Mein
liebster Ernst! Konstanz, den
1.12.41
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Tage ist es nun her, seit ich Dir zum letzten Mal geschrieben habe. Es geschah
nicht etwa darum daß ich Dir nicht schreiben wollte, sondern, als ich gerade
beim Schreiben war, kam Dein lieber Brief vom 24.11. in dem Du mir mitteilst,
daß Du das Schreiben von der Stadt bekommen hast, daß Du an dem Kurs teilnehmen
sollst. Da Du nun schriebst, daß Du gar nicht erst lange noch meine Briefe
beantwortest, da Du hoffst, bald hier sein zu können, nahm ich an, daß ich gar nicht
erst noch schreiben soll. Auch Dein Schreiben vom 26. bestärkte mich in dieser
Annahme, da Du an alle Verwandten geschrieben hast, daß sie Dir nicht mehr
dorthin schreiben sollen.
Nun
erhielt ich aber heute Deinen lieben Brief vom 27.11. in dem Du schreibst, daß
Du immer noch keinen Bescheid hast, ob Du nun fahren kannst. Da fiel es mir
schwer aufs Herz, daß Du ja nun sicher längere Zeit keine Post von mir bekommen
wirst, wenn Du noch nicht fahren kannst. Darum will ich jetzt gleich schreiben.
Solltest Du doch inzwischen dort fortgefahren sein, so kommt der Brief eben wieder
zurück, oder wird Dir nachgeschickt.
Von
Deinen Päckchen sind inzwischen Nr. 21, 22, 23, 26 angekommen. In einem waren 2
Fläschchen Cognac, in einem 1 Fläschchen und Scheuerlappen, in einem Käse und
in einem 1 Fläschchen Cognac. Wegen dem Letzteren möchte ich Dich fragen, ob es
von Dir so verpackt worden ist, oder ob es unterwegs aufgemacht wurde. Es war
nur das Fläschchen drin und die Zwischenräume waren nicht mit Papier
ausgestopft. Außerdem war das grüne, gummierte Papier auf einer Seite
durchgerissen und der Verschluß anders zugemacht. Die Päckchen 24 und 25 fehlen
noch.
Du
hast Dich sicher etwas geärgert, daß Dora den Stoff nicht genommen hat. Aber
Dora ist so. Nur ja keinen Pfennig ausgeben, der nicht unbedingt notwendig ist.
Wir tun halt wegen Besorgen nichts mehr dergleichen.
Auf
die anderen Päckchen, die Du zuletzt weggeschickt hast, freue ich mich auch
schon. Hoffentlich kommen sie gut an.
Hoffentlich
entscheidet es sich in den nächsten Tagen, ob du kommen kannst oder nicht, denn
sonst könnte es sein, daß ich Dir gar kein Weihnachtspäckchen schicken könnte,
weil Feldpostpäckchen nur noch bis zum 5.12. angenommen werden und dann erst
wieder nach Weihnachten.
Ich
weiß auch noch gar nicht, wie ich es mit dem Geld für Dich machen soll.
Einstweilen, bis ich von Dir Bescheid habe, schicke ich es einmal nicht fort.
Erna
hat sich eine Kuchenplatte als Hochzeitsgeschenk gewünscht. Geld wollte sie
keines, sondern sie möchte etwas, woran sie sich an uns erinnern kann. Ich
werde in den nächsten Tagen sehen, ob ich etwas Richtiges bekomme.
Wenn
Du ein paar Pfund Mehl bekommen kannst, so sage ich absolut nicht nein. Das
kann man ja sehr gut gebrauchen. Ich könnte dann eher auch für Kurt usw. etwas
backen.
Helga
war heute das erste Mal wieder in der Schule. Es geht ihr soweit wieder gut.
Vorsehen muß sie sich eben noch ein bißchen.
Ich
habe ihr nun gestern und heute einen Mantel genäht, damit sie auch einen warmen
hat und nicht den guten Sonntagsmantel anziehen muß. Er sieht, soweit ich das
beurteilen kann, gut aus. Man muß nur immer wieder staunen, welche Größe Helga
schon braucht. Sie ist doch ein großer Kerle.
Eigentlich
wollte ich ja heute waschen. Eingeweicht habe ich gestern schon, aber ich
wollte doch lieber erst eins fertig machen, ehe ich mit dem anderen beginne. So
habe ich es nun auf morgen verschoben. Viel Freude macht es bei der Kälte ja
sowieso nicht.
Gestern
haben wir zu ersten Mal Kerzen angebrannt und Weihnachtslieder gesungen. Jörg
möchte jetzt am liebsten nur noch Kerzen brennen. Vorhin habe ich aber gerade
im Radio gehört, daß die Kerzen rationiert werden sollen, damit der Bedarf der
Front gedeckt werden kann. Da wollen wir mit dem Kerzen brennen nicht so üppig
sein.
Nun
will ich für heute schließen. Es tut mir leid, daß Du nun so lange auf Post
warten mußt. Ich habe es wirklich nicht bös gemeint.
Sei
recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Mein
liebster Ernst! Konstanz, den
2.12.41
Heute
bekam ich nun Deinem Brief vom 28.11, in dem Du mir mitteilst, daß Du nun doch
nicht zum Kurs kommst. Es wird Dir sicher eine große Enttäuschung gewesen sein,
das kann ich mir vorstellen. Für Dich wäre es doch gut gewesen, wenn Du hättest
teilnehmen können. Jetzt wärst Du doch noch ein bißchen in den Sachen drin
gewesen, nachdem der erste Kurs noch nicht so lange vorbei ist. Es geht ja nun
leider nicht zu ändern. Bitte, lieber Ernst, ärgere Dich nicht zu sehr. Es geht
ja uns nicht allein so. Du weißt ja, wie sich beim ersten Kurs die Männer
geärgert haben, die kurz vor der Prüfung wieder einrücken mußten und so die
ganze Arbeit umsonst geleistet haben. Wir wollen hoffen, daß es nicht zu sehr
lange dauert, bis Du wieder Gelegenheit hast, an einem Kurs teilzunehmen. Es
sind ja nur Worte, die ich Dir schreiben kann, um Dich über die Enttäuschung
etwas hinwegzubringen, aber Du weißt ja, wie sie gemeint ist.
Für
mich ist es ja auch eine Enttäuschung, daß ich Dich nun doch nicht gleich
wiedersehen kann. Aber Vorwürfe mußt Du Dir nicht machen, dass Du mir erst
Hoffnung gemacht hast. Du hattest Dich ja auch gefreut und bist nun enttäuscht.
Da kann es mir doch auch so gehen. Lieber Ernst, wir wollen es als ein Opfer
ansehen, das wir im Kriege bringen, daß Du nicht nach Karlsruhe kannst. Weißt
Du, wir wollen noch froh sein, daß wir noch alle gesund sind. Solange man noch
gesund ist und lebt, läßt sich manches noch aufholen. Es ist ja so mancher aus
seiner Lebensarbeit herausgerissen worden.
Nicht
wahr, lieber Ernst, Du ärgerst Dich auch nicht mehr, daß Du mir gleich
geschrieben hast, daß Du wahrscheinlich kommst. Ich habe die Freude mit Dir
geteilt, so kann ich auch die Enttäuschung mit Dir teilen.
Den
Umschlag bei dem Brief von Jörg hat er selber geschrieben. Es sollte doch ein
richtiger Brief nur von ihm sein. Als ich ihm vorhin vorgelesen habe, daß Du
Dich gefreut hast, hat er ganz gestrahlt.
Siehst
Du, ich habe auch etwas, über was ich mich ärgern muß. Das ist das, weil ich
Dir die letzten Tage nicht geschrieben habe. Ich habe aber immer gemeint, Du
könntest jede Stunde bei uns eintreffen. Nun bekommst Du so lange Zeit keine
Post von uns. Ich bitte Dich nochmals, es mir nicht übel zu nehmen.
Vorhin
traf noch das Päckchen 24 und 25 ein. Ich danke Dir dafür. Den Cognac hebe ich
auf. Die Scheuertücher werde ich bis Weihnachten aufheben und Vater geben.
Einen Teil werde ich auch selber behalten.
Die
anderen Sachen kann ich auch gut gebrauchen. Von dem Knäckebrot haben wir schon
einmal gekostet. Die anderen Sachen hebe ich auf. Von der Zahnpasta werden wir
einmal mit verwenden und sehen, wie sie ist.
Das
Geld an dich werde ich nun heute auf den Weg bringen.
Da
es auch nicht sicher ist, ob Du zu Weihnachten heimkommen kannst, schicke ich
morgen auch ein Weihnachtspäckchen an Dich ab. Solltest Du doch heimkommen
können, was uns ja so sehr freuen würde, so kannst Du ja die Sachen mitbringen
oder dort lassen, wie Du willst. Aber Du sollst jedenfalls zu Weihnachten nicht
ohne etwas dasitzen.
Von
Papa bekam ich heute einen Brief, den ich Dir in den nächsten Tagen mitschicke,
wenn ich ihn beantwortet habe. An Dich hat er einen Brief beigelegt, den ich
Dir gleich heute mit beilege. Da er dachte, Du seist in Karlsruhe, sollte ich
ihn Dir zuschicken.
Ich
schließe nun heute schon mit dem Brief, da ich jetzt wieder ins Waschhaus muß,
denn ich habe heute große Wäsche.
Ich
hoffe, daß Du diesen Brief recht bald erhältst. Gestern habe ich ja wieder den
ersten geschrieben und auch da hoffe ich, daß er nicht so lange unterwegs ist,
damit Du bald Nachricht von uns hast.
Sei
nun wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni, und sei über die
Enttäuschung nicht so traurig.
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