Samstag, 25. Juni 2016

Brief 180 vom 25./26./27.6.1941


                                                                                                                      25.6.    

Ach Ernst, ich bin in ziemlichen Schwierigkeiten. Meine Eltern hatten doch geschrieben, wir sollten sie besuchen. Ich hatte ja darauf geantwortet, daß es nicht ginge. Nun hatte ich aber erwähnt, daß es im August eher gegangen wäre, daß sie ja da aber verreisen. Heute erhalte ich nun von meiner Mutter eine Karte, daß wir doch dann im August kommen sollen, sie würden dann nicht fortfahren. Das ist ja schon ein ziemliches Opfer, das sie da bringen. Ich habe niemals daran gedacht, daß sie wegen uns die Reise aufgeben würden. Wenn ich Dich nur da hätte, daß ich Dich um Rat fragen könnte. Einesteils würde ich mit den Kindern ganz gern hinfahren, nachdem ich sehe, daß ihnen soviel daran liegt. Andernteils weiß ich nun gar nicht, ob es Dir auch recht ist, denn es kostet doch ziemlich viel. Das Geld hätte ich ja zusammen, ohne daß ich von der Kasse etwas holen brauchte. Ich würde ja vor allen Dingen meine Mutter ganz gern einmal sehen, denn sie ist auch schon älter und man weiß nicht, wie lange man sie noch hat. Meine Eltern möchten nun gleich Bescheid, damit sie ihre Reise absagen. Ich möchte nun schreiben, daß wir am 26.7. hier fortfahren und auf 14 Tage hinkommen würden. Wenn ich nur wüßte, ob Du mir nicht böse bist. Ich habe richtige Angst davor. Ach, lieber Ernst, sei bitte nicht böse, daß ich so selbständig handle, aber ich habe jetzt einfach keine Möglichkeit, mich mit Dir zu beraten. Und nun besteht auch noch die Postsperre. Da kannst Du mir noch viel später Bescheid geben, ob Du mit allem einverstanden bist. Ich war auch ein Esel, daß ich geschrieben habe, daß es im August besser gepaßt hätte, aber ich weiß jetzt wirklich nicht, was ich als Ausrede schreiben sollte. Ach Ernst, die größte Sorge macht mir, was Du dazu sagst, daß wir so einfach fortfahren  und Dein Geld dabei so einfach ausgeben. Hoffentlich kommst Du nicht gerade während dieser 14 Tage auf Urlaub, denn ich möchte alle Urlaubstage mit Dir verbringen und es würde mich ewig reuen, wenn ich einen davon versäumen würde. Wenn ich nur schon Bescheid von Dir hätte. Das quält mich jetzt sehr. Wenn ich nur eine Möglichkeit sehen würde, daß ich mit Dir reden könnte, ehe ich an die Eltern schreibe. Aber es geht einfach nicht. Was wirst du wohl von mir denken, daß ich so einfach verreisen will. Meine Gedanken gehen wie ein Mühlrad im Kopf herum. Am begeistertsten sind die Kinder. Die würden am liebsten schon morgen fahren. Ehe ich nicht weiß, wie Du zu der Angelegenheit stehst, kann ich mich noch gar nicht darauf freuen. Ich verstehe natürlich, daß die Eltern gern wieder einmal die Kinder sehen möchten, sie haben ja bisher nicht viel von ihnen gehabt. Aber wenn ich wüßte, Dir wäre es nicht recht, würde ich nicht fahren. Ich bitte Dich, lieber Ernst, sei mir bitte nicht so sehr böse. Ich werde schon zusehen, daß ich das Geld wieder herein bekomme. Es ist mir schrecklich, daß ich es jetzt selber entscheiden muß, daß wir fahren. Aber wenn die Postsperre auch nur eine Woche dauern würde, könntest Du mir doch erst kurz vor der Reise Bescheid geben und dann ist es für die Eltern schon zu spät.
Weißt Du, ich habe direkt ein bißchen Angst, fortzufahren. Hier in unserer Wohnung ist mir alles so vertraut und so vieles erinnert an Dich. Das werde ich alles sehr vermissen.  

                                                                                                                      26.6.
Heute erhielt ich gleich 2 Briefe von Dir. Das war eine Freude. Sie sind vom 18. und 21.6.
Mit den Schuhen für mich hast Du viel Lauferei. Bei den Kindern hat es so schön geklappt. Dir wird dadurch bald das ganze kaufen verleidet sein.
Du wirst sicher nicht böse sein, wenn Du früh nicht mit antreten mußt.
Ich habe mich jetzt schon oft daran erinnert, wie wir miteinander so weit geschwommen sind. Das war immer so schön. Ich kann es ja dieses Jahr auch nicht. Mit ist schon der Weg zu weit und mit dem schwimmen würde ich sicher nicht weit kommen. Ich habe es aber doch insoweit gut, daß ich keine dicke Uniform anhaben muß. Ich kann es mir doch leicht machen. Die Soldaten, die jetzt in Rußland kämpfen müssen, haben es ja am schwersten. Man glaubt gar nicht, daß das ein Mensch aushalten kann, bei dieser Hitze marschieren und kämpfen.

                                                                                                                     27.6.
Gestern kam auf einmal der Maler und sagte, daß heute Morgen die Küche gestrichen wird. Ich hatte schon längst nicht mehr damit gerechnet. Das hat nun gestern eine Räumerei gegeben. Den Schrank habe ich ja in der Küche gelassen. Heute Morgen ging es nun los. Das sieht schön aus. Den ganzen Tag habe ich aufputzen müssen. Jetzt, am Mittag, ist 3/4 der Küche abgewaschen und abgeschabt. Bis heute Abend wird wahrscheinlich die Küche geweißt sein. Ich bin ja froh, wenn die Malerei vorbei ist. Bei der vielen Putzerei und Räumerei merke ich wieder, daß ich noch nicht ganz gesund bin. Ich bin ganz müd.
Heute haben wir beim Holen der Lebensmittelkarten einen Schein mitbekommen, da müssen wir ausfüllen, wie viele Räder man hat und zu was man sie braucht. Soviel ich gehört habe, muß man evtl. die Räder oder die Bereifung abgeben.
Es ist nun Abend geworden, Gott sei Dank. Das Schlimmste ist nun vorbei. Die Decke ist geweißt, der Sockel und die Türen sind zum ersten Mal gestrichen. Bis morgen Mittag soll alles fertig sein. Schön wird ja die Küche, das sieht man schon jetzt.
Bei uns war es die letzten Tage sehr heiß. Da hat es vorgestern  Abend und gestern Nachmittag Gewitter gegeben. Dabei hat es ausgiebig geregnet. Das ist eine  große Erleichterung, da brauche ich nicht jeden Tag gießen. Ich habe die Gelegenheit auch benutzt, um Kohlrabi, Weißkraut und Rotkraut zu setzen. Einen Teil hatten mir ja vorher schon Leimenstolls gesetzt. Die Tomaten wachsen jetzt auch gut, ebenso die anderen Sachen. In den nächsten Tagen kann ich im Garten  schon Erbsen holen. Heute sind bei den Brombeeren die allerersten Blüten aufgegangen.
Bis jetzt haben wir ca. 8 Pfund Erdbeeren geerntet. Wir haben die letzten Tage abends Erdbeeren mit Milch gegessen. Das schmeckt!
Dein Geburtstag kommt immer näher und wir können Dir einfach nichts schicken, solange die Postsperre besteht. So mußt Du Deinen Geburtstag sicher ohne einen Gruß aus der Heimat verbringen.

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