Dienstag, 25. Juli 2017

Brief 381 vom 19.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                     Konstanz, 19.7.42

Der halbe Sonntag ist wieder vorbei. Die Kinder waren am Vormittag in der Wochenschau, während ich zuhause meine Arbeit erledigt habe. Bei dem Gang nach dem Kino ist den Kindern noch ein kleines Missgeschick passiert. Beide sind fortgegangen. Am Schneckenbuckel angekommen, musste Helga nochmals auf´s Klo. Sie geht zurück. Jörg läuft einstweilen weiter bis zum Bettelgässle. Helga weiß nicht, dass er dortrum ist und geht den Schneckenbuckel runter. Nach einer ¼ Std. kommt Jörg und fragt, wo denn Helga bleibt. Als ich sage, dass sie schon längst fort ist, ist er ganz verbiestert. Er ist im Bettelgässle immer auf und ab gegangen. Um ihm nun zu helfen, habe ich gleich das Rad geholt und wollte ihn ein Stück fahren, bis wir Helga sehen. Den Schneckenbuckel runter sind wir auch gekommen, dann habe ich Panne bekommen, weil sich ein Nagel in den Reifen gebohrt hat. Also musste Jörg allein weitergehen und ich bin wieder heim, wo ich erst gleich mal mein Rad repariert habe. Wie mir die Kinder vorhin sagten, ist Jörg gerade 5 Minuten vor Anfang des Films angekommen. Helga hatte auch schon geheult, weil sie Jörg verloren hatte und außerdem hatte er doch das Geld.
Von Kurt habe ich heute einen Brief bekommen. Ich habe noch nicht mal seinen ersten beantwortet, aber nachher will ich ihm gleich schreiben. Er weiß ja auch diene Adresse nicht mehr, trotzdem ich sie ihm schon ein paar Mal gesagt und geschrieben habe. Er verlegt die Zettel immer wieder und ins Notizbuch schreibt er es nie, trotzdem er eins hat. Kurt ist jetzt wieder bei seiner alten Kompanie und muss auch wieder Dienst mitmachen. So streng, wie die Rekruten hat er es aber nicht, schreibt er, das Verwundetenabzeichen mache schon etwas aus.
Ich sitze jetzt hier mit ganz wilden Haaren herum, ich hab sie nämlich soeben gewaschen und will sie noch trocknen lassen. Helga kommt mit dem waschen auch gleich dran.
Das Wetter ist heute so halb und halb. Mit dem baden im Freien ist es schon seit einiger Zeit nichts, es ist immer etwas kühl. Vor allem hat´s öfter Gewitter und Regen.
Gestern hab ich im Garten hinterm Haus, wo die Setzlinge und die Erbsen standen, umgegraben und Rosenkohl hingepflanzt. Drüben im Garten kommen jetzt auch die Möhren, die ich noch gesät hatte. Dieses Jahr hab ich den Schwung im Garten schon mehr raus, wie im vergangenen. Voriges Jahr war ich natürlich auch krank und konnte nicht so schaffen, wie ich wollte. Dieses Jahr hab ich aber vor allem reichlich gesät und gesetzt, damit ich immer etwas zum Verbrauchen habe. Ich weiß auch jetzt besser, wie und was man gleich nachsetzen kann. Na ja, man wird mit der Zeit immer ein bißchen gescheiter. Meinst Du nicht auch?
In letzter Zeit haben wir uns wieder mal die Busch-Bücher heraus gesucht und schauen sie uns an. Man findet doch immer wieder Gefallen daran.
Im Garten haben wir jetzt auch wieder Blumen, Dahlien und Studentenblumen. Da müsstest Du Jörg wieder sehen. Immer fragt er, ob er sich nicht ein paar holen darf. Die bringt er dann herauf und stellt sie selber in eine Vase. Es gefällt ihm zu gut.
Vorhin war Helga noch bei Vater und hat die gestrige Zeitung geholt. Ich schicke sie dir doch hin, und Vater war gestern Abend mit lesen nicht fertig geworden. Da sagte ich ihm, dass er sie mitnehmen soll und die Kinder holen sie. Jörg war aber ein bißchen zu bequem dazu, so ist Helga allein gegangen. Den Nutzen hat Jörg zwar auch davon gehabt, denn Vater hat für jeden 10 Pfg. mitgegeben, trotzdem sie gestern Abend erst 15 Pfg. erhalten haben. Aber das Geld könne  sie ja immer brauchen. Sie haben mir heute schon angekündigt, dass sie mir morgen schon etwas zum Geburtstag kaufen wollen. Sie denken doch schon frühzeitig daran, nicht wahr?
Den Durchschlag von dem Brief an Kurt, den ich nachher noch schreiben will, schicke ich dir morgen mit, jetzt wird es zu spät, denn es ist gleich ½ 5, da wird doch der Briefkasten geleert.
Ich grüße und küsse Dich für heute wieder recht herzlich und hoffe, dass ich recht bald wieder einen Brief von Dir bekomme, Deine Annie.

Brief 380 vom 19.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                              Konstanz, 19.7.42

Heute bekommst du nun die gewünschten Abschriften. Das vorige Mal habe ich also nicht alles richtig gemacht. Hoffentlich ist es diesmal besser.
Auch auf die Gefahr hin, dass Du mich plötzlich für vergnügungssüchtig hältst, muss ich dir sagen, dass ich gestern nochmal im Kino war, und zwar habe ich mir den ersten Farbtonfilm angesehen. Ich muss sagen, er hat mir gut gefallen. Er heißt „Frauen sind doch die besseren Diplomaten“ mit Marika Rökk. Als ich mit den Kindern in die Stadt fuhr, sie mussten doch zum Turnen,  trafen wir Resi. Die wollte auch in denselben Film. Wir sind dann zusammen gegangen. Wie ich erfuhr, war sie jetzt ca. 8 Wochen im Krankenhaus. Sie ist operiert worden, hatte zwei eingeklemmte Brüche, Gebärmutterknickung und noch etwas, ich hab´s vergessen. Seit vergangener Woche ist sie wieder zuhause, muss nur mit dem einen Bein noch etwas steif gehen, weil die Operationsnarbe vom Leib bis zum Schenkel geht und noch ziemlich frisch ist. Fritz ist an der Kanalküste als Melder an einem Granatwerfer. Wie mir Resi sagte, kommt bei Lämmels bald das 6.Kind an. Ihre Schwester Friedhild, die seit 2 Jahren mit einem von der Gestapo verheiratet ist, bekommt fast zur gleichen Zeit eins.
Als wir heim kamen, waren deine beiden lieben Briefe vom 30.6. und 2.7. angekommen. Ich hab mich riesig gefreut. Als ich las, dass Du noch alle Abschriften brauchst, habe ich mich gleich gestern Abend noch daran gesetzt und bin auch fast fertig geworden. Den Rest habe ich heute Morgen geschrieben und will nun gleich noch deine lieben Briefe beantworten.
Sehr interessiert hat mich dein Brief über die fremdländischen Soldaten. Ich hatte schon in dem einen Vortrag über Sewastopol von tatarischen Soldaten gehört, meinte aber dann, ich hätte mich verhört. Da hieß es auch, dass diese sich gut geschlagen haben. Die Leute dort werden unter den Partisanen auch zu leiden haben, dass sie froh sind, wenn sie ihnen nicht wehrlos gegenüber stehen müssen.
Das Geld von Frankreich ist bisher noch nicht zurückgekommen, und so glaube ich, dass die Dienststelle die Angelegenheit doch erledigen konnte.
Zum Geburtstag warst Du also wahrscheinlich gar nicht in deiner Unterkunft. Na, vielleicht habt ihr hinterher gefeiert. Hoffentlich ist trotzdem dein Geburtstag nicht gar so schlecht verlaufen.
Es ist heute wieder sehr heiß. Ich habe vor, mit den Kindern heute Nachmittag baden zu gehen. Da muss ich aber jetzt noch fest schaffen, damit ich wenigstens mit dem Nötigsten fertig werde.
Ich grüße und küsse Dich recht herzlich, Deine Annie.

Brief 379 vom 18.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                              Konstanz, 18.7.42

Eigentlich müsste ich heute gar nicht schreiben, wo du von Helga schon so einen langen Brief erhältst. Aber böse wirst du nicht sein, wenn ich auch noch einige Zeilen beifüge. Vor allem möchte ich den Erhalt des Päckchens Nr.10 bestätigen. Das Brot ist tadellos angekommen. Da haben wir wieder eine zusätzliche Ration. Wir freuen uns sehr. Einen Brief habe ich leider jetzt einige Tage nicht bekommen, d.h. von dir. Von Papa kam heute einer. Er ist über meinen letzten Brief sehr erregt. Ich möchte doch das Frl. aus dem Spiel lassen. Sie würde nicht auf eine baldige Heirat drängen, sondern sie sei sehr zurückhaltend, da sie weiß, dass wir so gegen sie eingestellt sind. Er ist sehr damit einverstanden, dass wir vorläufig nichts in der Sache erwähnen und würde uns nur das Datum seiner Verehelichung mitteilen. Er schreibt dann noch, wenn er Tatsachen von Erna berichte, so sei das doch kein Schlechtmachen und so könne er nicht mehr mitmachen, selbst auf die Gefahr hin, dass wir uns alle von ihm entfernen würden. Er beschwört mich, dass doch wenigstens ich vernünftig sein solle und schreibt zum Schluss, es solle dies nun das letzte sein, was er über alles schriebe, so bedauerlich es sei, glaubte er doch, bei seinen Kindern Verständnis zu finden. Am besten wird es sein, wir lassen jetzt die ganze Sache auf sich beruhen, wenigstens so lange es geht.
Ich komme jetzt öfters mal zu Vater runter. Gestern habe ich ihm auf seine Mangelkarte, die ich jetzt immer hier habe, auch 2 Pfund Johannisbeeren besorgt, die ich ihm am Abend runter gebracht habe. Heute habe ich ihm ein Brot mitgebracht, das er sich aber selbst abholen will, da er ja meist am Samstag zu uns kommt. Manchmal bringe ich ihm ja auch was aus dem Garten.
Unser Apfelbaum hat viele Äpfel, die Zweige hängen bis auf die Brombeeren herab. Wenn nichts noch dazwischen kommt, gibt es eine gute Ernte. Das freut uns sehr.
Nachher will ich noch eine Weile in den Garten gehen. Es ist wieder ein Stück umzugraben und neu zu bepflanzen, außerdem hat es wieder so viel Unkraut, dass man gar nicht alles gleich machen kann. Am Montag werden mir die Kinder dabei helfen.
Wenn Helga schreibt, dass sie jeden Sonntag in die Wochenschau gehen, so ist das ja ein bißchen übertrieben; zwei Mal waren sie bisher drin. Aber es interessiert sie so, dass ich sie gerne gehen lasse.
Nun hoffe ich, dass ich recht bald wieder einen Brief von dir erhalte. Recht gern wüßte ich schon, wo du jetzt bist. Bleib mir nur gesund, wir denken immer mit viel Liebe an dich.
Und so grüße und küsse ich dich auch heute wieder herzlich, sehr sehr herzlich Deine Annie

Brief 378 vom 16./17.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                              Konstanz, 16.7.42

Nun ist der große Tag herangekommen, wo die Kinder die Zeugnisse erhalten haben. Sie sind wieder gut ausgefallen. Die Kinder haben sie dir gleich abgeschrieben. Die guten Zeugnisse haben wir heute gefeiert, indem wir zusammen in die Stadt gegangen sind und Eis gegessen haben. Dann haben wir uns noch eine Weile in den Stadtgarten gesetzt. Es war ein netter Nachmittag. In der Eisdiele haben wir Frau Lämmel getroffen. Sie läßt dich grüßen. Sie ist mir heute schöner vorgekommen, als sie früher war.
Bei der Gebhardskirche haben sie heute die drei Glocken herunter genommen. Bei der letzten habe ich zugesehen. Wie ich dort stehe, kommt ein Mann, Typ Spießer und Meckerer, hoher Stehkragen, Klammer, wie ein Radfahrer von anno dazumal, auch so eine Mütze hatte er auf.er spricht mich an:“ Nicht wahr, es ist doch ein schauerlicher Anblick, wie die Glocken so herunter genommen werden?“ Ich:“ Wieso?“ Er:“ Wieso!!?“ „ Na ja,“ sage ich, „Glocken sijd doch auch im Weltkrieg herunter genommen worden.“
Da hat er sich abgewendet und ist davon geradelt. Der hat auch gemeint, er kann meckern. Ich wollte noch sagen, wenn er im Krieg nichts Schauerlicheres sieht, soll er froh sein, aber er war schon fort. Die Soldaten haben bestimmt schon schauerlichere Sachen gesehen.
Jetzt ist hier gesammelt worden: Tornister, Zeltbahnen, Kochgeschirr, Becher usw. gegen Entschädigung. Meinst Du, ich sollte von unseren Sachen auch was geben?
Morgen haben die Kinder vor den Ferien zum letzten Mal Schule und zwar nur bis 11 Uhr. Jörg hat zur Pflege während der Ferien heute einen Schlangenkaktus mitgebracht, der sonst in ihrem Schulzimmer steht.
Helga verliert jetzt alle Milchzähne. Bis jetzt sind schon drei Backenzähne heraus gegangen und der eine Eckzahn wackelt auch schon. Das alles innerhalb 2 – 3 Wochen. Die neuen Zähne sind inzwischen schon ziemlich gewachsen.

                                                                                                            17.7.
Bis hierher habe ich den Brief gestern Abend geschrieben, nun, ehe ich einkaufen fahre, will ich ihn beenden. Ich habe heute von Erna einen Brief bekommen, dass sie erst am 26.7. um 11:55 hier ankommt und nicht am 20., da sie ihre Kennkarte noch nicht hat, die sie ja hier im Grenzgebiet braucht. Sie bekommt sie erst in der kommenden Woche. Da kommt Erna um dieselbe Zeit, wie wir im vergangenen Jahr nach Leipzig gefahren sind.
Heute kam endlich das Päckchen Nr.8 an. Bei dem Brot war leider mehr verschimmelt, wie beim anderen. Es war ja auch viel länger unterwegs. Das Gute werden wir uns aber schmecken lassen und danken dir dafür.
Nun grüße und küsse ich dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 377 vom 15.7.1942


Mein lieber, guter Ernst !                                                     Konstanz, 15.7.42

Heute bekam ich schon Deinen lieben Brief vom 10.7., den Du wahrscheinlich einem Kameraden mitgegeben hast. Das Wichtigste ist ja, dass Du wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr in M. bist, sondern dass Ihr ziemlich vorgerückt seid. Es interessiert mich sehr, wo du wohl jetzt hin gekommen bist.
Ich glaube ja auch, dass die Postbeförderung wohl nun nicht mehr so regelmäßig sein wird. Das wird mir schwer werden, aber man muss es eben hinnehmen. Wenn Du nur gesund bleibst, das ist das Wichtigste.
„Das Reich“ schicke ich dir also auch weiterhin. Ich freue mich, dass ich das kann, und dass du es nicht bei Papa bestellt hast.
Zum Baden sind wir seit Freitag noch nicht wieder gekommen, denn es ist immer kühl gewesen und heute hat es den ganzen Tag geregnet. Eine Badegelegenheit hattet Ihr also auch, aber jetzt wird es wohl schon wieder damit vorbei sein, wenn Ihr dort fortgekommen seid.
Um den Garten bin ich auch sehr froh, man hat doch Manches, was man sonst gar nicht zu sehen bekäme. Man kann sich auch immer mal mit was helfen.
Inzwischen haben die Kinder ja nun an dich geschrieben und ich glaube, du freust dich sicher darüber.
Ich weiß ja nun nicht, ob du damit einverstanden bist, dass ich deinen Brief an Papa zurückgehalten habe. Es ist sonst alles recht, nur weil du schreibst, dass es am besten ist, wir führen eine glatte Trennung herbei, habe ich ihn nicht wegschicken wollen, wo doch Siegfried sich einstweilen soweit geeinigt hat. Aber das habe ich dir ja schon mitgeteilt und vielleicht ist deine Antwort, was ich da tun soll, schon unterwegs.
Das Güllen hat schon viel Arbeit gemacht, aber es war nötig. Den Kartoffeln merkt man es an, dass sie keinen Mist bekommen haben, die haben gar nicht so richtig üppig geblüht. Sobald ich einige Kartoffeln raus gemacht und dadurch Platz bekommen habe, hole ich dieses Jahr Schweinemist.
Fuchsen willst du mich also auch, indem du schreibst, dass die Änderung in der Wohnung eigentlich schon lange fällig gewesen sei. Ich habe diesmal wirklich nur zugesehen, dass ich ein bißchen mehr Platz bekomme.
Ich habe heute drei Gläser Erbsen und Möhren sterilisiert. Ich bin gespannt, ob sie sich halten. Freuen würde es mich schon.
Nun gehe ich schlafen, es ist schon um 11 Uhr. Vielleicht träume ich von dir. Das würde mich freuen. Ich grüße und küsse dich wieder recht herzlich  Deine Annie.

Brief 376 vom 14./15.7.1942


Mein lieber Ernst !                                                  Konstanz, 14.7.42

Heute bekam ich deinen lieben Brief vom 1.7., in dem du wegen den Papieren wegen der Stadt anfragst. In deinem Luftfeldpostbrief hattest du ja deine Bitte wiederholt, so daß ich die Sachen schon vor einigen Tagen wegschicken konnte. Originalbriefe habe ich ja keine weggeschickt, sondern Abschriften gemacht, soweit solche nicht schon vorhanden waren. Ich hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich bin gespannt, ob du bei der Stadt etwas erreichen wirst, an Befürwortung von deinem Chef fehlt es scheinbar nicht.
Das Päckchen Nr.9 mit Brot kam heute auch an. Ein kleiner Fleck war schimmelig, alles andere ist gut zu verwenden und zwar nicht nur als Suppe usw. sondern es ist noch so weich, dass wir´s schneiden und mit Butter beschmiert essen können. Ein paar Brote haben wir heute schon gegessen und es hat sehr gut geschmeckt. Wir danken dir sehr dafür.
Den heutigen Tag habe ich in der Hauptsache mit nähen verbracht. Gestern Abend habe ich drüben die Stachelbeeren von den Sträuchern gepflückt. Es waren noch 8 Pfund. Die habe ich heute in Flaschen eingemacht. Die beiden Sträucher haben 15 Pfund Beeren gehabt. Dabei ist nicht mitgerechnet, was die Kinder so gegessen haben. Ein paar Pfund macht es sicher aus. Vom großen Bäumchen habe ich bis jetzt 8 ½ Pfund geholt, vom kleinen 6 Pfund. An beiden sind aber noch viele Beeren dran.
Heute habe ich auch die ersten 3 Pfund Buschbohnen gepflückt. 1 Pfund habe ich davon Vater gebracht, ebenso einige Stachelbeeren. Er hat mir dafür gleich wieder 1 Pfund Nudeln mitgebracht.
Von Samstag ab haben die Kinder Ferien. Vorher bekomme sie ja noch Zeugnisse.

                                                                                                            15.7.

Ich nehme den Brie jetzt mit, wenn ich einkaufen fahre und Jörg dabei gleich in die Schule bringe. Das mag er gern, wenn er fahren kann. Er kommt mittags auch öfter mal mit dem Omnibus heimgefahren, wenn es andere Buben bezahlt haben. Er findet immer wieder jemand der es ihm bezahlt. Helga dagegen mag das gar nicht, sie fährt auch nicht mit, wenn es ihr jemand bezahlen will, wie es schon öfter der Fall war. Sie sagt, ich will nicht, dass jemand sagen kann, er hat mir was bezahlt und mir´s dann vorhalten kann.
Ich grüße und küsse dich, mein lieber Ernst, recht herzlich, Deine Annie.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Brief 375 vom 13.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                  Konstanz, 13.7.42

Gestern habe ich einmal nicht geschrieben, ich wußte tatsächlich nicht, was ich schreiben sollte. Ich habe gestern ein wenig geschafft und mich ein wenig ausgeruht. Am Abend kam noch Vater herauf. Er brachte mir ein Pfund Gries mit, den Frau Frick geschickt hatte. Vater ist eben doch ein guter Kerl, der auch immer wieder an uns denkt.
Heute habe ich dir wieder einiges zu berichten. Helga hatte heute Morgen ihre Griffelschachtel vergessen. Ich habe sie ihr in die Schule gebracht und bei dieser Gelegenheit gleich einmal mit der Lehrerin gesprochen. Sie sagt, dass sie mit Helga sehr zufrieden sei. Ich sagte, dass es wohl manchmal beim Rechnen nicht so klappen würde, jedenfalls hätte Helga schon öfter geweint, weil sie nicht mit ihr zufrieden gewesen sei. Helga wäre sowieso empfindsam und machte sich gleich um alles Gedanken. Die Lehrerin meinte, das käme ja bei jedem Kind vor, dass es einmal dies oder jenes nicht könnte. Sie hatte nicht gewußt, dass Helga so empfindsam sei. Sie hätte wohl manchmal geschimpft, aber manche Kinder brauchten das, um sich wieder anzustrengen. Ich fragte auch gleich wegen der höheren Schule oder der Hauptschule. Die Lehrerin glaubt, dass Helga in die höhere Schule kommen könnte. In die Hauptschule käme sie wohl sicher. 1/3 der Klasse käme für die Hauptschule in Frage, und die Kinder, die dazu ausgewählt werden, müssen hinein gehen. Die Hauptschule ist genau wie die höhere Schule, auch Fremdsprachen usw. würden gelehrt, nur kostet es nichts im Gegensatz zur höheren Schule, wo eben meist nur diejenigen hingehen können, die Geld haben. Sie hätten jetzt erst wieder einen Fall gehabt, wo ein Kind zur Hauptschule abgelehnt worden ist, während sie in der höheren Schule noch angenommen wurde. Auch der Lehrer Keller würde seine Tochter in die Hauptschule gehen lassen. Die Lehrerin hat mir geraten, nach ca. ¼ Jahr zu Helga´s neuem Lehrer zu gehen und mit ihm wegen dieser Sache zu reden. Es wäre eben gut, wenn der Lehrer oder die Lehrerin die Eltern der Kinder kennen würde, sie könnten sich dann ein anderes Bild von den Kindern machen. Ich sollte ihm auch sagen, dass Helga empfindsam sei, dass er sich etwas danach richten könnte. Frau Fitz hätte die Klasse gern behalten, aber sie glaubt nicht, dass es möglich ist.
Da siehst du erst mal, was immer geredet wird. Resi sagte mir, sie hätte gehört, dass man sich zu allerhand verpflichten muss, wenn das Kind in die Hauptschule geht, z.B. dass es später in staatliche Dienste eintritt, erst mit soundso vielen Jahren heiratet usw. Ich habe gleich gesagt, dass ich das nicht glauben könnte, wollte mich aber doch nochmal erkundigen. Nun ist also an dem gar nichts dran.
Von Elsa erhielt ich heute einen Brief. Sie schreibt, dass Gerhard bei den Kämpfen am Don dabei sei. Er habe unbändige Sehnsucht nach Hause, vor allem nach einem Bad und nach sauberer Wäsche.
Heute Morgen habe ich mich wieder an´s Nähen gemacht und bin ganz schön voran gekommen. Am Nachmittag muss ich noch in die Stadt einkaufen und Schulbücher für Helga bestellen. Sie hat einen abgestempelten Schein von der Schule bekommen, dass sie die Bücher braucht. Im Allgemeinen wird es nämlich jetzt so gemacht, dass die höhere Klasse ihre Bücher an die folgende Klasse verkauft. Nun bekomm aber nur der gebrauchte Bücher, der auch seine verkauft hat. Helga, und natürlich noch verschiedene andere Kinder, kann das nicht, weil sie die Bücher ja für Jörg aufhebt. Darum braucht sie die Bescheinigung.
Helga kam heute ganz freudestrahlend heim und sagte, wie nett die Lehrerin heute mit ihr gewesen sei. Sie habe sie sogar einmal angelacht. Da siehst du doch, wie dankbar Helga für ein bißchen Freundlichkeit ist.
Das schönste Spiel von unseren Kindern ist jetzt, wenn sie sich mit einer Decke vors Haus auf die Wiese legen. Da spielen sie mit den Puppen oder Soldaten, lesen oder turnen. Dort ist es doch schön schattig.
Ich habe mir schon die ganzen Tage überlegt, ob du wohl noch in M. bist, oder ob ihr auch schon weiter vorgerückt seid, denn die Front hat sich dort bei Euch doch ziemlich nach vorn geschoben. Ich werde ja sich bald davon hören.
Du hattest doch einmal angefragt, ob Kurt nicht gesagt hätte, wo er verwundet worden sei. Wenn ich mich noch genau erinnere, war es bei Wjasma, denn in Witebsk ist er in ein Lazarett gekommen. Das steht auch auf dem Untersuchungsschein.
Nun will ich mich wieder fertig machen, um in die Stadt zu kommen. Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.