Mein liebster Ernst ! Konstanz, 13.7.42
Gestern habe ich einmal nicht geschrieben, ich wußte
tatsächlich nicht, was ich schreiben sollte. Ich habe gestern ein wenig
geschafft und mich ein wenig ausgeruht. Am Abend kam noch Vater herauf. Er brachte
mir ein Pfund Gries mit, den Frau Frick geschickt hatte. Vater ist eben doch
ein guter Kerl, der auch immer wieder an uns denkt.
Heute habe ich dir wieder einiges zu berichten. Helga hatte
heute Morgen ihre Griffelschachtel vergessen. Ich habe sie ihr in die Schule
gebracht und bei dieser Gelegenheit gleich einmal mit der Lehrerin gesprochen.
Sie sagt, dass sie mit Helga sehr zufrieden sei. Ich sagte, dass es wohl
manchmal beim Rechnen nicht so klappen würde, jedenfalls hätte Helga schon
öfter geweint, weil sie nicht mit ihr zufrieden gewesen sei. Helga wäre sowieso
empfindsam und machte sich gleich um alles Gedanken. Die Lehrerin meinte, das
käme ja bei jedem Kind vor, dass es einmal dies oder jenes nicht könnte. Sie
hatte nicht gewußt, dass Helga so empfindsam sei. Sie hätte wohl manchmal
geschimpft, aber manche Kinder brauchten das, um sich wieder anzustrengen. Ich
fragte auch gleich wegen der höheren Schule oder der Hauptschule. Die Lehrerin
glaubt, dass Helga in die höhere Schule kommen könnte. In die Hauptschule käme
sie wohl sicher. 1/3 der Klasse käme für die Hauptschule in Frage, und die
Kinder, die dazu ausgewählt werden, müssen hinein gehen. Die Hauptschule ist
genau wie die höhere Schule, auch Fremdsprachen usw. würden gelehrt, nur kostet
es nichts im Gegensatz zur höheren Schule, wo eben meist nur diejenigen
hingehen können, die Geld haben. Sie hätten jetzt erst wieder einen Fall
gehabt, wo ein Kind zur Hauptschule abgelehnt worden ist, während sie in der
höheren Schule noch angenommen wurde. Auch der Lehrer Keller würde seine
Tochter in die Hauptschule gehen lassen. Die Lehrerin hat mir geraten, nach ca.
¼ Jahr zu Helga´s neuem Lehrer zu gehen und mit ihm wegen dieser Sache zu
reden. Es wäre eben gut, wenn der Lehrer oder die Lehrerin die Eltern der
Kinder kennen würde, sie könnten sich dann ein anderes Bild von den Kindern
machen. Ich sollte ihm auch sagen, dass Helga empfindsam sei, dass er sich
etwas danach richten könnte. Frau Fitz hätte die Klasse gern behalten, aber sie
glaubt nicht, dass es möglich ist.
Da siehst du erst mal, was immer geredet wird. Resi sagte
mir, sie hätte gehört, dass man sich zu allerhand verpflichten muss, wenn das
Kind in die Hauptschule geht, z.B. dass es später in staatliche Dienste
eintritt, erst mit soundso vielen Jahren heiratet usw. Ich habe gleich gesagt,
dass ich das nicht glauben könnte, wollte mich aber doch nochmal erkundigen.
Nun ist also an dem gar nichts dran.
Von Elsa erhielt ich heute einen Brief. Sie schreibt, dass
Gerhard bei den Kämpfen am Don dabei sei. Er habe unbändige Sehnsucht nach
Hause, vor allem nach einem Bad und nach sauberer Wäsche.
Heute Morgen habe ich mich wieder an´s Nähen gemacht und bin
ganz schön voran gekommen. Am Nachmittag muss ich noch in die Stadt einkaufen
und Schulbücher für Helga bestellen. Sie hat einen abgestempelten Schein von
der Schule bekommen, dass sie die Bücher braucht. Im Allgemeinen wird es
nämlich jetzt so gemacht, dass die höhere Klasse ihre Bücher an die folgende
Klasse verkauft. Nun bekomm aber nur der gebrauchte Bücher, der auch seine
verkauft hat. Helga, und natürlich noch verschiedene andere Kinder, kann das
nicht, weil sie die Bücher ja für Jörg aufhebt. Darum braucht sie die
Bescheinigung.
Helga kam heute ganz freudestrahlend heim und sagte, wie
nett die Lehrerin heute mit ihr gewesen sei. Sie habe sie sogar einmal
angelacht. Da siehst du doch, wie dankbar Helga für ein bißchen Freundlichkeit
ist.
Das schönste Spiel von unseren Kindern ist jetzt, wenn sie
sich mit einer Decke vors Haus auf die Wiese legen. Da spielen sie mit den
Puppen oder Soldaten, lesen oder turnen. Dort ist es doch schön schattig.
Ich habe mir schon die ganzen Tage überlegt, ob du wohl noch
in M. bist, oder ob ihr auch schon weiter vorgerückt seid, denn die Front hat
sich dort bei Euch doch ziemlich nach vorn geschoben. Ich werde ja sich bald
davon hören.
Du hattest doch einmal angefragt, ob Kurt nicht gesagt
hätte, wo er verwundet worden sei. Wenn ich mich noch genau erinnere, war es
bei Wjasma, denn in Witebsk ist er in ein Lazarett gekommen. Das steht auch auf
dem Untersuchungsschein.
Nun will ich mich wieder fertig machen, um in die Stadt zu
kommen. Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen