Mein
liebster Ernst! Konstanz, 13.12.41
Heute
bekam ich Deine lieben Briefe vom 7. und 10.12. Ich war sehr froh darüber.
Du
mußt Dir wirklich keine Gedanken machen, daß Du in diesem Jahr nichts für mich
zu Weihnachten hast. Wir hatten uns ja ausgemacht, daß wir uns zusammen einen
Radioapparat kaufen wollten. Du hast mir so viel in den letzten Jahren
geschenkt, daß es viele, viele Weihnachtsgeschenke ausmachen würde. Ich konnte
dir ja schon im vergangenen wie auch in diesem Jahr so gut wie gar nichts schenken.
Die Kinder freuen sich ja sehr auf Weihnachten, das sollen sie auch, aber für
mich wird es wohl das traurigste Weihnachten meines bisherigen Lebens. Du weißt
ja, Weihnachten ist bei mir d a s
Familienfest. Nun bist Du zum Fest nicht bei uns und außerdem habe ich
in diesem Jahr nun meine Mutter verloren. Es ist vielleicht Dummheit, aber erst
seit ihrem Tod kommt es mir vor, als sei meine Kindheit richtig, unwiederbringlich
vorbei. Bisher war ich doch noch ihr Kind. Meinem Vater gegenüber habe ich das
Gefühl nicht.
Früher
war es nicht so, aber jetzt kommen mir immer so viele Erinnerungen in den Sinn,
wie wir Mama zum Geschäft abgeholt haben, oder wie wir sie dort besucht haben,
wie sie uns auf dem Heimweg auf unsere Bitten hin öfter so Gummipuppen zum
essen gekauft hat usw. Vor allem denke
ich daran, wie sie mir öfter so über`s Gesicht gestrichen und „Du dummes
Hascherl“ gesagt hat. Ich meine es manchmal jetzt noch zu spüren. Nun wollen ja
die Kinder so oft von früher „wo ich klein war“ hören.
Früher
hatte ich gar nicht viel Lust dazu, da war es noch gar kein richtiges „Früher“
für mich. Das ist nun anders und ich bin manchmal richtig froh, wenn ich ihnen
erzählen kann. Sie wollen ja alles genau hören und wenn möglich, alles öfter
mal. Das erleichtert mir etwas das Herz. Lachst Du mich deshalb aus?
Heute
kam noch das Päckchen 35 mit Mandarinen an. Sie sind wieder alle gut angekommen
und wir danken Dir sehr dafür. Sie schmecken wirklich fein.
Mit
dem Tabak und den Zigarren habe ich es so gemacht, daß ich Papa mehrere
Zigarren, die Zigaretten und das kleine Päckchen Tabak geschickt habe, während
ich für Vater das große Tabakpaket und auch Zigarren habe. Er raucht sie ja
auch gern, darum habe ich an Papa nicht alle geschickt. Wie Du schreibst,
schickst Du ja nochmals etwas Tabak.
Was
ich Dir für eine Kleinigkeit zu Weihnachten geschickt habe, ist eigentlich kein
großes Geheimnis. Hoffentlich machst Du Dir keine großen Vorstellungen und bist
dann sehr enttäuscht.
Wegen
des Mantelstoffs kannst Du doch mal an Siegfried schreiben, ob wer ihn Erna
schenken will. Soviel ich weiß, hat Erna auch nicht zu viel anzuziehen. Wenn er
dann nicht will, werden wir ja weiter sehen. Vielleicht könnten wir ihn dann
für Helga aufheben. Aber frage erst mal bei Siegfried an, oder meinst du nicht?
Für Helga und Jörg wollten wir ja auch noch einen Mantelstoff besorgen, oder
meinst Du, das wird nicht nötig sein? Besser wäre es vielleicht doch, denn
nächstes Jahr wird der eine Jörg sicher nicht mehr passen. Sollte es natürlich
nicht möglich sein, werden wir uns auch so weiterhelfen.
Die
Filzschuhe für die Kinder gefallen mir gut. Zum Rumrutschen sollen sie aber
auch nach Weihnachten noch die alten abtragen, damit die neuen eine Weile schön
bleiben. Da haben sie wenigstens etwas Richtiges.
Von
den Mandeln ohne Schale, die schon
angekommen waren, habe ich den Kindern zum Nikolaus auch einige dazu getan,
sowie ein paar Würfelzucker, ein Stück Kandiszucker und das andere, was ich Dir
schon schrieb. Sie sind also nicht zu kurz gekommen.
Ich
glaube schon, daß sich die Kinder später auch gern an Weihnachten erinnern
werden. Weißt Du noch, wie wir früher immer herumgelaufen sind, um für das
wenige Geld, das uns zur Verfügung stand, doch etwas Richtiges für die Kinder
zu kaufen? Weißt Du noch, wie froh wir waren, als wir das Schaukelpferd für
Jörg erschwingen konnten? Er hat es jetzt noch gern und hat es schon wieder
längere Zeit vom Speicher geholt. Auf der diesjährigen Messe habe ich ihm noch
eine kleine Peitsche dazu gekauft, da spielt er jetzt öfter Reiter oder Kutscher.
Wir haben ja immer zugesehen, daß wir den Kindern eine Freude machen konnten.
Wenn
Du wirklich noch ein kleines Püppchen bekommen könntest, wäre ich ja froh, denn
mit Spielsachen kommt Helga diesmal ganz zu kurz. Bekommen tun die Kinder zu
Weihnachten nun Folgendes:
Helga:
2 Kleider Jörg: 2
Hosen
1 Unterrock 1
Pullover
1 Höschen 1 Paar Strümpfe
1 Paar Strümpfe
1 Paar Hausschuhe
1 Paar Hausschuhe 1 kl. Farbkasten
m.Wasserfarben
1 kl. Farbkasten 1 Zeichenblock
1 Zeichenblock 1 Buch v. Papa
1 Buch v. Papa 1 Spiel von
Dir
Puppenkleider Würfelspiel von Frau Diez
1 Polohemd.
Dazu
Bonbons, die ich noch von Kurt aufgehoben habe, sowie ein paar Pralinen
und Gebäck. Ich glaube, daß der Weihnachtstisch doch wieder reichlich ausfällt.
Wenn ich ja jetzt einkaufen ginge, bekäme ich bestimmt fast nichts mehr.
Spielwaren gab es eben die ganze Zeit her schon nicht, darum konnte ich nichts besorgen.
Bei
uns hier ist die ganze Zeit schon Vorweihnachten. Die Kinder haben ja ihre
Adventskalender Die Puppen müssen natürlich auch einen haben. So haben sie den
ältesten bekommen, der noch da war.
Da
macht Jörg`s Kind, sein Bärle, die Heidemarie, so heißt er, immer ein Fenster
auf und erzählt dann immer, was im Fensterle zu sehen ist. Das Bärle steht bei
Jörg noch in hohen Ehren. Eine Krippe habe ich Jörg auch schon vom Speicher
holen müssen. Da stellt er immer eine Kerze dahinter, wenn wir abends zusammen
sitzen. Jetzt sagte er eines Tages, daß er ein schönes Lied gelernt habe, ob er
mir`s einmal vorsingen dürfte. Und so sang er denn den ersten Vers von „o Tannenbaum“.
Ganz stolz und voll Begeisterung hat er`s getan. Er hat nun gelernt „wie treu
deine Blätter“ und nicht wie „grün“. Da haben wir es natürlich „ganz falsch“
gesungen und „wissen es gar nicht richtig“. Wenn wir nun am Abend verschiedene
Lieder singen, sagt er immer nach einer Weile „aber ich weiß ein viel
schöneres, soll ich`s singen“. Und dann singt er immer wieder mit derselben
Freude „o Tannenbaum“.
Vor
einigen Tagen sind die Kinder doch noch geimpft worden. Heute mußten ihre
Puppen dasselbe erleben. Jörg hat ein kleines Fläschchen von Backöl genommen
und etwas Wasser hineingetan. Oben in den Kork hat er eine Nähnadel mit der Örseite
gesteckt, so daß er mit der Spitze den Puppen in die „Haut“ stechen konnte.
Helga kam dann mit allen Stoffpuppen und den Bären an. Manche haben natürlich
beim Impfen auch geschrien, während die meisten tapfer waren.
Wie
Helga sagte, hat ihre Handarbeitslehrerin gesagt, sie können nach den
Weihnachtsferien wieder in ihre richtige Schule. Am Freitag fingen sie schon an
umzuziehen. Ich wäre ja froh, wenn sie nicht mehr so sehr weit fort müßte.
Ich
schrieb Die doch gestern, daß bei den Sachen von Mama hohe Schuhe dabei waren.
Das ist dasselbe Leder, wie bei unseren hohen festen Schuhen. Helga`s hohe
Schuhe haben auch dasselbe Leder. Diese Schuhe bekommt nun Jörg, da seine hohen
Schuhe ganz dünnes Schuhleder haben, und Helga zieht die von Mama an. Es ist
Nr. 37 Da kann sie richtige dicke Socken drunter ziehen. Für nicht so sehr
schlechtes Wetter muß Jörg natürlich auch noch seine anderen anziehen.
Heute
habe ich nun das Paket an Papa und Erna weggeschickt. Ich habe nur eine kurze
Karte beigelegt. Ich will sehen, daß ich morgen zum Briefschreiben komme.
Wir
haben seit ein paar Tagen wieder eine Maus im Keller. Die paar Gläser
Marmelade, für die ich keine Holz zum Zudecken hatte, hat sie angefressen. Als
die nun weg waren, hat sie bei den Flaschen mit Stachelbeeren usw. die Korken
mit dem Wachs angefressen. Wir haben jetzt beide Fallen aufgestellt. Mal sehen,
ob sie sich fängt. So eine Maus im Keller ist eine richtige Plage.
Bei
uns ist das Wetter seit ein paar Tagen ziemlich mild. Wir haben sogar in der
Küche eine ganze Zeit das Fenster offen lassen können. Wegen dem heizen ist es
einem ja schon recht, wenn es noch mild ist.
Laß
mich nun für heute wieder schließen und sei recht, recht fest gegrüßt und
geküßt, Du lieber Ernst, von Deiner Anni.
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