Mein liebster
Ernst! 15.12.44
Wieder erhielt ich zwei liebe Briefe von Dir, Nr. 125 und
128 vom 26. und 30.11. Ich freu mich ja immer so, wenn ich wieder liebe Grüße
von Dir erhalte. Die zwei mitgesandte Gedichte gefallen mir sehr gut. Sie sind
wirklich fein empfunden. Daß Du in der vergangenen Zeit nicht verbauert bist
und Dich noch gute SAchen begeistern kannst, das habe ich auch so schon gewußt.
Leicht wird es zwar nicht sein, sich in dem Leben da draußen das Gefühl für
alles Schöne zu bewahren. Ich kann Dir
auch sagen, daß ich ebenso wie Du froh bin, wenn Weihnachten vorbei ist. Es ist
eine schöne Zeit, wenn man zusammen ist. De sto schwerer sind diese Tage zu
ertragen bei einer Trennung. aBer wir müssen auch wieder hindurch. Wegen us mußt Du Dir keine Sorgen machen.
Ich halte den Kopf hoch. Bis jetzt sind wir ja noch hier und es sieht auch
nicht aus, als ob wir in der nächsten Zeit fort müßten. Sollte es doch sein, na
dann würde ich auch nicht feiger sein als Tausende, die schon ihr Heim
verlassen mußten. Und ich denke, daß mich die Kinder auch unterstützen würden,
denn wir haben schon alles genau besprochen.
Wenn Jörg mit seinen Aufgaben auf mich gewartet hat, so war das eine
Ausnahme. Und außerdem war so ein kleines bißchen Faulheit dabei. Wenn er sich
angestrengt hätte, würde er es auch selber rausgebracht haben, wie die Aufgabe
zu machen ist. Aber er hat eben gespielt, als ich fort war. Da ich nun den zweiten Brief wieder
durchlese, so muß ich immer wieder sagen, sorge Dich nicht zu viel um uns. Du
schreibst, daß unsere Ge duld und unsere Kraft auf eine harte Probe gestellt
wird. Da hast Du recht. Ab er ich glaube noch fest daran, daß sich alles für
uns noch einmal zum Guten wendet. Der Führer wird uns sicher keine leeren
Versprechungen machen. Sollte es aber doch nicht anders werden, so bleibt uns
ja auch nur der Kampf bis zuletzt. Wir dürfen ja nicht in die Hände der Feinde
fallen. Ehe uns diese langsam
verhungern lassen und sich vielleicht noch an uns und unseren Kindern
vergreifen oder uns für immer trennen, ist ein Ende im Kampf noch besser. Aber,
wie gesagt, die Hoffnung auf ein siegreiches Kriegsende hat mich noch nicht
verlassen. Nun muß ich Dir noch mit
einer ja ich muß schon sagen Klage kommen. Hätten wir nud nie die Sachen von Kurt bei Vater durchgesehen, ja
hätten wir überhaupt nichts von ihm. Bei jeder Gelegenheit fragt Vater „ist das
von Kurt? Wenn ich schreibe, heißt es „ist das Papier von Kurt? Ich sagte „ich
glaube es nicht, denn wir haben selber Briefpapier genug. Du kannst ruhig mal
welches mitnehmen“. Dann fragt er einmal „habt ihr von Kurt mullbinden
mitgenommen, ich finde keine mehr“ Es könnte sich höchstens um den in Gummi
eingenähten Notverband handeln. Aber den nimmt man doch nur im Notfall. Ich
sagte, daß ich selber fast keine mehr habe. Später erinnerte ich mich, daß ich
bei den Luftschutzsachen noch einige hatte. Als ich an einem Abend Jörg verband
(er hatte 2 Furunkel) sagte Vater „jetzt hast Du ja wieder Binden?“ „Ja“ sagte
ich“ aber die sind von meinem Vater, der hat mich bisher immer damit versorgt“.
Gestern war Vater nun wieder da. Wir sprachen von der Einquartierung und Vater
meinte, da müßte ich die Bücher aus dem Re gal ausräumen. Sonst kämen sie bloß
weg. Ich sagte, ich könnte doch die Bücher nicht rausräumen, ich wüßte garnicht
wohin. Va ter meinte, er würde sie evtl. mitnehmen. Nein, sagte ich, ich lese
doch drin und außerdem können sie nicht gleich wegkommen, ich weiß doch was ich
da habe. Wenn es anständige Leute sind, die einmal ein Buch lesen, ist es auch
nicht so schlimm. Da verzog er wieder so spöttisch das Gesicht und sagte „Die
Bücher, die Du von Kurt da hast, wirst Du wohl nicht alle kennen und wenn sie
jemand liest, sauen sie sie nur ein. „ „Aha“ sagte ich „um die Bücher von Kurt
handelt es sich. Bittschön, nimm sie mit. Wir haben auch so genug Bücher. Ich
bin nicht darauf angewiesen.“ ER hat dann nichts mehr gesagt und ich dachte,
ich will doch erst an Dich schreiben, denn es sind ja schließlich nicht meine
Bücher. Du hast sie ja bekommen. Am liebsten wäre es mir freilich, ich könnte
ihm alles, was wir von Kurt hier haben, zusammenpacken und sagen „bitte, da
hast Du alles, es ist nichts mehr hier bei uns.“ Freilich weiß ich nicht, ob es
auch im Sinn von Kurt wäre, denn unten werden die Sachen auch nicht besser.
Eins bitte ich Dich, schreibe n i c h t
s an Vater. Wenn du mir Anweisungen
gibst, so regle ich das schon allein mit ihm. Ich möchte nicht so ein
Verhältnis heraufbeschwören, wie es in Leipzig herrscht. Vater hat auch seine
guten Seiten, das weiß Du ja und es ist manchmal mit auszukommen. Ich möchte
nur wissen, wie ich mich in solchen Fällen verhalten soll, wie ich sie Dir oben
geschildert habe. Beiliegenden Brief erhielt ich heute von der Frau Hofmann.
Ich habe ihr Deine Adresse gegeben und hoffe, daß ich richtig gehandelt habe.
Wieso weiß diese Frau, daß Du mit Jungednamtssachen zu tun hattest? Heute habe ich eine kleine Stolle und Pfefferkuchen
und Roggenplätzchen gebacken. Die letzeren sind mir diesmal auch gut gelungen,
nachdem ich diesmal mehr Hirschhornsalz als angegeben und etwas Marmelade dazu
getan habe. Beim ersten Mal waren sie etwas hart geworden und sahen so grau
aus. Durcz die Marmelade haben sie nun eine appetitliche Farbe erhalten. Morgen
backe ich noch eine kleine Stolle. Es ist jetzt schwierig, Hefe zu
bekommen. Diesmal ist der Brief lang
geworden, wenn es auch nicht immer ganz erfreuliche Sachen sind, die ich zu berichten
hatte. Bleib auch weiterhin gesund und
behalte uns lieb. Sei recht oft gegrüßt und ganz, ganz fest geküßt von
Deiner
Annie.
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