Freitag, 2. Dezember 2016

Brief 245 vom 01./02.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                         Konstanz, den 1.12.41              

4 Tage ist es nun her, seit ich Dir zum letzten Mal geschrieben habe. Es geschah nicht etwa darum daß ich Dir nicht schreiben wollte, sondern, als ich gerade beim Schreiben war, kam Dein lieber Brief vom 24.11. in dem Du mir mitteilst, daß Du das Schreiben von der Stadt bekommen hast, daß Du an dem Kurs teilnehmen sollst. Da Du nun schriebst, daß Du gar nicht erst lange noch meine Briefe beantwortest, da Du hoffst, bald hier sein zu können, nahm ich an, daß ich gar nicht erst noch schreiben soll. Auch Dein Schreiben vom 26. bestärkte mich in dieser Annahme, da Du an alle Verwandten geschrieben hast, daß sie Dir nicht mehr dorthin schreiben sollen.
Nun erhielt ich aber heute Deinen lieben Brief vom 27.11. in dem Du schreibst, daß Du immer noch keinen Bescheid hast, ob Du nun fahren kannst. Da fiel es mir schwer aufs Herz, daß Du ja nun sicher längere Zeit keine Post von mir bekommen wirst, wenn Du noch nicht fahren kannst. Darum will ich jetzt gleich schreiben. Solltest Du doch inzwischen dort fortgefahren sein, so kommt der Brief eben wieder zurück, oder wird Dir nachgeschickt.
Von Deinen Päckchen sind inzwischen Nr. 21, 22, 23, 26 angekommen. In einem waren 2 Fläschchen Cognac, in einem 1 Fläschchen und Scheuerlappen, in einem Käse und in einem 1 Fläschchen Cognac. Wegen dem Letzteren möchte ich Dich fragen, ob es von Dir so verpackt worden ist, oder ob es unterwegs aufgemacht wurde. Es war nur das Fläschchen drin und die Zwischenräume waren nicht mit Papier ausgestopft. Außerdem war das grüne, gummierte Papier auf einer Seite durchgerissen und der Verschluß anders zugemacht. Die Päckchen 24 und 25 fehlen noch.
Du hast Dich sicher etwas geärgert, daß Dora den Stoff nicht genommen hat. Aber Dora ist so. Nur ja keinen Pfennig ausgeben, der nicht unbedingt notwendig ist. Wir tun halt wegen Besorgen nichts mehr dergleichen.
Auf die anderen Päckchen, die Du zuletzt weggeschickt hast, freue ich mich auch schon. Hoffentlich kommen sie gut an.
Hoffentlich entscheidet es sich in den nächsten Tagen, ob du kommen kannst oder nicht, denn sonst könnte es sein, daß ich Dir gar kein Weihnachtspäckchen schicken könnte, weil Feldpostpäckchen nur noch bis zum 5.12. angenommen werden und dann erst wieder nach Weihnachten.
Ich weiß auch noch gar nicht, wie ich es mit dem Geld für Dich machen soll. Einstweilen, bis ich von Dir Bescheid habe, schicke ich es einmal nicht fort.
Erna hat sich eine Kuchenplatte als Hochzeitsgeschenk gewünscht. Geld wollte sie keines, sondern sie möchte etwas, woran sie sich an uns erinnern kann. Ich werde in den nächsten Tagen sehen, ob ich etwas Richtiges bekomme.
Wenn Du ein paar Pfund Mehl bekommen kannst, so sage ich absolut nicht nein. Das kann man ja sehr gut gebrauchen. Ich könnte dann eher auch für Kurt usw. etwas backen.
Helga war heute das erste Mal wieder in der Schule. Es geht ihr soweit wieder gut. Vorsehen muß sie sich eben noch ein bißchen.
Ich habe ihr nun gestern und heute einen Mantel genäht, damit sie auch einen warmen hat und nicht den guten Sonntagsmantel anziehen muß. Er sieht, soweit ich das beurteilen kann, gut aus. Man muß nur immer wieder staunen, welche Größe Helga schon braucht. Sie ist doch ein großer Kerle.
Eigentlich wollte ich ja heute waschen. Eingeweicht habe ich gestern schon, aber ich wollte doch lieber erst eins fertig machen, ehe ich mit dem anderen beginne. So habe ich es nun auf morgen verschoben. Viel Freude macht es bei der Kälte ja sowieso nicht.
Gestern haben wir zu ersten Mal Kerzen angebrannt und Weihnachtslieder gesungen. Jörg möchte jetzt am liebsten nur noch Kerzen brennen. Vorhin habe ich aber gerade im Radio gehört, daß die Kerzen rationiert werden sollen, damit der Bedarf der Front gedeckt werden kann. Da wollen wir mit dem Kerzen brennen nicht so üppig sein.
Nun will ich für heute schließen. Es tut mir leid, daß Du nun so lange auf Post warten mußt. Ich habe es wirklich nicht bös gemeint.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.


Mein liebster Ernst!                                                             Konstanz, den 2.12.41

Heute bekam ich nun Deinem Brief vom 28.11, in dem Du mir mitteilst, daß Du nun doch nicht zum Kurs kommst. Es wird Dir sicher eine große Enttäuschung gewesen sein, das kann ich mir vorstellen. Für Dich wäre es doch gut gewesen, wenn Du hättest teilnehmen können. Jetzt wärst Du doch noch ein bißchen in den Sachen drin gewesen, nachdem der erste Kurs noch nicht so lange vorbei ist. Es geht ja nun leider nicht zu ändern. Bitte, lieber Ernst, ärgere Dich nicht zu sehr. Es geht ja uns nicht allein so. Du weißt ja, wie sich beim ersten Kurs die Männer geärgert haben, die kurz vor der Prüfung wieder einrücken mußten und so die ganze Arbeit umsonst geleistet haben. Wir wollen hoffen, daß es nicht zu sehr lange dauert, bis Du wieder Gelegenheit hast, an einem Kurs teilzunehmen. Es sind ja nur Worte, die ich Dir schreiben kann, um Dich über die Enttäuschung etwas hinwegzubringen, aber Du weißt ja, wie sie gemeint ist.
Für mich ist es ja auch eine Enttäuschung, daß ich Dich nun doch nicht gleich wiedersehen kann. Aber Vorwürfe mußt Du Dir nicht machen, dass Du mir erst Hoffnung gemacht hast. Du hattest Dich ja auch gefreut und bist nun enttäuscht. Da kann es mir doch auch so gehen. Lieber Ernst, wir wollen es als ein Opfer ansehen, das wir im Kriege bringen, daß Du nicht nach Karlsruhe kannst. Weißt Du, wir wollen noch froh sein, daß wir noch alle gesund sind. Solange man noch gesund ist und lebt, läßt sich manches noch aufholen. Es ist ja so mancher aus seiner Lebensarbeit herausgerissen worden.
Nicht wahr, lieber Ernst, Du ärgerst Dich auch nicht mehr, daß Du mir gleich geschrieben hast, daß Du wahrscheinlich kommst. Ich habe die Freude mit Dir geteilt, so kann ich auch die Enttäuschung mit Dir teilen.
Den Umschlag bei dem Brief von Jörg hat er selber geschrieben. Es sollte doch ein richtiger Brief nur von ihm sein. Als ich ihm vorhin vorgelesen habe, daß Du Dich gefreut hast, hat er ganz gestrahlt.
Siehst Du, ich habe auch etwas, über was ich mich ärgern muß. Das ist das, weil ich Dir die letzten Tage nicht geschrieben habe. Ich habe aber immer gemeint, Du könntest jede Stunde bei uns eintreffen. Nun bekommst Du so lange Zeit keine Post von uns. Ich bitte Dich nochmals, es mir nicht übel zu nehmen.
Vorhin traf noch das Päckchen 24 und 25 ein. Ich danke Dir dafür. Den Cognac hebe ich auf. Die Scheuertücher werde ich bis Weihnachten aufheben und Vater geben. Einen Teil werde ich auch selber behalten.
Die anderen Sachen kann ich auch gut gebrauchen. Von dem Knäckebrot haben wir schon einmal gekostet. Die anderen Sachen hebe ich auf. Von der Zahnpasta werden wir einmal mit verwenden und sehen, wie sie ist.
Das Geld an dich werde ich nun heute auf den Weg bringen.
Da es auch nicht sicher ist, ob Du zu Weihnachten heimkommen kannst, schicke ich morgen auch ein Weihnachtspäckchen an Dich ab. Solltest Du doch heimkommen können, was uns ja so sehr freuen würde, so kannst Du ja die Sachen mitbringen oder dort lassen, wie Du willst. Aber Du sollst jedenfalls zu Weihnachten nicht ohne etwas dasitzen.
Von Papa bekam ich heute einen Brief, den ich Dir in den nächsten Tagen mitschicke, wenn ich ihn beantwortet habe. An Dich hat er einen Brief beigelegt, den ich Dir gleich heute mit beilege. Da er dachte, Du seist in Karlsruhe, sollte ich ihn Dir zuschicken.
Ich schließe nun heute schon mit dem Brief, da ich jetzt wieder ins Waschhaus muß, denn ich habe heute große Wäsche.
Ich hoffe, daß Du diesen Brief recht bald erhältst. Gestern habe ich ja wieder den ersten geschrieben und auch da hoffe ich, daß er nicht so lange unterwegs ist, damit Du bald Nachricht von uns hast.
Sei nun wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni, und sei über die Enttäuschung nicht so traurig.

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