Freitag, 2. Oktober 2015

Brief 70 vom 01./02.10.1940


Mein lieber Ernst!                                                Konstanz, 1.Okt.40. 

 Heute bekam ich Deine beiden lieben Briefe vom 24. und 25.Sept. Das war wieder schön. Da ist der Tag gleich noch Mal so schön.  Bei uns ist es sehr kalt geworden. Das macht der Wind.
Ich bin wirklich sehr froh, daß die Äpfel vom Baum sind. Aus Deinem Brief sehe ich, daß du gegen den Verkauf von Äpfeln, wie ich es gemacht habe, nichts einzuwenden hast. 
Heute Abend gehe ich nun ins Kino. Vater war gestern Abend noch da. Er will heute bei den Kindern bleiben. Ich schreibe Dir morgen, ob mir‘s gefallen hat. 
Für den Militär-Regenumhang habe ich auf jeden Fall Verwendung. Da brauchst Du keine Sorge haben. Du weißt ja, für so etwas bin ich immer Abnehmer.
Wie Du ja nun inzwischen gelesen hast bzw. haben wirst, (manchmal ist es ja mit den Briefen verdreht) ist die Apfelernte ohne Unfall verlaufen ist, Gott sei dank, denn das hätte sich noch gelohnt. Ich hatte auch deshalb Bedenken, aber die Mutter des Jungen sagte, er wäre schon öfter bei der Ernte auf den Bäumen gewesen. 
Es hat mich recht gefreut, daß Dir der Kuchen geschmeckt hat. Also wirst Du über das Ausnahmepäckchen nicht mehr böse sein. Eigentlich bist Du‘s ja auch nicht gewesen. Nur ein bißchen spotten hast Du müssen, Du lieber Kerl. 
Der Helga kann ich jetzt mal keinen Kuß geben. Sie hat vom Schnupfen einen Ausschlag an der Nase und um den Mund rum bekommen Es wird aber schon etwas besser. Lieblich sieht sie ja aus.
Ich habe heute meine Wäsche hinter mir. Da bin ich auch froh. Die Arbeit von letzter Woche an hat mich doch etwas kaputt gemacht. Jetzt muß ich erst mal ein paar faule Tage einschieben. Da kann ich dann vielleicht gleich den 2.  Filzschuh für Jörg fertig machen, denn die alten Schuhe sind futsch. Ich muß mir nächstens auch einen Bezugschein für ein paar Filzschuhe holen. 
Ab heute braucht man doch am Rad noch einen neuen Rückstrahler, der am Dynamo angeschlossen wird. Ich wollte gestern zwei Stück kaufen, aber es kommen erst am Freitag welche. Sie sind ja ziemlich teuer. Im Laden sagten sie, daß ein Rückstrahler ca. 2,-M kosten wird. 
Gestern habe ich mich einmal gewogen. Ich wiege 136 Pfund. 
Heute Nachmittag ist Helga wieder in der Schule und Jörg spielt draußen. Er geht jetzt immer mächtig gerüstet hinaus, denn meist spielen sie doch Soldaten. Da nimmt er seine zwei Gewehre, seinen Holzsäbel, die Botanisiertrommel und meist noch seine große Schaufel mit.
Helga ist ein kleiner Leseratz. Immer hat sie ihre Märchenbücher beim Wickel. Es ist direkt ein Wunder, daß sie noch zum spielen an die Luft geht. 
Ich lege Dir zwei kleine Zeitungsausschnitte bei, die Dich sicher interessieren werden. Da ist es doch schön, daß wir diesmal eigene Äpfel haben.  Nun, mein lieber Mann, will ich wieder schließen.  Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Mann!                                               Konstanz, 2.Okt. 40.

 Heute habe ich keine Post von Dir erhalten. Scheinbar wird die Post wieder mal bummelig. Aber ich weiß ja, daß Du immer schreibst. 
Um 7 Uhr ist heute früh Kurt in Konstanz angekommen. Er hat 10 Tage Urlaub. Bis einschließlich Freitag über 8 Tage ist Kurt hier. Er hätte sich sehr gefreut, wenn Du auch da gewesen wärst. Ich soll Dir ausrichten, Du sollst sofort Urlaub nehmen, daß Ihr Euch noch sehen könnt.  Soeben ist Kurt dabei, auf seiner Schreibmaschine zu üben. Wie er sagt, gehts‘s fast nicht mehr. 
Gestern Abend war ich nun im Film. Es hat mir sehr gut gefallen.  So näher erzählen kann ich es im Brief ja nicht. Nach hause bin ich mit dem Postomnibus gefahren.
Heute Vormittag haben wir gebadet. Das war wieder eine Erholung.  Jetzt, wo es kälter ist, tut ein warmes Bad ganz gut.  Ich komme gar nicht recht zum schreiben heute. Gerade eben habe ich Kurt die Photografien von Dir gezeigt. Er hat sich auch dafür interessiert. 
Mein lieber Ernst! Nun mußt Du auch unbedingt einmal auf Urlaub kommen. Das geht doch einfach nicht, daß immer andere auf Besuch kommen, nur Du nicht. Du schreibst ja in einem Brief, daß Du auch das Heimweh kennengelernt hast. Da verstehst Du ja auch, daß ich mich auf ein Wiedersehen riesig freue und daß ich Sehnsucht nach Dir habe. 
Manchmal muß man doch bei den Kindern über ihre Aussprüche lachen. Ich habe Jörg ein Papierschiff gemacht. Da stellte er sich heute davor, beschaute es mit wichtiger Miene und meinte: „Mutterle, das Schiff ist wirklich schön, ich könnte nicht sagen, daß es nicht schön wär.“ Dazu sein Lausbubengesicht, na, Du kennst es ja. 
Lieber Ernst! Laß mich für heute schließen. Wenn am Tisch die Schreibmaschine klappert, kann ich einfach nicht die Gedanken zusammenhalten.  Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 29. September 2015

Brief 69 vom 28./30.9.1940


Mein lieber Ernst!                                           Konstanz, 28.Sept. 40.

Kaum war es eine kleine Weile schön, schon ist es wieder vorbei.  Jetzt regnet es schon wieder den ganzen Nachmittag. Ich bin so froh, daß die Äpfel runter sind. Ich hatte Dir gestern geschrieben, daß ich noch 30 Pfund abgenommen habe und die anderen drauf lassen werde. Nun kam gestern ½ 6 Uhr noch der Bob von Leimenstolls, oder war es um 6 Uhr. Also, jedenfalls gerade als ich mit dem Rad fortfahren wollte. Er wollte nochmals auf den Baum. Er ist dann ganz außen rumgeklettert und später hat er die Leiter noch auf den Baum raufgezogen und hat sie auf den Stamm gestellt, wo die Zweige anfangen und hat sie ganz oben an der Spitze fast, aufgehängt. Das hat ganz gefährlich ausgesehen. Er hat mir aber dadurch noch 50 Pfund Äpfel abgenommen und 10 Pfund sind runtergefallen. Wir haben jetzt gerade 5 Ztr.  Äpfel (gepflückte) und 3 Ztr. Falläpfel geerntet.
Ich sage Dir, überall liegen jetzt Äpfel. Im Keller, auf den Schränken, auf den Nachttischchen, auf dem Speiseschränkchen, auf dem Nähtisch, in zwei Kartons unterm Bett, auf Tellern, im Korridor und noch die Zinkwanne voll mit solchen, die schadhaft sind. Außerdem liegt im Ausguß alles voll Falläpfeln und 1 Sack mit 20 Pfund Falläpfel steht auch noch da. Ich kann Dir sagen, das war eine Arbeit, das Auslesen und Versorgen. Ich bin jetzt abends immer schrecklich müde gewesen. Ich bin aber doch sehr froh, daß jetzt das meiste geschafft ist. Heute Abend muß ich noch backen, natürlich wieder Apfelkuchen. Morgen bleiben wir daheim, da mache ich wieder Apfelringe zum Trocknen fertig. 
Lieber Ernst!  Heute wird der Brief einmal kürzer und ich habe Dir eigentlich nur von Äpfeln erzählt.  Aber das wird Dir sicher einmal nichts ausmachen. Ich muß nämlich jetzt fortfahren, denn es ist schon 5 Uhr und wenn ich noch backen will, wird es heute doch spät.  Einen Brief habe ich heute nicht erhalten. 
Mein lieber Mann! Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                              Konstanz 30.Sept.40.

 Gestern, am Sonntag, habe ich gar nicht an Dich geschrieben. Ich habe auch gestern sehr viel zu tun gehabt, denn die Äpfel warten einfach nicht, bis man Lust hat, sondern werden gleich faulig. Später haben wir die Bohnen noch ausgekernt. Es war gut, daß ich sie abgemacht habe, denn von dem vielen Regen werden sie ganz matschig, und einzelne Bohnen hatten schon neue Keime. Vorige Woche ist mir die Arbeit bald über den Kopf gewachsen und hätte ich gestern nicht geschafft, so hätte ich heute mächtig viel zu tun gehabt und das wollte ich nicht, weil morgen Waschtag ist. Da wollte ich mich heute noch ein bißchen ausruhen.
Also weißt Du, die Gartenarbeit ist direkt ein Erholungsurlaub gegen eine Apfelernte. Vater will mir noch ein kleineres Gestell zusammenbauen, auf dem ich noch Äpfel unterbringen kann, damit nicht zu viel in der Wohnung herumliegt. Du bist mir doch sicher nicht böse, daß ich gestern nicht geschrieben habe, nachdem ich Dir die Gründe dafür dargelegt habe.
Von Dir habe ich seit Freitag keine Post mehr erhalten. Ob heute Nachmittag noch was kommt, kann ich noch nicht sagen. Es ist allerdings bereits ½ 4 Uhr.  Bei uns ist heute wieder stürmisches Wetter. Gestern Vormittag hat es auch geregnet, nachdem es schon am Samstag gegossen hat. An Regen fehlt es also nicht. Wir haben infolge dieses schönen Wetters alle drei Husten und Schnupfen. 
Soeben ist der Briefträger vorbei gefahren und hat wieder nichts für uns. Gedulden wir uns also bis morgen.  Vielleicht nehme ich mir heute Abend wieder einmal die Briefmarken vor. Die letzten Tage bin ich nicht dazu gekommen.
Evtl. gehe ich diese Woche einmal ins Kino. Es wird der Film „Achtung, der Feind hört mit“ gespielt. Genau weiß ich es aber noch nicht. Es wäre das erste Mal, daß ich abends allein fortgehe, der Weg ist eben ziemlich weit. Als ich sagte, daß ich einmal fortgehen wollte, hieß es: „Oooch, das ist so schön, wenn Du da bist.“ Sogar ein bißchen heulen wollten sie. 
Nachdem im Garten hinterm Haus der ganze Spinat von den Regenwürmern in die Erde gezogen worden ist, werde ich nochmals im großen Garten welchen säen, nachdem die ersten zwei Reihen bis jetzt ganz gut rausgekommen sind. Es regnet einfach zu viel. Die kleinen Salatsetzlinge, die ich ausgesät hatte, sind ganz an den Boden hingeklatscht.  Nun fängt morgen der Oktober an. Ob in diesem Monat der Urlaub einmal Wirklichkeit wird? Wir wollen es hoffen. Nun, lieber Ernst, sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Samstag, 26. September 2015

Brief 68 vom 25./26./27/9.1940


Mein lieber Ernst!                                              Konstanz, 25.Sept. 40. 

Heute regnet es nun schon den zweiten Tag und ich kann die Apfelernte nicht fortsetzen. Es sind die Nacht über wieder 15 Pfund runtergefallen.  Glücklicherweise sind davon nicht alle Äpfel fest aufgesprungen, da der Boden aufgeweicht ist, so daß ich sie noch einige Tage aufheben kann. Ich bin direkt froh, daß schon die 3 Ztr. abgenommen worden sind, vor allen Dingen auch die schönsten, die ganz oben gehangen haben. An manche, die ganz außen hängen, kommt man überhaupt nicht hin.  Ich will mal sehen, ob ich noch eine größere Stange an den Apfelpflücker machen kann. Es kommt drauf an, ob ich dann genug Kraft in den Armen habe, um die Stange zu stemmen.
Gestern Abend habe ich mich wieder hinter die Briefmarken gesetzt. Es macht mir immer große Freude, wenn ich wieder eine ins Album tun kann, die Du noch nicht hast, oder wie gestern, wo Du die eine Marke schon hattest, aber es fehlten zwei Zacken und die neue Marke ist einwandfrei. Aber weißt Du, was ich einfach nicht finde, Jugoslawien. Ist das nicht drin? Heute Abend werde ich wahrscheinlich weiter machen. 
Heute tagsüber habe ich mal mit dem nähen von Jörg‘s Hausschuhen angefangen. Dazu sind Regentage wieder gut, aber lieber wär mir‘s, es käme bald wieder die Sonne, schon wegen der Äpfel. Wie Du Dir denken kannst, essen wir jetzt ziemlich viele Äpfel, natürlich nur Falläpfel. Von den gepflückten Äpfeln sind sehr wenige madig und auch die in letzter Zeit gefallenen Äpfel haben fast nie Maden. Bei den früher gefallenen war das natürlich anders.
Ich schicke Dir heute die zweiten 5,-.  Morgen folgen die dritten. Solltest Du noch mehr Geld brauchen, so könnte ich Dir evtl. noch das Geld schicken, welches ich für die Äpfel bekommen habe. Es sind dies 8,-Mk für 50 Pfund. (Frau N. hat noch 10 Pfund genommen, die man nicht so lange aufheben kann). Weiteres verfügbares Geld habe ich diesen Monat nicht, weil ich M 35, für Kartoffeln weggelegt habe. Höchstens könnte ich von der Sparkasse was holen, das ginge auch. Du schreibst mir‘s bitte, ob Du noch was brauchst. Die 15,- habe ich aber gut übrig gehabt. 
Post habe ich heute keine von Dir bekommen, aber das ist auch gar nicht zu verlangen, denn ich habe ja gestern gleich zwei Briefe bekommen.  Nun schließe ich wieder für heute, mein lieber Ernst.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                           Konstanz, 26.Sept. 40. abends 9 Uhr

Denk Dir, ich habe heute nicht einmal an Dich geschrieben. Du wirst es aber sicher entschuldigen, denn ich habe den ganzen Nachmittag Äpfel gepflückt. Mir will die Hand beim schreiben scheinbar gar nicht parieren, denn sie ist mir ziemlich schwer, da ich den ganzen Nachmittag den Obstpflücker in der Hand gehabt habe. Ich habe oben auf der Leiter gestanden und habe mit dem Pflücker die Äpfel an  d e n  Zweigen gepflückt, die ziemlich weit außen sind. Anders kommt man an diese Äpfel nicht ran. Ich habe 120 Pfund gepflückt und 25 Pfund Falläpfel hat es gegeben. In der Nacht sind auch wieder 15 Pfund runtergefallen. Wenn es morgen wieder trocken sein sollte, werde ich weiter pflücken.
Heute früh sah es ganz trüb aus und der Baum war ganz patschnaß. Ich dachte schon, daß es gleich wieder regnen würde. Dann hat sich aber ein Wind aufgemacht und hat alles getrocknet. Da dachte ich, die Gelegenheit nehme ich gleich wahr, wer weiß, wie morgen das Wetter wieder ist. Wir haben nun über 4 Ztr. gepflückte und rund 3 Ztr. Falläpfel geerntet. 50 Pfund hat Vater haben wollen. Er will sie mir aber bezahlen. Es ist doch fein, daß wir einmal eine so reiche Ernte haben, nicht wahr? 
Du hast Dich also einmal daraufhin angesehen, ob Du dicker geworden bist. Das macht ja nichts aus, wenn Du zugenommen hast, das wirst Du Dir schon wieder abarbeiten, wenn Du wieder hier bist später. Ich habe sicher nicht zugenommen, höchstens etwas abgenommen, aber ich fühle mich sehr wohl dabei. Jetzt beantworte ich Dir schon Deinen Brief und derweil habe ich Dir noch gar nicht geschrieben, daß ich heute Deinen lieben Brief vom 21.September bekommen habe. Der hat mich wieder sehr gefreut. 
Daß Dir Deine Frau fehlt, die Dich immer so ärgert, das glaube ich Dir gleich. Also mußt Du einfach mal auf Urlaub kommen, da kannst Du den Ärger gleich haben, Du lieber Kerl.  Mich hat es gefreut, daß Du den Kuchen gerade am Samstag erhalten hast. Vielleicht hast Du Dir was für den Sonntag aufheben können. War er noch ziemlich ganz? 
Gestern habe ich wieder die Briefmarken vorgeholt und viele einsortiert. Ich hatte eigentlich vor, heute weiter zu machen.  Aber nun habe ich lieber an Dich, mein lieber Ernst, noch geschrieben. Die Briefmarken laufen mir ja nicht davon und ich bin einfach mit dem Tag nicht zufrieden, wenn ich Dir nicht geschrieben habe.
Nun will ich aber doch Schluß machen, es ist gerade um 10 Uhr. Ich schicke Dir im Brief die dritten 5,-M mit. Gute Nacht, mein lieber Ernst. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 

Lieber Ernst! Da ich heute Abend gerade hier bin, schreibe ich Dir einige Zeilen dazu, was schon lange meine Absicht war. Zuerst noch meinen besten Dank für Gratulation zum Geburtstag und Zigarren. Es war mir leider nicht möglich, Dir zu Deinem Geburtstage zu gratulieren, da wir nicht wußte, wie lange Du in C. noch verbleiben würdest.
Wir haben aber Deiner gedacht hier zusammen an dem Tage und wünsche noch nachträglich alles Gute und vor allen Dingen, daß wir alle gesund bleiben.  Hier in Konstanz sind auch verschiedentlich Gefangene gekommen, auch bei St. Meinen Urlaub habe ich auch noch zu gut und werde denselben in nächster Zeit noch machen. Im Allgemeinen ist alles das gleiche. Bei dem letzten Fliegerangriff hier, wo Kurt gerade hier war, ist ein Blindgänger am Gottlieberweg herunter, denselben weißt Du ja, es war eine zeitlang gesperrt. Hoffentlich kommst Du bald mal auf Urlaub. Herzliche Grüße von Deinem Vater.


 Mein lieber Ernst!                                                   Konstanz, 27.9.40

 Auch heute komme ich erst um 5 Uhr dazu, an Dich zu schreiben.  Früh war ich erst in der Stadt, heute Nachmittag habe ich erst 30 Pfund Äpfel abgenommen und dann noch ein Stück umgegraben, denn ich habe die restlichen Bohnenstangen raus nehmen können. Äpfel werde ich entweder überhaupt nicht mehr oder nur noch ein paar abnehmen. Sie hängen nämlich so weit außen und so zwischen kleinen Ästen, daß man einfach nicht dazu kommt. Den Hals brechen möchte ich mir nun auch nicht gerade dabei. Schütteln will ich sie jetzt auch noch nicht, denn ich habe noch ziemlich Falläpfel da. Sonst werden mir nur zuviel schlecht. Wenn nach und nach welche runter fallen, ist es auch ganz recht. Ich lese sie ja immer sorgfältig auf. Umkommen tun sie auf keinen Fall. Ernst, das war eine feine Ernte, das hat mir gefallen. Glaubst Du das? 
Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 23. September. Ich danke Dir recht sehr dafür. Ich sehe aus dem Brief, daß Du keine Angst hast, ich könnte Dir an den Briefmarken etwas verderben und daß Du es auch verstehst, wenn ich vielleicht nicht alles richtig einsortiere. Die größte Mühe gebe ich mir jedenfalls, daß ich es soweit als möglich richtig mache. Bei den belgischen Marken waren verschiedene, die dünne Stellen hatten, während das bei den anderen nur vereinzelt vorgekommen ist. 
Wenn Du Dich noch nicht so nach meinem Befinden erkundigt hast, so bist Du deswegen nicht selbstsüchtig. Ich habe Dir ja immer geschrieben, was ich so tue und schaffe und Du wirst Dir sicher auch gedacht haben, wenn ich nicht auf der Höhe wäre, könnte ich im Garten auch nicht so schaffen. Also, mir geht es gut. Augenblicklich bin ich mal stark heiser, aber das hat nichts zu sagen. Die Kinder haben auch Schnupfen. Das kommt vom Wetter. Heute erhielt ich von den Eltern die Mitteilung, daß Hans Krall aus Rosenberg von einem Feindflug nicht zurückgekehrt ist. Kralls haben gleich Nachforschungen anstellen lassen, aber sie haben nicht viel Hoffnung. Für meine Tante ist es auch schlimm. Vor ein paar Jahren Maria und jetzt evtl. Hans. Dem Vater wird es sicher nicht so nahe gehen, denn für ihn war ja Hans immer der Prügelknabe. 
Von Kurt habe ich gestern auch einen Brief erhalten. Er wird in nächster Zeit einen 10tägigen Urlaub bekommen. Er hat, soviel ich aus dem Brief lese, auch Dir davon geschrieben. 
Es ist jetzt ¾ 6 Uhr und ich will Schluß machen, sonst kommen die Kinder zu spät ins Bett, denn ich will den Brief noch wegschaffen. 
Nun, mein lieber, lieber Ernst, sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 

Mittwoch, 23. September 2015

Brief 67 vom 22./23./24.9.1940


Mein lieber Ernst!                                          Konstanz, 22.Sept. 1940   

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 18.9. in dem Du mir nun leider mitteilst, daß es mit Deinem Urlaub wieder nichts wird. Die Enttäuschung war doch wieder groß, wenn ich mir auch vorgenommen hatte, mich nicht vorher zu freuen. Aber auch bei Dir wird die Enttäuschung groß gewesen sein. Vorläufig werde ich also die Hoffnung auf Urlaub einmal begraben, denn wer weiß, was im Oktober ist.  Euer Chef wird schon solange zögern, bis einmal Urlaubssperre eintritt. Nach 19 Wochen hätten sie Dir schon Urlaub geben können, denn sogar der Pfluger, der doch nach Dir zum Militär gekommen ist, hat schon Urlaub bekommen. Wenn Du ja einmal Urlaub haben solltest, wie viele Tage bekämst Du da bestimmt? Schreib mir‘s doch bitte mal. 
Die Äpfel werde ich also jetzt runter nehmen müssen, denn heute Nacht sind ganze 25 Pfund runter gefallen und gestern 15 Pfund. Sie sind eben reif. Der größere Junge im Haus will auf den Baum rauf klettern. Es ist doch schade, wenn so viele Äpfel abfallen, denn man kann sie doch nicht lange aufheben.
5 Uhr nachmittags.   Da es sich noch aufgeklärt hat, habe ich gleich noch mit Äpfel abnehmen angefangen. Ich habe unten rum mit dem Apfelpflücker abgepflückt und zwar 83 Pfund. Meinst Du, man sieht, daß welche abgepflückt sind?  Keine Ahnung. Der Baum hängt noch dick voll. Wir haben bis jetzt 2 Ztr. Falläpfel gehabt und die 85 Pfund, die ich heute abgepflückt habe. Auf dem Baum hängen noch ein paar Zentner. Ich weiß gar nicht, wo ich die Äpfel alle hin tun soll. Aber Freude macht so eine Ernte doch.  Durch das Schaffen bin ich jetzt auch etwas über die Enttäuschung weggekommen.
Heute früh habe ich erst heulen müssen. Jetzt bin ich aber wieder tapfer und ich werde mit Geduld warten, bis Du einmal heimkommst. Jetzt war es doch gut, daß ich Dir noch den Kuchen geschickt habe. Erst dachte ich, er erreicht Dich dort vielleicht gar nicht mehr. Hat er geschmeckt?  Hoffentlich ist er nicht ganz zerbrochen angekommen. 
Es freut mich wirklich, daß Ihr dort so gut betreut werdet bzg. der Unterhaltung, denn wenn man fremd ist, wird es einem viel eher langweilig als daheim.  Die Brüsseler Zeitung mit dem Stück Frankfurter Zeitung habe ich heute auch erhalten. Der Artikel „So fiel die Maginot Linie“ hat mich sehr interessiert. Den Artikel von Gent habe ich auch gelesen. Da war es mir besonders interessant, daß ich noch ein Bild von Dir von der Burg Gravenstein da hatte. Das habe ich mir jetzt schon öfter angesehen. Zum Ansehen muß die Burg ja schön sein, nur für die armen Opfer von früher nicht. Ist der Eindruck der Burg gewaltig? Oder nur sehr düster? In Deutschland sind ja dank der Franzosen die Burgen nur noch Ruinen. 
Mein lieber, lieber Ernst! Wir wollen hoffen, daß es mit Deinem Urlaub doch noch einmal etwas wird. So lange wir noch gesund sind, wollen wir nicht unzufrieden sein. 
Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 23.Sept.40. 

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 14.9., nachdem ich gestern schon den vom 18.9 erhalten habe. Recht vielen Dank dafür.  Seit Gestern ernte ich nun den Baum ab, d.h. ich mache es eigentlich nicht allein. Der Emil von Leimenstolls ist heute bis in die Spitze des Baumes geklettert und hat ganz oben abgepflückt und zwar etwas über 1 Ztr. Du kannst dir denken, wie es jetzt bei uns aussieht.  Äpfel, wohin Du auch guckst. Im Keller, auf Schränken, auf der Truhe und dem Regal im Korridor, in Kartons unterm Bett. 30 Pfund habe ich an Steinmehls verkauft und 10 Pfund an Frau Nußbaumer. Du wirst sicher nichts dagegen haben. Heute Abend will der Emil nochmals. Ich weiß nun gar nicht mehr wohin mit allen Äpfeln. Aber ich verstaue sie, wohin es geht. Ich habe sie natürlich alle gut sortiert. Im Winter werden wir um jeden Apfel froh sein. Fallobst hat es heute Nacht wieder 12 Pfund gegeben. Ich werde auch noch Apfelringe trocknen und evtl. noch Apfelmus einkochen. Aber augenblicklich kann ich nicht, denn ich bin vom sortieren, versorgen und gestern vom pflücken ziemlich müd.  Weißt Du übrigens, was jetzt manchmal meine Abenderholung ist? Deine Briefmarken abweichen und einsortieren. Wenn ich abends zu müd zum schaffen oder lesen bin, hole ich mir die Briefmarken vor. Da habe ich jetzt direkt Freude dran. Wenn ich auch vielleicht nicht alles richtig einsortiere, aber das Vergleichen und Suchen, wo die Marken hingehören, ist mir Erholung und das ist ja die Hauptsache, na, und dass ich Dir nichts verderbe, weißt Du ja. 
Übrigens habe ich mit der Jacke, die Du mir geschenkt hast, ungeahnte Erfolge. Im Haus werde ich bewundert, bei Tengelmanns auch und  sogar von Soldaten. Was sagst Du nun? Frau Nußbaumer sagt: Wunderschön ist die Jacke, die kleidet sie vortrefflich, ganz jung sehen sie darin aus. Bei Tengelmanns: Die Jacke ist aber schön und wie gut sie sie kleidet. Die Soldaten, ca. 34 Stück, als ich vorbeifuhr: „Oho, oho“ und schauen hinterher. Na, wenn ich nun nicht eitel werde. Und wem verdanke ich das? Dir lieben, lieben Kerl, Dir, mein lieber Ernst.
Mir selber gefällt die Jacke auch wunderschön und ganz schlank sehe ich darin aus. Du mußt nun keine Angst haben, daß ich wirklich eitel werde, aber schön ist es doch, wenn man mal was Nettes anzuziehen hat. Jetzt will ich mich beeilen, daß ich noch in die Stadt komme. Ich weiß nicht, wann der Emil aus der Schule kommt. Beim pflücken möchte ich doch dabei sein. Wie schon früher einmal gesagt, ich hätte Dir nur gewünscht, daß Du den vollen Baum einmal gesehen hättest, es war eine Pracht.  Nun, lieber Ernst, will ich wieder schließen. Ich habe Dich ja so lieb und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.
Die Hauptsache habe ich natürlich vergessen. Ich habe heute Dein liebes Päckchen mit der Wolle bekommen. Die blaue Wolle gefällt mir wieder sehr gut. Ich bin überhaupt schon lange zu der Überzeugung gekommen, daß man Deinem guten Geschmack jederzeit vertrauen darf.
Lieber Ernst, ich danke Dir auch für dieses Päckchen wieder ganz herzlich.


 Mein lieber Mann!                                             Konstanz, 24.Sept.40

 Heute bekam ich Deine beiden lieben Briefe vom 19. und 20. Sept., über die ich mich sehr gefreut habe. Bezüglich der Päckchensendungen bist Du doch ein böser, bitterböser Spötter. Wenn auch kein Geburtstag mehr ist, so mußt Du doch einsehen, daß ich auch ausnahmsweise einmal ein Päckchen senden kann, Ausnahmen müssen doch auch einmal gemacht werden. Das siehst Du doch hoffentlich ein, Du lieber Kerl?
Wegen der Luftschutzübung hat es sowieso Ärger gegeben, aber das erzähle ich Dir in Deinem Urlaub. Übrigens ist der feindliche Fliegerbesuch bei uns sehr selten. Seit ich es Dir geschrieben habe, haben wir keinen mehr gehabt. Inzwischen habe ich Dir ja mitgeteilt, daß ich den Apfelbaum schon abnehmen lasse. Dieses Jahr sind die Äpfel schon eher reif gewesen. Der Junge hat gestern Nachmittag nochmals über 1 Ztr. abgenommen. Heute wollte er wieder auf den Baum, aber heute Nacht hat es ein Gewitter gegeben und heute regnet es den ganzen Tag. Da geht es nicht. Über 10 Pfund Falläpfel haben auch heute früh wieder unten gelegen. Beim Pflücken sind auch ca.  6 Pfund runtergefallen, denn wenn man an manche Äste nur dran kommt, fallen die Äpfel schon. Schmecken tun die Äpfel wieder prima. Ich habe in der Küche schon zwei große Schnüre mit Apfelringen hängen. Es hat mir doch keine ruhe gelassen, denn es soll doch nichts umkommen. Im Ganzen haben wir bis jetzt geerntet: 3 Ztr. gepflückte Äpfel 230 Pfund Falläpfel. Es sind aber noch ziemlich Äpfel auf dem Baum. Wegen dem Garten brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Der große Garten ist schon fertig umgegraben, bis auf die Beete mit Kraut, das Gurkenbeet und 6 Reihen Stangenbohnen. Die übrigen Stangenbohnen, die schon dürr waren, habe ich abgemacht und auch entkernt, ebenso die Busch und halbhohen Bohnen. Neben dem Gurkenbeet hatten wir im Frühjahr Erbsen und dann haben sich die Gurken drüber gerankt. Die sind aber jetzt im Absterben, so daß das Beet wieder frei liegt. Da die Erde doch da noch nicht ausgesaugt ist, habe ich dort noch Spinat gesät und bei den Tomaten noch Ackersalat.  Die Erdbeerbeete sind auch ausgeputzt und umgegraben. Der Garten wäre also in Ordnung. Im kleinen Garten konnte ich die Kartoffeln noch nicht raus machen, da das Kraut noch grün ist. Acht Pfirsiche haben wir auch geerntet. Die waren auch schon überreif, so daß wir Dir gar keinen aufheben können. 
Unseren beiden Stromern geht es wieder soweit gut. An das Spielen im Zimmer hat sich Jörg schon wieder gewöhnt.  Da muß ich Dir auch noch was von Helga erzählen. Heute früh unterhielten sich die Kinder, ich weiß nicht, über was. Ich habe nur noch den Schluß gehört. Da sagt Jörg zu Helga: ....das machst Du dann so wie ich es Dir sage.“ „Nein“, sagt Helga, „das mache ich wie ich will, ich habe auch meinen Willen.“ Was sagst Du nun? Dann noch etwas. Helga setzt sich so gern bei mir auf den Schoß und hat es überhaupt gern, wenn ich ein bißchen lieb zu ihr bin. So auch heute wieder. Sie fing dann an zu heulen und sagte: “Jetzt muß ich nun in die Schule und ich habe Dich doch so lieb, daß ich gar nicht von Dir fort will. Ich will immer bei Dir bleiben.“ Ich sagte zu ihr: „Weißt Du, Du kannst doch nicht immer bei mir sein, warte nur, wenn Du mal heiratest, dann gehst Du auch fort.“ Weißt Du, was sie darauf sagt: „Weißt Du, Mutterle, ich warte einfach mit dem Heiraten bis ich dreißig bin.“ Da habe ich doch grad loslachen müssen. 
Die gewünschten M 15, lasse ich Dir wieder in drei Briefen zugehen.  Heute schicke ich die ersten 5.-Mk. Wie Du es mit dem 2.Anzug machen willst ist es ganz recht.  Ob meine Eltern über Deinen Brief beleidigt sind, wirst Du ja sehen. Wie Du schon schreibst, ändern könnte man es nicht. 
Du schreibst, es ist recht, daß ich mich nicht eher über Dein Kommen freue, bevor Du da bist. Du hast ja nun aus meinem anderen Brief ersehen, was aus diesem Vorsatz geworden ist. Ich habe Dich halt zu lieb, um mich nicht doch zu freuen, wenn ich höre, daß Du Urlaub bekommst. 
Die Briefmarken vom Elsaß hebe ich Dir auf. Auch die anderen Marken werde ich wieder versorgen. Jetzt bin ich ein paar Abende nicht dazu gekommen, aber ich habe Dir ja auch wegen den Briefmarken schon geschrieben.  Siegfried hat mir von Neustadt eine Karte geschrieben. Von einer Dienstfahrt ist er mit nach Neustadt gefahren. Sein Dienst ist ja jetzt schon auszuhalten.  Nun, lieber Ernst, bin ich am Schluß meines Briefes angelangt. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Sonntag, 20. September 2015

Brief 66 vom 19./20./21.9.1940


Mein lieber Ernst!                                         Konstanz, 19.Sept.40

 Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13.9. Ich danke Dir vielmals dafür.  Ich beschäftige mich jetzt immer mit der Frage, ob Du auf Urlaub kommst. Ich würde Dir gern noch den Apfelbaum zeigen, wenn er so viele Äpfel hat.  Gegessen haben wir dieses Jahr wirklich schon viele Äpfel bzw. Apfelmus. Du weißt ja, für Äpfel bin ich immer zu haben und unsere schmecken dazu wirklich gut. 
Das kannst Du Dir denken, daß ich, wie Du schreibst, ziemlich verärgert war, als ich zwei Briefe an einem Tag von Dir erhielt. Ich glaube, ich könnte sechs Stück bekommen und ich würde mich nicht ärgern. Im Gegenteil, je mehr, je lieber. 
Bezüglich Wolle und allem anderen habe ich gar keine Wünsche. Nur den einen Wunsch habe ich, daß Du recht bald zu uns kommst. Es muß doch einmal Wahrheit werden.  Du schreibst, daß es Dir unerklärlich ist, wie Jörg am Auge wildes Fleisch bekommen konnte. Der Arzt sagt, das sei nichts Schlimmes. Das müßte man wahrscheinlich noch ein paar Mal wegschneiden. Es könnte aber auch sein, daß es einmal so schnell von selbst weggeht, wie es gekommen ist. Gefährlich ist es nicht. 
Wenn Du auf Urlaub kommst, wirst Du ja selbst sehen, wie es aussieht.  Mit dem parieren von Jörg hat es so manchmal seinen Haken. Ich muß öfter mal dazwischen fahren. Du weißt ja selbst, wie so Lausbuben sind. Oder warst Du ganz brav? Helga folgt ja eher, sie ist eben ein Mädchen und die sind immer brav, nicht wahr. 
Lieber Ernst, ich würde Dir im Garten auch gern einmal zeigen, wie schön unser Kraut wird. Es ist eben manches, woran ich auch eine noch mal so große Freude hätte, wenn ich es Dir zeigen könnte. 
Weißt Du, das Wort „Urlaub“ ist einfach ein Zauberwort, kaum hört man´s, so fängt man gleich an zu träumen und viele Wünsche werden laut. Wenn ich mir auch noch so viel Mühe gebe, nicht an den Urlaub zu denken, weil‘s ja noch gar nicht sicher ist, ob Du welchen bekommst, so stiehlt sich doch immer so eine leise Hoffnung durch, daß es doch wahr sein möge.
Gestern habe ich doch Deine Briefmarken fertig gemacht und sie, soweit ich es verstanden  habe, in die einzelnen Seiten reingelegt. Zwei oder drei Stück sind nicht einwandfrei. Eine, die aufgeklebt war, war ein ganzes Stück eingerissen. Es ist aber sicher keine wichtige. Ich lege sie bei. Übrigens hat es viel weniger Arbeit gemacht als ich dachte. Es hat mich sogar interessiert. Bei manchen bin ich ja nicht ganz zu recht gekommen, auf welche Seite sie gehören. Aber, das wirst Du dann schon machen.  Nun will ich wieder für heute schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 20.9.40

Post habe ich heute keine von Dir erhalten. Heute ist nun der 20zigste und es könnte der 1.Tag Deines Urlaubs sein. Ich weiß ja nun gar nicht, ob Du welchen bekommst. Ich denke immer, Du müßtest jede Minute kommen, andernteils kann ich es mir noch gar nicht vorstellen, daß Du wirklich Urlaub bekommst. Es ist halt so eigenartig, wenn man gar nicht weiß, woran man ist.
Lieber Ernst, wenn Du doch kämst, wir würden uns so freuen.  Heute ist wieder ein etwas stürmischer Tag. Da sind wieder ziemlich viele Äpfel runter gefallen. Die werden aber alle verdrückt, da kommt nichts um. Runter müssen die Äpfel aber bald, denn die Runtergefallenen waren meist gar nicht madig, sondern nur reif. 
Nachdem ich die letzten Tage im Garten geschafft habe, ist heute bei mir ein etwas fauler Tag. Aber das muß auch einmal sein. 
Gestern Abend habe ich noch die Briefmarken abgeweicht und einsortiert, die mit dem gestrigen Brief gekommen sind. Nur bei Herrn Kuster war ich noch nicht wegen den Briefmarken, die er evtl.  bei Dir bestellen soll. Ich werde es aber bald nachholen.  Ich weiß nicht, ob ich Dir‘s gestern schon geschrieben habe, daß ich die Halbhohen und die Buschbohnen gestern abgemacht habe. Sie sind dürr. Bei Gelegenheit werde ich sie auskernen. Eigentlich weiß ich gar nichts mehr zu schreiben. Ich habe immer die Hoffnung, daß ich vielleicht bald mit Dir reden kann. Das wär natürlich noch viel schöner als schreiben.  So mache ich einstweilen für heute Schluß. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie, die sich schon sehr auf Dein Kommen freut.


Mein lieber Ernst!                                             Konstanz,.21.Sept. 40

Heute erhielt ich gleich 2 Briefe von Dir, vom 16.  und 17. September. Ob Du nun wirklich Urlaub bekommst, steht ja noch nicht drin. Ich will aber die Hoffnung noch nicht verlieren, daß es doch etwas wird. Wenn Du auch ohne Anmeldung kommst, das ist doch gleich. Die Hauptsache, Du bist da.
Siehst Du, morgen haben wir gerade den von Dir gewünschten Pflaumenkuchen. Selbstverständlich backe ich Dir gern, sogar sehr gern, wieder einen Pflaumenkuchen, wenn Du kommst. Wenn Du nur schon da wärst. Ich freue mich ja schon so auf ein Wiedersehen. Jetzt bist Du ja schon 18 ½ Woche fort. Da dürften sie  Dir schon einmal Urlaub geben. 
Für die Bilder danke ich Dir recht sehr. Sie gefallen mir gut, vor allem die, auf denen Du mit drauf bist. Auf dem einen, wo Du so fest lachst, hätte ich Dich fast nicht erkannt. Es ist selten, daß Du auf einem Bild mal so lachst. . Die mitgesandten Briefmarken werde ich wieder versorgen. Den Durchschlag Deines Urlaubsgesuches hast Du beizulegen vergessen. Wahrscheinlich ist er im nächsten Brief drin. 
Jetzt müssen die Äpfel bald runter, sie sind gut reif. Heute sind ganze 15 Pfund runter gefallen und die wenigsten sind madig. Vielleicht kommst Du doch noch so in Urlaub, daß Du sie runter holen kannst. Sonst müßte ich eben doch die Hilfe der Hausbewohner in Anspruch nehmen. 
Lieber Ernst! Ich habe ganz gewaltige Sehnsucht nach Dir, vor allem deshalb, weil ich weiß, daß Du evtl. Urlaub bekommst. Sonst beschäftigt man sich gar nicht so intensiv mit dem Wiedersehen, denn man machte sich sonst nur das Leben schwer. Aber bei dem Wort „Urlaub“ wird die Wiedersehensfreude plötzlich munter. 
Wir hatten die letzten Tage auch ziemlich föhniges Wetter. Man merkt´s aber gleich, man hat Kopfweh und ist ziemlich müd´. Heute ist es wieder etwas besser.
Bei uns ist es hier noch ziemlich warm. Wenn es natürlich Regenwetter ist, da wird es gleich kühl. Es ist ja auch schon Ende September. Den alten Muselik hast Du doch auch dem Namen nach gekannt. Der ist am 15. September gestorben. Vielleicht  interessiert es Dich.  Dann schicke ich Dir heute noch einen Artikel vom Lämmel mit. Ich dachte,  daß es für Dich von Interesse ist.  Nun, lieber Ernst, will ich schließen. Komm recht bald auf Urlaub. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 65 vom 16./17./18.9.1940


Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 16.Sept. 40  

 Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 12. September. Du schreibst, daß Du unser Päckchen mit den Sachen vom Geburtstag erhalten hast. Du brauchst keine Angst zu haben, daß diese Sendungen eine Gewohnheit werden, denn wir haben ja nur vier Geburtstage im Jahr. 
Ich erinnere mich auch noch an das Baden im vorigen Jahr. Dieses Jahr wäre es schon zu kühl.  Ich habe wohl dieses Jahr den Garten ziemlich allein versorgt, aber glaube mir, es ist mir nicht zu viel geworden. Ich habe immer dran gedacht, wie Du Dich freuen wirst, wenn alles in Ordnung ist, da ist mir alles leicht geworden.
Heute bekommst Du einmal einen sehr kurzen Brief, denn die Zeit ist mir sehr knapp. Früh habe ich etwas gewaschen und habe Dein Päckchen weggeschickt und eingekauft. Da ich Kartoffeln brauche, habe ich nachmittags welche raus gemacht. Die muß ich nun nach dem Abtrocknen noch in den Keller tun. Außerdem ist vorhin für um 7 Uhr eine Luftschutzübung angesagt worden. Da muß ich mich ziemlich beeilen.
Du warst ja schon einmal so lieb und hast dich mit einer Karte zufrieden gegeben. Da nehme ich heute Deine Nachsicht nochmals in Anspruch und bitte Dich, mir wegen des kurzen Briefes nicht böse zu sein. 
Lieber Ernst! Ich schließe also für heute. Du sollst aber wenigstens wissen, daß ich immer an Dich denke, wenn ich auch nicht viel schreiben kann.  Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                             Konstanz, 17.Sept. 40

 Heute erhielt ich Deine lieben Briefe vom 10.  und 11. September. Ich danke Dir vielmals dafür.  Du schreibst nochmals, daß ich Dir keine Zeitungen schicken brauche. Inzwischen wirst Du ja nun doch noch die letzten Zeitungen von mir erhalten habe, denn Dein erster Brief kam ja einen Tag später an, als ich die Zeitungen schon weggeschickt hatte. 
Über die Bilder habe ich mich wieder sehr gefreut. Ich werde sie einstweilen mit ins Album legen. Da hast Du ja dort schon allerhand gesehen. Wie ich Dir schon schrieb, freue ich mich auf Dein Kommen  v o r h e r   noch nicht so sehr, damit ich dann nicht so enttäuscht bin, wenn es nicht klappt. Den Kindern habe ich noch gar nichts gesagt. Sonst habe ich vor lauter Fragen überhaupt keine Ruhe mehr und die Beiden wären sonst, wenn Du nicht kommen könntest, auch schrecklich enttäuscht. Du schreibst, ich hätte Dir gar nichts geschrieben, daß Jörg wegen wildem Fleisch geschnitten worden ist. Sollte ich das wirklich vergessen haben? 
Das war doch so. An dem Auge von Jörg sah es immer aus, als wenn er ein Gerstenkorn bekommen sollte. Im Augenlid drin hat es so eine Verdickung gegeben. Als nun Helga das entzündete Auge hatte, dachte ich, da lasse ich gleich beim Buben mal mit nachsehen. Da sagte dann eben der Arzt, daß sich da wildes Fleisch gebildet hätte, das man raus schneiden sollte, was ja dann auch geschehen ist. Es muß aber wahrscheinlich nochmals geschnitten werden. Wenn ich Dir das noch nicht mitgeteilt hatte, so darfst Du mir das nicht übel nehmen. Das habe ich dann glatt vergessen gehabt.
Ich glaube, Ihr werdet Eurer Wohnungen auch nicht froh. Wenn Ihr mal drin seid, kommen immer andere Interessenten. Diesen letzten Angriff habt Ihr ja nochmals abgeschlagen.
Daß die Bedienungen nicht besonders eifrig sind, glaube ich schon. Das sind doch sicher Französinnen, die haben an den Deutschen doch kein Interesse und außerdem sind sie doch sicher nicht so sehr von Ordnung besessen. Jedenfalls habe ich das aus verschiedenen Schilderungen entnommen.  Wie kommt es, daß die Badeöfen immer explodieren.  Sind die so lange nicht gesäubert worden. Sie Dich nur vor, daß Dir dabei mal nichts passiert. 
Heute haben wir mal wieder schönes Wetter. Man glaubt es noch gar nicht richtig. Aber den Säntis sieht man schon wieder ganz deutlich. Da wird es wahrscheinlich nicht sehr lang anhalten. 
Gestern brauchte Vater einen Brief von Kurt mit rauf. So hat er also endlich mal geschrieben. Es wurde Zeit. Eine Weile kann er jetzt aber auch warten.
Von Siegfried und den Eltern habe ich heute auch eine kurze Karte erhalten.  Deine Briefmarken habe ich noch nicht abgeweicht.
Ich möchte vorher wieder Filzschuhe für die Kinder nähen. Es kann schnell einmal kalt werden, da haben sie dann etwas Rechtes zum Anziehen. Ich werde für mich wahrscheinlich später welche kaufen.  Nun will ich schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Die Karte von Siegfried ist vom 14.9. Auf der Karte vom 15.9. von den Eltern hat er dann mit drauf geschrieben, daß er in Leipzig ist und ein paar Tage Urlaub macht. Ich habe das erst jetzt entdeckt, weil es auf der Rückseite geschrieben ist.

Mein lieber Mann!                                       Konstanz, 18.9.40

Trotzdem ich mich noch nicht vorher freuen soll, bin ich doch sehr gespannt, ob Du Urlaub bekommst. Das wäre ja wunderschön. Ich kann es mir gar nicht ausdenken, wie schön das wär.  Einen Brief habe ich heute nicht bekommen, aber die Brüsseler Zeitung, die Du mir geschickt hast. Ich werde sie heute noch gründlich durchlesen. 
Ich habe heute früh wieder ein bißchen im Garten geschafft, mal wieder ein bißchen Ordnung gemacht. Es wollte erst regnen, aber nun hat es sich richtig aufgehellt. Regen haben wir jetzt wirklich genug, es dürfte richtig mal wieder eine Weile schön werden.  Ich habe mir nochmals Deinen lieben Brief durchgelesen, in dem Du vom Baden im vorigen Herbst schriebst. Ja, das war wirklich schön damals. Da man immer damit rechnete, daß Du bald fort müßtest, haben wir es doppelt schön empfunden. Dieses Jahr sind wir ja nicht viel zum baden gekommen. Zum laufen ist der Weg doch ziemlich weit. Aber das macht nichts. Du hast ja auch nicht oft im Freien baden können. Vielleicht geht es später wieder. Die Hauptsache ist, daß wir alle gesund sind. 
Jetzt werden unsere Äpfel schon gelb. Sie sind nicht mehr so grasgrün. Sie leuchten jetzt richtig. Unsere Stare sind auch schon längere Zeit wieder da. Ich habe nochmals Spinatsamen kaufen müssen, denn die Hälfte des gesäten und auch aufgegangenen ist wieder verschwunden. Ich glaube, das waren die Regenwürmer. Webers ist es auch so gegangen. Auch ein bißchen Ackersalat werde ich noch säen. Zu Kartoffelsalat schmeckt er ganz gut. Mit den Brombeeren geht es jetzt auch zu Ende. Die paar letzten, die noch dran sind, lasse ich die Kinder gleich vom Busch essen. Da ist bei ihnen auch die Freude groß. Auch mit den Tomaten ist nicht mehr viel. Drei Stöcke habe ich schon raus tun können. Man merkt eben doch, daß es Herbst wird. An unseren Beerensträuchern habe ich nichts gemacht, das kannst Du besser. Davon verstehe ich noch nicht viel. Du siehst also, daß ich immer wieder Arbeit für Dich  übrig habe.   
Lieber Ernst! Ich hoffe so sehr, daß Du wirklich Urlaub erhältst. Das wär so schön. Ich hoffe, daß ich Dir bald wirkliche Küsse geben kann. Inzwischen grüße und küsse ich Dich noch schriftlich recht herzlich Deine Annie.

Montag, 14. September 2015

Brief 64 vom 14./15.9.1940


Mein lieber Ernst!                                        Konstanz, 14.September 40.

Deinen lieben Brief vom 9.September habe ich heute erhalten, dagegen kam Dein Brief vom 7., den Du erwähnst, noch nicht an. Auch die restlichen zwei Päckchen habe ich noch nicht erhalten. Ich habe schon beim Briefträger danach gefragt, der sagte, die würden schon noch kommen, denn wenn sie auch zusammen aufgegeben wurden, brauchen sie doch nicht zusammen transportiert zu werden. Also warte ich noch. 
Nun zu Deinem lieben Brief. Es freut mich sehr, wenn ich wieder von Dir höre, daß man versucht, Euch das Leben dort so angenehm als möglich zu machen. Es ist auch recht, daß Du die Gelegenheiten zum Kino und Theaterbesuch ausnützt. Später werden wir doch sicher nicht viel dazu kommen. Auch, daß Du die Fahrten überall hin mit machst, ist recht, denn man kann nicht genug sehen. Wenn ich mir die Bilder von Paris ansehe, so kommt mir der Gedanke, als wenn Paris auf Kosten aller anderen Städte in Frankreich so schön gebaut worden sei. Es kommt mir so vor, als verkörperte das Land den Charakter der Franzosen. Oben viel Putz und drunter nix gescheites, ich meine also, Paris ist das Aushängschild und auf das übrige kommt es nicht so an. Indem man auf Paris weist, sagt man: Seht, sind wir nicht eine Kulturnation, haben wir hier nicht die Zivilisation für uns gepachtet? Auch im Benehmen sind die Franzosen doch so, gerade auch Euch gegenüber, ins Gesicht höflich und zuvorkommend, hinten herum voll finsterer Gedanken. Ich weiß ja nicht, ob es richtig ist, wie ich es mir so vorstelle, denn ich kenne ja das Land nicht persönlich. Ich würde mich aber freuen, wenn Du Dich einmal dazu äußern würdest. 
Ich muß feststellen, daß Du das Wecken durch Radio vortrefflich organisiert hattest. Ist denn Dein Kamerad, der im gleichen Hause wohnt, nicht mitgefahren? Über das Bild von Dir habe ich mich auch sehr gefreut. Gegen das Bild, welches von Dir in Köln gemacht wurde, bist Du im Gesicht voller geworden. Wenn ich wieder so ein Bild von Dir sehe, möchte ich Dich am liebsten gleich herholen. 
Für mein Geburtstagsgeld habe ich mir heute eine Gummischürze gekauft. Eine viel festere , als das erste Mal. Sie kostet aber natürlich auch entsprechend mehr, 5.10 M. Aber ich habe es gemerkt, man schont doch die guten Schürzen, wenn man eine Gummischürze hat. Dann habe ich mir noch ein paar Kniestrümpfe gekauft. Mit langen Strümpfen bin ich ja schon durch Dich versorgt worden. Die Kniestrümpfe gab es ohne Punkte, als eine Sonderzuteilung und meine Kniestrümpfe sind, bis auf 1 Paar, nichts mehr viel gewesen.  
Heute Nacht fing es an zu stürmen und zu regnen, heute Mittag hatte es ein Gewitter mit Sturm, etwas Hagel und viel Regen. Da sind heute 7 Pfund Äpfel runtergeplumpst. Da habe ich gleich einen Apfelkuchen für morgen gebacken. Schade, daß ich Dir davon keinen schicken kann. Es freut mich auch sehr, daß Dir das Gebäck schmeckt, das wir Dir geschickt haben. Das soll es ja auch, sonst wäre es ja kein Vergnügen für Dich, wenn Du welches bekommst.
Lieber Ernst, da ich keinen Apfelkuchen schicken kann, habe ich Dir einen anderen gebacken. Der wird Dir hoffentlich auch schmecken. Ich kann ihn aber erst am Montag wegschicken, denn jetzt ist er noch warm. Da würde er zusammenfallen.  Jetzt habe ich noch eine neue Seite angefangen, wenn ich auch nichts mehr zu schreiben habe, aber ich kann doch die Grüße an Dich nicht in eine Ecke quetschen, das siehst Du doch sicher ein.  Also, mein lieber Ernst, sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                        Konstanz, 15.Sept. 1940

Das war heute wieder eine Überraschung. Es kamen Deine restlichen zwei Päckchen an, sowie Dein lieber Brief vom 7.September und die Zeitungen.  Ernst, Du bist ein großartiger Kerl, ein Prachtkerl, ein lieber Kerl. Ach, was soll ich noch schreiben, ich habe mich so riesig gefreut, als ich die Päckchen öffnete. Erstens mal der schöne Stoff und dann die schöne weiße Bluse und das Jäckchen. Also, das hat mir am allermeisten gefallen. So etwas habe ich noch nie gehabt. Und kleiden tut es mich einfach prima. Du wirst es ja selbst einmal sehen, wenn Du auf Urlaub kommst. Und dann noch der wirklich wunderschöne Unterrock und die schönen Höschen.  Alles ist einfach schön, wunderschön, prima. Ich freue mich riesig. Jetzt mußt Du aber bestimmt auf Urlaub kommen, damit ich Dir einmal richtig danken kann. Einstweilen danke ich Dir wieder schriftlich recht herzlich für all die schönen Sachen, die Du mir geschickt hast.  Nun schreibst Du auch noch, daß Du vielleicht auf Urlaub kommst. Da wäre ja mein Glück vollkommen. Aber ich getraue mich noch gar nicht zu freuen.  Wenn es dann wieder eine Enttäuschung gibt? Bloß ganz heimlich freue ich mich schon ein wenig.
Wo wirst Du heute am Sonntag sein? Wir sitzen zu hause, denn es gießt heute wieder wie mit Kannen. Wenn es etwas aufhört, bringe ich den Brief noch fort. 
¾ 4 Uhr. Es hat sich jetzt etwas aufgeklärt und sofort sind auch die Kinder runter gesprungen. Sie müssen sich erst langsam an das in der Stube sitzen gewöhnen. Bis jetzt gefällt es ihnen nicht so sehr. Unten ist es eben doch schöner.  Es ist schade, daß es jetzt so viel regnet. Die meisten Tomaten platzen. Wir haben ja nicht mehr so viel dran, aber es ist um jede schade.  Wenn Du ja so Urlaub bekämst, wie Du schreibst, dann könnten wir vielleicht die Äpfel abnehmen, wenn Du kommst. Da brauchte ich gar nicht fremde Leute zu bitten. Bei uns hier waren jetzt acht gefangene Franzosen abgerückt, die hatten bei einem Bauern geschafft und bei der Heimfahrt mit einem Erntewagen, bei dem sie hinterher liefen, waren sie auf einmal verschwunden. Drei Tage hat man sie im Wald gesucht, bis man sie gefunden hat. Die Gefangenen sind doch im „Schauinsland-Saal“ untergebracht.  Lieber Ernst! Nun möchte ich für heute schließen, denn sonst regnet es erst wieder fest. Ich danke Dir nochmals für alles und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.  Wunderst Du Dich nicht, daß ich aller paar Wochen andere Briefumschläge verwende? Ich bekomme immer auf einmal 25 Stück und wenn ich wieder welche kaufe, haben sie die anderen nicht mehr.