Dienstag, 21. Juni 2016

Brief 178 vom 20./21.06.1941


Mein lieber Ernst!                                                                     Konstanz, den 20.6.41    

Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 16.6., in dem Du mich auf meine Stilblüte aufmerksam machst. Als ich den Satz von dem Mist jetzt wieder gelesen habe, mußte ich tatsächlich selber lachen. Du bist doch ein Kerl, natürlich bezieht sich der Mist auf den, der im Garten liegt. Die Krankheit ist zwar auch nicht viel besseres, aber die kann ich ja nicht mit Erde zudecken.
Aus Deinem Brief klingt ja nicht viel Begeisterung über Dein neues Zimmer. Sehr schön muß es also nicht sein. Es darf einem eben nicht zu wohl werden. Das war ja eine reine Verzweiflungstat, wie Du Deinen Umzug gefeiert hast.
Heute Morgen war ich nun beim Arzt. Erst bin  ich mit Jörg in die Stadt gefahren, dann sind wir zur Post gegangen und haben den gestrigen Brief weggeschafft. Hinterher war ich beim Haisch wegen einem 5farbigen Stift. Sie hatten nur 4farbige und auch nur noch 2 Stück. Der war mir aber zu teuer, er kostete 7,75 Mk. Dabei waren die Farben noch außen zu drehen, wie kleine Zahnräder. Das reißt doch die Jackentasche mit der Zeit auf. Ich bin dann noch in 3 Geschäfte gegangen. Bei allen waren nur 4farbige Stifte zu haben. Es gab auch davon überall nur einzelne Stücke, weil sie nur den Bestand verkaufen können und keine neuen Lieferungen bekommen. In einem Geschäft hatten sie einen zu 4,20. Der hätte mir ganz gut gefallen, aber da funktionierte die blaue Farbe  nicht richtig, sie blieb immer hängen. Das nützte mir natürlich nichts. Ich habe nun einen gekauft, der, soviel ich mich erinnern kann, der Art, wie Du ihn hast am nächsten kommt. Es sind aber auch nur 4 Farben und kostet 5,75. Ich weiß nun nicht, ob er Dir recht ist. Unter diesem Preis war nichts zu haben. Ich schicke ihn Dir nun zu. Solltest Du ihn nicht brauchen, so bringst Du ihn später wieder mit, ich kann mir denken, daß Kurt oder Siegfried über so ein Geschenk sicher erfreut wären.
Nachdem wir so umeinander gelaufen waren, sind wir zum Doktor gegangen. Er war mit der Besserung meines Gesundheitszustandes zufrieden. Ich habe ihn nun gefragt, ob das Schwitzen gut sei. Er sagt, das sei eben eine Reaktion des Körpers, aber jetzt sollte es bald aufhören. Ich habe ihn auch gefragt, ob ich etwas am Herzen habe. Er sagte aber, dass das nicht der Fall sei, es sei nur durch das husten angestrengt gewesen. Ich habe dann gleich wegen Jörg mit gefragt, weil er doch auch oft nachts so schwitzt und auch öfter hustet. Er hat ihn auch gleich mit abgehorcht, konnte aber nichts finden. Er meinte, ich solle ihm ruhig einmal mit von dem Hustensaft geben. Er denkt, dass sich der Hals jett bald bessern wird und wenn ich soweit wieder hergestellt bin, soll ich mit Jörg noch einmal hinkommen, da will er uns zu meiner Beruhigung einmal durchleuchten, damit man sieht, dass nichts zurückgeblieben ist. Ich merke auch, daß es besser wird, denn ich bin heute, trotz des Herumlaufens wohl müde aber doch nicht elend wie voriges Mal nach hause gekommen. Zu diesem guten Fortschritt trägt auch viel das gute Wetter bei.
Vorhin habe ich den Kindern Wasser herausgesellt. Da können sie nachher noch ein bißchen drin herumplanschen. Jeden Tag kann ich ja noch kein Wasser herausstellen, denn es ist doch eine ziemliche Schlepperei. Unsere Beiden haben es sich heute wieder leicht gemacht. Sie haben nur ihre Badehose an. Jörg ist gerade beim baden. Gerade, als ich geschrieben habe, daß sie nachher herumplanschen können, ist er ins Wasser gestiegen. Dazu hat er sich ein kleines Schiffchen geholt zum spielen. Helga badet nachher, sie spielt gerade noch mit anderen Kindern. Jetzt tun auch die großen Sonnenhüte gute Dienste, da bekommen die Kinder wenigstens keinen Sonnenbrand auf den Schultern.  Die Sonnenhüte haben wir jetzt eigentlich auch schon lange. Die haben schon manche Fahrt mitgemacht. Als Jörg noch ganz klein war, haben wir ihn doch einmal mit dem Hut photografiert, wo er so schrecklich heult. Wir haben uns das Bild gerade vor kurzem wieder angesehen. Und jetzt ist er schon ein so großer Kerl.
Lieber Ernst, es wird Dir doch sicher nicht ausmachen, wenn ich Dir morgen den Farbenstift zuschicke. Es ist heute sehr heiß und ich möchte die Kinder, die doch beim baden und spielen sind, nicht gern noch bis zur Petershauser Post schicken. Morgen müssen wir sowieso einkaufen, da geht es dann in einem.
Du hattest an die Eltern wegen eines Taschennotizkalenders geschrieben. Sie konnten Dir ja keinen besorgen. Ich bin heute Morgen auch noch einmal in allen Geschäften gewesen (Stadler hat vorübergehend zu) und habe keinen bekommen können. Es sind ihnen so wenig angeliefert worden, dass sie gleich in den ersten Tagen des Jahres weg waren.
Nun möchte ich Dich doch bitten, mit einmal zu schreiben, was Du Dir zum Geburtstag wünschst. Sollte Deine Antwort nicht mehr rechtzeitig eintreffen, da Ihr ja jetzt so langsam Post erhaltet, so würde ich es Dir eben nachträglich kaufen. Ich schließe jetzt für heute. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküsst on Deiner Annie.

Mein lieber Ernst                                                                                  Konstanz, 21.6.4

Ich bekam heute Deinen lieben Brief vom 17.6. Du machst mir darin den Vorschlag, doch zu einem Arzt zu gehen. Das habe ich ja inzwischen getan. Ich kann mit Freude feststellen, daß es jetzt schneller mit meinen Kräften aufwärts geht. Das kommt auch daher, daß ich jetzt wieder essen und schlafen kann.
Von heute an ist für ei paar Tage der Zirkus Hagenbeck hier. Da ich mich soweit wohl fühle, habe ich den Kindern versprochen, mit ihnen hinzugehen. Ich habe heute die Karten besorgt. Wir wollen morgen Nachmittag gehen. Ich bin heute gleich mit einkaufen gegangen und bin von der Stadt aus bis zur Wilhelmstraße  gelaufen, da ich da verschiedenes zu besorgen hatte. Dann war allerdings meine Kraft zu Ende und ich habe bis heim noch mit dem Omnibus fahren müssen. Aber ich bin doch schon ein ganzes Stück gelaufen, nicht wahr?
Es ist ein schönes Gefühl, wenn man merkt, man wird wieder gesund. Der Hals ist zwar noch nicht gut, aber so sehr schlimm ist es auch nicht mehr und ich bin sehr vorsichtig, daß ich mich nicht von neuem erkälte. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis ich ganz gesund bin, aber ich bin doch nicht mehr ganz so hinfällig. Vielleicht wirst Du Dich über meine Schrift wundern, aber die Hand will immer noch nicht so, wie ich will.
Ich freue mich schon auf meine Schuhe. Hoffentlich passen sie mir. Ich würde sie ungern verkaufen. Ich möchte doch auch etwas Schönes haben.
Inzwischen wirst Du sicher die 30,- bekommen haben, so daß Dein Geldbeutel wieder etwas aufgefüllt wird.
Der Gefreite, von dem Du schreibst, hat ja wirklich ein ziemlich großes Maul gehabt. Der Hauptmann muß schon Spaß verstehen, daß er das hat durchgehen lassen.
Wir haben heute wieder ganz schwüles, gewittriges Wetter. Es hat gestern schon ringsherum gedonnert und geblitzt und wir haben auch ein wenig Regen abbekommen, aber abgekühlt hat es nicht. Trotzdem das Fenster ganz auf steht, sind 23 Grad Wärme im Zimmer. Und dabei will ich nachher noch backen.
Wir haben gestern und heute die ersten Erdbeeren von uns gegessen. Es waren ca. 15 Stück. Viel gibt es ja dieses Mal nicht, die werden wir wohl alle so essen können.
Den Farbenstift habe ich heute früh an Dich abgeschickt. Ich habe ihn in einer Dattelschachtel verpackt.
Sei nun für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni. 

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