Dienstag, 25. Juli 2017

Brief 378 vom 16./17.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                              Konstanz, 16.7.42

Nun ist der große Tag herangekommen, wo die Kinder die Zeugnisse erhalten haben. Sie sind wieder gut ausgefallen. Die Kinder haben sie dir gleich abgeschrieben. Die guten Zeugnisse haben wir heute gefeiert, indem wir zusammen in die Stadt gegangen sind und Eis gegessen haben. Dann haben wir uns noch eine Weile in den Stadtgarten gesetzt. Es war ein netter Nachmittag. In der Eisdiele haben wir Frau Lämmel getroffen. Sie läßt dich grüßen. Sie ist mir heute schöner vorgekommen, als sie früher war.
Bei der Gebhardskirche haben sie heute die drei Glocken herunter genommen. Bei der letzten habe ich zugesehen. Wie ich dort stehe, kommt ein Mann, Typ Spießer und Meckerer, hoher Stehkragen, Klammer, wie ein Radfahrer von anno dazumal, auch so eine Mütze hatte er auf.er spricht mich an:“ Nicht wahr, es ist doch ein schauerlicher Anblick, wie die Glocken so herunter genommen werden?“ Ich:“ Wieso?“ Er:“ Wieso!!?“ „ Na ja,“ sage ich, „Glocken sijd doch auch im Weltkrieg herunter genommen worden.“
Da hat er sich abgewendet und ist davon geradelt. Der hat auch gemeint, er kann meckern. Ich wollte noch sagen, wenn er im Krieg nichts Schauerlicheres sieht, soll er froh sein, aber er war schon fort. Die Soldaten haben bestimmt schon schauerlichere Sachen gesehen.
Jetzt ist hier gesammelt worden: Tornister, Zeltbahnen, Kochgeschirr, Becher usw. gegen Entschädigung. Meinst Du, ich sollte von unseren Sachen auch was geben?
Morgen haben die Kinder vor den Ferien zum letzten Mal Schule und zwar nur bis 11 Uhr. Jörg hat zur Pflege während der Ferien heute einen Schlangenkaktus mitgebracht, der sonst in ihrem Schulzimmer steht.
Helga verliert jetzt alle Milchzähne. Bis jetzt sind schon drei Backenzähne heraus gegangen und der eine Eckzahn wackelt auch schon. Das alles innerhalb 2 – 3 Wochen. Die neuen Zähne sind inzwischen schon ziemlich gewachsen.

                                                                                                            17.7.
Bis hierher habe ich den Brief gestern Abend geschrieben, nun, ehe ich einkaufen fahre, will ich ihn beenden. Ich habe heute von Erna einen Brief bekommen, dass sie erst am 26.7. um 11:55 hier ankommt und nicht am 20., da sie ihre Kennkarte noch nicht hat, die sie ja hier im Grenzgebiet braucht. Sie bekommt sie erst in der kommenden Woche. Da kommt Erna um dieselbe Zeit, wie wir im vergangenen Jahr nach Leipzig gefahren sind.
Heute kam endlich das Päckchen Nr.8 an. Bei dem Brot war leider mehr verschimmelt, wie beim anderen. Es war ja auch viel länger unterwegs. Das Gute werden wir uns aber schmecken lassen und danken dir dafür.
Nun grüße und küsse ich dich recht herzlich Deine Annie.

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