Mein
liebster Ernst! Konstanz, 27.12.41
Puh,
ist aber heute ein scheußliches Wetter, kalt und dabei ein Schneetreiben, daß
es einem fast zum Rad runter pustet. Daheim ist es heute schon schöner. Als ich
heute vom einkaufen heimkam, war mir direkt die Lust alle. Gerade, als ich an
der Haustür ankam, war auch der Briefträger da und brachte mir Deine beiden
lieben Brief vom, 22.12, den einen mit Zeitungen und Deine Päckchen 42, 44, 45,
mit Mandarinen, Puddingpulver und Mehl. Hab recht, recht vielen Dank dafür. Da
kann ich öfter mal einen Pudding kochen, aber eingeteilt wird doch. Die
Mandarinen erfreuen sich ja bei uns keines langen Lebens, die sind immer bald
futsch. Wenn die Kinder welche sehen, bitten und betteln sie ja die ganze Zeit.
Aber zum essen sind sie ja auch da. Mir munden sie auch.
Über
die Sachen von meinem Vater habe ich mich gefreut. Deine Sachen wollte ich Dir
ja gleich heute zuschicken, aber nun ist ja noch Sperre bis 4.1. Über den
Kalender von Papa freust Du Dich also. Was wirst Du aber nun gesagt haben, als
Du von mir zu Weihnachten auch noch einen bekommen hast? Ich konnte ja nicht
wissen, daß Papa dieses Jahr wieder einen bekommen hat, nachdem es im
vergangenen Jahr nicht klappte. Das war ja das kleine Geschenk von dem Du nicht
mehr wußtest, daß Du Dir`s gewünscht hast.
Das
Bild von Erna gefällt Dir also. Soweit ich sie kennen gelernt habe, kann man
schon mit ihr auskommen. Sie ist ja am 18.12.
21 Jahre geworden. Also auch noch ziemlich jung. Wenn ich so mit ihr
gesprochen habe, hatte ich gar nicht den Eindruck, viel älter zu sein, aber es
sind ja immerhin 9 Jahre. Man muß nur immer die Kinder ansehen, da merkt man
erst, daß man älter wird. Denke Dir, ich habe unsere Beiden gemessen. Jetzt
fall aber nicht um, Jörg ist 1,33m und
Helga 1,44 m groß. Ist das nicht groß? Aber gesund sind sie und das ist das
Allerwichtigste.
Die
neue Regelung in der Stube kommt mir ganz praktisch vor. Hoffentlich gefällt es
Dir auch. Den einen Vorteil hat es wenigstens jetzt gehabt, daß der Christbaum
kein bißchen im Wege steht, so daß man sich überall gut bewegen kann.
Ich
weiß auch nicht, ob es eine Schwäche oder Stärke von mir ist, das Räumen. Aber
ab und zu kommen mir so die Gedanken, wie es vielleicht noch schöner und
zweckmäßiger sein könnte. Da läßt es mir dann keine Ruhe, ich muß es versuchen.
Klappt es, dann bin ich geneigt, die Räumerei als eine Stärke anzusehen, sieht
es hinterher schlechter aus, dann empfinde ich es als eine große Schwäche, daß
ich meiner Phantasie nachgegeben habe. Aber ich glaube, abgewöhnen kann ich es
mir nicht gleich, wenn es mir manchmal auch quälend ist.
Ich
glaube, der Salzmann läßt sich seine Einladungen auch dadurch bezahlen, daß er
jetzt allerhand Wünsche äußert.
Vater
kam gestern Abend herauf und brachte 2 kleine Kuchen für uns mit. Da hat er uns
unseren Kuchen also eigentlich wieder zurück gegeben. Nur, daß er eben am
1.Feiertag dadurch etwas hatte. Von Frau Frick hat er 2 Pfund Fleisch und
Kleingebäck geschickt bekommen. Das Letztere hat er uns mitgebracht, weil er zu
viel Süßes nicht mag. Er hat noch zu dem Brief an Kurt etwas dazugeschrieben.
Du,
mit den Kanonen hast Du ja Jörg eine Freude gemacht. Und die „Käpsele“, wie man
hier sagt, knallen prima. Manchmal hört man hinterher überhaupt nichts mehr.
Jetzt hat Jörg auch rausgefunden, daß die Granaten ja einen Schlitz haben, wo
auch ein „Käpsele“ reingehört. Die Granate ist doch in der Mitte beweglich.
Wenn Du sie nun mit der Spitze auf die Erde fallen läßt, schiebt sie sich
zusammen und schlägt dabei auf die Kapsel, das knallt dann so schön, daß Jörg
überhaupt nicht mehr damit aufhören möchte. Nur gut, daß ich noch ein paar
Schachteln zurückgehalten habe, von denen er nichts weiß. Da teilt er sich`s
ein bißchen ein und ich habe ein bißchen Ruhe. Von früh bis Abend sitzt Jörg ja
jetzt bei seinen Soldaten.
Helga
sitzt jetzt nur noch entweder bei den Puppen oder ihren Märchenbüchern. Da ist
es gut, daß noch Ferien sind.
Als
die Ferien anfingen, sagte Jörg: „Ich muß jeden Tag lesen und schreiben.“ Ich
sagte: „Das ist recht, hoffentlich machst Du es auch.“ „Ganz bestimmt, sonst
verlerne ich`s bloß.“ Jetzt versucht er sich aber doch immer zu drücken, und
wenn er`s macht, dann aber so schnell und so wenig als möglich. Die Spielsachen
sind doch noch stärker.
Nun
laß mich für heute wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt
von Deiner Anni.
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