Montag, 4. Juli 2016

Brief 184 vom 4./5.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                          4.Juli 1941  Geburtstag                                                         

Heute ist nun Dein Geburtstag. Ich denke immer an Dich. Schon heute Nacht, als ich einmal aufwachte, habe ich Dir im Geist gratuliert. Dein Bild steht heute auf dem Tisch, von Blumen umgeben. Die Kinder haben von ihrem Gartenstück Studentenblumen geholt. Außerdem haben wir die ersten 4 Rosen für Dich geschnitten. Du wirst ja sicher nicht viel von Deinem Geburtstag haben. Hoffentlich hast Du wenigstens einen Brief von uns bekommen.
Wir erhielten heute Deinen lieben Brief vom 30.6.
Die Erfolge unserer Wehrmacht sind wirklich gewaltig. In Konstanz hat es auch schon mehrere Opfer gekostet. Von dem Hotel Hecht ist der Sohn Arno Bührer gefallen. Auch der Metzger Schäfer, der die Tochter vom Bäcker Löhle geheiratet hat, ist gefallen.
Ein Vorteil für England ist unser Kampf mit Rußland ja nicht, denn gerade dadurch haben sich viele Völker zusammengefunden. Es ist eben so, wer den Kommunismus kennen gelernt hat, der hat für immer genug. Ein Segen war er noch für kein Volk.
Bei uns ist jetzt warmes Wetter, wenn auch nicht gerade drückend heiß. Aber regnen dürfte es wieder einmal, sonst geht die Gießerei wieder los.
Nun hast Du ja der Stadt auch geantwortet und die Sache ist soweit geregelt.
Die Küsse von Dir habe ich den Kindern gegeben. Jetzt kann ich mir das schon eher wieder erlauben, als vor ein paar Wochen.
Im Garten geht es ziemlich vorwärts. Die Tomatenstöcke wachsen und blühen gut. An einem Stück hängen schon winzige Tomaten dran. Die Brombeeren blühen auch. Trotzdem ich ziemlich viel ausgeschnitten hatte, sind doch noch ein paar dürre Ranken drin. Jetzt muß ich sie ja drin lassen, sonst reiße ich mehr Blüten ab. Bohnen, Gurken und die anderen Sachen kommen auch gut. Bis jetzt kann man mit allem zufrieden sein. Die ersten Erbsen kann ich jetzt bald raus machen. Wir haben mehrmals davon zu essen gehabt. Die Vögel auch.
Auf den Mist (im Garten) habe ich jetzt Erde getan. Vor kurzem habe ich die roten Rüben auseinander gesetzt. Ich dachte erst, sie gehen mir ein, weil es so sehr heiß geworden war, daß trotz vielen Gießens alle Außenblätter gewelkt waren. Jetzt haben sie sich aber doch erholt und stehen ganz gut da.
Während ich geschrieben habe, hat sich der Himmel ziemlich bezogen. Es sieht aus, als ob es ein Gewitter geben wollte. Hoffentlich komme ich noch trocken heim. Ich kann nämlich erst gegen 5 Uhr fahren, da es in der Molkerei während der heißen Zeit erst ab 5 Uhr Vollmilch gibt. Ich glaube, ich werde die Vollmilch ab übernächstem Mal hier bei unsrem Milcher bestellen. Da brauche ich deswegen nicht fortfahren.
Nachher will ich mich noch ans bügeln machen, damit Vater wenigstens seine Hemden bekommt. Da wir doch einmal mit der großen Wäsche ausgesetzt haben, hat er sich  vorige Woche wieder ein Hemd auswaschen müssen, damit er etwas zum anziehen hatte.
Ich bin schon dabei, mir zu überlegen, war wir am praktischsten mit auf die Reise nehmen, damit ich nicht gar so viel zu schleppen habe.
Nun will ich für heute Schluß machen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                                   Konstanz, 5.7.41

Es ist schon wieder Abend geworden, ehe ich zum schreiben komme. Der Tag ist so schnell vergangen. Ich hatte auch allerhand zu tun, Kuchen backen, Treppe putzen, sauber machen, einkaufen fahren und dann haben wir auch noch gebadet. Trotzdem es draußen heiß war, habe ich mich doch auf ein warmes Bad sehr gefreut. Nach dem Bad habe ich die anfallende Wäsche von dieser Woche noch gewaschen und gekocht, da gerade noch Feuer war. So ist es nun, nachdem wir Abendbrot gegessen haben und die Kinder im Bett sind, 1/4 10 Uhr geworden.
Gestern ist es doch nichts mit dem Gewitter geworden und es ist so trocken wie zuvor. Heute ist es zwar auch wieder bewölkt, aber zum regnen ist es nicht gekommen. Es sieht nur immer gewittrig aus.
Draußen ist großer Betrieb. Kinder fangen Junikäfer. Da hat es unsere nicht ruhen lassen. Sie möchten gern mitmachen. So habe ich ihnen erlaubt, sich noch Mal anzuziehen. Jetzt rennen sie draußen herum.
Heute war bei Helga letzter Schultag. Jetzt hat sie 7 1/2 Wochen Ferien.
Vorhin ist Vater gekommen. Wir haben uns unterhalten und er sagte, ob ich bei Dir einmal anfragen könnte, ob es Dir möglich sei, für ihn ein Paar Schuhe zu besorgen. Ich sagte, daß es sicher sehr schwierig sei, aber ich würde es Dir schreiben. Die Nummer müßte eine Nummer kleiner sein, wie Du sie brauchst.
Vater hat sich über den Tabak von Dir sehr gefreut. Er ist nämlich rar.
Heute hat Nanni Vater besucht. Sie hat zu ihm gesagt, daß sie am Mittwochabend zu uns rauf kommen will.
Es ist jetzt 1/4 12 Uhr und ich habe noch gar nicht viel geschrieben. Vater ist aber noch da und wir haben uns unterhalten. Da kann man gar nicht richtig die Gedanken zusammen nehmen. Sei deshalb nicht böse, daß ich jetzt schließe. Ich möchte den Brief noch wegschaffen, damit er morgen früh mit fortkommt.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

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