Mein lieber Mann!
11.10.44
Zuerst muß ich mich entschuldigen, daß ich gestern nicht
geschrieben habe. Am Vormittag war ich beim Arzt und am Nachmittag habe ich mit
der Maschine genäht. Ich konnte verschiedenes schaffen, aber als ich dann
aufhörte, merkte ich, daß ich ziemlich kaputt war. Nach dem langen
Faulenzerleben strengt alles doppelt an. Da haben wir dann nur noch Abendbrot
gegessen und sind gleich ins Bett gegangen.
Gestern war ich zum letzten Mal beim Arzt. Ich habe nur noch ein
Pflaster auf die verheilte Wunde bekommen. Richtig laufen kann ich ja noch
nicht. Es spannt noch ein bißchen und das vordere Gelenk am Fuß
(unleserlich) eingerostet nach dem
langen Ruhen. ABer sonst ist mir wohl und Dr. Bundschuh sagte gest ern nochmal,
ich hätte unerhörtes Glück gehabt, daß es so gut verheilt sei. Ich bin auch
sehr froh darüber. Heute erhielt ich
Deine beiden lieben Briefe Nr. 69 und 73 vom 30.9. und 4.10. Nun hast Du also endlich den Brief erhalten, aus dem Du
die Art meiner Verwundung ersehen kannst. Du wunderst Dich, warum wir Dr.
Bundschuh geholt haben. Ich muß sagen,
weil ich immer noch das größte Zutrauen zu ihm habe. Eigentlich sollte man den
nächsten Arzt nehmen und das wäre Dr. Seitz. Zu dem habe ich aber überhaupt
kein Zutrauen. Dr. Bundschuh kennt uns doch am besten. Und in der Eile ist er
mir doch zuerst in den Sinn gekommen.
Du fragst nun, ob Jörg auch richtig mitgeholfen hat, als ich dalag.
Zuerst hat Jörg schon mitgeholfen, aber dann erlahmte sein Eifer. Als er Helga
mal garnicht unterstützen wollte, sagte ich zu ihm: „Natürlich mußt Du mit
schaffen. Du bist ja schließlich schuld, daß ich nichts tun kann und hier
liegen muß.“ Da wurde er ganz aufgebracht und meinte „Jetzt kriegt man das auch
noch vorgehalten.“ Worauf ich zu ihm sagte: „Das ist garnicht vorgehalten. Wenn
du Helga unterstützen würdest, brauchte ich garnichts sagen.“ Im allgemeinen
hat er sich dann auch gefügt. Im
allgemeinen ist Helga und Ingrid noch am meisten zusammen, da die Hildegard
Zellter zu weit fort wohnt. Lieber mag sie ja Hildegard, denn sie ist einfacher
und hat nicht so eingebildete Ideen. Sie ist auch nicht so launisch. Als ich im Radio hörte, wie die Behörden und
die anderen in der Etappe in Frankreich gelaufwen sind, als der Feind kam
(hatte Dr. Goebbels oder rippentrop gesagt „wie Spreu im Wind?), da habe ich
auch gedacht, daß Du froh sein wirst, nicht dabei gewesen zu sein. Gehört hat
man auch hier genug. Aber Du hast ja selber viele von dieser Sorte kennen
gelernt. Du kannst Dich nicht an die
braunen Flecken am Knie erinnern. Zuerst waren sie auch nicht braun sondern rot
und Wasserbläschen drauf. Ich konnte doch deshalb in den letzten Tagen nicht
richtig schwimmen, weil es so furchtbar spannte Weißt Du es jetzt wieder? In
der Haut war ein richtiges rotes Geflecht, als wenn alle Flecken innerlich
zusammenhängen würden, das ist nun zu meinem Leidwesen alles bräunlich
geworden. Ich hoffe, daß es mit der Zeit wieder weg geht. Für das heute mitgesandte Bild danke ich
Dir. Es ist nich schlecht getroffen. So
ernst wie auf dem jetzigen Bild für Dein Soldbuch schaust Du nicht. Die 2 bilder von Griechenland schicke ich
Dir heute mit. Von der Gruppenaufnahme habe ich den Film natürlich nicht, nur
von der Einzelaufnahme. Es freut mich,
daß Du wieder einmal von Deinen alten Kameraden Bescheid hast. Du hast doch
verschiedenes Neues erfahren. Du kennst
doch Frau Oexle (früher Begero). Deren ältester Sohn Werner ist jetzt auch
gefallen, durch Kopfschuß. Seine Kameraden haben ihn nicht einmal begraben
können, da sie zurück mußten.
Gestern habe ich aus der
Leihbibliothek das Buch „Beim Maja“ mitgebracht. Hauptsächlich für Helga. Ich
kenne es ja schon. Sie hat es auch schon mit Begeisterung gelesen. Vorhin habe ich wieder mit Helga Aufgaben
gemacht. Es geht ganz gut. Nun laß mich schließen. Behalte uns immer lieb und
sei recht fest und herzlich gegrüßt und geküßt von
Deiner Annie.
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