Sonntag, 2. Juli 2017

Brief 369 vom 2./3.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 2.7.42

Am Nachmittag erhielt ich Deinen lieben Brief vom 20.6. An diesem Tag hattest Du ja endlich wieder einmal reichlich Post von uns erhalten.
Das Verhältnis zwischen Papa, Siegfried und mir hat sich ja inzwischen soweit geklärt, dass Siegfried ziemlich das tut, zu was ich ihm geraten hatte. Mit papa komme ich ja nicht gleich ins Reine, das sehe ich schon. Ich werde ja sehen, was er auf meinen letzten Brief schreibt. Gequält hat mich die ganze Sache ja schon sehr, und mein Kopf war manchmal wie ausgebrannt. Aber ich denke, dass ich das Schlimmste hinter mir habe. Ich werde es schon selber noch durchfechten. Vielleicht ist es am besten, daß du auf alles gar nicht erste eingehst, wenn nichts Besonderes kommt. Bei dem Entschluss, schon im Herbst zu heiraten, hat das Fräulein bestimmt viel mitgewirkt. Sie will eben so schnell als möglich heiraten. Wenn Papa noch oft von dem ganzen Kram schreibt, teile ich ihm mit, dass ich nicht mehr darauf eingehe.
Heute Morgen habe ich wieder zwei Zeitungen an dich abgeschickt. Die „Post“ und „Das Reich“ war noch nicht da. Ich bekomme es am Samstag. Während die Kinder am Nachmittag im Turnen waren, bin ich im Kino gewesen. „Der ungetreue Ekkehard“ mit Hans Moser, Rudi Godden und Theo Lingen wurde gespielt. Man hat viel lachen müssen.
Heute Abend habe ich noch Marmelade gekocht. Drei Pfund Stachelbeeren habe ich vom großen Bäumchen auch noch abgemacht, weil es zu voll hängt. Die koche ich morgen ein. Bis jetzt habe ich im ganzen 14 Pfund Stachelbeeren und 16 ½ Pfund Jonannisbeeren abgemacht. Morgen bekommen wir auf die Mangelkarte Fisch zugeteilt. Da muss ich gleich um 8 Uhr fahren, damit ich evtl. Felchen erwische.

                                                                                                                        3.7.

Gerade komme ich wieder Heim. Es ist ½ 10 Uhr. Seit um 8 habe ich nach Fischen angestanden. Aber ich habe auch 6 schöne Silberfelchen bekommen. Das wird ein gutes Essen heute, zwar auch ein bißchen teuer. Aber einmal können wir uns das schon leisten. Am Nachmittag gibt es wahrscheinlich Kirschen. Da möchte ich auch für Vater mal welche mitbringen, denn abends bekommt er nie mehr welche. Seine Karte habe ich ja hier. Man verläuft bei diesen Sachen ja viel Zeit. Nur gut, dass ich das Rad habe.
Für heute grüße und küsse ich dich wieder recht herzlich, Deine annie.

Brief 368 vom 1.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 1.7.42

Heute bekam ich drei Briefe von dir, vom 11., 18. Und 22.6. Ich danke dir sehr dafür. Besonders mit der Geschichte von Eurem Radio hast Du mir eine große Freude gemacht. Da könnte ich stundenlang lesen, wenn du so erzählst. Genau wie früher mal von dem Friseur, oder das ideale Abflußrohr in deiner früheren Unterkunft, oder die ertrunkene Ratte. Das freut mich einfach.
Ganz fest gefreut hat es mich, dass du mir schreibst, dass du sehr oft an uns denkst und dich uns verbunden fühlst. Das ist es ja, woran ich immer denke, wenn ich mich recht einsam fühle, dass ich weiß, du vergißt uns nicht und behältst uns lieb. Wenn ich das nicht glauben könnte, hätte ich überhaupt an nichts mehr Freude.
Eine öffentliche Hinrichtung hast du also nun auch erlebt. Das gibt es hier bei uns doch nicht mehr, nicht wahr? Ich glaube, ich könnte es nicht ansehen. Verdient hat es der Kerl ja tatsächlich.
Jörg geht immer noch gern zum Turnen. Ich bin auch sehr froh darüber, denn schaden kann es nicht.
Kurt ist augenblicklich bis 7.7. in Würm bei Pforzheim zur Erntehilfe mit 6 Kameraden. Sie sind jetzt bei der Heuernte. Kurt muss bei 2 alten Leuten helfen. Nach dem 7.7. kommt er wieder zur Genesungskompanie zurück. Ich muss ihm wieder deine Adresse schicken, er hat sie schon wieder verlegt.
Von Alice erhielt ich eine Karte. Sie hat ihren Vater zu Besuch da und zur Feier seines 70. Geburtstages haben sie mir geschrieben. Der Vater hat mit unterschrieben. Alice will mir bald einen Brief schreiben, aber sie und Paul sind noch nicht ganz gesund. Sie waren beide krank.
Erna schrieb mir heute einen Brief. Sie war bei der Geburtstagsfeier mit dabei. Herr Müller hat von Mamas Jugend erzählt, wie schwer sie es gehabt hätte. Erna will mir alles erzählen, wenn sie her kommt. Sie kommt am 20.7. und bleibt bis 5./6.August. Hinterher fährt sie noch einige Tage zu ihrer Mutter. Erna wusste erst nicht, wie sie es wegen Papa machen sollte, aber er hat zu ihr gesagt, er würde schon versorgt.
Ich hatte heute Wäsche. Erst habe ich für Vater die Rente geholt. Da ich schon gestern mit waschen angefangen hatte, war ich bis Mittag fertig. Diesmal hatte ich eben auch noch Sachen von Kurt. Am Nachmittag haben wir gebadet. Hinterher haben wir zusammen ca. 8 Pfund Johannisbeeren gepflückt. 3 Pfund habe ich vorhin Vater gebracht. Er konnte sein gutes Herz nicht verleugnen und hat mir noch 1 Pfund Zucker mitgegeben. Dann brachte er noch 1 Pfund Mehr an. Als ich es nicht nehmen wollte, sagte er, ich solle Jörg zu seinem Geburtstag einen Kuchen davon backen.
Als ich heim fuhr, fand ich in der Reichenauer Straße eine weiße Strickjacke, die ich gleich morgen auf´s Fundbüro bringen will. Denn jetzt verliert man nicht gern etwas.
So, nun will ich schlafen gehen. Müde genug bin ich. Es ist ¼ 11 Uhr. Gerade kam die Sondermeldung von der Einnahme Sewastopols. Das war auch ein harter Kampf.
Nun schlaf du auch gut und wach gesund wieder auf. Ich schicke dir viele feste Küsse, Deine Annie.

Brief 367 vom 30.6./1.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 30.6.42

Immer ist es jetzt spät abends, wenn ich zum Schreiben komme. Aber bei Tag habe ich jetzt immer ziemlich zu tun. Heute Morgen habe ich Geld geholt, eingekauft. Ich hatte dir doch geschrieben, dass wir vor einiger Zeit Holzkläpperle für Jörg gekauft haben. Die waren inzwischen schon wieder kaputt. Heute habe ich für Helga ein paar gute bekommen können. Nach diesem Muster habe ich nun die Oberteile für Jörg´s Kläpperle gemacht, so dass er sie auch wieder anziehen kann. Er hat sich gefreut, als er heute Mittag heim kam, ebenso natürlich Helga. Am Nachmittag habe ich 4 Pfund Johannisbeeren gepflückt. 2 Pfund habe ich Zwischenlage zu einem Griespudding verwendet, der unser Abendbrot darstellte, die anderen 2 Pfund habe ich gerade vorhin zu Marmelade eingekocht. Vorm einkochen habe ich noch unsere Wäsche gewaschen, denn ich bekam den Waschhausschlüssel schon etwas früher. Das habe ich gleich ausgenutzt. Morgen früh muss ich doch für Vater die Rente holen. Da vergeht auch einige Zeit. Da habe ich dann nur noch seine Wäsche zu waschen und unsere aufzuhängen.
Als ich beim Johannisbeeren pflücken war, rief ich die Kinder und fragte, ob sie Zeit hätten. Als sie bejahten, sagte ich zu ihnen, dann sollten sie mal so viele Johannisbeeren essen, wie sie können. Da haben sie sich aber an die Büsche gekauert und gegessen. Als sie nicht mehr konnten, hat Jörg gleich eine Tüte geholt und hat sie für sich und Helga gefüllt. Er hat gedacht, die Gelegenheit muss er ausnutzen. Bis jetzt haben wir ca. 10 Pfund Johannisbeeren geerntet, ohne die, die wir so vom Strauch gegessen haben. Es sind aber noch ziemlich viel drüben. Das ganz kleine Stachelbeerbäumchen trägt dieses Jahr auch ca. 2 Pfund Beeren. Ich habe es kräftig stützen müssen. Mit den Erdbeeren ist es so ziemlich fertig. Es hat etwas über 30 Pfund gegeben.

1.      Juli
Heute sind es nur noch drei Tage bis zu deinem Geburtstag. Hoffentlich hast du wenigstens unseren Brief bekommen, dass du an diesem Tage nicht ohne einen Gruß von uns bist.
Ich muss nun in die Stadt fahren und schließe deshalb. Ich grüße und küsse dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 366 vom 29./30.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 29.6.42

Heute erhielt ich deinen lieben Gruß vom 17.6., in dem du mir von deiner Arbeit erzählst. Das interessiert mich immer wieder und ich freue mich, wenn ich ein wenig weiß, was du so am Tag tun musst.
Du schreibst, dass du den Brief an Papa, in dem du ihm deine Meinung sagen wolltest, nicht geschrieben hast. Das ist vielleicht ganz gut so, denn bis du Papa´s Brief erhältst und Papa dann deinen, vergehen einige Wochen. Während dieser Zeit ist meist zwischen Papa und mir schon wieder geschrieben worden und die Situation ist eine andere. Einmal steht es besser, einmal schlechter, gleichbleibend ist es doch nie. Ich kann auch nicht zu allem ja und amen sagen, wie es Papa gern möchte. Er ist in das Fräulein vernarrt, oder sie hat ihn so eingewickelt. Das bleibt sich ja gleich. Eine „Gute“ bin ich auch nur so lange, solange ich nicht dort bin oder ihm entgegen trete. Dass er aber mit jedem Brief meinen Schmerz um Mama immer wieder aufreißt, das merkt er nicht. Ich könnte jetzt manchmal noch heulen und kann es nicht begreifen, dass sie wirklich tot sein soll, da kommt Papa dauernd mit dem Fräulein und will sie einem aufdrängen.
Es ist jetzt schon wieder ¾ 11 Uhr. Den halben Nachmittag war ich im Garten, habe die Brombeerranken ein bißchen geordnet, denn die wachsen jetzt ganz wild nach allen Himmelrichtungen, später habe ich Unkraut raus gemacht. Hinterher habe ich von dem Bäumchen mit den großen Stachelbeeren 4 Pfund abgemacht. Das sieht man aber gar nicht, dass welche weg sind, so viel Stachelbeeren hat es wieder. Auch an den anderen Sträuchern und Bäumchen. Ich bin ja so froh drum, denn wenn wir keinen Garten hätten, könnte ich gar nicht an Marmelade denken. So habe ich auch heute Marmelade gekocht. Auch zum so essen haben wir jetzt immer Beeren. Und das verdanken wir alles dir, mein lieber Ernst. Jetzt kann man wirklich froh sein, wenn man einen Garten hat.
Am Nachmittag habe ich wieder Nudeln selber gemacht. Den Kindern schmecken sie auch gut und wir haben auch ab und zu etwas zum Abendbrot, denn der Gries reicht ja nicht den ganzen Monat.

                                                                                                                                    30.6.42

Ich nehme jetzt den Brief mit, wenn ich das Geld holen gehe. 20.- zahle ich auf unser, und je 3.- auf den Kindern ihr Buch ein. Ich hätte ja mehr übrig, aber ich will etwas behalten, damit wir, wenn Erna kommt, auch mal mit fortfahren können.
Heute Nacht habe ich wieder einmal von Dir geträumt. Ich habe dich dort besucht. Erst habe ich lange Zeit suchen müssen, denn du warst gar nicht da, und dann haben wir uns nur kurze Zeit gesehen. Aber wie froh war ich schon darüber. Die Sehnsucht ist mir jetzt noch geblieben. Es ist, als ob du gerade erst wieder fortgefahren wärst. Lieber Ernst, behalte uns lieb. Ich grüße und küsse dich ganz fest, Deine annie.

Brief 365 vom 28.6.1942


Mein liebster, bester Ernst!                                                    Konstanz, 28.06.42

Der Sonntag ist vorbei. Heute waren wir nicht zuhause. Eigentlich hatten wir baden gehen wollen, aber es war nicht recht warm und so sind wir lieber nach der Mainau gelaufen. Wir haben uns auch die Rosenblüten angesehen und sind sonst noch herumgestiefelt. Wenn man so an den Leuten vorbei geht, hört man die verschiedensten Sprachen. Das sind alles Leute, die hier schaffen. Ein Betrieb war auf der Mainau, nicht zu sagen. Wir wollten dir eigentlich von dort eine Karte schreiben, aber da hätten wir uns lange anstellen müssen, um eine zu bekommen. Gegen 5 Uhr sind wir zum Schiff gegangen. Erst kam ein Sonderschiff, das nahm vor allem die mit, die in Meersburg nach Friedrichshafen umsteigen mussten. Da waren die Hälfte weg. Wir anderen wurden auf das nächste Schiff vertröstet, das gleich komme sollte, aber ¼ Stunde Verspätung hatte. Dann ging die Drängelei wieder los. Endlich waren wir im Schiff. Ich habe 1.Klasse genommen, damit wir wenigsten oben im Freien sitzen konnten, wo es dann sehr schön war. Eigentlich wollten wir in Meersburg die Fahrt nochmals unterbrechen, aber von der einen Drängelei hatten wir genug. Es war auch gut so, wir sind gegen ¼ 8 Uhr heim gekommen, haben in Ruhe Abendbrot gegessen, und nun sind die Kinder beim Ausziehen. Da muss ich dir gerade noch etwas erzählen. Du weißt vielleicht, dass die Kinder früher nie einschlafen konnten, wenn das Radio lief. Seit wir nun den neuen Apparat haben, der lauter spielt, und bei dem man auch das Gesprochene gut versteht, ist es gerade das Gegenteil. Da hören beide zu und schlafen bald ein. Jedes Mal sagen sie abends, dass ich so laut einstellen soll, dass sie alles verstehen.
Auf dem Schiff haben wir heute einen Mann gesehen, der weit über 2 Meter groß war. Alle Leute hat er weit überragt. Es hat mir nur leidgetan, dass einige Leute sich über ihn unterhalten und gekichert haben, dass er es hören musste. So jemand muss schon ein dickes Fell bekommen, denn überall fällt er auf.
Gestern Abend war Vater hier. Er brachte mir ¼ Karamellbonbons mit, die ich mit aufhebe. Er hat dann einen Geburtstagsbrief an dich geschrieben. Ich habe ihm 3 Pfund Stachelbeeren und 1 Pfund Erdbeeren mitgegeben. Die Stachelbeeren habe ich ihm so vorgerichtet, dass er sie nur noch waschen muss. Da wird er doch eher fertig.
Nun gehe ich gleich schlafen. Die Luft hat müde gemacht. Ich grüße und küsse dich recht herzlich und denke immer an dich, Deine Annie.

Brief 364 vom 27.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 27.06.42

Gestern habe ich tatsächlich nicht an Dich geschrieben. Am Morgen musste ich Lebensmittelkarten holen. Dann bin ich in den Garten gegangen und habe auf das eine abgeerntete Beet Kraut gesetzt. Dann habe ich grüne Stachelbeeren, etwas Johannisbeeren und Erdbeeren gepflückt. Die Stachel- und Erdbeeren habe ich am Nachmittag zu Marmelade gekocht, während wir die Johannisbeeren zum Mittagessen gegessen haben. Am Abend habe ich, nachdem die Kinder im Bett waren, noch die Küche geputzt. Heute wollte ich damit fertig sein, denn ich musste in die Stadt, um die Lebensmittelkarten anzumelden. Gestern bin ich absichtlich nicht gleich gegangen, weil ich wusste, dass es heute bei Tengelmann Karamellbonbons gibt. Da muss ich doch zusehen, dass ich etwas bekomme, denn Jörgs Geburtstag kommt doch immer näher. Ich hab auch ¼ Pfund bekommen.
Heute am Vormittag habe ich noch ein wenig genäht, nachdem ich heim gekommen bin. Dann habe ich Essen gekocht. Während wir gegessen haben, ist Vater gekommen und hat nach Deiner Adresse gefragt. Er will Dir noch zum Geburtstag schreiben. Einstweilen soll ich Dir Grüße von ihm ausrichten. Ich will nachher noch Beeren abmachen. Auch für Vater ein paar, damit er sich auch ein bisschen Marmelade kochen kann. Ich nehme die Stachelbeeren, die unten am Strauch hängen oder am Bäumchen von den Ästen, die zu schwer sind. Die Marmelade wird wirklich gut und fest.
Post habe ich heute keine bekommen, auch gestern nicht. Vielleicht erhalte ich morgen wieder einen Brief von dir.
Du kannst Dich doch sicher noch daran erinnern, dass du für uns 2 Paar braune Wildlederschuhe mit Chromledersohle besorgt hattest. Das eine Paar sollte eigentlich für mich sein, war mir aber zu klein. Jetzt sind Helga ihre zu klein geworden und Jörg kann sie noch fertig tragen, während Helga nun das zweite Paar anzieht. Ein klein wenig ist es ihr noch zu groß, aber das macht nichts. Wir haben in die Spitzen der Schuhe etwas Watte getan. Jetzt kann sie sie gut tragen. Ich bin nur gespannt, wie lange Jörg die Schuhe noch trägt, denn er hat doch alles gleich kaputt.
Gerade ist Vater wieder fort gegangen. Er hat mir noch ½ Pfund Gries, einige Fleischbrühwürfel, eine Maggisuppe und ein Backpulver geschenkt, alles Sachen, die ich ganz gut brauchen kann. Ich habe ihm noch ein Paket Tabak und einige Zigarren gegeben. Die kann er wieder brauchen. So hilft man sich gegenseitig aus.
Gestern habe ich wieder ein bisschen die Küche umgeräumt. Den Kindertisch haben wir in das Kinderzimmer getan und den kleinen Tisch einstweilen auf den Speicher gestellt. Das Regal mit der Brotmaschine steht nun zwischen den zwei Türen und die kleine Truhe von Vater mit dem Werkzeug usw. steht in der Ecke, wo die Schlüssel hängen. Da haben wir jetzt wieder ziemlich Platz geschaffen.
Es sieht nicht alles so gedrängt aus. Sitzen können  die Kinder am Kindertisch ja sowieso nicht mehr richtig, er dient nur zum Aufbewahren von allerlei Sachen und die könne  sie sich ja auch aus dem Kinderzimmer holen.
Dadurch, dass Vater da war, ist es nun bereits um 4 Uhr geworden und ich muss jetzt weiter schaffen, sonst werde ich bestimmt nicht mehr fertig. Du bist mir bitte deshalb auch nicht böse, wenn ich schon mit schreiben aufhöre.
Ich grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 363 vom 25.6.1942


Mein liebster bester Ernst!                                                                Konstanz, 25.06.42

So, nun kommt der Brief an Dich an die Reihe. Das Unangenehme habe ich mir gerade vorhin von der Seele geschrieben, den Brief an Papa. Eigentlich wollte ich ja brav und zahm antworten, ohne irgendwo anzuecken. Aber es ging nicht, nein, es ging einfach nicht mehr. Es ist ja schließlich kein Vergnügen, mit einem Felsblock auf der Seele herumzulaufen, das siehst Du doch sicher ein. Also hau-ruck und runter damit. Den Erfolg siehst Du auf beiliegendem Durchschlag. Es hat mich schwer geärgert, diese „alle Schuld auf Erna abschieben“. Das ist ja sooo einfach. Man selbst und die liebe Lotte sind Engel, die kopfschüttelnd auf die böse Welt heruntersehen. Wie kann man auch so grausam sein und das liebe Lottekind nicht in die Arme schließen, wo doch Papa gleich so bezaubert von Dir war, als er dich seinerzeit kennen lernte. Erinnerst Du Dich nicht mehr? Wie kann man auch so ein schlechtes Gedächtnis haben? Nicht zu glauben. Und da Papa uns eine so piekfeine Ausstattung gegeben hat, kann er ja jetzt auch mit vollem Recht verlangen, dass Erna wenigstens 2 Betten mitbringt. Das ist doch schließlich das wenigste. Und da ist er doch noch so gutmütig und will ihnen das zur Verfügung stellen, und auch noch einen Tisch. Na, hoffentlich ist Siegfried genügend dankbar und greift mit beiden Händen zu. Gegen spätere Vorwürfe ist gleich ein dickes Fell mitzubringen. Nein wirklich, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Und welch schreckliche Lügen und Verleumdungen Erna verbreitet hat (siehe beiliegenden Brief von Papa). Es ist einfach furchtbar. Dabei kann ich mir Papa so gut vorstellen, wie er wütend abends nachhause kommt. Auf der Treppe stehen Leute aus dem Haus, die ganz verwundert sind (?) dass Erna schon wieder fort ist. Und dann sagt er diesen berühmten Satz von Maggiwürfeln ohne Butter und Fett und die bösen Leute (oder vielmehr ja Erna soll es gewesen sein) machen Maggisuppen draus. Da ist ja ein großer Unterschied, nicht wahr? Na, lassen wir das, ich hab den ganzen Brief satt bis zum Hals.
Heute bekam ich deine beiden lieben Briefe vom 12 und 13.6. Es freut mich, dass du mir jetzt mal deine Tageseinteilung geschrieben hast. Da kann ich immer daran denken. – Ich sehe morgen nochmal nach, ob in anderen Schreiben, die vor Deiner Anstellung als Beamter geschrieben wurden, noch andere Bestimmungen erwähnt wurden und gebe dir dann Bescheid.
„Das Reich“ habe ich heute wieder geholt und schicke es dir mit. Vielleicht kannst Du Papa abschreiben. Ich kaufe es dir so gern. Lass mir doch die kleinen Freuden, dass ich etwas für dich kaufen kann. Warum müssen das denn andere tun.
Du schreibst, dass du Eiercognac für mich gemacht hast. Wie kannst Du denn den hier her schicken? Trinken werde ich ihn sicher, denn Eiercognac habe ich schon früher gern gemocht. Wenn wir zuhause welchen hatten, habe ich gern einmal geleckt. Gesund soll er ja sein.
Na, das ist gut. Jetzt entschuldigst Du Dich auch noch, dass du einmal eine halbe Tafel Schokolade selber gegessen hast. Das musst du doch sogar. Ich habe dir doch in meinem gestrigen Schreiben strenge Strafe angedroht, wenn du wieder welche schickst, wo sie für dich gedacht ist.
Nun kommt eine unappetitliche Geschichte, die mit Schokolade nichts zu tun hat. Ich habe heute im großen Garten gegüllt. Da staunst Du, was? Du wirst denken, na was macht sie nur für Sachen, das war doch bisher bei uns nicht üblich. Aber ganz nötig war es , wirklich. Sonst hatten wir immer Mist oder künstlichen Dünger, diesmal nichts. Mist hatte ich im vergangenen Jahr nicht holen können, weil ich nicht kräftig genug war und künstlichen Dünger gab es nicht zu kaufen. Nun ist der Boden drüben ja nicht so gehaltvoll. Darum habe ich mich heute doch daran gemacht und habe Kraut, Kohlrabi usw. gegüllt. Die Pflanzen sind noch nicht so groß, also ist es auch nicht so unappetitlich. Außerdem regnete es gestern Abend und jetzt fängt es gerade wieder an. Es kommt ein Gewitter. So dickes Zeug hab ich auch nicht genommen. Ich denke, dass du auch damit zufrieden bist, wie ich es gemacht habe. Eine Schlepperei war es ja, aber jetzt bin ich froh, dass ich´s gemacht habe.
Ich weiß gar nicht, ob ich dir schon geschrieben habe, dass ich gestern Nachmittag eine Karte von Siegfried bekommen habe. Ach nein, da war ja der Brief an Dich schon fort. Also, er schreibt, da er jetzt keine Zeit zu einem Brief habe, wollte er mir kurz mitteilen, dass er sich mit Papa soweit geeinigt habe, dass sie Oktober ausziehen. Die Verbindung mit Papa würde er nicht abbrechen, komme aber, nachdem er geheiratet habe, nicht mehr ins Haus, stelle Papa aber frei, ihn jederzeit zu besuchen. Das wäre also auch soweit geregelt.
Die Kinder sind jetzt gerade vom Turnen nach Hause gekommen, gerade rechtzeitig, bevor das Gewitter richtig anfing. Jetzt haben sie aber richtig Hunger mitgebracht und wir wollen gleich Abendbrot essen. Beim turnen hat Jörg Nasenbluten gehabt. Das bekommt er ab und zu einmal.
Nun lass mich schließen. Ich sende dir viele Grüße und Küsse (einstweilen im Geist, später hole ich sie alle nach) Deine Annie