Donnerstag, 13. Juli 2017

Brief 375 vom 13.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                  Konstanz, 13.7.42

Gestern habe ich einmal nicht geschrieben, ich wußte tatsächlich nicht, was ich schreiben sollte. Ich habe gestern ein wenig geschafft und mich ein wenig ausgeruht. Am Abend kam noch Vater herauf. Er brachte mir ein Pfund Gries mit, den Frau Frick geschickt hatte. Vater ist eben doch ein guter Kerl, der auch immer wieder an uns denkt.
Heute habe ich dir wieder einiges zu berichten. Helga hatte heute Morgen ihre Griffelschachtel vergessen. Ich habe sie ihr in die Schule gebracht und bei dieser Gelegenheit gleich einmal mit der Lehrerin gesprochen. Sie sagt, dass sie mit Helga sehr zufrieden sei. Ich sagte, dass es wohl manchmal beim Rechnen nicht so klappen würde, jedenfalls hätte Helga schon öfter geweint, weil sie nicht mit ihr zufrieden gewesen sei. Helga wäre sowieso empfindsam und machte sich gleich um alles Gedanken. Die Lehrerin meinte, das käme ja bei jedem Kind vor, dass es einmal dies oder jenes nicht könnte. Sie hatte nicht gewußt, dass Helga so empfindsam sei. Sie hätte wohl manchmal geschimpft, aber manche Kinder brauchten das, um sich wieder anzustrengen. Ich fragte auch gleich wegen der höheren Schule oder der Hauptschule. Die Lehrerin glaubt, dass Helga in die höhere Schule kommen könnte. In die Hauptschule käme sie wohl sicher. 1/3 der Klasse käme für die Hauptschule in Frage, und die Kinder, die dazu ausgewählt werden, müssen hinein gehen. Die Hauptschule ist genau wie die höhere Schule, auch Fremdsprachen usw. würden gelehrt, nur kostet es nichts im Gegensatz zur höheren Schule, wo eben meist nur diejenigen hingehen können, die Geld haben. Sie hätten jetzt erst wieder einen Fall gehabt, wo ein Kind zur Hauptschule abgelehnt worden ist, während sie in der höheren Schule noch angenommen wurde. Auch der Lehrer Keller würde seine Tochter in die Hauptschule gehen lassen. Die Lehrerin hat mir geraten, nach ca. ¼ Jahr zu Helga´s neuem Lehrer zu gehen und mit ihm wegen dieser Sache zu reden. Es wäre eben gut, wenn der Lehrer oder die Lehrerin die Eltern der Kinder kennen würde, sie könnten sich dann ein anderes Bild von den Kindern machen. Ich sollte ihm auch sagen, dass Helga empfindsam sei, dass er sich etwas danach richten könnte. Frau Fitz hätte die Klasse gern behalten, aber sie glaubt nicht, dass es möglich ist.
Da siehst du erst mal, was immer geredet wird. Resi sagte mir, sie hätte gehört, dass man sich zu allerhand verpflichten muss, wenn das Kind in die Hauptschule geht, z.B. dass es später in staatliche Dienste eintritt, erst mit soundso vielen Jahren heiratet usw. Ich habe gleich gesagt, dass ich das nicht glauben könnte, wollte mich aber doch nochmal erkundigen. Nun ist also an dem gar nichts dran.
Von Elsa erhielt ich heute einen Brief. Sie schreibt, dass Gerhard bei den Kämpfen am Don dabei sei. Er habe unbändige Sehnsucht nach Hause, vor allem nach einem Bad und nach sauberer Wäsche.
Heute Morgen habe ich mich wieder an´s Nähen gemacht und bin ganz schön voran gekommen. Am Nachmittag muss ich noch in die Stadt einkaufen und Schulbücher für Helga bestellen. Sie hat einen abgestempelten Schein von der Schule bekommen, dass sie die Bücher braucht. Im Allgemeinen wird es nämlich jetzt so gemacht, dass die höhere Klasse ihre Bücher an die folgende Klasse verkauft. Nun bekomm aber nur der gebrauchte Bücher, der auch seine verkauft hat. Helga, und natürlich noch verschiedene andere Kinder, kann das nicht, weil sie die Bücher ja für Jörg aufhebt. Darum braucht sie die Bescheinigung.
Helga kam heute ganz freudestrahlend heim und sagte, wie nett die Lehrerin heute mit ihr gewesen sei. Sie habe sie sogar einmal angelacht. Da siehst du doch, wie dankbar Helga für ein bißchen Freundlichkeit ist.
Das schönste Spiel von unseren Kindern ist jetzt, wenn sie sich mit einer Decke vors Haus auf die Wiese legen. Da spielen sie mit den Puppen oder Soldaten, lesen oder turnen. Dort ist es doch schön schattig.
Ich habe mir schon die ganzen Tage überlegt, ob du wohl noch in M. bist, oder ob ihr auch schon weiter vorgerückt seid, denn die Front hat sich dort bei Euch doch ziemlich nach vorn geschoben. Ich werde ja sich bald davon hören.
Du hattest doch einmal angefragt, ob Kurt nicht gesagt hätte, wo er verwundet worden sei. Wenn ich mich noch genau erinnere, war es bei Wjasma, denn in Witebsk ist er in ein Lazarett gekommen. Das steht auch auf dem Untersuchungsschein.
Nun will ich mich wieder fertig machen, um in die Stadt zu kommen. Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.

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