Montag, 11. Juli 2016

Brief 186 vom 9./10.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                        Konstanz, 9.7.41  

Gestern sind wir schon1/2 3 Uhr beim baden gewesen. Um 6 Uhr waren wir wieder daheim. Geschwommen bin ich nicht viel. Das baden und die lange Fahrt da raus hatte mich ziemlich angestrengt. Aber schön war es doch. Später wurde es windig und es gab große Wellen. Da war es schön im Wasser.
Als wir am Abend zuhause waren, guckte ich so gegen 1/2 8Uhr zum Garten runter. Da sehe ich doch, daß das große Stachelbeerbäumchen umgefallen ist. Ich habe doch einen Schreck bekommen und bin runter gerannt. Da habe ich gesehen, daß es Gott sei Dank nicht abgebrochen war. Es hatte sich gebogen. Die Stütze, die Du früher dran gemacht hattest, war abgebrochen, wahrscheinlich ist das Holz morsch geworden. Da nun so viel Beeren am Baum sind, war es umgefallen. Ich habe gleich Herrn Schwehr gerufen, der im Garten nebenan war, denn allein hätte ich es nicht aufheben können, da wäre es vielleicht noch gebrochen und wie hätte ich dann vor Dir bestehen können, wenn ich alles kaputt gehen lasse, während Du nicht da bist. Herr Schwehr hat dann noch ein paar Stützen eingeschlagen und alles festgebunden, während ich den Baum nur halten brauchte. Ich habe dann gleich noch 3 Pfund Beeren abgenommen, damit eine kleine Entlastung eintritt.
Ich schrieb Dir doch gestern von den Johannisbeeren. Ich werde davon noch welche in Flaschen einmachen wie Heidelbeeren. Da haben wir doch noch etwas im Winter.
Durch die Stachelbeergeschichte sind die Kinder gestern etwas spät ins Bett gekommen. Um 10 Uhr. Nun ist es ja schon öfter vorgekommen, daß Jörg halb im Schlaf aufs  Klosett gegangen ist. Ich habe es manchmal gemerkt, wenn ich noch in der Küche war, daß er gar nicht richtig munter ist. Einmal hat er auch schon das Licht brennen lassen. Aber was er sich in der letzten Nacht geleistet hat, das ist doch noch nie vorgekommen. Helga kommt um 12 Uhr zu mir  rüber und sagt, daß bei ihnen die Zimmertür offen gestanden habe und in der Küche und im Klosett das Licht brennen würde. Ich gehe mit raus und da sehe ich doch, daß auch die Korridortür, soweit es die Sperrkette erlaubt, offen steht. Dabei hatte ich 2 x zugeschlossen. Wäre die Kette nicht dagewesen, wäre Jörg bestimmt ins Haus raus gelaufen. Er hätte ja die Treppe runter fallen können. Ich habe doch immer den Schlüssel stecken lassen, damit man von außen nicht schließen kann. Daß er im Schlaf solche Sachen macht, habe ich doch nicht gedacht. Von jetzt an ziehe ich natürlich immer den Schlüssel ab. Einen richtigen Schreck hat er mir aber eingejagt.
Als wir gestern heimkamen, war Dein lieber Brief vom 5.7. da. Ich habe mich sehr gefreut. Ich bin froh, daß auch Du wieder Post von uns erhältst.
Es ist schade, daß der Assessor von Euch fortkommt. Das ist doch der, der mit Dir immer so anständig war. Hoffentlich kommt wieder ein Anständiger hin.
An Vater werde ich den Dank für den Brief ausrichten, wenn er heute Abend kommt. Von den Eltern erhielt ich heute ein Zeitungspaket.
Sei nun für heute wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                                Konstanz, 10.7.41

Gestern hatten wir den versprochenen Besuch von Nanni. Sie kam gegen 6 Uhr und brachte etwas Kuchen mit. Wir wollten gerade Abendbrot essen und so habe ich gleich Kaffee gekocht. Sie fragte, ob Vater noch nicht da sei. Ich antwortete ihr, daß er meist erst gegen 1/4 9 Uhr käme. O, da bin ich schon längst wieder fort, sagte sie. Na ja, wir haben also gegessen und uns hinterher unterhalten. Gegen 8 Uhr kam Vater. Inzwischen sind dann die Kinder ins Bett gegangen. Später habe ich dann noch Rotwein und ein Gläschen von dem Kirschwasser gegeben. Das hat Nanni auch bald die Kehle ausgebrannt. Als Nanni und Vater  dann gingen, war es 1/4 12 Uhr.
Sie ist jetzt 3 Wochen hier, nach 4 Wochen soll sie heimkommen. Vorher will sie noch einmal herkommen.
Es war eine ziemlich kurze Nacht heute. Gegen 3 Uhr kam Jörg und sagte, daß er auf einem Ohr Schmerzen  habe. Das kommt mit davon, weil sie immer vor der offenen Haustür oder im Vorraum hocken, wo es so zieht. Ich habe ihm gleich warmes Öl ins Ohr geträufelt, Watte hineingetan und ein Tuch drum gebunden. Gegen 1/4 5 Uhr kam er dann zu mir rüber, da ich ihm gesagt hatte, wenn er nicht richtig schlafen könnte und es ihm weh täte, sollte er rüberkommen, damit Helga schlafen kann. Es war dann mit dem schlafen natürlich auch nichts und so sind wir gegen 1/4 6 Uhr aufgestanden. Die Schmerzen haben bei Jörg fast ganz nachgelassen, aber den Schlaf holt er heute nach. Er liegt heute immer auf dem Liegestuhl und schläft die meiste Zeit. Aber das ist ja ganz gut für ihn.
Hier ist bis jetzt ein Tag wie der andere, sonnig und heiß. Da heißt es jeden Tag das nötigste gießen. Ich habe heute auch das Erbsenkraut rausgerissen. In den nächsten Tagen grabe ich das Stück um, damit ich dann Kraut hinpflanzen kann. Am Baum hatten sich wieder Schwämme gebildet. Die habe ich heute mit einer Bohnenstange weggemacht. Aber vielleicht sollte ich es noch gründlich wegputzen und Baumwachs oder so etwas drauf tun.
Heute Nachmittag faulenze ich ein wenig. Eigentlich sollte ich den letzten Rest Wäsche wegbügeln, aber es ist schrecklich heiß in der Wohnung. Ich verschiebe es lieber auf heute Abend  und morgen früh. Jetzt setze ich mich noch ein bißchen vors Haus. Jörg ist auch mit dem Liegestuhl draußen. Auf dem Liegestuhl liegen, das ist sowieso immer sein Wunsch.
Es ist nun Zeit, daß wir den Brief wegschaffen, sonst kommt er heute nicht mehr mit. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 185 vom 6./7./8.7.1941


Mein lieber Mann!                                                                    Konstanz, 6.7.41      

 Nun ist der Sonntag wieder herangekommen. Es ist ein schöner, sonniger Tag. Wir bleiben aber zu hause, denn ich habe diese Woche ziemlich viel zu tun gehabt, da will ich mich heute ausruhen.
Wie ich Dir schon schrieb, war Vater gestern Abend da. Er ist um 12 Uhr heimgegangen. Er ist schon ziemlich spät gekommen und dann ist er immer so müd zum heimgehen. Er  hat Dir ja vor ein paar Tagen auch geschrieben. Dazu hat er sich die halbe Nacht hingesetzt, denn er hat den Brief geschrieben, nachdem er von uns nach hause gekommen ist. 
Ich erhielt heute Deinen lieben Brief vom 1.7. Ja, ein Jahr ist es nun schon wieder her, seit Du in Frankreich bist. Und wie lange wird es noch dauern, bis Du wieder ganz nach hause kommst! Wir wollen ja froh sein, daß wir noch alle gesund sind, daß man wenigstens die Hoffnung auf ein Wiedersehen noch haben kann.
Daß die Franzosen doch nicht gescheit werden. Sie haben doch tatsächlich nichts Gutes von den Engländern gehabt. Wenn sie heute tatsächlich nichts mehr schaffen würden, von den Engländern aus könnten sie verhungern. Die würden nicht für sie sorgen. Uns haben sie ja im Weltkrieg auch Versprechungen gemacht, nachdem sie gehetzt hatten. Wir haben ja gesehen, wie es uns dann gegangen ist.
Der Film „reitet für Deutschland“ ist vor kurzem hier gelaufen. Da war ich aber noch nicht in der Lage, ihn anzusehen. Ich glaube gern, daß er sehr schön ist. Vielleicht  kommt er doch noch einmal her.
Wenn Du Dir ein Bergwerk ansehen kannst, wird Dich das sicher sehr interessieren. Sonst wirst Du zum Ansehen wohl kaum wieder Gelegenheit haben, denn wir wohnen ja (Gott sei dank) in keiner Bergwerksgegend. Auf Deinen Bericht freue ich mich schon.
Unsere Kinder rennen, sobald es geht, draußen herum. Meist barfuß. Das ist mir das liebste. Da schonen sie Strümpfe und Schuhe. Gesund ist es ja auch. Nun, wenn Helga Ferien hat, haben sie ja zum spielen viel Zeit. Ich möchte es während der Ferienwochen gerne durchführen, daß sie nach dem Mittagessen 2 Stunden schlafen. In Erholungsheimen müssen das die Kinder ja immer tun. Heute habe ich einmal angefangen und sie schlafen jetzt ganz friedlich. Ich denke, daß es ihnen gut tun würde.
Heute haben wir Sauerkraut zu Mittag gehabt. Da wollen Beide nicht so sehr ran. Da fehlst Du, Du ißt es doch lieber. Es wird dieses Jahr gar nicht alle. Ich habe Vater gestern schon welches mitgegeben. Ebenso Kartoffeln. Er hat keine mehr und es gibt schwer welche zu kaufen. Da bin ich froh, daß ich reichlich gekauft hatte. Mir langen sie noch eine Weile.
Mit geht es gut. Ich habe mich wieder soweit erholt. Das Schaffen geht auch wieder, nur abends darf ich nicht zu spät ins Bett gehen. Wenn Vater nicht rauf kommt, gehe ich auch immer nicht viel später als die Kinder schlafen.
Ich grüße und küsse Dich für heute wieder herzlich Deine Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                     Konstanz, 7.7.41

Ich erhielt heute Deinen Bericht von der Bergwerksbesichtigung vom 2.7./3.7. Er hat mich sehr interessiert. Noch besser muß es ja sein, das alles selbst zu erleben. Es würde mich freuen, wenn Eure Aufnahmen etwas geworden wären. Da würde ich Dich doch auch einmal in Deiner Verkleidung sehen.
Von uns ist eigentlich wenig zu erzählen. Es geht ein Tag wie der andere. Es ist immer noch heiß. Alle Wolken haben sich verzogen. Jetzt muß wieder jeden Abend das Notwendigste gegossen werden. Die Stützen bei den Stachelbeeren habe ich noch verstärken müssen, es gibt wieder viel Beeren. Die Johannisbeeren sind rot, wir haben uns gestern schon ein paar zum essen geholt. Ich lasse die meisten aber, wie die anderen Leute auch, noch ca. 1 Woche hängen. Sie werden noch süßer. Mit den Erdbeeren ist es jetzt zu Ende. Wir haben uns dieses Jahr daran satt gegessen. Das heißt aber nicht, daß wir sie über hätten, sondern im Gegenteil, es war ein Genuß.
Den Kindern habe ich wieder Wasser  zum baden hingestellt. Wir haben ausgemacht, daß wir doch auch einmal an den See gehen wollen. Ich würde mit dem Rad hinausfahren, während die Kinder schon vorher hinlaufen würden. Mal sehen, ob ich es noch heute möglich machen kann. Es ist noch nicht gar so spät. Ich muß nur noch schnell einkaufen fahren.
Ich habe es den Kindern eben gesagt, das war ein Freudengeheul. Nun muß ich es schon wahr machen.
Ich schließe deshalb jetzt und grüße und küsse Dich herzlich Deine Annie.

Mein liebster Ernst!                                                           Konstanz, 7.7.41 abends

Ich bin heute Nachmittag doch nicht erst noch zum einkaufen gefahren, wie ich es erst vorhatte. Ich bin vielmehr gleich den Kindern nachgefahren. Sie waren schon bald beim Tannenhof. Da bin ich dann ganz langsam gefahren, damit sie nachkommen konnten. Die Margret war übrigens auch noch dabei. Gegen 4 Uhr waren wir dann am See. Das Wasser war herrlich. Ich bin 2 x geschwommen. Natürlich lange nicht soweit wie mit Dir. Später, als wir noch Mal ins Wasser gegangen sind, wollte ich noch Mal so weit schwimmen, aber ich merkte gleich am Anfang, daß die Kraft nicht reichte und so bin ich bald wieder umgekehrt. Aber fein war es doch. Gegen 7Uhr waren wir  wieder zu hause. Die Kinder sind auch fest im Wasser rumgesprungen. Am liebsten gingen sie gleich morgen wieder. Leider hatte es Bremen. Die haben Jörg vier große Bollen gestochen. Das hat ihm aber nicht viel ausgemacht.
Jetzt haben sich die Kinder gerade unten im Hof im Wasser, das ich rausgestellt hatte, die Füße gewaschen. Plötzlich ist auf ihr Handtuch ein Junikäfer geflogen. Das war eine Freude. Jörg waren seine zwei sowieso nicht lebendig genug, während Helga ihrer rumtobt und schon 2 x ausgebrochen ist. Der neue ist nun nach Jörg`s Ausspruch ein „Renner“ und er ist ganz begeistert davon. Das ist abends immer ein Gekratze in den Schachteln. Ich freue mich, daß Helga die Viecher auch anfaßt.
Meine Eltern hatten mir doch einmal ein Poesiealbum geschickt, es war solches Kriegspapier. Nun ist es bei Helga in der Schule große Mode, ins Poesiealbum schreiben zu lassen. So hat sie es mir schon abgebettelt und ihre „Freundin“ Gerda Schwer und Margret reinschreiben lassen. Hier ist es nun so Mode, daß Stammbuchsblumen mit hereingeklebt werden müssen. Das ist so wichtig, daß sie heute 3 Mann hoch, Jörg, Helga und Margret, in die Wilhelmstraße pilgern mußten, um 1 Bild zu kaufen. Mich haben sie ja damit schon bald verrückt gemacht, denn ich höre den ganzen Tag nur immer „Poesiealbum“.
Ich muß immer mal mein Schreiben unterbrechen, denn mit dem baden im See hat sich auch wieder die unangenehme Begleiterscheinung eingestellt, daß ich nicht sitzen kann, weil es mich juckt. Du kennst das ja sicher noch.
Vor einigen Tagen haben wir wieder einmal Ölsardinen von Dir zu Abendbrot gegessen, aber nicht die neuen, sondern von der ersten Sendung. Heut hatte ich nichts zum Abendbrot da, weil ich nicht einkaufen gefahren war, da habe ich eine Dose „Patie de Foie“ aufgemacht. Die schmeckte wieder prima. Morgen zum 10Uhr-Brot essen wir den Rest damit es nicht schlecht wird bei der Hitze.
Ich will mal sehen, ob ich es doch möglich machen kann, morgen noch einmal mit den Kindern baden zu gehen. Am Mittwoch ist es ja nicht möglich, da am Abend Nanni kommen will. Da möchte ich alles in Ordnung haben und nicht erst vom baden heimkommen. Nanni hat ja Vater gefragt, ob er nicht am Mittwoch auch rauf kommen könnte. Sie hat übrigens auch zu Vater gesagt, er soll uns ja nicht sagen, daß Kurt in der Baukasse ist. Wir sollen uns ihr gegenüber also nichts merken lassen. Das ist ja auch wieder so ein Quatsch. Wo an uns immer die Zeitschrift von dem Verein gekommen ist. Aber das ist so, wo sich Verwandte und vor allen Dingen Tanten einmischen. Da darf um Himmelswillen der eine Bruder nicht wissen was der andere tut. Da muß viel Geheimniskrämerei getrieben werden. Ich frage mich nur, warum? Aber so war es ja früher schon, als wir nicht mit Paula redeten, einen gegen den anderen ausspielen. Bis jetzt war alles so gut, Vater hat mir bzw. uns alles erzählt, von seinem Geld, vom Loos usw. jetzt kommen Tanten und wollen schon wieder so einen Kohl anfangen. Na, wir sind ja bald wieder unter uns. Ich weiß nicht, solche Redereien regen mich so auf. Eines Teils tun sie einem ins Gesicht so freundlich. Vater hat gesagt, daß wir gut miteinander auskommen und auch einer dem anderen mit Karten aushilft, so daß jeder das hat, was er gebrauchen kann. Bei mir hat sie auch gesagt: „Na, rennt er immer noch so und tut sich so groß damit?“ Als ich sagte, daß das nicht der Fall sei, daß er ja auch älter werde und nicht mehr so rennen könnte, meinte sie: „Na ja, er hat ja auch nichts zuzusetzen, er hat ja immer das Geringste gegessen, damit er nur das Geld sparen konnte“. Ich sagte ihr, daß das auch nicht mehr der Fall sein, sondern daß er sich schon richtige Sachen kaufte. Ich habe ihr auch gesagt, daß wir uns schon mit ihm verstehen, Dein Vater ist uns ja schließlich der nächste. Es ist ja so, daß auch Paula durch Nanni  gern über alles Bescheid wissen möchte.
Jetzt habe ich wieder einen ganzen Vortrag gehalten, aber ich muß mal meinem Herzen Luftmachen. Du wirst mir das nicht übel nehmen, nicht wahr?
Als wir heute heim kamen, war Dein Brief vom 4.7. angekommen. Es tut mir sehr leid, dass Du nicht einmal zu Deinem Geburtstag einen Brief von uns erhalten hast. Ich habe den ersten gleich am Samstag, als die Sperre aufgehoben wurde, weg geschickt. Meine Gedanken waren an Deinem Geburtstag immer bei Dir. Sie sind es zwar auch sonst, aber an so einem Tag doch ganz besonders.
Nun will ich aber schließen. Es ist bereits 1/4 11 Uhr. Gute Nacht, mein lieber Schatz.

                                                                                                                     8.7. 
Als ich heute aufstand, war ich vom schwimmen gestern wie gerädert. Jetzt hat es schon wieder etwas nachgelassen. Gestern hatte ich zum baden auch die Hose mitgenommen, die ich zum rumlaufen nach dem baden immer anziehe, in der Meinung, daß sie mir noch paßt. Ich hatte aber nicht mit meiner Gewichtsabnahme gerechnet. Statt in der Hüfte hat sie auch einmal auf den Beckenknochen gehängt. Da habe ich es doch vorgezogen, sie wieder auszuziehen.
Heute habe ich zum Mittagessen Johannisbeeren rübergeholt. 3 1/2 Pfund (Es gibt Eierkuchen mit Johannisbeeren) Bis jetzt habe ich 5 Pfund geerntet. Das merkt man aber gar nicht, denn die Büsche hängen noch dick voll. Da ich doch nicht so viel einkochen kann, werden wir wieder öfter zum Abendbrot Beeren essen. Vater werde ich auch welche geben und im Übrigen werde ich den Kindern einmal sagen, daß sie sich vom Busch richtig satte essen können. Das ist ihnen ja die größte Freude. Später, wenn ich wieder genug Zucker zum einkochen bekomme, geht es sowieso nicht mehr. Du wirst sicher auch nichts dagegen haben.
Es ist heute genau so sonnig und heiß wie gestern. Herr Zahn hat schon geklagt, daß seine Kartoffeln abstehen, weil der Regen fehlt. Bei uns blühen ja alle noch.
Nun will ich mich fertig machen und einkaufen fahren. Ich schließe deshalb und grüße und küsse Dich  herzlich Deine Annie.

Montag, 4. Juli 2016

Brief 184 vom 4./5.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                          4.Juli 1941  Geburtstag                                                         

Heute ist nun Dein Geburtstag. Ich denke immer an Dich. Schon heute Nacht, als ich einmal aufwachte, habe ich Dir im Geist gratuliert. Dein Bild steht heute auf dem Tisch, von Blumen umgeben. Die Kinder haben von ihrem Gartenstück Studentenblumen geholt. Außerdem haben wir die ersten 4 Rosen für Dich geschnitten. Du wirst ja sicher nicht viel von Deinem Geburtstag haben. Hoffentlich hast Du wenigstens einen Brief von uns bekommen.
Wir erhielten heute Deinen lieben Brief vom 30.6.
Die Erfolge unserer Wehrmacht sind wirklich gewaltig. In Konstanz hat es auch schon mehrere Opfer gekostet. Von dem Hotel Hecht ist der Sohn Arno Bührer gefallen. Auch der Metzger Schäfer, der die Tochter vom Bäcker Löhle geheiratet hat, ist gefallen.
Ein Vorteil für England ist unser Kampf mit Rußland ja nicht, denn gerade dadurch haben sich viele Völker zusammengefunden. Es ist eben so, wer den Kommunismus kennen gelernt hat, der hat für immer genug. Ein Segen war er noch für kein Volk.
Bei uns ist jetzt warmes Wetter, wenn auch nicht gerade drückend heiß. Aber regnen dürfte es wieder einmal, sonst geht die Gießerei wieder los.
Nun hast Du ja der Stadt auch geantwortet und die Sache ist soweit geregelt.
Die Küsse von Dir habe ich den Kindern gegeben. Jetzt kann ich mir das schon eher wieder erlauben, als vor ein paar Wochen.
Im Garten geht es ziemlich vorwärts. Die Tomatenstöcke wachsen und blühen gut. An einem Stück hängen schon winzige Tomaten dran. Die Brombeeren blühen auch. Trotzdem ich ziemlich viel ausgeschnitten hatte, sind doch noch ein paar dürre Ranken drin. Jetzt muß ich sie ja drin lassen, sonst reiße ich mehr Blüten ab. Bohnen, Gurken und die anderen Sachen kommen auch gut. Bis jetzt kann man mit allem zufrieden sein. Die ersten Erbsen kann ich jetzt bald raus machen. Wir haben mehrmals davon zu essen gehabt. Die Vögel auch.
Auf den Mist (im Garten) habe ich jetzt Erde getan. Vor kurzem habe ich die roten Rüben auseinander gesetzt. Ich dachte erst, sie gehen mir ein, weil es so sehr heiß geworden war, daß trotz vielen Gießens alle Außenblätter gewelkt waren. Jetzt haben sie sich aber doch erholt und stehen ganz gut da.
Während ich geschrieben habe, hat sich der Himmel ziemlich bezogen. Es sieht aus, als ob es ein Gewitter geben wollte. Hoffentlich komme ich noch trocken heim. Ich kann nämlich erst gegen 5 Uhr fahren, da es in der Molkerei während der heißen Zeit erst ab 5 Uhr Vollmilch gibt. Ich glaube, ich werde die Vollmilch ab übernächstem Mal hier bei unsrem Milcher bestellen. Da brauche ich deswegen nicht fortfahren.
Nachher will ich mich noch ans bügeln machen, damit Vater wenigstens seine Hemden bekommt. Da wir doch einmal mit der großen Wäsche ausgesetzt haben, hat er sich  vorige Woche wieder ein Hemd auswaschen müssen, damit er etwas zum anziehen hatte.
Ich bin schon dabei, mir zu überlegen, war wir am praktischsten mit auf die Reise nehmen, damit ich nicht gar so viel zu schleppen habe.
Nun will ich für heute Schluß machen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                                   Konstanz, 5.7.41

Es ist schon wieder Abend geworden, ehe ich zum schreiben komme. Der Tag ist so schnell vergangen. Ich hatte auch allerhand zu tun, Kuchen backen, Treppe putzen, sauber machen, einkaufen fahren und dann haben wir auch noch gebadet. Trotzdem es draußen heiß war, habe ich mich doch auf ein warmes Bad sehr gefreut. Nach dem Bad habe ich die anfallende Wäsche von dieser Woche noch gewaschen und gekocht, da gerade noch Feuer war. So ist es nun, nachdem wir Abendbrot gegessen haben und die Kinder im Bett sind, 1/4 10 Uhr geworden.
Gestern ist es doch nichts mit dem Gewitter geworden und es ist so trocken wie zuvor. Heute ist es zwar auch wieder bewölkt, aber zum regnen ist es nicht gekommen. Es sieht nur immer gewittrig aus.
Draußen ist großer Betrieb. Kinder fangen Junikäfer. Da hat es unsere nicht ruhen lassen. Sie möchten gern mitmachen. So habe ich ihnen erlaubt, sich noch Mal anzuziehen. Jetzt rennen sie draußen herum.
Heute war bei Helga letzter Schultag. Jetzt hat sie 7 1/2 Wochen Ferien.
Vorhin ist Vater gekommen. Wir haben uns unterhalten und er sagte, ob ich bei Dir einmal anfragen könnte, ob es Dir möglich sei, für ihn ein Paar Schuhe zu besorgen. Ich sagte, daß es sicher sehr schwierig sei, aber ich würde es Dir schreiben. Die Nummer müßte eine Nummer kleiner sein, wie Du sie brauchst.
Vater hat sich über den Tabak von Dir sehr gefreut. Er ist nämlich rar.
Heute hat Nanni Vater besucht. Sie hat zu ihm gesagt, daß sie am Mittwochabend zu uns rauf kommen will.
Es ist jetzt 1/4 12 Uhr und ich habe noch gar nicht viel geschrieben. Vater ist aber noch da und wir haben uns unterhalten. Da kann man gar nicht richtig die Gedanken zusammen nehmen. Sei deshalb nicht böse, daß ich jetzt schließe. Ich möchte den Brief noch wegschaffen, damit er morgen früh mit fortkommt.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Samstag, 2. Juli 2016

Brief 183 vom 2./3.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 2.7.41  

Heute sind wir reich beschenkt worden. 5 Päckchen und 1 Brief trafen ein. Der Brief ist vom 26.6. und in ihm steht, daß Du 6 Päckchen abgeschickt hast. Also fehlt noch eins und zwar das mit Schokolade.
Mit den Schuhen hast Du es diesmal gut getroffen. Sie passen. Sie sitzen noch etwas straff an, aber das ist ja bei neuen Schuhen immer der Fall. Aber ich kann die Zehen richtig ausstrecken, das war bei den anderen Schuhen nicht der Fall. Sie gefallen mir auch sehr gut und ich danke Dir vielmals dafür.
Von den Pralinen haben wir auch einmal probiert. Das ist wirklich etwas Feines. Die sind sicher nicht billig gewesen. Für das Persil und die Fischkonserven danke ich Dir auch ebenfalls für das gesandte Papier. Wenn Du noch welches hast, kannst Du es schon schicken. Gebrauchen kann ich es schon und schreiben läßt es sich auch gut drauf.
Auf  das Buch „Rosendoktor“ freue ich mich auch. Das werde ich bald lesen.
Nun zu dem Tabak und den Zigarren. Wäre es Dir recht, wenn ich Vater einstweilen nur den Tabak gäbe und die Zigarren für den Geburtstag aufhebe. Ich weiß doch nicht, was ich ihm da schenken soll und das wäre doch etwas, was ihm bestimmt Freude macht. Denn so reichlich gibt es Zigarren auch nicht mehr.
Die Plakate hebe ich Dir auf. Die Feldzeitung und die Artikel vom Deutschen Theater in Lille interessieren mich auch. Die Unterhaltungsseite lese ich sehr gern. Die kleinen Geschichten gefallen mir immer.
Das glaube ich gern, daß Euch der Hund Eures Sonderführers schon manchen Spaß bereitet hat. Ich habe Hunde auch gern und die Kinder hätten sicher viel Freude, wenn wir solch einen Hund hätten, aber bei den jetzigen Zeiten möchte ich doch keinen. Vor allen Dingen dürfen wir im Haus ja auch keinen halten, das steht ja im Mietvertrag. Herr Zahn durfte seinen ja auch nur halten, weil er ihn vorher gehabt hat.
Mir geht es gesundheitlich wieder gut. Der Hals ist immer noch nicht ganz gut, aber da muß man Geduld haben. Beschwerden habe ich aber nicht mehr viel damit. Ich fahre auch schon wieder mit dem Rad, nur muß ich ein hochgeschlossenes Kleid oder Jacke anziehen. Da kommt mir die Strickbluse mit kurzen Ärmeln, die Du mir geschenkt hast, sehr zu statten. Die Arme sind frei, so daß es mir nicht zu heiß ist und dabei kann ich sie hoch schließen. Ich fahre natürlich nur langsam und den Buckel vom Friedhof zu uns rauf laufe ich. Das Fahren tut mir nämlich da nicht gut, da muß ich mich zu sehr anstrengen.
Gestern  war ich mit den Kindern im Garten. Wir haben bei den Erdbeeren Unkraut rausgerissen. Die waren während meiner Krankheit ganz verunkrautet, vor allem mit solchen Schlinggräsern verschiedener Sorten. Jetzt sieht es wieder ordentlich aus.
Nun Schluß für heute. Ich danke Dir nochmals für alle Päckchen und grüße und küsse Dich herzlich Deine Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                                  3.7.41

Einen Brief habe ich heute nicht von Dir bekommen. Zu beantworten habe ich also nichts. Aber gestern Nachmittag ist das Päckchen mit Schokolade noch eingetroffen, so daß also keins mehr unterwegs ist. Ich danke Dir auch für die Schokolade noch vielmals. Zur Freude der Kinder war auch eine Milchschokolade dabei.
Von den Eltern erhielt ich eine Karte, daß sie sich sehr auf unseren Besuch freuen. Ich soll ihnen noch schreiben, wann wir ankommen. Ich habe nun geschrieben, daß wir am Freitag, den 25. fortfahren wollen, weil ich denke, daß Samstag und Sonntag auf der Bahn noch mehr Betrieb ist und daß wir abends 3/4 9 Uhr ankommen. Hoffentlich bleiben wir alle gesund, damit alles klappt. Heute hat Helga das Zeugnis gebracht, es ist wieder gut ausgefallen. Sie will es Dir selber aufschreiben: zum vergleichen)           vom vorigen Mal            von heute
Betragen                                      gut                    gut
Fleiß u. Aufmerksamkeit            gut 2                   gut 2
Religion                                      gut 2                   gut 2
Lesen u. Sprachlehre                  gut 2                   gut 2
Rechtschreiben                           gut 2                   gut 2
Schönschreiben                          gut 2                   gut 2
Deutsche Sprache (Gesamtnote)gut 2                   gut 2
Größenlehre                               gut 2                   gut 2
Erdkunde (Heimatkunde)          gut 2                   gut 2
Gesang                                       gut 2                   gut 2
Handarbeiten            befriedigend   3                    gut 2

Liebes Vaterle!    Ich freue mich fest, daß ich wieder so eine gute Note bekommen habe.  
Du bist doch mit dem Zeugnis sicher auch zufrieden. Helga ist ganz strahlend heimgekommen.  Sie sagte heute auch, Vaterle hat mit noch gar nicht auf meinen Brief geantwortet. Wenn Du einmal Zeit hast, schreib ihr bitte. 
Lieber Ernst! Der Brief wird heute ein bißchen kurz. Nimm es bitte nicht übel. Ich will, nachdem ich eingekauft und den Brief weggeschafft habe, noch ein bißchen bügeln. Ich habe ziemlich viel da und will es auf mehrere Tage verteilen. Wenn ich da nicht bald anfange, geht es schon wieder zu Abendessen.
Sei also für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 182 vom 30.6./1.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                             30.6.41      

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 28.6. Der ist schnell angekommen.
Leider habe ich lesen müssen, daß Du Dich auch dort herumärgern mußt. Es muß eben immer etwas sein. Nimm es nur nicht so schwer.
Du meintest, wir sollten doch einmal zur Mainau fahren. Vielleicht laufen wir einmal hin. Das Fahren kostet mir diesen Monat zu viel, denn ich muß ziemlich das Geld zusammenhalten, wenn wir verreisen wollen. Ich habe mich heute erkundigt. Eine Fahrt kostet für mich 30,7oMk. Beide Kinder zusammen kosten auch soviel. Das ist für Hin- und Rückfahrt über 120,- Rückfahrkarten gibt es ja nicht und auf dem Fahrpreis ist halt noch Kriegssteuer drauf. Ein paar Mark möchte ich auch so noch zum Verbrauchen haben. 45,- Fahrtgeld habe ich bis jetzt. Am 15. kann ich vom Gehalt noch 80,- nehmen. Ich weiß ja nicht genau, wie viel ich ausgezahlt bekomme, aber 196,- wie voriges Mal bestimmt.
Heute habe ich auch den Gehaltszettel bekommen. Er lautet:
Gehalt (was ich ausgezahlt bekomme)    267,09
Einkommensteuer                                     14,30
Bürgersteuer                                                2,-
Miete                                                         37,70
Angestelltenw.                                            6,-
Arbeitsfront                                                3,80
Zusatzversorgung                                       6,85                   
Abzüge                                                      70,65                               
                                                          __________                               
                                                                 196,44
Wenn übrigens alles klappt, fahren wir vielleicht am Freitag, den 25.7. Ich denke, daß am Samstag sicher noch mehr Betrieb sein wird. Ich habe mich heute auch nach dem Zug erkundigt. Wir könnten um 8,06 Uhr wegfahren und wären abends 20,45 in Leipzig. Das wäre doch günstig.
Ich habe heute ein Päckchen an Dich abgeschickt. Morgen folgen noch zwei. Es sind aber nur Kleinigkeiten, die wir Dir schicken konnten. Man ist gar nicht mehr im Bild, was Du eigentlich hast und was Du brauchen könntest.
Auf der Post sagten sie mir heute, nach Westen werden Päckchen angenommen, nur nach dem Osten noch nicht.
Heute kamen 2 Päckchen von Kurt, er hat verschiedene Sachen zum Aufheben zurückgeschickt. Bonbons für die Kinder waren auch dabei. Nun lag auch ein seidener Schal dabei, vielmehr kein Schal, sondern ein viereckiges Tuch, wie Du mir welche geschenkt hast. Jetzt weiß ich nicht, soll das für mich sein, oder soll ich es mit aufheben. Er schreibt in den Briefen nie etwas dazu. Bedanke ich mich  nun und es ist nicht für mich bestimmt denkt er, die ist frech, bedanke ich mich nicht und es gehört mir, denkt er, ich bin undankbar. Was soll ich machen. Anfragen möchte ich auch nicht, denn bei seiner Wesensart denkt er dann, er muß es mir geben.
Ich denke gerade daran, Du hattest einmal gefragt, ob ich die Schuhe von Helga, die Du geschickt hast, praktisch finde. Das kann ich wohl sagen. Sie sehen immer ordentlich aus, sind leicht sauber zu machen und Helga kann sehr gut darin laufen.
Ich will jetzt noch eine Weile in den Garten gehen und die Erde lockern. Lange geht es ja nicht, es ist bereits abends 1/2 8 Uhr. Aber das ist gerade recht, denn zuviel kann ich doch nicht machen.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Mann!                                                                                         1.7.41

Heute erhielt ich Deinen  lieben Brief vom 27.6. Ich habe darin gelesen, daß es Dir tatsächlich nicht an Arbeit mangelt.
Wieso bist Du außer dem Assessor der einzige Beamte? Was sind die anderen?
Gestern Abend bin ich noch in den Garten gegangen. Jörg hat mir fest geholfen. Wir haben alles gehackt und hinterher noch Erdbeeren geholt. 2 Pfund haben wir wieder geerntet. Das ist jetzt immer unser Abendbrot. Wurst essen wir gar icht mehr. Ich habe jetzt meist soviel Fleischmarken übrig, daß ich Vater eine ganze Karte geben kann. Er ist mir nicht böse deshalb. Er ißt doch meistens Fleisch, denn wenn er Gemüse machten wollte, könnte er nachts um 12 essen. Als Vater zu Pfingsten für mich die Kartoffeln geschält hat, brauchte er für 12 - 14 Stück über eine Stunde. Da kannst du Dir denken, wie viel Zeit er für Gemüse brauchte. Wir sind aber gerade froh, daß es wieder frisches Gemüse gibt. Das ist schön, wenn man einen eigenen Garten hat.
Ich schrieb Dir doch gestern von dem Tuch, das Kurt geschickt hat. Ich zeigte es gestern Vater. Er will von sich aus einmal bei Kurt anfragen, für wen es bestimmt ist. An Vater kann er dann besser schreiben, wenn es nicht für mich ist.
Seit heute besteht die Bodensee-Zeitung nicht mehr. Sie ist von der Rundschau aufgekauft worden. Jetzt besteht die hier noch ganz allein.
Gestern hat Kurt zum Aufheben noch 2 Buchhalter (ich weiß nicht, wie man es richtig nennt) geschickt. Weißt Du, die man so rechts und links an die Bücher stellt, daß sie nicht umfallen. Die gefallen mir sehr gut, da hat er einen guten Geschmack gehabt. Sie stellen eine Frau und einen Mann dar, geschnitzt in dunkel gebeiztem Holz, nur die Gesichter sind hell gebeizt. Das hat sogar die Anerkennung Deines Vaters gefunden.
Bei uns im Garten ist jetzt der Salat, den ich gesetzt habe, soweit, daß man ihn essen kann. Das ist immer etwas Gutes. Man muß ihn nur hintereinander verbrauchen, sonst schießt er. Wir haben jetzt wieder meist sonniges Wetter, nach dem es ein paar Tage etwas trüb war.
Ich muß jetzt schließen, denn ich muß noch für uns und Vater die Gasrechnung bezahlen. Da wird um 3 Uhr geschlossen. Ich war schon gestern drin und hatte gar nicht daran gedacht, daß am letzten Tag im Monat geschlossen ist.  Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 28. Juni 2016

Brief 181 vom 28./29.6.1941


Mein lieber Schatz!                                                                                   28.6.         

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief 22./23./24.6., der hat mich fest gefreut. Vor allen Dingen ist die Sorge, daß Du böse sein würdest wenn wir verreisen, von mir genommen Ich habe direkt aufgeatmet. Sehr freuen tue ich mich über den Brief von der Stadt. Es ist doch wenigstens einmal ein Fortschritt. Man sieht doch einmal, daß sie nicht ganz bockbeinig gewesen sind und Deine viele Mühe beim lernen wird doch wenigstens belohnt.
Nun will ich den Brief erst einmal der Reihe nach beantworten. Ich muß Dir offen sagen, daß ich sehr ungern ein Pflichtjahrmädel nehmen würde. Du weißt, ich bin sehr gern allein und es würde mich quälen, dauernd einen fremden Menschen um mich zu haben. Wegen Dora, das überlege ich mir noch. Zuerst wollen wir einmal verreisen. Du meintest nun, wir sollten uns mit den Eltern im Urlaub treffen. Das geht nicht gut, denn sie bleiben ja nicht an einem Ort. Außerdem ist es mir lieber, wir fahren direkt nach Leipzig. Da könnte ich mich doch auch einmal ausruhen, wenn es mir zu viel wird. Unterwegs könnte ich das nicht. Außerdem möchte ich gern, daß die Kinder Leipzig ein bißchen kennen lernen. In den Zoo und zum Völkerschlachtdenkmal möchte ich mit ihnen gehen. Also, wenn Du nichts dagegen hast, fahren wir nach Leipzig.
Mein Aussehen ist jetzt nicht mehr so schlecht. Da habe ich schon ziemlich aufgeholt. Auch so geht es mir ganz gut. Nur darf ich noch nicht so viel schaffen oder mich aufregen, sonst tut es mir das Rückgrad runter noch ziemlich weh. Das ist die Schwäche.
Bei Jörg werde ich es also nicht so tragisch nehmen, wenn er noch so verspielt ist. Wenn es, wie Du schreibst, in Eurer Art liegt, daß Ihr ein wenig länger braucht, bis Ihr Euch reingefunden habt, so mache ich mir keine Sorgen mehr, denn Du bist ja auch ein so lieber und rechter Kerl geworden. Aufmuntern tu ich ihn ja immer wieder, denn das kann nichts schaden.
Wie ist das jetzt mit dem Gehalt? Ausbezahlt werden 255,68. Dazu kommen 2 x 20 Mk = 295,68. Bis jetzt war der Grundgehalt (nachdem die % wieder dazugekommen sind) 281,58. Das wären ca. 14,-Mk mehr. Wieso kommen nun die Beiträge zur Zusatzversorgung, Arbeitslosenversicherung und Angestelltenversicherung in Fortfall? Müssen wir da etwas anderes zahlen? Wenn Du später ja wieder als Angestellter gerechnet würdest, würde da die Angestelltenversicherung, die wir bis jetzt bezahlt haben, mit angerechnet? In derselben Krankenkasse können wir doch bleiben, nicht wahr?
Vielleicht sind einige dumme Fragen dabei, aber ich möchte gern über alles Bescheid wissen.
Mit dem Einkochen der Marmelade mache ich mir diesmal nicht so viel Arbeit, ich muß mich nach dem Zucker richten.
Auch so im Allgemeinen tu ich jetzt nur das, was notwendig ist. Es hat ja keinen Zweck, daß ich mich überanstrenge und dann liege ich wieder fest.
Wir müssen jetzt auch die Kartoffelfelder nachsehen, denn auf der Reichenau haben sie Kartoffelkäfer gefunden.  Die Viecher sind doch überall.
Die Bilder, die Du mir geschickt hast, sind prima. Ich kann Dich darauf gar nicht oft genug ansehen. Fein siehst Du darauf aus. Wie immer.
Heute Mittag ist nu die Küche fertig geworden. Man erkennt sie gar nicht wieder. Alle Türen sind weiß gestrichen. Du wirst staunen, wenn Du einmal auf Urlaub kommst.
Vorhin habe ich im Radio gehört, daß die Postsperre, wenigstens für Briefe, aufgehoben ist. Bei Päckchen ist es ja nicht sicher, ob sie angenommen werden.
Ich möchte Dir deshalb vor allen Dingen wenigstens mit Brief alles Gute zum Geburtstag wünschen. Bleib immer gesund und komm uns wieder. Das ist eigentlich jetzt das wichtigste. Verlebe auch Deinen Geburtstag so froh wie möglich. Wir werden in Gedanken immer bei Dir sein. Ein kleines Päckchen schicke ich am Montag an Dich ab. Ich werde ja sehen, ob es mir abgenommen wird.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Ich bin so froh, daß ich wieder an Dich schreiben kann.

Lieber Vater! Auch wir wünschen Dir viel Glück und Freude, daß Du Dein Geburtstag recht gut erlebst. Viele Grüße und Millionen Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Gerade erhielt ich Deinen Brief, da ich in die Stadt will, beantworte ich ihn morgen


Mein liebster Ernst!                                                                                               29.6.

Heute komme ich erst am Abend dazu, an Dich zu schreiben und Dir auf Deinen lieben Brief vom 25.6. zu antworten. Wir waren nämlich auf dem Flugplatz. Es war ein Flugwerbetag. Zu sehen war ein Bomber, ein Zerstörer, noch einige kleinere Flugzeuge, bei denen ich mich nicht so auskenne. Auch einige Segelflugzeuge waren da. Jörg wäre am liebsten schon heute Morgen gegangen, so war er auf die Flugzeuge gespannt. Wir haben aber erst Mittag gegessen und dann habe ich noch 3/4 Stunde geschlafen, da ich sehr kaputt war. das Schlafen hat mir gut getan. Hinterher war ich ganz frisch. Gegen 3 Uhr sind wir fort. Es war interessant. Der Bomber, der Zerstörer, der Doppeldecker und noch ein Flieger haben Flüge ausgeführt. Wenn der Zerstörer im Tiefflug über den Platz gerast ist, hat man richtig den Kopf eingezogen.
Gestern ist leider beim fliegen ein Unglück passiert. Ein Segelflieger ist beim Gottmannplatz abgestürzt. Soviel ich gehört habe, soll es ihm ein Bein weggerissen haben. Vielleicht steht morgen davon etwas in der Zeitung.
Heute haben wir Erbsen aus unserem Garten gegessen. Das schmeckt gleich noch einmal so gut. Auch 2 Pfund Erdbeeren haben wir wieder geerntet. Die Johannisbeeren werden schon rot. Da wird es bis zur Ernte auch nicht mehr solange dauern. Nur fallen welche so ab. Herr Steinmehl fragte mich schon einmal, ob es bei uns auch so sei, bei ihm fielen auch welche ab, die seien erfroren. Ich weiß ja nicht, ob es der Fall ist.
Du hattest mir doch vor ein paar Tagen Dein Gewicht mit 66,5 kg geschrieben. Da habe ich mich nun gestern auch gewogen und habe feststellen müssen, daß ich mit Kleidern weniger wiege als Du ohne Kleider, nämlich 65,5 kg. Im März habe ich noch 139 Pfund gewogen. 8 Pfund habe ich während meiner Krankheit verloren. Da schadet es, glaub ich, nicht, wenn ich wieder ein bißchen aufhole.
Du wirst sicher heute auch die verschiedenen Sondermeldungen gehört haben. Was haben unsere Soldaten da wieder für Leistungen vollbracht. Wenn die Russen zu uns ins Land gekommen wären, hätten wir ja etwas erleben können. Wir können dem Führer und den Soldaten gar nicht dankbar genug sein, daß wir das nicht durchmachen müssen.
Nun zu Deinem Brief. Ich war auch froh, daß ich Dir vor der Postsperre noch mitteilen konnte, daß es mir besser geht. So mußtest Du Dich nicht so lange sorgen.
Ich wollte ja morgen zum Geburtstag ein Päckchen an Dich abschicken. Jetzt werde ich aber doch lieber morgen auf der Post erst fragen, ob sie Päckchen annehmen. Sonst  werde ich es, soweit möglich, aufteilen. Du wirst sicher nicht böse sein, wenn das Päckchen einen Tag später ankommt. Rechtzeitig kommt es doch nicht mehr hin.
Übrigens, diesen Monat habe ich den Gehaltszettel noch gar nicht bekommen. Ich habe das Fräulein gestern angerufen, ob er noch bei ihr ist. Ja, der sei noch da, ob sie ihn mir zuschicken sollte. Ich sagte, das sei mir schon recht.
Ich will das nämlich nicht einführen, daß ich ihn jedes Mal hole.
Nun schließe ich wieder für heute. Es ist 9 Uhr. Die Kinder gehen gerade ins Bett und ich will es nachher auch gleich tun. Vorher schaffe ich nur noch den Brief fort. Da wird er gleich morgen früh abgeholt.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Sollte dieser Brief zu Deinem Geburtstag ankommen, so wünsche ich Dir nochmals, daß Du Deinen Geburtstag froh verlebst.

Samstag, 25. Juni 2016

Brief 180 vom 25./26./27.6.1941


                                                                                                                      25.6.    

Ach Ernst, ich bin in ziemlichen Schwierigkeiten. Meine Eltern hatten doch geschrieben, wir sollten sie besuchen. Ich hatte ja darauf geantwortet, daß es nicht ginge. Nun hatte ich aber erwähnt, daß es im August eher gegangen wäre, daß sie ja da aber verreisen. Heute erhalte ich nun von meiner Mutter eine Karte, daß wir doch dann im August kommen sollen, sie würden dann nicht fortfahren. Das ist ja schon ein ziemliches Opfer, das sie da bringen. Ich habe niemals daran gedacht, daß sie wegen uns die Reise aufgeben würden. Wenn ich Dich nur da hätte, daß ich Dich um Rat fragen könnte. Einesteils würde ich mit den Kindern ganz gern hinfahren, nachdem ich sehe, daß ihnen soviel daran liegt. Andernteils weiß ich nun gar nicht, ob es Dir auch recht ist, denn es kostet doch ziemlich viel. Das Geld hätte ich ja zusammen, ohne daß ich von der Kasse etwas holen brauchte. Ich würde ja vor allen Dingen meine Mutter ganz gern einmal sehen, denn sie ist auch schon älter und man weiß nicht, wie lange man sie noch hat. Meine Eltern möchten nun gleich Bescheid, damit sie ihre Reise absagen. Ich möchte nun schreiben, daß wir am 26.7. hier fortfahren und auf 14 Tage hinkommen würden. Wenn ich nur wüßte, ob Du mir nicht böse bist. Ich habe richtige Angst davor. Ach, lieber Ernst, sei bitte nicht böse, daß ich so selbständig handle, aber ich habe jetzt einfach keine Möglichkeit, mich mit Dir zu beraten. Und nun besteht auch noch die Postsperre. Da kannst Du mir noch viel später Bescheid geben, ob Du mit allem einverstanden bist. Ich war auch ein Esel, daß ich geschrieben habe, daß es im August besser gepaßt hätte, aber ich weiß jetzt wirklich nicht, was ich als Ausrede schreiben sollte. Ach Ernst, die größte Sorge macht mir, was Du dazu sagst, daß wir so einfach fortfahren  und Dein Geld dabei so einfach ausgeben. Hoffentlich kommst Du nicht gerade während dieser 14 Tage auf Urlaub, denn ich möchte alle Urlaubstage mit Dir verbringen und es würde mich ewig reuen, wenn ich einen davon versäumen würde. Wenn ich nur schon Bescheid von Dir hätte. Das quält mich jetzt sehr. Wenn ich nur eine Möglichkeit sehen würde, daß ich mit Dir reden könnte, ehe ich an die Eltern schreibe. Aber es geht einfach nicht. Was wirst du wohl von mir denken, daß ich so einfach verreisen will. Meine Gedanken gehen wie ein Mühlrad im Kopf herum. Am begeistertsten sind die Kinder. Die würden am liebsten schon morgen fahren. Ehe ich nicht weiß, wie Du zu der Angelegenheit stehst, kann ich mich noch gar nicht darauf freuen. Ich verstehe natürlich, daß die Eltern gern wieder einmal die Kinder sehen möchten, sie haben ja bisher nicht viel von ihnen gehabt. Aber wenn ich wüßte, Dir wäre es nicht recht, würde ich nicht fahren. Ich bitte Dich, lieber Ernst, sei mir bitte nicht so sehr böse. Ich werde schon zusehen, daß ich das Geld wieder herein bekomme. Es ist mir schrecklich, daß ich es jetzt selber entscheiden muß, daß wir fahren. Aber wenn die Postsperre auch nur eine Woche dauern würde, könntest Du mir doch erst kurz vor der Reise Bescheid geben und dann ist es für die Eltern schon zu spät.
Weißt Du, ich habe direkt ein bißchen Angst, fortzufahren. Hier in unserer Wohnung ist mir alles so vertraut und so vieles erinnert an Dich. Das werde ich alles sehr vermissen.  

                                                                                                                      26.6.
Heute erhielt ich gleich 2 Briefe von Dir. Das war eine Freude. Sie sind vom 18. und 21.6.
Mit den Schuhen für mich hast Du viel Lauferei. Bei den Kindern hat es so schön geklappt. Dir wird dadurch bald das ganze kaufen verleidet sein.
Du wirst sicher nicht böse sein, wenn Du früh nicht mit antreten mußt.
Ich habe mich jetzt schon oft daran erinnert, wie wir miteinander so weit geschwommen sind. Das war immer so schön. Ich kann es ja dieses Jahr auch nicht. Mit ist schon der Weg zu weit und mit dem schwimmen würde ich sicher nicht weit kommen. Ich habe es aber doch insoweit gut, daß ich keine dicke Uniform anhaben muß. Ich kann es mir doch leicht machen. Die Soldaten, die jetzt in Rußland kämpfen müssen, haben es ja am schwersten. Man glaubt gar nicht, daß das ein Mensch aushalten kann, bei dieser Hitze marschieren und kämpfen.

                                                                                                                     27.6.
Gestern kam auf einmal der Maler und sagte, daß heute Morgen die Küche gestrichen wird. Ich hatte schon längst nicht mehr damit gerechnet. Das hat nun gestern eine Räumerei gegeben. Den Schrank habe ich ja in der Küche gelassen. Heute Morgen ging es nun los. Das sieht schön aus. Den ganzen Tag habe ich aufputzen müssen. Jetzt, am Mittag, ist 3/4 der Küche abgewaschen und abgeschabt. Bis heute Abend wird wahrscheinlich die Küche geweißt sein. Ich bin ja froh, wenn die Malerei vorbei ist. Bei der vielen Putzerei und Räumerei merke ich wieder, daß ich noch nicht ganz gesund bin. Ich bin ganz müd.
Heute haben wir beim Holen der Lebensmittelkarten einen Schein mitbekommen, da müssen wir ausfüllen, wie viele Räder man hat und zu was man sie braucht. Soviel ich gehört habe, muß man evtl. die Räder oder die Bereifung abgeben.
Es ist nun Abend geworden, Gott sei Dank. Das Schlimmste ist nun vorbei. Die Decke ist geweißt, der Sockel und die Türen sind zum ersten Mal gestrichen. Bis morgen Mittag soll alles fertig sein. Schön wird ja die Küche, das sieht man schon jetzt.
Bei uns war es die letzten Tage sehr heiß. Da hat es vorgestern  Abend und gestern Nachmittag Gewitter gegeben. Dabei hat es ausgiebig geregnet. Das ist eine  große Erleichterung, da brauche ich nicht jeden Tag gießen. Ich habe die Gelegenheit auch benutzt, um Kohlrabi, Weißkraut und Rotkraut zu setzen. Einen Teil hatten mir ja vorher schon Leimenstolls gesetzt. Die Tomaten wachsen jetzt auch gut, ebenso die anderen Sachen. In den nächsten Tagen kann ich im Garten  schon Erbsen holen. Heute sind bei den Brombeeren die allerersten Blüten aufgegangen.
Bis jetzt haben wir ca. 8 Pfund Erdbeeren geerntet. Wir haben die letzten Tage abends Erdbeeren mit Milch gegessen. Das schmeckt!
Dein Geburtstag kommt immer näher und wir können Dir einfach nichts schicken, solange die Postsperre besteht. So mußt Du Deinen Geburtstag sicher ohne einen Gruß aus der Heimat verbringen.