Mein liebster Ernst ! 6.10.44
Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 19.9. Nr. 53 Der
hat doch lang gebraucht, bis er mich erreichte. Doch ist er auch jetzt noch
wichtig, denn nun weiß ich erst richtig, wie Ihr dort erst in Reserve wart,
dann ich den vorderen Graben gekommen seid.
Ich habe schon oft am Abend nach dem großen Wagen geschaut und dabei
gedacht, daß Du ihn vielleicht auch gerade siehst. Die Entfernung zwischen Dir
und uns kommt mir dann nicht mehr so unermeßlich vor. In den letzten Woche
konnte ich ja leider nicht ins Freie, aber auch so habe ich immer an Dich
gedacht. Heute haben die Kinder wieder
4 Reihen Kartoffeln ausgegraben mit 60 Pfund. Ich habe im Waschhaus unsere
Winterkartoffeln inzwischen ausgelesen. Im Garten, auf dem unebenen Boden kann
ich noch nicht richtig stehen und also auch noch nicht schaffen. Gestern habe ich 10 Nelkensetzlinge gekauft.
Es sind winterharte. Es würde mich freuen, wenn sie etwas würden, denn sie
haben immer solch schönen Duft. Ich habe ihn am Rosenstock gesetzt. Von Papa erhielt ich einen Brief mit neuen
Briefmarken. Ein bißchen hat er sich wieder mit Erna versöhnt. Von Siegfried erhielt ich eine Karte vom
26.9. Er schreibt, daß er meine Karte mit Deiner neuen Fp.Nummer erhalten hat.
Er mußte am 26. wieder zum Einsatz nach vorn.
Da denke ich gerade daran, daß Du ja auch die Nummer von Siegfried haben
wolltest. Sie lautet: 28 291. Am Nachmittag
war Jörg beim schaffen. Helga hat erst den Brief an Dich auf die Post
geschafft, dann ist sie zur Ingrid gefahren. Dort ist sie eine ganze Weile
geblieben, dann ist sie mit ihr hergekommen und sie haben mit den Puppen
gespielt und hinterher geturnt. Nachdem Ingrid heimgegangen war, haben wir
Abendbrot gegessen. Nun werden wir bald schlafen gehen. Das war heute ein
Gekichere, als Helga und Ingrid beieinander waren. Haben die Zwei einen Unsinn
geschätzt. Man mußte gerage selber lachen.
Na, Du kennst es ja. Vater hatte
zu Anfang, als ich nicht laufen konnte, gesagt, daß er käme zum Äpfel runter
machen. Vor einigen Tagen meinte er, er käme jetzt bald, wenn er den Schuppen
ganz fertig hätte. Inzwischen haben wir nun aber schon selber geerntet. Jetzt
könnte man‘s auch garnicht mehr richtig tun, weil die Äpfel ganz lose hängen
und beim berühren gleich mehrere runterfallen.
Mit der Leiter hatte ich diese Jahr auch Ärger. Scheinbar war es den
Leuten zu wenig, was sie an Äpfeln bekommen hatte. Ich meine die Leute bei
Steinmehls. Der Junge hatte doch mit pflücken wollen. Als er ca. 25 Pfund
runter gemacht hatte in 2 Tagen, ließ er gleich fragen, was er von den Äpfeln
bekommen könnte. Ich sagte, ich müßte sie erst einmal aussortieren. Inzwischen
haben Helga und Jörg oben noch gepflückt. Am nächsten Abend kam der Junge und
sagte, er müßte die Leiter mitnehmen. Seine Mutter hätte gesagt, es könnte ja
ein Angriff kommen, da brauchte man die Leiter. Wenn wir sie wieder brauchten,
könnten wir sie ja wieder holen. Es hängen ober nicht mehr viele und ich lasse
sie am besten fallen. Betteln mag ich nicht jedes Mal. Ich habe eine Tasche
Äpfel rüber geschickt fürs Borgen und pflücken, damit mir niemand was nachsagen
kann. Abgesehen davon hat der Junge
schon auf dem Baum genug gegessen. Frau Leimenstoll sagte mir schon, daß die
Buckenleibs so profitlich sind. Es scheint auch wahr zu sein. Doch da ärgere
ich mich nicht lange. Nun laß mich
wieder schließen. Ich grüße und küsse Dich recht, recht oft.
Deine Annie.
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