Sonntag, 30. Juli 2017

Brief 386 vom 26.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                        Konstanz, 26.7.42

Nun haben wir Erna hier. Wir waren am Bahnhof und sind gleich mit dem 12 Uhr Zug bis Petershausen zurück gefahren. So hatten wir nur einen kurzen Weg und brauchten keinen Wagen. Wir haben bald Mittag gegessen und dann haben wir uns erzählt und sind mal in den Garten gegangen. Nun schreibt Erna an Siegfried und ich schreib an Dich. Wir wollen den Brief ½ 5 noch zum Kasten bringen.
Als wir am Nachmittag fortgehen wollten, kam gerade dein lieber Brief vom 14.7. Ich habe ihn gleich mitgenommen und unterwegs gelesen. Über Deine Verwechslung mit den Holzkläpperlen habe ich nun auch lachen müssen. Diese Dinger sind ja auch ein Kriegserzeugnis, also ist es schon gut entschuldbar, wenn du damit nicht Bescheid weißt. Viel Freude erlebt man ja nicht mit den Kläpperlen, denn die halbe Zeit sind sie kaputt, aber es ist das einzige Bezugsscheinfreie. Die anderen leichten Schuhe bekommt man nur auf Bezugsschein II. Aber dazu haben die Kinder noch zu viele feste Schuhe.
Mit den Beeren ist es nun bald ganz Schluß. Das große Bäumchen hatte 13-14 Pfund Beeren. Beim kleinen haben wir ca. 7 Pfund gepflückt und die anderen sind noch dran. Beim Vorbeigehen holen sich die Kinder, und auch ich, immer mal ein paar. Das schmeckt a besten. Zum Zustutzen der Sträucher wäre es gut, wenn Du hier wärst. Ich kenn mich da nicht aus und weiß nicht, was ich wegschneiden soll.
Erna hat mir heute von Alice´s Vater erzählt. Dieser Mann ist 6 Jahre mit Mama gegangen. Er hat gesagt, wie oft er es bereut hätte, Mama damals nicht geheiratet zu haben. Es sei eine Jugendtorheit gewesen, die er bitter bereut habe und die doch nicht mehr gutzumachen sei. Seine Frau sei auch gut gewesen, aber eine Mathilde sei es doch nicht gewesen. Mit ihr wäre er bestimmt mehr vorangekommen. Seine Frau hat es in der Erziehung der Kinder, er hat drei, manchmal fehlen lassen. Sie hat ihnen Geld zugesteckt usw., von dem er nichts wissen durfte. Mama sei auch früher schon so gut gewesen. Darum hätte er Mama auch jetzt noch geheiratet, nachdem seine Frau gestorben sei.
Gestern kam dein Päckchen Nr.14 an. Leider war das Brot nicht mehr gut. Es tut einem immer leid. Aber es lässt sich nicht ändern. Freuen tut es mich aber doch, dass du immer so lieb an uns denkst.
Nun laß mich schließen. Morgen schreibe ich ja wieder, du lieber, lieber, guter ernst. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.
Auch von mir recht herzliche Grüße, Deine Schwägerin Erna.

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