Montag, 25. Juli 2016

Brief 193 vom 23./25.26.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, den 23.7.41   

Unser Reisetag rückt immer näher. Die Kinder können es schon gar nicht mehr erwarten. Sie freuen sich schon sehr auf die Bahnfahrt. Da Du ihnen nun noch von den Tunneln geschrieben hast, ist die Erwartung und Freude noch größer.
Vater will morgen Vormittag wieder zu sich runter gehen. Ich bringe ihn natürlich runter. Am Nachmittag habe ich dann Zeit, alles herzurichten und außerdem hole ich noch die Fahrkarte. Da brauche ich mich Freitagmorgen nicht anzustellen.
Heute Vormittag habe ich noch einmal die Tomaten angebunden, und das Kraut gehackt. Das war das Notwendigste. Ich glaube, daß wir fast rote Tomaten haben, wenn wir wiederkommen. Auch Bohnen gibt es dann. Hoffentlich sind sie dann nicht schon störrisch. Aber die Stangenbohnen blühen ja erst noch, da denke ich, daß ich schon noch ernten kann.
Ich habe auch schon den Keller ausgeräumt, d.h. ich habe den Tisch rausgenommen, damit ich unsere Räder solange in den Keller stellen kann. Ich möchte es nicht riskieren, sie im Haus stehen zu lassen, wenn man nicht da ist.
Vater gebe ich einen Schlüssel, wenn er ja einmal raufsehen kann. Die Zeitung nimmt Frau Nußbaumer jeden Tag aus dem Kasten. Vater kann sie sich ja dann holen. Ich wollte es erst so machen, daß ich sie zu ihm umbestelle, aber er wollte es nicht haben. Das sei erst so eine Umbestellerei und dann würden sie sie bei ihm dort auf die Treppe legen und er müßte immer zeitig aufstehen, damit sie nicht weggenommen wird. Da habe ich es eben gelassen. Sollte es ja recht trocken sein, so hat sich Frau Leimenstoll erboten, im Garten etwas zu gießen. Ich hoffe ja, daß es nicht nötig sein wird. Man sieht aber doch, daß die Leute entgegenkommend  sind.
Ich weiß noch nicht, wie ich morgen Zeit habe. Vielleicht schreibe ich erst von Leipzig aus wieder. Eine Karte nehme ich mit, auf der ich schreibe, daß ich gut angekommen bin. Die stecke ich in Leipzig gleich in den Kasten, damit Du gleich Bescheid bekommst. An Vater soll ich auch eine schreiben.
Meine Eltern werden sicher auch schon alles für unsere Ankunft richten. Ich habe ihnen gestern auch noch eine Karte geschrieben, daß wir jetzt bestimmt am Freitag abfahren. Da wissen sie Bescheid. Ich hatte ihnen nämlich auf ihren letzten Brief noch gar nicht geantwortet, da inzwischen Jörg und Vater krank geworden waren und ich wenig Zeit hatte.
Ich möchte nun heute schon schließen und grüße und küsse Dich herzlich Deine Annie.

Lieber Ernst!                                                                                            25.7.41

Ich schreibe diese Karte auf der Bahn. Gerade waren wir in Erfurt. Nun hält der Zug bis Leipzig nicht mehr, wo ich diese Karte gleich einwerfen will, damit Du siehst, daß wir gut angekommen sind. Sei recht herzlich gegrüßt von Deiner Annie. Morgen schreibe ich einen Brief.

Mein lieber Ernst!                                                    Konstanz, den 26.7. 41   (Leipzig )

Heute will ich Dir von hier den ersten Brief schreiben. Wie ich Dir gestern auf der Karte schon kurz mitteilte, sind wir gesund in Leipzig angekommen. Die Fahrt war nicht langweilig. Doch ich will Dir von Anfang an berichten.
Ich bin die Nacht vorher schon um 3 Uhr munter gewesen. Bis um 4 bin ich liegen geblieben, aber dann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin aufgestanden. Um 1/2 5 kamen die Kinder auch schon an und hatten keine Ruhe mehr. So haben wir uns also langsam fertig gemacht und alles noch aufgeräumt. Wir waren dann ganz gemütlich 1/2 7 Uhr fertig. 5 Minuten vor 7 Uhr fuhr ja der Omnibus, so daß wir also noch gut hingekommen sind. Wir sind bis zum Bahnhof gefahren und sind dort in das Abteil Mutter und Kind eingestiegen. Das war ein Blödsinn von mir, das heißt, erst ging alles noch gut, aber dann kam ein Ehepaar, die auch nach Leipzig fuhren mit 2 kleinen Kindern. Außerdem war dann noch eine Frau mit 2 etwas größeren Kindern da. Da wurden die Kinder dann aufs Töpfchen gesetzt, das beide mithatten. Das hätte mir ja nichts ausgemacht, wenn die eine Frau nicht das Fenster ganz geschlossen hätte, da die Kinder angeblich nicht ganz munter seien. Der einen Frau mit den größeren Kindern wurde es dann auch zuviel, wie die anderen sich ausbreiteten und ließ sich durch Verwandte, die in einem anderen Abteil saßen, einen anderen Platz suchen. Die hatten ihn dann auch gefunden und sie rückte ab. Ich fragte dann die Frau, ob es nicht möglich sei, wenn sie das Kind auf die andere Seite legt, daß das Fenster etwas geöffnet werden könnte. Ausgeschlossen, das ginge nicht, die Kinder könnten sich erkälten. Mir wurde es in der stickigen Luft ganz schlecht und ich ging auch auf Platzsuche. Dem Mann der Frau lief auch der Schweiß runter und er wollte auch das Fenster etwas öffnen, aber die Frau litt es auch bei ihm nicht. Ich wollte mich nicht erst rumärgern und habe uns dann auch einen schönen Platz gesucht. Bis zur nächsten Station hatten wir zwar keinen Fensterplatz, aber viel frische Luft und außerdem kann man ja in den Gang gehen. Später sah ich dann, daß die Frau mit den Kindern doch das Fenster offen hatte und das alles ein Manöver war, um die anderen Leute hinauszugraulen. Ich hätte ja was sagen können, aber da wir dann auch einen sehr schönen Fensterplatz bekamen und ihn auch bis Leipzig behalten haben, wollte ich mich nicht ärgern. Unterwegs bin ich ein paar Mal aus dem Zug gegangen und habe, nachdem der Kaffee ausgetrunken war, Wasser auf  den verschiedenen Bahnhöfen nachgefüllt. Die letzte Strecke fuhren wir dann mit einer Frau und einem Flieger zusammen im Abteil. Dieser Flieger kam aus Norwegen und hatte 5 Kinder zu hause, auf die er sich schon sehr freute. Er fragte Unsere immer, wie alt sie seien, wie sie heißen usw. Und dann kamen die Vergleiche, so alt ist unsere Christel auch usw. Er hatte seiner Frau ein Telegramm von Erfurt aus geschickt und hoffte nun, bei seiner Ankunft seine ganze Familie noch munter zu finden. Der hatte von Norwegen aus nicht so lange fahren müssen wie wir von Konstanz, da er von dort aus bis Erfurt gleich mit dem Flugzeug gefahren ist.
Als wir in Leipzig ankamen, war Papa schon auf dem Bahnhof und hat uns gleich im Empfang genommen. Wir sind dann zur Gepäcksstelle gegangen und wollten die Stachelbeeren holen. Da merkte ich, daß ich noch gar nicht die Karte an Dich abgeschickt hatte. Papa ging gleich noch einmal mit den Kindern hinauf und brachte die Karte fort. Als wir dann heimkamen sagte Helga zu mir „Papa hat uns gefragt, ob wir Durst hätten. Wir haben nein gesagt. Da hat uns Papa immer wieder gefragt und gequält, bis wir endlich ja gesagt haben und dann hat er uns gleich eine Limonade gekauft. Papa ist doch gut.“ Als Papa und die Kinder wieder kamen, waren immer noch so viel Leute da, die ihr Gepäck holen wollten, daß Papa sagte, er wollte den Korb Stachelbeeren lieber heute morgen holen, da ginge es schneller. Wir sind dann gleich mit der Straßenbahn nach hause gefahren, wo Mama schon am Fenster guckte. Die Kinder sind dann gleich losgestürmt und haben sie begrüßt. Wir sind dann raufgegangen, haben uns umgezogen und haben dann noch warmes Essen, Reis mit Blumenkohl, bekommen. Das tat nach der Fahrt gut. Gegen 11 Uhr sind wir ins Bett. Wir haben ganz gut geschlafen, bis gegen 2 Uhr auf einmal die Sirene losging und wir in den Keller mußten. Es war auch bei den Eltern nach längerer Zeit der erst Fliegeralarm. Es hat ziemlich geschossen und geballert. Im Keller haben wir dann eine Stunde gesessen. Ein Bub aus dem Hause hat Ziehharmonika gespielt. 1/2 3 Uhr sind wir wieder ins Bett und haben bis gegen 7 Uhr geschlafen. Beim Fliegeralarm bin ich dann gleich allen Hausgenossen vorgestellt worden, was ja auch sein gutes hat, da braucht es nicht einzeln zu geschehen.
Heute morgen habe wir uns fertig gemacht und haben Frühstück gegessen. Dabei bin ich so erschrocken, als mir der Wellensittich auf die Schuler fliegen wollte, weil ich auf dem Platz von Mama saß und er es gewöhnt ist, daß er da ein Stück Brot zu fressen bekommt. Die Kinder haben ja einen großen Spaß an dem Vogel. Der fliegt bei Tag frei herum, beguckt sich im Spiegel, schakelt usw. Das ist was für unsere Beiden. Am Vormittag bin ich mit Mama und den Kindern zur Bezugsscheinstelle gegangen. Ich habe auch alle Scheine bekommen. Das ist mir eine Beruhigung. Hinterher sind wir noch einkaufen gegangen und haben dann zu Mittag gegessen. Vorhin haben die Kinder Papa bei der Straßenbahn abgeholt und haben zur Belohnung dafür gleich Eis bekommen. Wir, Mama und ich, hatten ihnen heute Morgen keins gekauft, weil wir meinten, es sei nicht nötig. Auch Bonbons hat Papa besorgt. Die gibt es morgen Vormittag, wenn wir in den Zoo gehen. Die Karten hat Papa schon vor unserer Ankunft besorgt. Wir haben vor, zweimal zu gehen, damit die Kinder alles sehen. Morgen Nachmittag kommen Erna und Alice zu Besuch. Papa muß leider morgen wegfahren, da Onkel Richard in Neustadt gestorben ist, wahrscheinlich an Blasenkrebs. Papa fährt da zur Beerdigung.
Papa hat heute per Anfang September eine neue Stelle als Expedizient in einer Maschinenfabrik angenommen. Es ist ganz schnell gegangen. Papa ist froh, daß er die Stelle bekommen hat, da der Herr Wendt, wo er bis jetzt geschafft hat, ziemlich hochmütig und schlecht zu ihm  war. Er ist es wahrscheinlich auch, der Frau Lepper verboten hat, mit uns zu verkehren, da wir, bzw. die Eltern ihm nicht nobel genug sind. Da er nur Angestellter bei ihm war, durfte Frau Lepper, wenn sie dort bei Wendts war, ihn nie grüßen.
Heute Vormittag wollen wir alle zusammen noch ein Stück spazieren gehen. Vorhin haben wir gerade noch Kuchen für morgen gebacken. Nun hat Mama auch frei. Da Papa nun die Stelle wechselt, kann er seinen Urlaub nicht nehmen, oder doch nur einige freie Nachmittage, da er seinen Nachfolger noch anlernen muß und Herr Wendt seine Zustimmung zu dem Wechsel nur unter dieser Voraussetzung gegeben hat. Papa bekommt den Urlaub natürlich bezahlt.
Eins ist mir hier ganz neu gewesen. Bei uns bekommt man doch jeden Tag Magermilch und zwar mindestens einen Liter. Hier bekommen 3 Personen zusammen aller 2 Tage 1/2 ltr Magermilch. Den Kaffee trinkt man also schwarz. Die Kinder bekommen natürlich ihre Vollmilch.
Die Kinder haben Papa vorhin wieder gebettelt, er soll doch mit ihnen zum Wellensittich gehen. Ihm fliegt er nämlich auf den Finger und zwitschert dauernd. Das können unsere Beiden gar nicht satt bekommen. Ich werde gerade gefragt, ob ich mit schreiben fertig bin, damit wir dann gehen und den Brief mitnehmen können. So schließe ich für heute und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.
Nachdem wir vom Spaziergang kamen, trafen wir Siegfried an der Straßenbahn. Da er noch nicht fort mußte, ist er noch einmal bis morgen früh zurückgekommen. Er war nämlich gestern Morgen schon da und wurde telefonisch abberufen, da sie wegfahren. Nun hat sich`s doch noch um einen Tag verschoben. Heute Abend kommt nun auch noch kurz Erna.

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