Dienstag, 1. März 2016

Brief 133 vom 25./26.2.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                           25.Febr. –             

Heute morgen kam der Briefträger wie ein Weihnachtsmann und schüttete den Sack mit Geschenken, in dem Fall Deine Päckchen, aus. Er kam tatsächlich mit einem Sack. 15 Päckchen brachte er auf einmal. Nr. 1, 2, 3, 6, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 19, 20 und 3 ohne Nummer. Ich habe direkt zu tun gehabt, bis ich alles ausgepackt hatte. Es fehlen noch 6 Päckchen. Hemden von Dir sind angekommen, Handtücher, Unterhosen, Rasierseife usw. Der Schlafanzug ist noch nicht dabei. Wenn alles beisammen ist, schicke ich es Dir. Muß ich Dir auch die 2 Paar wollene Strümpfe mitschicken, die auch mit angekommen sind? Eine Tüte Feigen waren auch dabei, Die haben wir schon verdrückt. Sie haben gut geschmeckt. Von dem Pfeffer habe ich zwei Tütchen aufgemacht. Da ist mein Gewürzgläschen  schwer voll geworden. Mit dem Pfeffer reiche ich mindestens 5 Jahre. In so kleinen Tütchen ist eine ganze Masse drin. Ein bißchen Pfeffer war schon ins Papier gefallen. Der hat mir und Jörg beim Auspacken in der Nase gebissen. Den ungebrannten Kaffee habe ich einstweilen in zwei Kartons getan. Er verriecht ja nicht. Das gesandte Fett ist Schweinefett. Ich kann es also gut verwenden. Auch 1 kg Zucker ist angekommen, ebenso Büchsenmilch und verschiedene Konserven.
Ich möchte Dir nochmals für die gesandten Sachen danken. Sie machen mit alle Freude.
Vorher kam ein Brief von Kurt an. Er ist noch in seinem alten Quartier. In ganz kurzer Zeit fahren sie aber ab. Er schreibt sein künftiger Standort noch ein ganzen Teil weiter sein wird, wie dort, wo Du warst. Vielleicht hast Du noch Gelegenheit, Dich mit ihm zu treffen.
Er schreibt dann noch weiters: „ Wenn es Dir möglich ist, schreibe doch mal an Nanni ein Paar Zeilen, vielleicht von den Kindern oder sonst etwas, sie wird sich bestimmt darüber freuen und nötig hat sie es.“ Ich weiß nun wirklich nicht, wie ich schreiben soll. Erstens schon die Anrede. Schreibe ich Du oder Sie. Nanni ist mir eben doch ganz fremd. Gib mir mal Deine Meinung darüber bekannt.
Es ist mir ein ganz eigentümliches Gefühl, daß ich Dir nicht mehr jeden Tag schreibe. Ich muß mich erst daran gewöhnen. Du hast ja nun bald Deinen zweiten Unterrichtstag hinter Dir. Hoffentlich gefällt es Dir einigermaßen. Ich wünsche es Dir jedenfalls recht sehr.
Das ist nun mein erster Brief in Stenografie. Hoffentlich kannst Du alles lesen. Es geht soweit noch ganz gut. Nur meine einzelnen Kürzel habe ich noch manchmal nachgesehen. Wenn du es lesen kannst, wäre ich ja froh, wenn ich Dir weiter so schreiben dürfte, denn ich merke, daß das eine ganz schöne Übung sein würde.
Jetzt ist es wieder Zeit zum Schlafengehen. Vielleicht bekomme ich morgen schon Nachricht von Dir. Der Brief von Kurt ist am 24.2. 21 Uhr abgestempelt und heute habe ich ihn schon erhalten. Hoffen wir das Beste. Gute Nacht , mein lieber Mann.  

Mein lieber Ernst!                                                                                           26.2.
      
 Heute Morgen habe ich auch noch keinen Brief von Dir bekommen. Nur das Päckchen Nr. 18 mit zwei Büchern ist eingegangen. Der Briefträger fragte mich, warum die Päckchen nicht den Stempel Deiner Dienststellen tragen. Wenn sie auf das Zollamt kommen, müßte ich Zoll zahlen, wenn der Stempel fehlt. Ich habe ihm gesagt, daß meist nur Sachen  drin sind, die Du zurückgeschickt hast und daß es nicht so schlimm sei, wenn sie zum Zoll kämen. Der Briefträger tat nämlich so geheimnisvoll. Wir haben ja schließlich nichts zu verbergen.
Jörg und Helga haben Dir Bilder gemalt, die ich Dir mitschicke. Gefallen Dir die Vögel nicht? Er hat sie aus dem Buch abgemalt, also nicht durchgemalt. Er hat sie ganz gut fertiggebracht.
Die letzten Tage war es bei uns ziemlich kühl. Du bist ja nicht weit fort, so wird es wohl bei Dir ebenso sein. Heute Morgen hatte es Raureif und Nebel. Jetzt ist die Sonne durchgekommen. Da erwärmt es sich gleich ein bißchen. Jörg geht dann auch gleich wieder runter, er will doch das gute Wetter ausnutzen. Wir haben uns alle ein bißchen erkältet, Helga und ich haben den Schnupfen, Jörg den Husten.
Heute morgen habe ich meinen neuen Rock soweit genäht. Mit dem Reißverschluß hapert es noch. In der Farbe des Rocks konnte ich keinen bekommen. Wahrscheinlich werde ich einen schwarzen nehmen. Dazu ist mir auch geraten worden.
Soeben ist Dein lieber Brief vom 25.2. angekommen. Ebenso das Päckchen Nr. 17. Ich freue mich, daß ich wieder Nachricht von Dir habe.
Das war für Dich sicher eine Überraschung, als Du die Leute aus Lille auf der Bahn getroffen hast. Daß die schon nach Deutschland fahren dürfen. Ich dachte immer, das ginge noch gar nicht.
Ein Zimmer hast Du also auch gefunden. Wie kommst Du Dir als Untermieter vor? Doch sicher ein bißchen eigenartig.
Die Adresse von Kurt ist: Blankenloch bei Karlsruhe, Witzenstr.7. Es ist ja fraglich, ob Du Kurt noch antriffst. Schön wäre es ja schon, wenn Ihr Euch noch treffen könntet.
Ich habe Deinen Brief gut lesen können, wenn auch mache Sigel ganz anders sind. Hoffentlich geht es Dir mit meinem Brief genau so.
Ich schließe nun für heute, denn ich möchte den Brief noch fortbringen, damit Du ihn bald erhältst.
Lasse Dir`s nicht zu schwer werden und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Freitag, 19. Februar 2016

Brief 132 vom 18./19./24.2.1941


Mein liebster Ernst!                                                                          Konstanz, 18.2.41                         

Was soll man nun dazu sagen. Nun habe ich den vierten Tag keinen Brief von Dir bekommen und ich habe doch solche Sehnsucht nach Dir. Es bleibt mir ja nichts anderes übrig als mich zu gedulden, aber schwer ist es doch.
An die Eltern und Kurt habe ich vorhin geschrieben. Die Durchschläge sende ich Dir mit. An Siegfried habe ich noch nicht geschrieben, weil ich auch gar nicht weiß, was ich schreiben soll.
Bei uns wird jetzt der Film „Wunschkonzert“ gespielt. Da er mich interessiert, werde ich morgen mit den Kindern mal hingehen. Du wirst sicher nichts dagegen haben.
Gestern habe ich die Bezugsscheine für die Schuhe für die Kinder bekommen. Ich war ganz erstaunt, wie schnell es diesmal gegangen ist. Wir werden die Schuhe sicher morgen mit besorgen. Hoffentlich bekommen wir etwas Gutes.
Heute Vormittag hatten wir so schönes Wetter. Dann hat sich innerhalb weniger Stunden der Himmel bezogen und jetzt regnet es gar noch. Da werde ich Helga noch den Regenumhang in die Schule bringen müssen, sie wird sonst zu naß. Jörg kann sich noch nicht zum rauf kommen entschließen, er kann doch sooo schön im Vorraum spielen und nicht mal kalt ist es dort, das ist wenigstens seine Auffassung.
Meine Gedanken sind immer bei Dir und ich hoffe immer, daß ich recht bald wieder einen Brief von Dir bekomme. Ich möchte doch wissen,  ob Du ganz gesund bist, wie sich die Angelegenheit wegen des Lehrgangs entwickelt hat und noch vieles mehr. Die Briefe bedeuten doch für mich eine so große Freude. Ernst, mein lieber, lieber Ernst, wenn Du doch bei uns wärst, und wenn es auch nur wieder auf Urlaub wär.
Nimm viele herzliche Grüße und Küsse entgegen von Deiner Annie.

Mein liebster Ernst!                                                                     Konstanz, 19.2.41

Nun habe ich den fünften Tag keinen Brief von Dir erhalten. Was ist da nur los? Hoffentlich bist Du gesund, das ist die Hauptsache. Gestern Abend habe ich gemeint, Du kämst heim, ich habe es immer klingeln hören und bin öfter an die Tür gelaufen. Es war natürlich nichts. Und nun heute wieder keinen Brief. Ich mache mir Sorgen um Dich, Du lieber Ernst. Der letzte Brief war vom 7., das ist doch schon lange her.
Wir wollen heute Schuhe kaufen und ins Kino gehen. Ich habe eigentlich gar keine Lust mehr dazu, aber ich habe es den Kindern versprochen und die freuen sich schon riesig drauf. Das eine Gute ist dabei, daß der Tag schneller vorbei geht. Vielleicht bekomme ich doch morgen wieder einen Brief von Dir.
Wir haben heute sehr schlechtes Wetter, es regnet die ganze Zeit. Aber wenn wir fort gehen, haben wir ja alle unsere Regenmäntel, da macht es uns ja nichts aus.
Wir haben gerade Mittag gegessen und machen uns bald fertig, damit wir noch die Schuhe holen können, ehe wir ins Kino gehen.
Vorhin habe ich Jörg noch die Haare geschnitten. Er wollte ja eigentlich nicht, aber ich habe ihm ein Ultimatum, gestellt „Entweder läßt Du Dir die Haare schneiden, oder Du gehst nicht mit ins Kino.“ Jedes Mal fürchtet er sich erst davor, um hinterher zu sagen, daß es gar nicht weh getan habe und daß er sich jetzt viel besser gefällt.
Ich schließe nun heute in der festen Hoffnung, doch recht bald wieder Nachricht von dir zu bekommen. . Sei recht oft und fest gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.


Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, 24.Febr. 41 abends

Nun bin ich wieder den ersten Abend allein. Daß doch die schönen Tage  immer so schnell vergehen müssen. Meine Gedanken sind immer bei Dir. Ob Du wohl schon ein Unterkommen gefunden hast? Es ist mir sehr einsam. Ich glaube, Dir wird es genau so gehen. Du mußt Dich doch auch erst eingewöhnen, hoffentlich war der Tag nicht gar zu schwer für Dich. Ich werde ja sicher bald Nachricht von Dir bekommen. Du hast hier verschiedenes vergessen. Vor allen Dingen die Lebensmittelkarte. Du wirst sie sicher vermißt haben, dann die Kleiderbürste und die Sockenhalter.
Als wir am Nachmittag nach hause kamen, war das Päckchen Nr. 4 mit Seife von Dir da. Am Nachmittag kam das Päckchen Nr. 12 mit dem Briefmarkenkatalog und den Umschlägen. Außerdem erhielt ich Deinen lieben Brief vom 15.2., in dem Du mir mitteilst, daß Du uns 2 Tage besuchen willst, bevor Du nach Karlsruhe fährst. Das ist nun auch schon wieder vorbei. Es ist alle recht leer ohne Dich.
Am Nachmittag habe ich mir die Rede des Führers angehört. Du wirst ja keine Gelegenheit dazu gehabt haben. Höchstens daß Du sie am Abend gehört hast als sie wiederholt wurde.
Helga kam am Nachmittag mit großem Stolz aus der Schule und brachte den Waschlappen mit, den sie gehäkelt hat. Er sieht sehr nett aus. Ich muß ihn waschen und bügeln. Dann muß sie ihn wieder mitnehmen. Am Ende des Schuljahres erhält sie ihn dann endgültig. Ich gehe nun schlafen, denn es ist nicht schön heute Abend so allein hier zu sitzen, nachdem die letzten Abende durch Dein Hiersein so verschönt worden sind.
Gute Nacht, mein lieber Schatz, schlaf recht gut. Wache  gesund wieder auf.  

Montag, 15. Februar 2016

Brief 131 vom 15./16./17.2.1941


Mein lieber, lieber Ernst!                                                              Konstanz, 15.2.41                   
                                                                                            
Nun habe ich den zweitenTag keinen Brief von Dir erhalten. Ich hoffe aber ganz fest auf morgen.
Von Siegfried erhielt ich ein paar kurze Zeilen. Er schreibt nur, daß er  gut angekommen sei und daß er, wenn mit dem Zug alles geregelt ist, nach Weißenfels kommt.
Mit dem Gehalt hat sich nichts erhöht. Die Kürzung besteht also nach wie vor.
Als ich gestern mit den Kindern in der Stadt war, habe ich mich nach Lodenmänteln umgesehen. Es sind keine zu haben. Für Jörg hätte ich evtl. einen bekommen, aber der hat ihn wieder nicht so nötig wie Helga. Jetzt warte ich, bis Du mal auf Urlaub kommst. Da können wir dann besprechen, was wir evtl. kaufen wollen. Ich bin nun gestern auf der Bezugsscheinstelle gewesen und habe für unsere Beiden Halbschuhe beantragt. Da kaufe ich eben erst die zuerst, wenn ich sie bewilligt bekomme. Sonst müßte ich ihnen eben Holzschuhe kaufen.
Die 20.-Mk habe ich für Dich zurückgelegt und werde sie Ende Februar wegschicken.
Auf großes Drängen habe ich heute wieder mal die „Musik“ vom Speicher geholt. Jörg hat den ganzen Vormittag gespielt und kam sich sehr wichtig dabei vor.
„Nicht wahr, das ist beim Schaffen gemütlicher, wenn du Musik hast. So schöne Lieder spielen sie nicht mal immer im Radio,“ hat er mir mehrmals versichert.
Heute ist  es bereits 1/2 5 geworden, ehe ich zum schreiben kam. Ich habe etwas gewaschen, gebacken und gekocht und die Treppe mußte ich auch putzen. Jetzt habe ich aber alles hinter mir. Die Kinder spielen noch ein bißchen hinterm Haus. Sie sind noch nicht lange unten, denn das Wetter war nicht danach. Heute Morgen hat es geregnet, am Vormittag war es dann sehr windig und eigentlich erst jetzt, wo es bald Abend wird, ist es schön geworden.
Nun ist bereits der 15. Bis heute sollte doch der Lehrgang beginnen. Ich bin gespannt, wie sich alles entschieden hat. Eine Weile werde ich mich ja wegen des Bescheids noch gedulden müssen.
Ich habe heute wieder einen „Mond“ gebacken. Ob Du wohl die zwei Kuchen schon bekommen hast, die ich am Montag weggeschickt habe?
Nun wird es schon wieder Zeit, daß ich mich zum fortfahren fertig mache.
Nun grüße und küsse ich Dich recht herzlich und bitte Dich, denke immer an uns, wie ich auch immer an Dich denke. Recht viele Küsse von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                   Konstanz, 16.2.41

Bei mir war heute, am Sonntag, die Enttäuschung groß, als wieder kein Brief von Dir kam. Das Beste vom Sonntag fehlt da.
Es ist heute so ein halbtrüber Tag und wir sitzen alle in der Stube, d.h. Helga liegt ein bißchen, sie hat sich beide Knie aufgeschlagen. Daran war aber Jörg schuld. Kaum war ich gestern in die Stadt gefahren, da sind die Kinder an der Seite die Stufen runtergegangen. Jörg ging es natürlich zu langsam und er gab Helga einen Stoß, daß sie vier Stufen runter flog. Frau Nußbaumer hat Helga Pflaster draufgemacht und Jörg fest ausgeschimpft, daß ich das auch nicht mehr besorgen brauchte. Er war ganz geknickt und sagte immer wieder, er sei so froh, daß sich Helga nichts gebrochen habe. Ich habe ihn natürlich noch richtig vermahnt, wie lange wird es anhalten. Manchmal macht mir sein Zorn Sorge. Ich habe ihn schon öfter verwichst, wenn es zu arg war. Ich habe ihm auch schon gut zugesprochen, aber ab und zu wird er doch wieder wütig. Im Allgemeinen ist er ja ein guter Kerl und ich muß eben sehen, seinen Zorn zu unterdrücken.
Morgen werde ich sicher an die Eltern an Kurt  und Siegfried schreiben. Heute habe ich keine große Lust dazu. Ich mache einen faulen Sonntag. Das Wunschkonzert höre ich mir nachher auch an.
Jörg hat wieder ein neues Spiel entdeckt. Er hat sich die ganzen kleinen Figuren genommen, die Schornsteinfeger, Bergleute usw. und stellt sie immer wieder verschieden auf. Damit beschäftigt er sich jetzt schon eine ganze Zeit. Die Figuren machen ihm großen Spaß. 
Nachher bringen unsere Beiden den Brief fort. Helga will natürlich auch mit, denn auf das Omnibusfahren freuen sie sich doch schon die ganze Woche. Wenn es halbwegs möglich ist, lassen sie sich das doch nicht entgehen.  Hoffentlich kommt morgen ein Brief. Der letzte, den ich erhielt, war vom 7.2. Das sind immerhin schon wieder 9 Tage, seit Du ihn geschrieben hast. Ich möchte doch auch wieder etwas von Dir hören.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 17.2.41

Wieder kein Brief von Dir. Das ist doch schlimm. Nun muß ich auf morgen hoffen.
Gestern habe ich mich mal ausgeruht. Nachdem wir Abendbrot gegessen hatten, um 5 Uhr, haben wir uns die Photografien von früher angesehen. Dabei sind mir so verschiedene Erlebnisse von früher eingefallen.  Da waren die Bilder dabei, wo Du mit dem Ernst auf Fahrt warst, wo Ihr auf dem Wegweiser sitzt, Du lachst da so lieb. Auch die Bilder von unserer Kinderzeit haben den Kindern besonders gefallen.
„Daß Ihr auch mal so klein gewesen seid“ riefen sie immer wieder aus. Gestern Abend war Vater da. Wir haben uns erst unterhalten, dann hat er Zeitung gelesen.
Vorhin war ein Schutzmann da und hat unseren „Luftschutzkeller“ angesehen. Viel hat er da nicht sehen können, weil eigentlich keiner da ist.
Vater hat mir gestern Fensterkitt mitgebracht. Da habe ich am Vormittag die Fenster gekittet, sonst läuft überall der Regen herein, wenn die Doppelfenster später wieder weg sind. Helga ist jetzt gerade aus der Schule gekommen. Da sie keine Schulaufgaben auf hat, ist sie gleich zum spielen gegangen. Jörg baut sich hinterm Haus mit Sand und Erde eine Burg. Ich habe sie vorhin erst einmal bewundern müssen.
Wenn nur die Zeit bald wieder einmal da wäre, wo Du Urlaub hast. Manchmal meine ich, ich werde mich bald an das Alleinsein gewöhnen, dann merke ich wieder, daß ich mich getäuscht habe. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen. Dazu habe ich Dich viel zu lieb. Du bist doch mein lieber Mann. Hoffentlich erhalte ich recht bald wieder einen Brief von Dir.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie.

Brief 130 vom 13./14.2.1941


Mein lieber Mann!                                                                                Konstanz, 13.2.41                            

Ich danke Dir sehr für Deinen lieben Brief vom 7.2.
Bezüglich Siegfried hast du recht gehabt, er war wirklich ganz niedergeschmettert, als die Eltern Erna ins Haus nehmen wollten. Um eine Entscheidung drückt er sich aber immer wieder herum. Das lese ich wieder aus den kurzen Zeilen, die ich heute mit einem Zeitungspaket von den Eltern erhielt. Sie schreiben u.a.:
„Siegfried war vorgestern mit seinem Freund Fritzsche 1 1/2 Stunde hier, sonst haben wir ihn noch nicht sprechen können. Er habe Grüße an mich bestellt und den Eltern erzählt, daß es ihm sehr gut gefallen habe. Siegfried weicht also einer Aussprache aus. Nun kommt für mich das unangenehmste. Die Eltern ahnen scheinbar etwas und fragen nun: “Hat Siegfried mit Dir über sein Verhältnis mit Erna gesprochen?“
Nun möchte ich Dich fragen, Ernst, was soll ich da antworten? In den nächsten Tagen, wenn ich einen Brief an die Eltern schreibe, ist ja Deine Antwort noch nicht da. Ich werde diese Frage darin einfach überspringen, aber sie werden sicher noch mal anfragen, wenn Siegfried nicht inzwischen mit ihnen gesprochen hat. Ich habe schon die letzten Tage immer gefürchtet, daß die Eltern diese Frage an mich richten werden. Belügen kann ich sie ja nicht, denn ich glaube sicher, daß sich besonders Mama Sorge macht, andernteils hat Siegfried mir gesagt, die Eltern sollen noch nichts davon wissen. Ich habe in den letzten Tagen mal ein Lied gehört, darin heißt es:
„Es reden zu viele von Liebe, die nichts von Liebe verstehn.“
Das könnte man bei Siegfried auch anwenden, denn von richtiger Liebe hat er ja auch nicht einen blassen Schimmer. Das soll mir ja schließlich gleich sein, aber es wäre mir fast lieber, er hätte mir von allem nichts erzählt, da stände ich jetzt nicht in allem mit drin. Die Eltern tun mir in gewisser Beziehung auch leid, denn sie sind eigentlich auch in einer peinlichen Lage.
Das Stoffmuster des Mantels schicke in Dir wieder mit zurück. Der Stoff gefällt mir gut. Zu heikel ist er wohl nicht? Statt der 35,- habe ich Dir ja 50,- zugeschickt. Vielleicht kannst Du davon einen Teil des Mantels bezahlen. Für diesen Mantel durfte ich Dir ja nur noch 10.-schicken.
Von dem Gehalt, den ich übermorgen hole, könnte ich 20,- entbehren. Es ist wohl am besten, ich schicke die 20,- zusammen Ende Februar weg und nicht jetzt 10,- und Anfang März 10,-. Ist es so recht?
Von dem anderen Geld, das ich noch übrig habe, möchte ich Helga einen Lodenmantel kaufen. Schuhe brauchen beide auch wieder. Würden Dir die 20,- reichen?
Unseren beiden Stromern geht es gut. Mit dem brav sein hapert es ja manchmal, aber  ich werde schon mit ihnen fertig. Als Siegfried da war, hat er ein paar Mal mit ihnen schimpfen wollen, aber sie haben ihn gar nicht ernst genommen und haben gelacht. Da hat er es aufgegeben.
Von der rostbraunen Wolle, die Du mir geschenkt hast, stricke ich mir jetzt eine Jacke, ich habe jedenfalls mal angefangen. Das habe ich praktisch gefunden, daß die Wolle gleich so gewickelt ist, daß man sofort stricken kann, ohne daß man sie noch mal aufwickeln muß.
Heute haben wir wieder trübes Wetter. Aber kalt ist es nicht. Wir haben übrigens Besuch bekommen. Unsere Stare sind wieder da. Hoffentlich müssen sie nicht mehr so frieren wie das vergangene Jahr. Die Eltern haben mir in dem Paket das Kalkpräparat mitgeschickt, das Siegfried aus Frankreich mitgebracht hatte. Ich kann aber noch nicht viel damit anfangen, denn ich weiß nicht, wie es zu verwenden ist. Da muß ich warten, bis Du auf Urlaub kommst, damit Du mir mit Deinen französischen Kenntnissen hilfst.
Außer den Illustrierten Zeitungen haben mir die Eltern 13 Romane mitgeschickt. Das langt doch. Leider sind es meist so Romanhefte. Schlechte Sachen stehen ja nicht drin, aber viel Geist verlangen sie auch nicht. Ich schicke sie später wieder an Kurt. Aber diesmal sind auch ziemlich viel Illustrierte dabei. Die lese ich ja auch gern. Jörg hat ganz allein das kleine Tischle belegt und studiert die Zeitungen schon fest. Helga muß nur erst noch Schulaufgaben machen, aber sie hat sich auch schon welche rausgesucht. Ich schaffe dann erst den Brief noch fort. Hinterher oder heute Abend werde ich dann stricken und lesen. Sei nun recht oft und innig gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg

Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz, 14.2.41

Nachdem heute so schönes sonniges Wetter ist, gehe ich am Nachmittag mit den Kindern in die Stadt. Gestern Abend hat es den ganzen Nebel runtergeregnet.
Am Vormittag habe ich ziemlich geschafft und Jörg hat mir dabei geholfen. Ich habe in den Schlafzimmern alle Möbel von ihren Plätzen gerückt und dahinter geputzt und abgekehrt. Jörg hat Staub gewischt und Teppiche geklopft. Hinterher habe ich mit der Maschine verschiedene Sachen ausgebessert. Es sammelt sich gleich etwas an.
Helga hat vorhin gleich ihre Aufgaben gemacht. Jetzt sind alle beide hinterm Haus in der Sonne. Es ist bald 1 Uhr und wir wollen essen, damit wir nicht zu spät fortkommen.
In dem Paket, das ich gestern erhielt, haben die Eltern ungestempelt die Marke Hitler-Mussolini und vom Tag der Briefmarke mitgeschickt. Ich habe sie in Dein Album gelegt.
Gestern Abend habe ich gelesen und gestrickt. Heute werde ich es sicher genau so machen. Da geht die Arbeit gut voran. Ich freue mich schon darauf, wenn ich die Jacke mal fertig habe.
Gestern Nachmittag war ich mal drüben im Garten und habe mir alles angesehen. Die Erdbeeren  stehen gut da. Von den neuen Setzlingen ist bis jetzt keiner ausgefallen.
Wie ist das, Anfang März muß ich doch umgraben und Mist in die Erde tun? Denn der Mist soll doch nicht erst rein, wenn man schon mit säen anfängt? Schreib mir bitte darüber. Ich freue mich schon, wenn ich mich wieder richtig ausarbeiten kann. Das rum sitzen habe ich jetzt satt.
Heute wird der Brief mal ein bißchen kürzer. Nicht böse sein deshalb. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und tausend Millionen Küsse von Deiner Helga und Jörg. Wir möchten aber gern noch fortkommen, solange die Sonne scheint.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Brief 129 vom 11./12.2.1941


Mein lieber Ernst!                                                                            Konstanz, 11.2.41                    

Heute bekam ich keinen Brief von Dir, leider. Du wirst sicher denken, daß ich sehr  ungenügsam bin, nachdem ich doch gestern zwei bekommen habe. Aber Briefe von Dir kann ich eben gar nicht genug gekommen.
Ich habe mich heute einmal hingesetzt und habe an Kurt und Elsa geschrieben. Es ist zwar nicht viel Gescheites dabei herausgekommen, aber ich habe wenigstens geantwortet. Die Durchschläge schicke ich Dir mit. Wunderst du Dich nicht über das komische Papier? Seidenpapier habe ich aber keins mehr und richtiges Schreibpapier ist mir zu schade.
Ein paar kleine Zeitungsabschnitte schicke ich Dir auch noch mit. Vielleicht finden sie Dein Interesse.
Das Gestell, wo wir die Bohnenstangen drauf liegen haben, war an einer Seite zusammengebrochen. Ich weiß nicht, ob evtl. Kinder was dran gemacht haben. Es ist ja auch gleich. Ich habe es heute früh wieder in Ordnung gebracht. Kleinere Stangen, die in den Vorraum passen, habe ich dort hineingestellt. Da liegen nun nicht mehr so viele Stangen auf dem Gestell und ich hoffe, daß es hält.
Ich habe heute in den Schlafzimmern die Doppelfenster herausgemacht. Wenn es auch noch ein paar Mal kalt werden sollte, das tut nichts. So lange wird es wohl nicht immer anhalten. Wenn ich aber die Läden davor habe, kann ich wenigstens nachts wieder ein bißchen das Fenster offen lassen. Ich kann da viel besser schlafen. Wir sind es eben doch so gewöhnt.
Heute hat der Pfarrer wieder gefragt, warum Helga nicht zum Kindergottesdienst kommt. Ich bin gespannt, wie oft er noch Lust zum fragen hat. Heute hat der Pfarrer im Unterricht von Abraham gesprochen, daß er gehorsam und fromm gewesen sei. Da habe ich aber Helga den Standpunkt klar gemacht, damit sie solchen Unsinn nicht glaubt.
Heute haben wir wieder sonniges Wetter. Jörg ist schon seit heute früh draußen. Nur beim Essen bekomme ich ihn noch zu sehen und Helga hat auch jede Minute wahrgenommen, wo sie zum spielen hinaus konnte. Jetzt ist sie ja in der Schule.
Ich will nachher noch den Brief fortschaffen, aber vorher muß ich noch mein Rad putzen. Von den Regentagen ist es so bespritzt, daß ich mich gar nicht so fort traue.
Es heißt jetzt oft im Heeresbericht, daß englische Flugzeuge an der Kanalküste einfliegen wollten. Ist das bei Euch? Wir haben bisher Ruhe gehabt, aber vielleicht muß man sich bald mal darauf gefaßt mache, daß Flieger kommen. Es geht ja jetzt dem Frühjahr entgegen.
Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                              Konstanz, 12.2.41

Vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 6.3. mit den zwei Durchschlägen von Deinem Gesuch. Ich bin wirklich gespannt, was aus der ganzen Sache wird. Es sind ja inzwischen schon wieder acht Tage vergangen, seit Du die Gesuche geschrieben hast, da kann sich schon manches entschieden haben.
Als Siegfried hier war, habe ich mir ja schon verschiedene Filme ansehen können. Aber ich muß sagen, ich war froh, als ich nicht mehr gehen mußte. Ich bin das lange Aufbleiben nicht gewöhnt und war die nächsten Tage ganz kaputt. Das schöne ist, daß es wenigstens wertvolle Filme waren, die ich mir ansehen konnte. Da reut es mich wenigstens nicht.
Heute Vormittag ist es, wie die vergangenen Tage, neblig. Gegen Mittag wird es sich wahrscheinlich wieder aufhellen. Gestern habe ich erst am Abend in der Stube feuern müssen, so warm war es.
Nachdem ich gestern gerade an Kurt geschrieben habe, kam heute ein Brief von ihm. Er schreibt, daß sie wahrscheinlich bald von ihrem Platz dort wegkommen. Er schickt dann wieder einige Sachen her. Wie er mir noch schreibt, ist Nanni wieder krank. Sie hat Rippenfellentzündung und kann sich kaum rühren. Sie muß sich pflegen lassen.
Am Nachmittag gehe ich mit den Kindern in die Stadt. Helga hat ja keine Schule am Mittwoch. Aufgaben hat sie auch nicht auf, da ihre Lehrerin krank ist und  die elsäßischen Lehrer auch nicht mehr da sind. Da kommen sie Montag und Dienstag zu der ersten, die anderen Tage zu der dritten Klasse. Lernen tun sie in der Zeit ja auch nicht viel.
Nun ist es Nachmittag. Heute Vormittag haben wir wieder mal die Spielsachen aufgeräumt. Ein Fach des Regals haben mir die Kinder frei gemacht für meine Teedosen. Da habe ich nun im Schrank etwas mehr Platz bekommen und konnte aus dem Eßschränkchen die großen Kuchenteller und Auflaufformen rausnehmen, die immer so viel Platz weggenommen haben. Die Eisenbahn von Jörg haben wir auch aus den zwei Schachteln in eine große getan, damit nicht so viel herumsteht. Jetzt bin ich froh, daß die Aufräumerei vorbei ist.
Meine Vorhersage heute früh war fasch. Es hat sich nicht aufgeklärt. Der Nebel ist nur etwas höher gegangen. Mit Sonne ist es also nichts. Die Kindern ziehen sich gerade an. Es ist gleich 3 Uhr. Ich will mich auch fertig machen und grüße und küsse Dich recht herzlich und oft Deine Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Brief 128 vom 9./10.2.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                Konstanz, 9.2.41                 

Recht vielen Dank für Deine lieben Briefe vom 2. und 3. Februar, die ich heute erhielt. Inzwischen habe ich ja auch die meisten der fehlenden Briefe bekommen, so daß ich auf dem Laufenden bin.
Nach den vergangenen regnerischen Tagen scheint heute zum ersten Mal wieder die Sonne. Die Kinder sind schon draußen. Helga natürlich mit ihrer neuen Puppe.
Für die Grüße Deiner Kollegen und der Familie Ganquie danke ich herzlich.
Nun zu dem Brief von der Stadt. Sie wollen nun also evtl. doch den Lehrgang durchführen. Das ist doch sicher derselbe, bei dem Du schon einmal angefangen hattest? Ich bin ja gespannt, wie es wird, ob Du los kommst. Wenn Du bei der Stadt bleibst, wäre es ja gut für später, wenn Du den Lehrgang mit machen könntest. Kämst Du dann heim, oder würdet Ihr in einer Schule untergebracht? Aber das weißt Du sicher selber noch nicht. Gingst Du gern von Deinen Kameraden fort und meinst Du, Du kämst später wieder mit ihnen zusammen? Das sind so verschiedene Fragen, die einen dabei einfallen. Aber jetzt wollen wir erst einmal abwarten, wie sich alles entwickelt. Sonst macht man sich Hoffnungen, die dann doch nicht in Erfüllung gehen.
Nun zu Siegfrieds Bemerkung unter den einen Brief, daß ich ihn nicht mitnehme, um mich seiner Aufsicht zu entziehen. Ich dachte gleich, daß Du Dich darüber ärgern würdest, mir ist es nämlich auch so gegangen. Aber weißt Du, das sind so seine Gedanken. Er rechnet immer nur von sich aus. Das sollte natürlich Spaß sein, aber solche Späße liebe ich nun nicht. Ich habe es aber aufgegeben, ihm das klar zu machen. Das versteht  er nämlich einfach nicht. Du weißt ja, Papa ist ja genau so. Wir passen eben einfach nicht zusammen. Unsere und Siegfrieds Meinung ist zu grundverschieden. Das siehst du schon daran. Die meisten unserer Bücher interessieren ihn nicht so, weil es entweder keine Liebesgeschichten mit soundso viel Verirrungen oder keine Abenteuerbücher sind. Bei ernsteren Büchern sagte er, die kann ich mal lesen, wenn ich 50 Jahre bin. Dabei sind die Bücher nicht einmal besonders schwer, sondern sie verlangen nur ein wenig Selbstbesinnung. Na, mir kann es ja gleich sein. Soll er bleiben, wie er ist. Wir haben ja wenig miteinander zu tun. Ich muß aber sagen, daß ich ganz froh bin, wieder allein zu sein. Es ist mir so wohler. Wenn Du natürlich da wärst, wär es am schönsten. Wir wollen hoffen, daß diese Zeit auch wieder einmal kommt.
Nun schließe ich für heute und sende Dir recht viel innige Grüße und Küsse .Deine Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein liebster Ernst!                                                                          Konstanz, 10.Febr.41

Heute bekam ich Deine beiden lieben Briefe vom 30.1. und 4.2. Ich danke Dir sehr dafür.
Wegen dem Pfarrer brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Er war noch nicht da. Ich glaube, er denkt, man läßt sich einschüchtern, wenn er sagt, er will kommen. Und wenn er käme, würde ich schon mit ihm fertig.
Na, da habe ich ja was schönes angerichtet mit meinem Lob für Dich. Jetzt willst Du mir evtl. eitel und selbstgefällig werden, wie Du schreibst. Du, das gibt´s aber nicht! Zuerst will ich Dir sagen, daß Du natürlich auch Fehler hast, mir fallen sie nur nicht gerade ein. Ich verspreche Dir aber feierlich, daß ich mir Mühe geben werde, sie alle ausfindig zu machen. Ich schreibe dann eine lange Liste auf und wenn Du auf Urlaub kommst, lese ich sie Dir zuerst vor. Da bist Du dann für die ganze Urlaubszeit geknickt. So wird es am besten sein, nicht wahr?
Nun zu dem Brief von den Eltern. Es ist so, wie Du schreibst, wir haben uns sehr auseinander gelebt. Ich habe Dir ja in letzter Zeit öfter darüber geschrieben. Auch wie Papa schreibt, daß Du Dich später mal für Siegfried einsetzen sollst. Das ist typisch. Uns hat früher niemand geholfen. Ich weiß nicht, ob Du Dich noch daran erinnerst, wie wir ganz früher, als Du keine Arbeit finden konntest, einmal angefragt hatten, ob er nicht mal sehen könnte, ob er was für Dich findet, daß wir evtl. wieder nach Leipzig kämen. Die Antwort war doch derart, daß wir uns gesagt hatten, und wenn wir verhungern, aber bitten tun wir nicht mehr. Und wir haben uns ja durchgebissen. Wenn Siegfried was will, kann er ja mit uns selber reden. Aber das ist nur immer die Sorge um seinen Sohn. Übrigens hat ja Siegfried gesagt, als er hier war, unter 250.- bis 280,-Mk nimmt er gar keine Stellung an. Mal sehen, was draus wird. Du mußt nun nicht denken, daß ich mich jetzt noch ärgere, das haben wir ja früher genug tun müssen.
Gestern war ein richtiger Frühlingstag. Ich habe den ganzen Tag in der Küche das Fenster offen lassen können. Heute war es den ganzen Vormittag recht neblig. Jetzt will die Sonne wider durchkommen, aber ich glaube nicht, daß es ihr lange gelingen wird. Helga ist jetzt gerade aus der Schule gekommen. Sie sagt, daß es jetzt ziemlich warm sei. Es geht also doch langsam dem Frühling entgegen, wenn es auch noch manche Rückschläge geben wird. Im nächsten Monat fängt ja auch die Gartenarbeit wieder an.
Mein lieber Ernst, ich denke immer an Dich und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Brief 127 vom 7./8.2.1941


Mein liebster Ernst!                                                                         Konstanz, 7.Februar 1941              

Heute komme ich spät zum schreiben, es ist bereits 4 Uhr. Das liegt daran, daß ich in der Küche mal wieder gründlich aufgeräumt habe. Ich hatte heute ein bißchen Feuer draußen, da habe ich die Gelegenheit wahrgenommen. Sonst, wenn es so kalt draußen ist, bleibt doch mal dies und jenes liegen, da man froh ist, wieder in die warme Stube zu kommen. Nun ist mal wieder alles in Ordnung.
Bei uns hat es wieder geschneit. Bereits gestern Nachtmittag, als wir heim gingen, fing es an. Heute früh lag er noch da, aber jetzt ist bereits wieder alles Matsch.
Vater kam gestern Abend. Trotz des Ärgers, den er immer hat, brachte er mir wieder drei Schildbrötchen. Ich habe ihm schon  ein paar Mal gesagt, er soll es lassen, aber er tut es nicht.
Nun ist meine ganze Wäsche trocken. Da bin ich froh. Im Winter ist waschen einfach kein reines Vergnügen.
Als ich mit Siegfried im Kino war, habe ich auch einen Kulturfilm gesehen. „Tragödien im Tierreich.“ Da war auch von Schlupfwespen die Rede. Da habe ich gesehen, daß Du wieder mal recht hattest. Du hast doch immer gesagt, wenn an Raupen an der Wand oder im Garten so gelbe Dinger sind, die wie Eier aussehen, sollen wir das nicht zerdrücken, das sei von Schlupfwespen. Es ist auch so, das sind die verpuppten Maden der Wespe. Diese legt mit dem Legestachel ein Ei in die Raupe, daraus kommen dann an die Hundert Maden. Die fressen die Raupe aus und verpuppen sich dann. Daraus kommen dann wieder Schlupfwespen. Im Film haben sie auch gesagt, daß diese gelben Puppen meist fälschlich als Raupeneier bezeichnet werden. Man soll sie ja nicht vernichten, da sie für uns große Helfer seien. Es waren dann auch noch Schlupfwespen zu sehen. Eine Art hat einen ganz langen Bohrer, mit dem sie durch ganz dicke Rinde am Baum bohrt, bis sie auf die Maden des Holzkäfers trifft. Wie sie auch in dem Film sagten, ist es ein Wunder, wie die Wespe immer weiß bzw. merkt, wo so eine Made sitzt. Sie läuft erst an dem ganzen Stamm entlang und pocht mit den Fühlern. Es gab dann noch zwei verschiedene Arten, die sich ihre Wohnungen im Sand graben. Sie holen sich da Spinnen, die manchmal größer sind wie sie selber. Die betäuben sie mit ihrem Giftstachel, dadurch kann sich das Opfer nicht mehr bewegen. Bis zu 70 Tage hält diese Lähmung an. Bis dahin sind diese Tiere natürlich schon von den Maden wieder aufgefressen worden. Die zweite Art der Wespen, die im Sande wohnt, heißt Bienentöter. Die holt sich Honigbienen, tut sich erst einmal an dem Honig gütlich, den die Biene gesucht hat, nachdem sie sie vorher auch gelähmt hat. Die Wespe versteht es ausgezeichnet, dem Giftstachel der Biene auszuweichen. Dann schleppt sie die Biene in ihre Behausung und später wird sie von den Maden gefressen. Die letzte Art finde ich ja nun nicht nützlich.
Vielleicht weißt Du das alles schon selber, was ich Dir geschrieben habe. Dann nimm er mir nicht übel, daß ich Dir so eine lange Geschichte erzählt habe. Wenn Du es noch nicht gewußt hast, wird es Dich aber sicher interessieren. Oder lachst du mich aus? Nun Schluß mit meinem Vortrag.
Einen Brief habe ich heute nicht bekommen. Das war ja schließlich auch nicht zu erwarten, nachdem ich gestern fünf Stück erhalten habe. Der  Brief vom 19.1. übrigens, den ich gestern erhielt, war ganze 18 Tage unterwegs. Das langt doch?
Nun muß ich aber fortfahren. Sonst wird es zu spät zum Abendbrot.
Sei Du, mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und eküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und tausend Küsse von Deiner Helga und Jörg.

                                                                                                          Konstanz, 8.Februar 41

1. Komm und lach und laß es regnen     
3. Schlechtes Wetter, das ist mieslich  
komm und lach und laß es schneien,      
auf die Dauer und verstimmt  
komm und lach und laß es regnen       
doch verdrießlich wird es schließlich  
alles Ding währt seine Zeit.            
wenn man es verdrießlich nimmt.

2. s`wär zwar schöner, schien die Sonne   
4. Darum  lach und laß es wettern, 
s`wär zwar schöner, hätte man
darum lach und laß es schnein  
dies und jenes, wie so vieles             
Sag` , je toller desto besser   was man möchte und nicht kann.         
desto eher wird es fein-                                                    
Ch. Flaischlen 

Mein liebster Ernst! Nachdem ich Dir gestern einen ganzen Vortag über Schlupfwespen gehalten habe, ist es heute sogar ein ganzes Lied, das ich Dir aufgeschrieben habe. Gefällt es Dir? Wir haben es so schön gefunden, daß wir es gelernt haben. Ich habe es mit der Mandoline vorgespielt, und dann haben wir`s gesungen. Die Noten habe ich Dir nicht aufgeschrieben, da Du dafür wohl kaum Verwendung haben dürftest. Du wirst vielleicht denken, daß ich wohl sehr viel Zeit habe und lieber stricken sollte. Aber weißt Du, mir fehlt doch jetzt so die Unterhaltung mit Dir. Irgendetwas brauche ich aber und so habe ich mich ein bißchen auf die Musik gestürzt. Meine andere Arbeit kommt nicht zu kurz dabei. Ich glaube auch, daß Du gegen meine musikalische Betätigung nichts hast. Die Kinder lernen ja dabei auch verschiedene Lieder. Und sie sind fest bei der Sache, das kannst Du glauben.
Gestern Abend haben wir gebadet und hinterher bin ich bald schlafen gegangen. Eigentlich hatten wir heute baden wollen, aber Vater sagte, daß er rauf kommen wollte. Da paßt es dann nicht so gut. Es ist ja nun zwar fraglich, ob er kommt, denn es regnet heute sehr fest. Vom Schnee ist keine Spur mehr zu sehen.
Heute habe ich auch einen sehr schönen und lieben Brief von Dir bekommen vom 31.1.
Ich freue mich sehr, daß Dein Arm wieder soweit geheilt ist. Ich dachte schon, Du würdest damit solche Schwierigkeit en bekommen, wie mit dem Fuß. Das würde mir so leid tun.
Du hast also auch die Rätselsendung gehört. Gelöst habe ich das Rätsel wirklich allein, denn Siegfried hat selber gesagt, daß er nur Tanzmusik kenne. Darin bin ich ja nicht bewandert. Aber ich finde das auch nicht so wichtig.
Bist Du Deinen Katarrh wieder los? Hoffentlich war es nicht so sehr schlimm. Ich wünsche Dir jedenfalls gute Besserung.
Gestern habe ich einen Brief an mich abgeschickt mit der Marke Hitler-Mussolini. Sie ist sauber gestempelt heute früh wieder angekommen.
Nun will ich schließen. Mein liebster Schatz, sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.