dann nicht mehr und man kann sich gut anlehnen. Heute traf ich Frau Uhink. Als ich sie auch nach ihrem Mann fragte, fing sie an zu weinen. Sie hat seit 4 Monaten keine Nachricht von ihm. Er war in Holland auf Vlissingen. Dort ist scheinbar alles überschwemmt worden und was aus der Einheit ihres Mannes geworden ist, weiß man noch nicht. Frau Uhink meinte, das WArten mache einen ganz mürbe. Damit hat si ja nur zu recht. Ich habe ja im vergangenen Jahr auch 7 Wochen auf Nachricht gewartet und kenne das Warten daher auch ein wenig. Wenn man so wartet, möchte man am liebsten eine langen Schlaf tun und dann so erwachen, wie es in einem Lied von Reuter heißt, das Papa früher sang und an welches ich jetzt im Nähen erinnert wurde: Ich möcht erwachen im Sonnenschein und es müßt alles wie früher sein keine Not und Elend keine Müh und Plage, die Leute müßten verwundert fragen hast lange geschlafen, hast viel versäumt Du sprachst vom Kriege, Du hast geträumt.  11.3. Es ist nun wieder Sonntag Abend. Der Tag ist ruhig vorbei gegangen. Am vormittag gab es die übliche Arbeit. Nachmittags habe ich gestopft und zwischendurch immer wieder gebügelt. Ich muß ja jetzt die Eisen auf dem Herd heiß machen, da geht es lagsamer. An den anderen Tagen brauche ich früh den Herd zum kochen, nachmittags bin ich meist nich da. Entweder ich bin beim nähen , oder ich muß einkaufen gehen. So muß ich diese Arbeit mit auf den Sonntag verschieben.  Ingrid erschien wieder pünktlich am Nachmittag zum spielen. Sie blieb bis ½ 7 Uhr hier. Erst haben die Kinder mit den Puppen gespielt und Jörg mit seinen Soldaten, später spielten sie Mühle und Schwarzer Peter. Ingrid war zwei Mal der schwarze Peter, was unseren Beiden ungeheures Ve rgnügen bereitete. Nachdem Ingrid nun heim gegangen war, haben wir Abendbrot gegessen. Es gab eine Suppe und hinterher einige Brote.  Morgen früh haben wir ja nochmals Kuchen, da freuen wir uns alle drauf.  Die Matratze von Vater habe ich heute auch bezogen. Sie steht nun auf dem Sofa unterm Fenster. Die Kinder haben es ausprobiert und sagen, es ließe sich jetzt viel besser auf dem Sofa sitzen. Da muß es doch wahr sein, nicht wahr?  Von Jörg schicke ich Dir heute 2 Veilchen mit, die er mir mit den Worten „ein erster Frühlingsgruß“ brachte. Außerdem noch ein Buchzeichen. Es ist aus Klebpapier von einem Spiel zusammengesetzt. Jörg hofft, daß Du Dich über alles freust. Mir hat Jörg die ersten Gänseblümchen gebracht. In dieser Beziehung ist er sehr aufmerksam.  Ich weiß ja nicht, ob ich Dich mit meinen Gedanken noch in Leipzig suchen kann. Auf jeden Fall hoffe ich, daß es Dir gut geht und daß Du gesund bist. Das ist mein großer Wunsch für Dich.  Ich mache nun für heute wieder Schluß und gehe schlafen. Dich, mein liebsterErnst grüße und küsse ich von ganzem Herzen. 

Deine Annie.

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