Dienstag, 13. Dezember 2016

Brief 252 vom 13.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                                Konstanz, 13.12.41                                   

Heute bekam ich Deine lieben Briefe vom 7. und 10.12. Ich war sehr froh darüber.
Du mußt Dir wirklich keine Gedanken machen, daß Du in diesem Jahr nichts für mich zu Weihnachten hast. Wir hatten uns ja ausgemacht, daß wir uns zusammen einen Radioapparat kaufen wollten. Du hast mir so viel in den letzten Jahren geschenkt, daß es viele, viele Weihnachtsgeschenke ausmachen würde. Ich konnte dir ja schon im vergangenen wie auch in diesem Jahr so gut wie gar nichts schenken. Die Kinder freuen sich ja sehr auf Weihnachten, das sollen sie auch, aber für mich wird es wohl das traurigste Weihnachten meines bisherigen Lebens. Du weißt ja, Weihnachten ist bei mir d a s  Familienfest. Nun bist Du zum Fest nicht bei uns und außerdem habe ich in diesem Jahr nun meine Mutter verloren. Es ist vielleicht Dummheit, aber erst seit ihrem Tod kommt es mir vor, als sei meine Kindheit richtig, unwiederbringlich vorbei. Bisher war ich doch noch ihr Kind. Meinem Vater gegenüber habe ich das Gefühl nicht.
Früher war es nicht so, aber jetzt kommen mir immer so viele Erinnerungen in den Sinn, wie wir Mama zum Geschäft abgeholt haben, oder wie wir sie dort besucht haben, wie sie uns auf dem Heimweg auf unsere Bitten hin öfter so Gummipuppen zum essen gekauft hat usw.  Vor allem denke ich daran, wie sie mir öfter so über`s Gesicht gestrichen und „Du dummes Hascherl“ gesagt hat. Ich meine es manchmal jetzt noch zu spüren. Nun wollen ja die Kinder so oft von früher „wo ich klein war“ hören.
Früher hatte ich gar nicht viel Lust dazu, da war es noch gar kein richtiges „Früher“ für mich. Das ist nun anders und ich bin manchmal richtig froh, wenn ich ihnen erzählen kann. Sie wollen ja alles genau hören und wenn möglich, alles öfter mal. Das erleichtert mir etwas das Herz. Lachst Du mich deshalb aus?
Heute kam noch das Päckchen 35 mit Mandarinen an. Sie sind wieder alle gut angekommen und wir danken Dir sehr dafür. Sie schmecken wirklich fein.
Mit dem Tabak und den Zigarren habe ich es so gemacht, daß ich Papa mehrere Zigarren, die Zigaretten und das kleine Päckchen Tabak geschickt habe, während ich für Vater das große Tabakpaket und auch Zigarren habe. Er raucht sie ja auch gern, darum habe ich an Papa nicht alle geschickt. Wie Du schreibst, schickst Du ja nochmals etwas Tabak.
Was ich Dir für eine Kleinigkeit zu Weihnachten geschickt habe, ist eigentlich kein großes Geheimnis. Hoffentlich machst Du Dir keine großen Vorstellungen und bist dann sehr enttäuscht.
Wegen des Mantelstoffs kannst Du doch mal an Siegfried schreiben, ob wer ihn Erna schenken will. Soviel ich weiß, hat Erna auch nicht zu viel anzuziehen. Wenn er dann nicht will, werden wir ja weiter sehen. Vielleicht könnten wir ihn dann für Helga aufheben. Aber frage erst mal bei Siegfried an, oder meinst du nicht? Für Helga und Jörg wollten wir ja auch noch einen Mantelstoff besorgen, oder meinst Du, das wird nicht nötig sein? Besser wäre es vielleicht doch, denn nächstes Jahr wird der eine Jörg sicher nicht mehr passen. Sollte es natürlich nicht möglich sein, werden wir uns auch so weiterhelfen.
Die Filzschuhe für die Kinder gefallen mir gut. Zum Rumrutschen sollen sie aber auch nach Weihnachten noch die alten abtragen, damit die neuen eine Weile schön bleiben. Da haben sie wenigstens etwas Richtiges.
Von den Mandeln ohne Schale,  die schon angekommen waren, habe ich den Kindern zum Nikolaus auch einige dazu getan, sowie ein paar Würfelzucker, ein Stück Kandiszucker und das andere, was ich Dir schon schrieb. Sie sind also nicht zu kurz gekommen.
Ich glaube schon, daß sich die Kinder später auch gern an Weihnachten erinnern werden. Weißt Du noch, wie wir früher immer herumgelaufen sind, um für das wenige Geld, das uns zur Verfügung stand, doch etwas Richtiges für die Kinder zu kaufen? Weißt Du noch, wie froh wir waren, als wir das Schaukelpferd für Jörg erschwingen konnten? Er hat es jetzt noch gern und hat es schon wieder längere Zeit vom Speicher geholt. Auf der diesjährigen Messe habe ich ihm noch eine kleine Peitsche dazu gekauft, da spielt er jetzt öfter Reiter oder Kutscher. Wir haben ja immer zugesehen, daß wir den Kindern eine Freude machen konnten.
Wenn Du wirklich noch ein kleines Püppchen bekommen könntest, wäre ich ja froh, denn mit Spielsachen kommt Helga diesmal ganz zu kurz. Bekommen tun die Kinder zu Weihnachten nun Folgendes:
Helga: 2 Kleider                     Jörg: 2 Hosen      
           1 Unterrock                          1 Pullover      
           1 Höschen                            1 Paar Strümpfe     
           1 Paar Strümpfe                   1 Paar Hausschuhe      
           1 Paar Hausschuhe              1 kl. Farbkasten m.Wasserfarben      
           1 kl. Farbkasten                   1 Zeichenblock      
           1 Zeichenblock                    1 Buch v. Papa      
           1 Buch v. Papa                     1 Spiel von Dir      
              Puppenkleider                      Würfelspiel von Frau Diez
           1 Polohemd.
 Dazu  Bonbons, die ich noch von Kurt aufgehoben habe, sowie ein paar Pralinen und Gebäck. Ich glaube, daß der Weihnachtstisch doch wieder reichlich ausfällt. Wenn ich ja jetzt einkaufen ginge, bekäme ich bestimmt fast nichts mehr. Spielwaren gab es eben die ganze Zeit her schon nicht, darum konnte ich nichts besorgen.
Bei uns hier ist die ganze Zeit schon Vorweihnachten. Die Kinder haben ja ihre Adventskalender Die Puppen müssen natürlich auch einen haben. So haben sie den ältesten bekommen, der noch da war.
Da macht Jörg`s Kind, sein Bärle, die Heidemarie, so heißt er, immer ein Fenster auf und erzählt dann immer, was im Fensterle zu sehen ist. Das Bärle steht bei Jörg noch in hohen Ehren. Eine Krippe habe ich Jörg auch schon vom Speicher holen müssen. Da stellt er immer eine Kerze dahinter, wenn wir abends zusammen sitzen. Jetzt sagte er eines Tages, daß er ein schönes Lied gelernt habe, ob er mir`s einmal vorsingen dürfte. Und so sang er denn den ersten Vers von „o Tannenbaum“. Ganz stolz und voll Begeisterung hat er`s getan. Er hat nun gelernt „wie treu deine Blätter“ und nicht wie „grün“. Da haben wir es natürlich „ganz falsch“ gesungen und „wissen es gar nicht richtig“. Wenn wir nun am Abend verschiedene Lieder singen, sagt er immer nach einer Weile „aber ich weiß ein viel schöneres, soll ich`s singen“. Und dann singt er immer wieder mit derselben Freude „o Tannenbaum“.
Vor einigen Tagen sind die Kinder doch noch geimpft worden. Heute mußten ihre Puppen dasselbe erleben. Jörg hat ein kleines Fläschchen von Backöl genommen und etwas Wasser hineingetan. Oben in den Kork hat er eine Nähnadel mit der Örseite gesteckt, so daß er mit der Spitze den Puppen in die „Haut“ stechen konnte. Helga kam dann mit allen Stoffpuppen und den Bären an. Manche haben natürlich beim Impfen auch geschrien, während die meisten tapfer waren.
Wie Helga sagte, hat ihre Handarbeitslehrerin gesagt, sie können nach den Weihnachtsferien wieder in ihre richtige Schule. Am Freitag fingen sie schon an umzuziehen. Ich wäre ja froh, wenn sie nicht mehr so sehr weit fort müßte.
Ich schrieb Die doch gestern, daß bei den Sachen von Mama hohe Schuhe dabei waren. Das ist dasselbe Leder, wie bei unseren hohen festen Schuhen. Helga`s hohe Schuhe haben auch dasselbe Leder. Diese Schuhe bekommt nun Jörg, da seine hohen Schuhe ganz dünnes Schuhleder haben, und Helga zieht die von Mama an. Es ist Nr. 37 Da kann sie richtige dicke Socken drunter ziehen. Für nicht so sehr schlechtes Wetter muß Jörg natürlich auch noch seine anderen anziehen.
Heute habe ich nun das Paket an Papa und Erna weggeschickt. Ich habe nur eine kurze Karte beigelegt. Ich will sehen, daß ich morgen zum Briefschreiben komme.
Wir haben seit ein paar Tagen wieder eine Maus im Keller. Die paar Gläser Marmelade, für die ich keine Holz zum Zudecken hatte, hat sie angefressen. Als die nun weg waren, hat sie bei den Flaschen mit Stachelbeeren usw. die Korken mit dem Wachs angefressen. Wir haben jetzt beide Fallen aufgestellt. Mal sehen, ob sie sich fängt. So eine Maus im Keller ist eine richtige Plage.
Bei uns ist das Wetter seit ein paar Tagen ziemlich mild. Wir haben sogar in der Küche eine ganze Zeit das Fenster offen lassen können. Wegen dem heizen ist es einem ja schon recht, wenn es noch mild ist.
Laß mich nun für heute wieder schließen und sei recht, recht fest gegrüßt und geküßt, Du lieber Ernst, von Deiner Anni.



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