Sonntag, 1. Januar 2017

Brief 265 vom 01.01.1942


Mein liebster Ernst!                                                 1.1.42                   0.10 Uhr                            

Nun hat vor wenigen Minuten das Neue Jahr begonnen. Ich wünsche im Geist auch Dir ein frohes Neues Jahr. Wir wollen hoffen, daß wir uns alle gesund wiedersehen und daß wir noch recht viele Jahre miteinander erleben dürfen. Auch auf ein baldiges gutes Ende des Krieges wollen wir hoffen.  Vater  und ich sitzen jetzt hier am Tisch beisammen, ohne Alkohol. Vater hatte auf nichts derartiges Appetit und mir ist es auch so recht. Wir haben uns von Dir, Kurt, Deiner Mutter, meiner Mutter, Siegfried, Papa und Erna unterhalten. Es kommt einem an einer Jahreswende ja so manches in Erinnerung. Vater hat so manches von früher erzählt, auch  von Walter.
Die Kinder habe ich vorhin, auf ihren Wunsch, auch kurz geweckt und wir haben uns auch ein frohes Neues Jahr gewünscht.
Nun schlaf auch Du, mein lieber Mann, gut in das Neue Jahr hinein und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Lieber Ernst!                                                                  1.1.42 

Nun will ich Dir gleich die ersten Grüße im neuen Jahr übermitteln und alles Gut vor allem, daß wir alle gesund bleiben, wünschen. Meinen Brief wirst Du wohl inzwischen erhalten haben. Wir haben das Ende des Jahres und den Anfang des neuen Jahres ganz alkoholfrei durchgeführt und stattdessen einen Tee gebraut. Ihr werdet wahrscheinlich in Kameradschaft sitzen. Nun wollen wir hoffen und wünschen, daß der Krieg für uns siegreich dieses Jahr zu Ende geführt wird, Ihr alle gesund bleibt und ein frohes  Wiedersehen feiern können. Herzliche Grüße Dein Vater.

Mein lieber, lieber Ernst!                                                    Konstanz, 1.1. 42

Ganz gut hat das neue Jahr angefangen, mit vielen lieben Grüßen von Dir, die ich heute erhielt, Deine 2 Briefe vom 27. und den vom 28.12. Ich habe mich so sehr gefreut. Die Kinder haben wirklich eine große Freude gehabt, daß sie von ihrem ersparten Geld etwas kaufen konnten. Wie ich Dir schon schrieb, haben sie auch wirklich schöne Sachen gekauft, über die man sich freuen konnte.
Vater war wirklich stolz, daß er mir die 40,- geben konnte. Er sagte auch, das hätte ich wohl nicht gedacht, daß er das schenken würde, aber wenn er verdiente, würde er auch nicht so sehr am Geld hängen. Wie ich Dir schon schrieb, habe ich das Geld auf die Sparkasse geschafft.  Wenn es Dir Freude macht, uns Mandarinen zu schicken, so will ich Dir diese natürlich nicht nehmen. Ich wollte nur nicht, daß Du Dir alles so absparst.
Die Sachen, die mir Papa geschickt hat, kann ich schon alle verwenden, wenn auch nicht auf einmal. Was  soweit gut ist, verarbeite ich für Kinder oder für die Puppen. Was nicht mehr viel taugt, gibt immer noch Sohlen für die Filzschuhe.
Beim Theater ist es schon so, daß man jetzt alles mit kritischeren Augen ansieht als früher. Den Kindern hat es genau so gut gefallen wie uns früher und das ist die Hauptsache. Deshalb geht man ja auch mit den Kindern hin.
Zur Wollsammlung gebe ich nun ab: 1 Trainingsanzug, 3 Paar Pulswärmer, 1 Paar Fasthandschuhe, 1 Muff, 3 Schals.
Es ist der Muff, den ich früher einmal für Helga gemacht habe. Es hat einige Stellen, an denen die Haare etwas weg sind. Aber das ist ja nicht das Wichtigste. Die Hauptsache, er ist warm.  Helga braucht ihn fast nicht und er liegt nur herum.
Dir stricke ich in nächster Zeit neue Fausthandschuhe.
Wegen der Beförderung muß ich Dir noch etwas Lustiges von Jörg schreiben, wenigstens habe ich lachen müssen. Wir kamen aufs Schenken zu Weihnachten. Da sagte Jörg: Vaterle hat Dir doch auch was Schönes geschenkt.  Er ist doch höher geworden und das „Betreter“ ist doch weg.“ Du hättest das mal hören sollen. Wie lustig das klang.
Das ganz kleine nachträgliche Weihnachtsgeschenk werde ich also aufheben. Wir feiern bei Deinem Kommen noch einmal ein wenig Weihnachten.  Ich frage mich jeden Tag, ob es wohl wahr wird, daß Du Mitte Januar auf Urlaub kommst. Das wäre ja so schön und dauerte nicht mehr lange.
Du bist ein ganz Schlimmer. Jetzt schreibst Du auch noch, daß es schade sein, daß wir nicht 2 Mädchen haben, dann brauchte ich nicht immer Dreiangel stopfen. Dabei bist Du doch ganz froh, daß wir so einen kleinen Bengel haben, nicht wahr? Aber mit dem Bravsein, das stimmt.
Jetzt hast Du dort also wieder Verdruß. Hört das denn überhaupt nie auf. Wieder von derselben Seit wie vorher? Vielleicht ist es am besten, Du erzählst es mir mündlich, wenn Du heim kommst. Aber traurig genug ist es, wenn es immer Streitigkeiten gibt. Das sollte doch nicht sein. Aber es gibt eben überall giftige Leute. Es ist mir lieb, daß Dir die Kleinigkeiten, die wir Dir schicken konnten, Freude bereitet haben.
Ein richtiges Weihnachtsfest hast du ja auch nicht gehabt. Pech war es ja, daß Du Graser nicht gleich angetroffen hast, sondern erst spät in der Nacht. Mit dem Tommy hast Du ja auch nur ein paar Stunden zusammen sein können.
Zu Sylvester hattest Du Dienst. Da war es also nichts mit dem feiern im Kreise Deiner Kameraden, wie wir dachten. Bei uns war es ja auch ruhig. Wir haben eine Weile gelesen, dann haben wir erzählt, meist Dein Vater, von früher. Auf Vaters Wunsch haben wir dann noch einen heißen Tee getrunken und ein Stück Stolle, die er zum Probieren mitgebracht hatte, gegessen. Um ¼ 3 Uhr ist er dann heim gegangen.
Schnee haben wir auch noch. Helga und Jörg sind wieder mit dem Schlitten draußen. Aber die Kälte hat ziemlich nachgelassen.
Ich danke Dir herzlich für Deine Neujahrswünsche. Diese decken sich ja vollkommen mit meinem, denn Gesundheit und ein baldiges, glückliches Ende des Krieges sind ja jetzt die wertvollsten Wünsche. Hoffentlich hast Du den Jahresbeginn wenigstens ruhig verleben können und es hat niemand Störungen verursacht. Elemente, die diese verursachen wird es ja immer wieder geben, denn es ist eben doch Feindesland, wo Ihr steht.
Von Papa und Erna erhielt ich heute auch einen Brief. Siegfried konnte nun doch nicht zuhause sein, er ist am 24. wieder nach Rußland abgefahren. So am 8.1.wird er wieder in Deutschland sein und hofft, Urlaub zu bekommen. Andernfalls soll ihn Erna in Dresden besuchen.
Am 1. Feiertag sind sie an Mamas Grab gegangen und später in den ernsten Film, in dem wir gestern waren. Am 2. Feiertag hatten sie Besuch von einer Kollegin aus seiner früheren Firma. Am 3. Feiertag hat Papa mit der Wollsammlung zu tun gehabt. Am Sonntag sind sie zur Weihnachtsfeier des Elternvereins gegangen.
Die 10,- wird Papa für die Gräber unserer beiden Mütter verwenden. 2 Bilder hat er mitgeschickt, die wir bei unserem Aufenthalt in Leipzig gemacht haben. Ich schicke sie Dir einmal mit. Sie sind nicht ganz deutlich geworden, aber es sind die letzten Aufnahmen, die von Mama gemacht worden sind.
Nun wieder Schluß für heute, mein lieber Ernst. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 264 vom 30./31.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                                Konstanz, 30.12.41                      

Einen Brief habe ich heute nicht von Dir bekommen. Von Papa kam ein Briefpäckchen mit kleinen Sachen von Mama, eine kleine Stofftasche, Nähseide usw.
Wir alle drei sind heute morgen in die Stadt gegangen. Die Kälte hat etwas nachgelassen, es sind nur noch 3 Grad. Dabei hat es am Vormittag noch etwas geschneit. Es war schön zum laufen. Zuerst sind wir auf die Sparkasse gegangen. Da habe ich das Geld geholt und gleichzeitig bei uns 25,- und bei den Kindern je 7,50 und 1,-Mk von der Schulsparkasse eingezahlt. Dann sind wir auf die Post gegangen und haben 65,- Mk an Dich zur Absendung gebracht. Hinterher haben wir noch Gas- und Lichtmarken geholt, haben bei Tengelmann noch verschiedenes besorgt und sind dann heim gegangen. Jörg hat vorhin noch Aufgaben gemacht und nun ist er mit Helga beim Schlittenfahren. Die paar Tage bis zum Schulanfang wollen sie doch noch richtig ausnutzen, denn wenn sie später wieder Schulaufgaben machen müssen, ist doch der halbe Nachmittag vorbei. Gesund ist ja das Wetter. Beide kommen immer mit frischen, knallroten Backen herein.
Nachher besorgen sie mir noch einen Weg. Von den Bildern, die ich Dir geschickt hatte, habe ich nochmals Abzüge machen lassen. Die holen sie nachher und nehmen gleich den Brief mit auf die Post.
Hast Du eigentlich einen Herrn Mader vom Verkehrsamt gekannt? Der ist in den letzten Tagen auch gefallen.
Wenn Vater morgen zu uns heraufkommt, kann ich ihm die restlichen 30,- bezahlen. Unsere Schulden sind wir dann los. Da bin ich froh, denn wenn ich niemand etwas schuldig bin, ist es mir lieber. Das war ja auch nur einmal ein Ausnahmefall, sonst kommt das ja nicht vor.
Nun ist ja gleich das alte Jahr vorbei. Was wird es uns wohl bringen? Hoffentlich nicht zu viel Schmerz, sondern auch etwas Gutes. Aber es ist wohl am besten, man läßt alles auf sich zukommen und fragt vorher nicht zu viel. Es war schön, daß wir wenigstens am vergangenen Neujahr zusammen sein konnten. Diesmal ist es ja leider nicht der Fall, aber wir werden besonders fest aneinander denken. Und hoffen wir auf ein recht baldiges gesundes Wiedersehen.
Laß mich nun schließen und sei recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                            Konstanz, 31.12.41

Nun ist wirklich der letzte Tag des Jahres herangekommen. Ich hätte heute gern noch einen Gruß von Dir bekommen, aber leider brachte mir der Briefträger auch heute nichts. Vielleicht bringt er mir morgen einen ersten Gruß zum neuen Jahr.
Ich war heute mit den Kindern im Kino „Wetterleuchten um Barbara“. Es hat mir gut gefallen. Auch die Bergaufnahmen waren wieder gut. Der Film handelt noch vom Schuschnigg-Österreich. Die Heimwehr taucht überall auf und verhaftet die besten Bauern, um sie an den Galgen zu bringen und sich gleichzeitig in den Besitz der Höfe zu setzen. Im Film handelt es sich um das Schicksal eines Hofes und seiner Menschen. Am Schluß des Filmes steht der Einmarsch der Wehrmacht in die Ostmark. Die Wochenschau war auch sehr interessant.
Vorhin ist Vater gekommen und wir werden nun am Sylvester allein zusammen sitzen und an Dich und auch an Kurt und Siegfried, sowie an Papa und Erna denken. Meine Gedanken sind ja vor allen Dingen bei Dir und ich glaube, daß Deine Gedanken auch bei uns sein werden. Wahrscheinlich wirst Du mit Deinen Kameraden zusammen das neue Jahr erwarten.  Ich weiß ja noch nicht einmal, wie Du die Weihnachtsfeiertage erlebt hast, denn Dein letzter Brief war ja vom 23./24. Aber ich hoffe, daß ich bald wieder einen Brief von Dir bekomme.
Bei uns herrscht richtiges Winterwetter. Als wir heute Morgen aufwachten, hatte es schon etwas geschneit und bis heute Abend hat es damit noch nicht aufgehört. Die Kinder sind ja darüber sehr glücklich, wenn es auch den Soldaten draußen sicher nicht so recht ist, denn wir habe gerade heute in der Wochenschau gesehen, wie der Kampf dadurch erschwert wird. Nun unterbreche ich erst einmal den Brief und will die Kinder ins Bett bringen. Es ist bald 9 Uhr. Später schreibe ich noch weiter.  

Dienstag, 20. Dezember 2016

Brief 263 vom 28./29.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                                    Konstanz, 28.12.41                          

Heute erhielt ich Dein liebes Paket Nr. 43. Nun habe ich bis 45 alle bekommen. Ich war sehr erstaunt, daß sogar richtige Schokolade drin war. Du hattest wohl von Süßigkeiten gesprochen, aber daß es sogar Schokolade war, habe ich doch nicht gedacht. Ich danke Dir sehr dafür und werde sie mir gut einteilen. Von den kleinen Tafeln, die Du mir schon früher geschenkt hast, habe ich auch noch ein paar.
Du hast mir wieder eine große Freude gemacht. Die Bonbons habe ich den Kindern gegeben, weil sie die so gern essen.
Gestern Abend kam Vater herauf. Ich habe mich nach langer Zeit wieder einmal ein bißchen mit ihm gestrubbelt. Er wollte mich, allerdings erfolglos, davon überzeugen, daß wir uns doch nicht jeden Tag schreiben sollen. „Ihr belastet die Post zu sehr, ihr nehmt sie zu viel in Anspruch.“ Ich: „Wir nehmen sonst nichts in Anspruch, die Freude lasse ich mir nicht gleich nehmen.“ Vater: „Ich war ja schließlich auch fort, aber ich hätte nicht so viel Stoff gehabt, um jeden Tag  zu schreiben.“ Er führte dann noch einen Fall an, wo eine Frau auch jeden Tag geschrieben hat, wenn sie auch nicht wußte, was sie schreiben soll, nur damit geschrieben sei. Ich sagte darauf, daß wir ja wüßten, was wir uns schreiben sollen und daß wir uns so lange es geht schreiben. Das ging noch eine Weile hin und her und dann war er etwas ärgerlich geworden.
Du weißt doch sicher noch, daß sich Jörg früh immer langsam an und abends langsam auszieht. Du weißt doch sicher auch noch, daß wir manchmal geschimpft haben deshalb. Aber alles nützte nichts. Er kam immer wieder ins träumen und spielen. Damit ich nun nicht immer schimpfen muß, habe ich die Kinder abends immer ein bißchen zeitige ausziehen lassen. Jetzt in den Ferien bin ich darin ja nicht so streng, denn sie können früh ja ausschlafen. Wenn nun Vater in letzter Zeit rauf kam, sagte er immer: „Jetzt bummelt nicht so rum, macht Euch fertig, daß ich in die Falle kommt, ihr erkältet Euch bloß“ usw. Gestern sagte er nun: „Das  hätte es bei Ernst seiner Mutter  nicht gegeben, wenn sie gesagt hat „ausziehen“, da waren die Kinder in 5 Minuten fertig, sonst hätten sie ein paar hinter die Ohren gekriegt.“ Jetzt möchte ich Dich fragen, bin ich wirklich so dumm und kann die Kinder nicht erziehen? Muß ich doch lieber abends schimpfen oder soll ich sie lieber etwas zeitiger ausziehen lassen? Ich möchte es doch richtig machen. Drum möchte ich gern Deine Meinung wissen.
Heute, als der Blockwart die Spende für die Soldaten aufschrieb, brachte er für jeden, der Radio hat, eine Papptafel mit, die an einem Knopf vom Apparat befestigt werden muß. Darauf steht:  
- Denke daran, das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet. -    
Der Blockleiter muß sich davon überzeugen, daß diese Tafel tatsächlich am Radio befestigt wird. Da hat man also diese Warnung gleich vor Augen, die ja bei mir überflüssig ist, denn ich denke gar nicht daran, diese Sender zu hören.
Ich will nachher noch ein weiteres Paar Pulswärmer fertig machen, so daß ich also 3 Schals und 3 Paar Pulswärmer abliefere. Evtl. fertige ich aus dem alten Filzhut, den ich mit aus Leipzig gebracht hatte, ein Paar Filzsohlen an.
Wir hatten heute ziemliche Kälte: 10 Grad. Die Kinder waren am Vormittag draußen zum schusseln. Jetzt sitzen sie an ihrem Tischchen und spielen Domino und das neue Rennspiel.
Heute Mittag haben wir einmal den Pudding von Dir probiert. Er schmeckt prima,. Man merkt keinen Unterschied zwischen unserem und französischem.
Vater sagte mir gestern, daß er wahrscheinlich am Sylvester heraufkommen wird. Ihr werdet wohl dort im Kreise der Kameraden feiern, oder bist Du evtl. wieder in Lille?
Nun laß mich wieder schließen. Von Jörg hast Du ja auch noch einen Brief zu lesen.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                                 Konstanz, 29.12.41

Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 23./24.12.
Am Geburtstag von Deiner Mutter haben wir auch an sie gedacht und Du hast recht, wenn Du schreibst, daß ich vielleicht erst jetzt richtig ermessen kann, was Ihr durch den frühen Tod Eurer Mutter verloren habt. Ich habe in letzter Zeit oft daran gedacht. Als Vater bei uns war, hat er auch von Deiner Mutter erzählt.
Vor den Feiertagen war ich ziemlich hin, aber da ich einen Ruhetag eingeschoben hatte, war ich dann wieder etwas ausgeruht. Es ist immer wieder so, daß ich meine Kräfte überschätze.
Die Kinder haben sich ihre Freude nicht trüben lassen und ich habe mir auch in keiner Weise anmerken lassen, wie traurig mir zu Mute war. Ich habe Dir ja schon geschrieben, daß sie sich über den Baum und die Geschenke, überhaupt über Weihnachten sehr gefreut haben. Ich hatte leider die ganzen Tage fest Herzschmerzen, so daß ich am 2. Feiertag doch zu den Herztropfen gegriffen habe. Daraufhin ließ es etwas nach und seit gestern spüre ich nichts mehr.
Du Ernst, ich habe die Absicht, bei der Wintersachen-Sammlung auch meinen Trainingsanzug mit abzugeben. Es soll ja ein Opfer sein, nicht nur, daß man ganz überflüssige Sachen. schenkt. Ich ziehe ihn jetzt ja doch nicht oft an und zum Zelten kommen wir jetzt auch nicht. Bis dahin kommt wieder Rat. Viele Soldaten haben ja schon ihr Leben und ihre Glieder geopfert. Da wollen wir doch nicht so kleinlich sein. Wir leben hier ja fast noch wie im Frieden. Ich hoffe, daß Du damit einverstanden bist.
Heute bekam ich Dein Päckchen 36 mit den 2 Büchern. Das eine hatten wir ja schon, aber nicht in so schöner Ausführung mit Bildern. Sicher sind beide Bücher schön. Hast Du sie schon gelesen?
Wir haben auch heute wieder kaltes Wetter, wieder 10 Grad Kälte. Die Kinder sind wieder beim Schusseln. Jörg ist zwar ein bißchen erkältet, er ist etwas heißer, aber ich denke, die kalte, trockene Luft wird ihm nichts schaden. Sonst ist es ihm ja wohl.
Ob es wohl wahr wird, daß Du Mitte Januar auf Urlaub kommst? Das wären ja nur noch ca. 3 Wochen. Ich meine manchmal, ich kann es gar nicht erwarten, bis du wirklich hier bist. Aber dann muß ich mich immer zur Ordnung rufen, damit ich mich vorher nicht zu sehr freue. Ach, wie froh wäre ich, wenn Du wirklich bald auf Urlaub kämst. Diesmal kommt es mir vor, als wärst Du furchtbar lang nicht mehr zuhause gewesen.
So, jetzt will ich nun weiter schaffen. Ich habe heute noch viel zu tun, denn den ganzen Vormittag habe ich an den Pulswärmern usw. gesessen, damit ich alles sauber und ordentlich abliefern kann. Damit bin ich jetzt ganz fertig.
Heute erhielt ich den Gehaltszettel, auf dem steht, daß das Geld am 30.12. verfügbar ist. Da werde ich es morgen, wenn ich einkaufen gehe, mit holen und Dir gleich 66,- zuschicken. Ich hätte das Geld evtl. etwas später geholt, aber am 2. kann ich nicht wegen großer Wäsche und noch später kann ich Dir vielleicht vorm Urlaub nicht mehr rechtzeitig schicken.
Nun laß mich schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 262 vom 27.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                                          Konstanz, 27.12.41                         

Puh, ist aber heute ein scheußliches Wetter, kalt und dabei ein Schneetreiben, daß es einem fast zum Rad runter pustet. Daheim ist es heute schon schöner. Als ich heute vom einkaufen heimkam, war mir direkt die Lust alle. Gerade, als ich an der Haustür ankam, war auch der Briefträger da und brachte mir Deine beiden lieben Brief vom, 22.12, den einen mit Zeitungen und Deine Päckchen 42, 44, 45, mit Mandarinen, Puddingpulver und Mehl. Hab recht, recht vielen Dank dafür. Da kann ich öfter mal einen Pudding kochen, aber eingeteilt wird doch. Die Mandarinen erfreuen sich ja bei uns keines langen Lebens, die sind immer bald futsch. Wenn die Kinder welche sehen, bitten und betteln sie ja die ganze Zeit. Aber zum essen sind sie ja auch da. Mir munden sie auch.
Über die Sachen von meinem Vater habe ich mich gefreut. Deine Sachen wollte ich Dir ja gleich heute zuschicken, aber nun ist ja noch Sperre bis 4.1. Über den Kalender von Papa freust Du Dich also. Was wirst Du aber nun gesagt haben, als Du von mir zu Weihnachten auch noch einen bekommen hast? Ich konnte ja nicht wissen, daß Papa dieses Jahr wieder einen bekommen hat, nachdem es im vergangenen Jahr nicht klappte. Das war ja das kleine Geschenk von dem Du nicht mehr wußtest, daß Du Dir`s gewünscht hast.
Das Bild von Erna gefällt Dir also. Soweit ich sie kennen gelernt habe, kann man schon mit ihr auskommen. Sie ist ja am 18.12.  21 Jahre geworden. Also auch noch ziemlich jung. Wenn ich so mit ihr gesprochen habe, hatte ich gar nicht den Eindruck, viel älter zu sein, aber es sind ja immerhin 9 Jahre. Man muß nur immer die Kinder ansehen, da merkt man erst, daß man älter wird. Denke Dir, ich habe unsere Beiden gemessen. Jetzt fall aber nicht um, Jörg ist 1,33m  und Helga 1,44 m groß. Ist das nicht groß? Aber gesund sind sie und das ist das Allerwichtigste.
Die neue Regelung in der Stube kommt mir ganz praktisch vor. Hoffentlich gefällt es Dir auch. Den einen Vorteil hat es wenigstens jetzt gehabt, daß der Christbaum kein bißchen im Wege steht, so daß man sich überall gut bewegen kann.
Ich weiß auch nicht, ob es eine Schwäche oder Stärke von mir ist, das Räumen. Aber ab und zu kommen mir so die Gedanken, wie es vielleicht noch schöner und zweckmäßiger sein könnte. Da läßt es mir dann keine Ruhe, ich muß es versuchen. Klappt es, dann bin ich geneigt, die Räumerei als eine Stärke anzusehen, sieht es hinterher schlechter aus, dann empfinde ich es als eine große Schwäche, daß ich meiner Phantasie nachgegeben habe. Aber ich glaube, abgewöhnen kann ich es mir nicht gleich, wenn es mir manchmal auch quälend ist.
Ich glaube, der Salzmann läßt sich seine Einladungen auch dadurch bezahlen, daß er jetzt allerhand Wünsche äußert.
Vater kam gestern Abend herauf und brachte 2 kleine Kuchen für uns mit. Da hat er uns unseren Kuchen also eigentlich wieder zurück gegeben. Nur, daß er eben am 1.Feiertag dadurch etwas hatte. Von Frau Frick hat er 2 Pfund Fleisch und Kleingebäck geschickt bekommen. Das Letztere hat er uns mitgebracht, weil er zu viel Süßes nicht mag. Er hat noch zu dem Brief an Kurt etwas dazugeschrieben.
Du, mit den Kanonen hast Du ja Jörg eine Freude gemacht. Und die „Käpsele“, wie man hier sagt, knallen prima. Manchmal hört man hinterher überhaupt nichts mehr. Jetzt hat Jörg auch rausgefunden, daß die Granaten ja einen Schlitz haben, wo auch ein „Käpsele“ reingehört. Die Granate ist doch in der Mitte beweglich. Wenn Du sie nun mit der Spitze auf die Erde fallen läßt, schiebt sie sich zusammen und schlägt dabei auf die Kapsel, das knallt dann so schön, daß Jörg überhaupt nicht mehr damit aufhören möchte. Nur gut, daß ich noch ein paar Schachteln zurückgehalten habe, von denen er nichts weiß. Da teilt er sich`s ein bißchen ein und ich habe ein bißchen Ruhe. Von früh bis Abend sitzt Jörg ja jetzt bei seinen Soldaten.
Helga sitzt jetzt nur noch entweder bei den Puppen oder ihren Märchenbüchern. Da ist es gut, daß noch Ferien sind.
Als die Ferien anfingen, sagte Jörg: „Ich muß jeden Tag lesen und schreiben.“ Ich sagte: „Das ist recht, hoffentlich machst Du es auch.“ „Ganz bestimmt, sonst verlerne ich`s bloß.“ Jetzt versucht er sich aber doch immer zu drücken, und wenn er`s macht, dann aber so schnell und so wenig als möglich. Die Spielsachen sind doch noch stärker.
Nun laß mich für heute wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von  Deiner Anni.

Brief 261 vom 26./27.12.1941


Lieber Ernst!                                                                       Konstanz, den 26.12.41                       

Nun ist auch bald der zweite Feiertag vorbei. Wir sind gerade heimgekommen. Wir sind ein bißchen in der Sonne spazieren gegangen. Wir haben uns die sonnigen Wegen im Wals rausgesucht. 2 Rehe sind uns über den Weg gelaufen. Die weißen Blumen haben weithin geleuchtet.
Gestern Nachmittag habe ich mich, wie ich Dir schon schrieb, ausgeruht. Gegen Abend habe ich noch aus 3 starken Strumpflängen Müffchen für die Soldaten fertig gemacht. Morgen fängt ja die Sammlung an. Die Kinder haben den ganzen Nachmittag über gespielt und gemalt. Gegen 1/2 9 sind sie dann ins Bett. Ich habe gestern auch nicht mehr so lange gemacht, da Vater ja nicht da war. Ich denke, daß er heute Abend wieder herauf kommt. Heute Morgen haben wir bis gegen 9 Uhr geschlafen. Schlafen tut mir immer gut. Dann haben wir Frühstück gegessen, dann habe ich aufgeräumt und Essen gekocht. Ich habe auch 1 Glas des von Dir eingekochten Apfelmuses heraufgeholt. Das hat gut geschmeckt. Nach dem Essen haben wir einmal mit dem neuen Spiel von Jörg gespielt und sind dann in den Wald gegangen. Es war ganz schön draußen. Wo die Sonne nicht hin schien, ist es ja ziemlich kalt, aber in der Sonne kann man es aushalten.
Heute Morgen haben mich die Kinder gebeten, daß sie etwas von den neuen Sachen anziehen dürfen. Jörg seine grauen Hosen und den Pullover, Helga ihr blaues Strickkleid. Sie haben sich in den Sachen genau so stolz gefühlt, wie wir als Kinder. Am liebsten hätten sie gar keinen Mantel angezogen, damit man die neuen Sachen auch sieht. Ich dachte, Jörg wären die neuen Hosen etwas zu groß. Das ist aber gar nicht der Fall. Sie passen gerade richtig.
Es ist jetzt 5 Uhr vorbei. Ich will nachher auch gleich noch an Papa schreiben. Ich will ihm noch für die Bücher danken und auch noch das Häkchen in der oberen Ecke nicht vergessen, damit er weiß, daß die Handtücher usw. angekommen sind.
Heute wurde ja keine Post ausgetragen, so daß ich auch keinen Brief von Dir bekommen konnte. Ich hoffe aber morgen bestimmt darauf, da ich ja jetzt ein paar Tage vergeblich warten mußte.
Nun kommt ja bald das neue Jahr heran. Ich weiß ja nicht, wie lange jetzt, wo besonders viel Post unterwegs ist, die Beförderung dauert. Damit aber meine Wünsche noch rechtzeitig eintreffen, möchte ich Dir heute schon ein recht gesundes Neues Jahr wünschen. Hoffentlich bleiben wir alle gesund und sehen uns immer gesund wieder. Mein nächster Wunsch ist dann, daß Du recht bald auf Urlaub kommst. Wir freuen uns ja schon so sehr darauf.
Ich denke, daß Vater am Sylvester heraufkommen wird, damit ich nicht ganz allein bin. Meine Gedanken werden immer bei Dir sein. Es ist schwer, ohne den liebsten Menschen, den man hat, ins Neue Jahr zu treten, aber es geht ja so vielen so, so daß wir nicht murren wollen.
Sei Du, mein liebster Mann, wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Ich habe vorhin gleich noch an Kurt und Siegfried geschrieben.

Mein liebster Ernst!                                                             Konstanz 27.12.41

Puh, ist aber heute ein scheußliches Wetter, kalt und dabei ein Schneetreiben, daß es einem fast zum Rad runter pustet. Daheim ist es heute schon schöner. Als ich heute vom einkaufen heimkam, war mir direkt die Lust alle. Gerade, als ich an der Haustür ankam, war auch der Briefträger da und brachte mir Deine beiden lieben Brief vom, 22.12, den einen mit Zeitungen und Deine Päckchen 42, 44, 45, mit Mandarinen, Puddingpulver und Mehl. Hab recht, recht vielen Dank dafür. Da kann ich öfter mal einen Pudding kochen, aber eingeteilt wird doch. Die Mandarinen erfreuen sich ja bei uns keines langen Lebens, die sind immer bald futsch. Wenn die Kinder welche sehen, bitten und betteln sie ja die ganze Zeit. Aber zum essen sind sie ja auch da. Mir munden sie auch.
Über die Sachen von meinem Vater habe ich mich gefreut. Deine Sachen wollte ich Dir ja gleich heute zuschicken, aber nun ist ja noch Sperre bis 4.1. Über den Kalender von Papa freust Du Dich also. Was wirst Du aber nun gesagt haben, als Du von mir zu Weihnachten auch noch einen bekommen hast? Ich konnte ja nicht wissen, daß Papa dieses Jahr wieder einen bekommen hat, nachdem es im vergangenen Jahr nicht klappte. Das war ja das kleine Geschenk von dem Du nicht mehr wußtest, daß Du Dir`s gewünscht hast.
Das Bild von Erna gefällt Dir also. Soweit ich sie kennen gelernt habe, kann man schon mit ihr auskommen. Sie ist ja am 18.12.  21. Jahre geworden. Also auch noch ziemlich jung. Wenn ich so mit ihr gesprochen habe, hatte ich gar nicht den Eindruck, viel älter zu sein, aber es sind ja immerhin 9 Jahre. Man muß nur immer die Kinder ansehen, da merkt man erst, daß man älter wird. Denke Dir, ich habe unsere Beiden gemessen. Jetzt fall aber nicht um, Jörg ist 1,33m  und Helga 1,44 m groß. Ist das nicht groß? Aber gesund sind sie und das ist das Allerwichtigste.
Die neue Regelung in der Stube kommt mir ganz praktisch vor. Hoffentlich gefällt es Dir auch. Den einen Vorteil hat es wenigstens jetzt gehabt, daß der Christbaum kein bißchen im Wege steht, so daß man sich überall gut bewegen kann.
Ich weiß auch nicht, ob es eine Schwäche oder Stärke von mir ist, das Räumen. Aber ab und zu kommen mir so die Gedanken, wie es vielleicht noch schöner und zweckmäßiger sein könnte. Da läßt es mir dann keine Ruhe, ich muß es versuchen. Klappt es, dann bin ich geneigt, die Räumerei als eine Stärke anzusehen, sieht es hinterher schlechter aus, dann empfinde ich es als eine große Schwäche, daß ich meiner Phantasie nachgegeben habe. Aber ich glaube, abgewöhnen kann ich es mir nicht gleich, wenn es mir manchmal auch quälend. ist.
Ich glaube, der Salzmann läßt sich seine Einladungen auch dadurch bezahlen, daß er jetzt allerhand Wünsche äußert.
Vater kam gestern Abend herauf und brauchte 2 kleine Kuchen für uns mit. Da hat er uns unseren Kuchen also eigentlich wieder zurück gegeben. Nur, daß er eben am 1.Feiertag dadurch etwas hatte. Von Frau Frick hat er 2 Pfund Fleisch und Kleingebäck geschickt bekommen. Das Letztere hat er uns mitgebracht, weil er zu viel Süßes nicht mag. Er hat noch zu dem Brief an Kurt etwas dazugeschrieben.
Du, mit den Kanonen hast Du ja Jörg eine Freude gemacht. Und die „Käpsele“, wie man hier sagt, knallen prima. Manchmal hört man hinterher überhaupt nichts mehr. Jetzt hat Jörg auch rausgefunden, daß die Granaten ja einen Schlitz haben, wo auch ein „Käpsele“ reingehört. Die Granate ist doch in der Mitte beweglich. Wenn Du sie nun mit der Spitze auf die Erde fallen läßt, schiebt sie sich zusammen und schlägt dabei auf die Kapsel. Das knallt dann so schön, daß Jörg überhaupt nicht mehr damit aufhören möchte. Nur gut, daß ich noch ein paar Schachteln zurückgehalten habe, von denen er nichts weiß. Da teilt er sich`s ein bißchen ein und ich habe ein bißchen Ruhe. Von früh bis Abend sitzt Jörg ja jetzt bei seinen Soldaten.
Helga sitzt jetzt nur noch entweder bei den Puppen oder ihren Märchenbüchern. Da ist es gut, daß noch Ferien sind.
Als die Ferien anfingen, sagte Jörg: „Ich muß jeden Tag lesen und schreiben.“ Ich sagte: „Das ist recht, hoffentlich machst Du es auch.“ „Ganz bestimmt, sonst verlerne ich`s bloß.“ Jetzt versucht er sich aber doch immer zu drücken, und wenn er`s macht, dann aber so schnell und so wenig als möglich. Die Spielsachen sind doch noch stärker.
Nun laß mich für heute wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von  Deiner Anni.

Brief 260 vom 25.12.1941


Mein lieber Ernst!                                                               Konstanz, den 25.12.41                     

Gestern bin ich leider nicht zum schreiben gekommen, da Vater abends bis 1/2 1 da war. Danach hatte ich keine Lust mehr zum schreiben.
Nun will ich Dir erst noch von vorgestern erzählen. Wir sind vorgestern Abend noch in die Stadt gegangen und haben zuerst die Bilder abgeholt mit, die ich Dir gleich noch mitgeschickt habe. Bei Jörgs Bild mit der Zuckertüte hatte ich gar nicht darauf geachtet, daß mein Schatten mit auf`s Bild gekommen ist. Ein Bild ist ja nicht gut geworden, das ist in der Wohnung am Fenster gemacht. Sonst bin ich mit den anderen soweit zufrieden.
Wir sind noch auf die Marktstätte gegangen und haben uns den brennenden Tannenbaum angesehen. Ich glaube, in Deutschland ist Konstanz die einzige Stadt, die abends den Baum brennen lassen kann, denn die anderen Städte sind ja alle verdunkelt. Die Stadtkapelle hat gerade gespielt, da haben wir also auch noch Konzert gehabt.
Wir sind dann durch den Stadtgarten heim gegangen.
Gestern Vormittag erhielt ich die Zeitungen mit den Umschlägen von Dir. Ein Brief an mich war ja nicht dabei, nur die verschiedenen älteren Briefe zum aufheben. Am Nachmittag kam das Päckchen Nr. 40 mit Mandarinen. Ich danke Dir für Beides sehr. Die Mandarinen werden uns über die Feiertage munden.
Wie ich Dir schon vorher schrieb, haben wir um 3/4 6 beschert. Ich habe mich direkt davor gefürchtet, denn mir kam alles so kahl und unfestlich vor, aber den Kindern war es doch feierlich  und sie haben sich sehr gefreut. Wir haben zuerst ein Weihnachtslied gesunden und dann haben sich die Kinder die Geschenke angesehen. Zuerst haben sie nur die Püppchen und das Spiel beachtet. Das ist Tatsache und ich schreibe es nicht, weil Du es Ihnen geschenkt hast. Die anderen Geschenke kamen erst in zweiter Linie dran. Helga war ganz begeistert und hat die Puppen überhaupt nicht mehr hinlegen wollen. Jörg habe ich noch am Abend 3 Kanonen zusammenbauen müssen und er hat den ganzen Abend mit nichts anderem gespielt und spielt auch heute schon den ganzen Vormittag damit. Nach ihrer Bescherung haben sie mir meine Sachen gebracht und ich muß sagen, ich war ganz erstaunt, was sie alles gekauft haben. 2 Hefte Löschpapier, 3 Postkarten, 2 schöne, mit bunten Blumen bemalte Untersetzer und 1 Buch „Der Pomeranzenzweig“. Ich habe mich sehr gefreut. Man glaubt immer gar nicht, daß sie schon mit so viel Verstand einkaufen können.
Nach der Bescherung haben wir Stolle gegessen und als wir gerade fertig waren, kam Vater. Da haben wir nochmals den Baum angebrannt und die Kinder haben das Lied „O Tannenbaum“ gesungen. Dann haben wir Vater seine Geschenke gegeben, über die er sich auch gefreut hat. Er brachte uns dann noch Pralinen. Wir haben dann noch in der Küche gegessen und haben zuerst Jörg`s Kanonen zusammengebaut. Dann habe ich für Vater die Mandeln geschält und gerieben und die Rosinen ausgekernt. Wir hatten es am Tage vorher ausgemacht, daß er sie mitbringt. Er will heute backen. Zum ersten Feiertag hat er ja nun unseren Kuchen. Die Kinder haben bis 10 Uhr gespielt und sind 1/2 11 ins Bett. Vater war noch bis 1/2 1 da und wir haben uns unterhalten.
Von Papa habe ich die Bücher „Junge Mutter Randi“ von Lise Gast, „Mutter erzählt von Adolf Hitler“ von Johanna Haarer, „Der Mutterhof“ von Felicitas Rose, „Lonny, die Geschichte einer jungen Ehe“ von Günter Less erhalten.
Von Papa kam heute morgen noch ein Paket mit 12 neuen Handtüchern, 6 Wischtüchern, 2 Kartons Taschentücher, alles Sachen von Mama. Ich schicke Dir den Brief von Papa mit.
Von Kurt kamen 2 Päckchen. Einer mit Bonbon und einer mit Sachen zum aufheben. Er schreibt, daß wir ihm  die später nicht schicken sollen. „Das wird keinen Zweck haben, die Sachen wären nur überflüssig. Gründe möchte ich sonst keine anführen“ schreibt er wörtlich dazu. Wahrscheinlich kommt er, wie er schon ahnte, nach Rußland.
Lieber Ernst, ich weiß heute gar nichts mehr zu schreiben. Ich habe so gar keine Weihnachtstimmung. Es täte vielleicht gut, sich einmal richtig ausweinen zu können, aber das ist mir jetzt nicht mehr gegeben und so tut eben das Herz weh. Vielleicht ist es morgen schon wieder etwas besser. Vorhin haben sie gerade im Radio „Träumerei von Schumann“ gespielt, was ja beim Begräbnis von Mama gespielt wurde und heute ist sie ja auch gerade 1/4 Jahr tot. Das hat mich noch ganz traurig gemacht.
Sei bitte nicht böse, wenn Du heute gar keinen fröhlichen Brief erhältst, aber ich kann heute nicht anders. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Es ist nun am Nachmittag. Ich habe alles aufgeräumt und Helga hat mir beim Abtrocknen geholfen. Nun haben mir unsere zwei lieben Kerlchen den Sessel aus der Stube geholt, haben Kissen darauf gelegt und wollen es mir ganz gemütlich machen. Da kann ich mich schön ausruhen. Das ist doch lieb, nicht wahr? Das will ich nun auch tun und mich über die Feiertage richtig ausruhen und faulenzen. Wo wirst Du heute sein?
Ich grüße und küsse Dich nochmals recht herzlich Deine Anni.

Brief 259 vom 23.12.1941


Mein lieber Mann!                                                                   Konstanz, 23.12.41                     

Viele liebe Grüße habe ich heute von Dir erhalten. Deinen Weihnachtsbrief, den Brief vom 19.12. und das Päckchen 41. Über alles habe ich mich sehr gefreut. Beim lesen Deines Weihnachtsbriefes habe ich die vergangenen Weihnachtsfeste direkt noch einmal erlebt. Es ist, wie Du schreibst, mit jedem Weihnachtsfest hatte sich unsere wirtschaftliche Lage etwas verbessert. Es erfüllt mich aber immer wieder mit Freude, daß wir auch in der schlechtesten Zeit nicht unzufrieden waren und uns mit Klagen das Leben schwer gemacht haben.
Eine wirkliche Überraschung hast Du mir bereitet, indem Du mir mitteilst, daß Du zum K.V.Assistenten ernannt worden bist. Das freut mich aber. Nun hatte doch Deine Mühe im Frühjahr auch dort einen Zweck. Fein ist das.
Du mußt keine Angst haben, daß ich den Kindern ihre Weihnachtsfreude verderbe. Ich weiß, daß es mir hart ist, ohne Dich das Fest zu verleben, aber das mache ich mit mir allein aus. Die Kinder sollen unbeschwert fröhlich sein können. Sie freuen sich ja schon so lange darauf. Ich habe schon alles soweit vorbereite. Auch den Weihnachtsbaum habe ich heute am Vormittag schon geputzt. Der Kuchen für Vater, ein Gewürzkuchen, ist auch schon gebacken, eingekauft habe ich auch. Da gibt es morgen gar keine Hetzerei und wir können vorher noch ein bißchen zusammen singen, spielen und von Weihnachten erzählen.
Meine Gedanken richten sich auch schon wieder auf Deinen Urlaub, der ja, wenn alles glatt geht, nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt.
Da muß ich Dich gerade noch etwas fragen. Ich habe hier noch eine Kleinigkeit für Dich zu Weihnachten gekauft und wollte es Dir gleich nach den Feiertagen zuschicken. Nun ist aber die Feldpostsperre bis 4.1. verlängert worden. Soll ich es Dir nun nachher noch zuschicken, oder soll ich bis zum Urlaub warten? Und soll ich die verschiedenen Kartonstücken noch hinschicken?
Du hast ja wieder verschiedene Päckchen auf den Weg gebracht. Sag mal, behältst Du denn auch genügend Mandarinen für Dich dort? Du sollst doch nicht nur uns damit versorgen. Das Puddingpulver hast Du auch nicht vergessen. Ich muß schon sagen, Du machst Dir viel Mühe wegen uns und siehst zu, daß Du etwas für uns bekommst. Ich möchte Dir immer wieder dafür danken.
Die Puppen für Helga sind ja nun vorhin mit dem Päckchen auch noch rechtzeitig angekommen. Das freut mich und doch Dich auch. Sie gefallen mir gut und Helga wird eine große Freude damit haben. Das Buch „Sperrfeuer um Deutschland“ werde ich in nächster Zeit auch mit lesen.
Die Bücher von Papa habe ich nun doch nicht vorher ansehen brauchen. Ich habe sie mit geschlossenen Augen ausgepackt, habe die erste leere Seite aufgeschlagen, auf der die Widmung steht. Danach sind die 4 großen Bücher für uns Beide, bzw. für mich bestimmt. Nachdem ich das wußte, habe ich sie mit der Rückseite nach vorn auf meinen Weihnachtstisch gestellt und kann mich nun morgen noch überraschen lassen. Die Kinder wollen mich ja auch noch beschenken. Da werde ich nachher zu staunen haben.
Ich stelle mich vielleicht dumm an, aber ich weiß nicht genau, was ich Dir für Unterlagen von der Ahnenforschung schicken soll. Mehrere Schreiben? Vielleicht kannst Du mir an Hand des Ahnenpasses, den Du ja noch dort hast, schreiben, was Du brauchst. Etwas Größeres könnte ich jetzt nicht schicken, da die Briefe nur 50 g wiegen dürfen.
Der Schinken ist noch nicht schlecht. Ich habe ihn immer am offenen Fenster liegen. Jetzt, über Weihnachten, werden wir auch wieder davon essen. Zu teuer hast Du ihn damals bestimmt nicht bezahlt.
Ich gehe nachher noch mit den Kindern in die Stadt. Erst wollen wir die Photos abholen, die ich von den Kindern gemacht habe. Wenn sie etwas geworden sind, schicke ich sie Dir mit. Hinterher bringen wir den Brief noch auf die Post in der Stadt da Jörg so gern einmal den brennenden Baum auf der Marktstätte sehen möchte. Diesen Wunsch kann man ihm ja gern erfüllen. Aber ehe wir gehen, muß ich ihm erst noch seine Trainingshose stopfen, in die er vorhin gerade einen schönen Dreiangel gerissen hat. O, diese Buben, das sind doch Kerle. Diese Löcher kommen ja immer ganz von selbst, sie haben gaaaarnichts gemacht. Die Mädels sind da doch braver, meinst Du nicht auch?
Doch nun laß mich schließen. Sei recht, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.