Donnerstag, 13. Juli 2017

Brief 374 vom 9.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 11.7.42

Heute erhielt ich deine lieben Briefe vom 27. Und 28.6. Dann kam noch ein Brief von Papa, mit dem ich erst einmal beginnen will, denn das Unangenehme nimmt man immer zuerst dran. Da ich nicht weiß, ob du einen Durchschlag bekommen hast, lege ich ihn dir bei. Er ist wieder ganz echt Papa. Er weiß nicht, was er will. Jetzt bin ich sogar „meine Verehrteste“ geworden, doch lieb, nicht wahr? Und wie schön sich das schickt, dass Erna hier her kommt, da kann wenigstens das Fräulein mit ihrer Mutter bei ihm sein. Was soll er sonst auch tun, nicht wahr? Er kann sich gar nicht anders helfen. Als ob Mama früher nicht auch einmal verreist war und er allein geblieben ist. Außerdem ist er ja Wochentags im Geschäft. Aber weißt Du, darauf gehe ich gar nicht mehr ein. Es ist mir jetzt tatsächlich gleichgültig, was er macht. Ich habe ihm ja heute gleich geantwortet und hoffe, dass es dir recht ist.
Nun zu deinen Briefen. Du hast dir eine Art Schleier gewünscht, den man über den Kopf ziehen kann. Ich hab dir nun etwas fertig gemacht. Ich denke, dass du es gebrauchen kannst. Erst wollte ich das Band zum Durchziehen machen, aber so, wie es jetzt ist, kannst Du den Schutz locker oder fest über das Gesicht spannen, wie es gerade praktisch ist. Evtl. kann man das Band auch mal ganz weglassen, da die Hülle ja bis auf die Schultern reicht. Ich kann dir noch so eine Hülle anfertigen, möchte aber erst wissen, ob es so für dich praktisch ist, oder ob du einen anderen Wunsch hast.
Bei der Todesanzeige der Pessler handelt es sich um die Schwester der Hadwig Pessler, die Kurt gekannt hat. Wie Kurt sagt, soll sie eine Entfettungskur gemacht haben und hat sich dabei die Schwindsucht geholt.
Als Du auf meinem Brief „G.B.“ gelesen hast, wußtest Du also doch gleich, um was es sich handelt. Da habe ich es ja recht gemacht.
Der Brief von Erna ist mir auch klarer vorgekommen, als Paps Briefe. Vor allem ist er nicht so gehässig. Ich habe ja Papa auch meine Meinung geschrieben.
Ich bin gespannt, wie das Brot ankommt, das du geschickt hast. Fein wärs ja, wenn es noch ganz gut wäre. Ich könnte es gut gebrauchen. Ein lieber Kerl bis du aber, dass du immer gleich an uns denkst und uns solche Sachen schickst. Ich möchte dir immer wieder danken.
Gestern haben wir es ganz gut erwischt mit dem Baden gehen. Ich habe wieder mal richtig schwimmen können, was immer besonders schön ist. Helga und Jörg habe ich es auch beibringen wollen. Helga stellt sich ganz gut dabei an, und ich glaube, sie würde es bald lernen, wenn wir öfter gehen könnten. Bei Jörg geht es noch nicht ganz so gut. Er ist so oft bockig. Wenn es nicht gleich geht, wie er will, macht er nicht mehr mit. Bei Helga habe ich lachen müssen. Sie hat öfters Wasser geschluckt, hat aber das Üben nicht aufgegeben. Zuletzt hat sich Jörg dann entschlossen, auch wieder mitzumachen. Nachdem wir ziemlich lange im Wasser waren, haben wir uns fertig gemacht und sind Heim gegangen. Und wie gut haben wirs erwischt. Auf dem Heimweg fing schon der Donner zu grollen an, und einige Tropfen haben wir auch noch abbekommen, aber der richtige Regen kam erst, als wir schon daheim waren. Dann ging aber ein mächtiges Gewitter los, eigentlich waren es mehrere. Dazu war es stürmisch und es hat sehr abgekühlt, auch heute ist es noch kühl und windig. Heute wäre es also mit dem Baden nichts geworden. Ich hatte schon Mal im Hallenbad gefragt, ob dort Kinder Schwimmunterricht bekämen, aber damit war es nichts. Die Lehrkräfte sind alle eingezogen.
Nun muss ich dir noch was berichten. Helga hatte doch das braune Wandbrett über ihrem Bett hängen für die Nachttischlampe. Das brauchte ich nun für die Stube für die Hängepflanzen. Da habe ich Helga von kleinen Brettchen, die mir dein Vater mal mitgebracht hat, ein kleines, neues Wandbrett gemacht. Mit Farbe, die ich noch von dem Streichen der Küche da hatte, habe ich es gestrichen. Als ich damit fertig war, fiel mir ein, dass die Platten unserer Nachttische und des Waschtischs so rissig und abgenutzt sind. Da müsste doch diese ganz helle Farbe schön aussehen, dachte ich, denn der Ton ist genau wie der weiße Schrank im Kinderzimmer. Gedacht, getan. Erst habe ich es an unauffälliger Stelle probiert und es sah prima aus. Da habe ich nun diese Platten überstrichen. Ich wollte erst abwarten, wie sie werden, wenn sie trocken geworden sind. Das ist nun soweit, und nun kann ich dir auch schreiben, dass es fein geworden ist. Nun sind auch die schwarzen Flecken am Waschtisch weg, die von dem Handtuchhalter immer da waren. Es sieht wie neu aus.
Nun lass mich schließen. Ich bringe den Brief noch auf die Post, damit er bald fort kommt, denn der Kasten wird öfter geleert.
Ich grüße dich ganz herzlich und gebe dir viele, viele Küsse, du mein allerliebster ernst, Deine Annie.

Brief 373 vom 9.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 9.7.42

Heute schreibe ich dir wieder einen Flugpostbrief. Damit die 10g nicht überschritten werden, schreibe ich auf so dünnem Papier.
Ich möchte Deinen Flugpostbrief vom 29.6., den ich gestern erhielt, beantworten. Das ist immer wieder schön, wenn man mal schneller einen Brief bekommt. Gestern bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Ich war gegen Abend nochmal kurz im Garten und habe einige Kohlrabi gesetzt, Möhren und Winterrettich gesät. Weiter konnte ich nichts machen, denn mein Kopfweh war noch nicht weg. Heute geht es mir wieder gut. Ich war vorhin gerade in der Stadt und habe dir einige Zeitungen besorgt, die ich heute Nachmittag gleich wegschicke.
Du schreibst von den Kindern, dass es dir schon recht ist, dass Jörg sich nicht alles zu Herzen nimmt. Mir geht es auch so, und manchmal wünschte man, Helga bekäme etwas davon ab. Aber da geht ja leider nicht zu machen. Wenn sich Jörg mit seinen Taten in der Schule hervor tut, so will ich das ganz bestimmt nicht verhindern. Er ist doch ein Bub und soll ruhig ein bißchen rauhbautzig sein. Ein Muttersöhnchen will ich ja nicht erziehen. Man könnte ihn ja nicht einmal schimpfen, wenn sein Vater genau so Sachen gemacht hat, nicht wahr? Wenn er nichts Schlimmeres anstellt, geht es schon.
Bei der Gartenarbeit müssen die Kinder immer ein wenig mithelfen, wenn sie es auch nicht immer gerne tun. Manchmal macht es ihnen ja Freude, aber eben nicht immer. Zu viel lasse ich sie ja auch nicht tun, aber mal Unkraut heraus reißen oder wegschaffen, das ist ja nicht so anstrengend. Auch beim Beerenzupfen haben sie mir helfen müssen, das haben sie aber ganz gerne gemacht, weil sie ziemlich viel dabei essen durften.
Wie ich dir vorgestern schrieb, habe ich ja nun den Brief an Papa nicht weitergesandt, weil sich Papa und Siegfried soweit geeinigt haben. Ich wollte da nicht nochmals anfangen. Wenn du aber meinst, ich soll ihn weiterschicken, so mußt du mir nochmals schreiben. An Siegfried habe ich den Brief weitergeleitet und ihm dazu geschrieben, dass ich den Brief an Papa, von dem in deinem Brief die Rede ist, hier behalten habe. Ich werde ja sehen, was Papa auf meinen letzten Brief antwortet, von dem Du ja inzwischen den Durchschlag erhalten hast.
Wenn Du für Jörg zum Geburtstag 20.-Mk schickst, so werde ich zusehen, dass ich vielleicht etwas zum Anziehen für ihn bekomme, evtl. eine Jacke oder sowas. D.h., wenn sie jetzt im Sommer schon zu haben ist. Sonst lege ich ihm das Geld auf´s Sparkassenbuch, wie du schon geschrieben hast. Gestern habe ich gerade noch ein ganz einfaches Holzschiffchen  für Jörg bekommen können. Viel ist nicht dran, aber ich weiß, dass er sich so eins schon öfter gewünscht hat. Es kostete 1,50Mk., viel Geld, nicht wahr? Aber eine kleine Freude möchte man ihm doch machen. Und wenn es ihm nur gefällt, das ist ja die Hauptsache.
Wenn nichts dazwischen kommt, erhalten wir ja nun bald Besuch von Erna. Ich will ihr gerade heute noch schreiben, sie soll sich wegen einer Zulassungskarte erkundigen. Bei uns sind die Tage vom 21. Bis 27.7. frei. Vor und nachher braucht man eine Zulassungskarte, mit der man aber auch nur 150 Km fahren kann. Das ist sicher vor allem wegen dem Ferienanfang gemacht worden. Ich freue mich eigentlich schon, wenn Erna kommt. Da hab ich mal ein paar Tage jemand hier.
Dich wundert es, dass es Kirschen auf Karte gibt. Ja, da haben wir doch die Mangelwarenkarte. Auf 3 Nummern hat es Kirschen gegeben,  auf 2 Nummern Fisch. Auf einen Abschnitt mit Buchstaben gibt es Briefumschläge und Briefbogen usw. Außerdem haben wir ja auch noch die Haushaltungskarte für Obst und Gemüse. Da habe ich vorgestern Aprikosen bekommen und gestern 2 Wirsinge. In kurzer Zeit brauche ich ja nichts mehr zu kaufen, denn jetzt gibt es bald Bohnen. Ich denke, schon in einer halben Woche. Auch die neuen Kohlrabi sind bald soweit und ebenso die Möhren. Auch Erbsen habe ich nochmal. Bei Ausgabe der Haushaltungskarte wurde ja auch gefragt, ob man Selbstversorger ist. Ich habe aber gesagt, nur teilweise, denn so frühes Gemüse hätte ich doch nicht. Wie ich gesehen habe, haben es die anderen genauso gemacht. Wenn man selber ernten kann, kauft man sowieso nichts mehr. Aber die Karte läuft bis Dezember, und da ist man vielleicht doch froh, wenn man mal Pflaumen usw. bekommt. Denn bei sowas bin ich besonders für die Kinder scharf hinterher. Die sollen bekommen, was nur geht. Sie sind doch jetzt im wachsen. Da sollen sie nach Möglichkeit nichts entbehren.
Die Briefmarken, die du mir in einem der letzten Briefe mitgeschickt hast, hebe ich wieder im Album auf. Ich hatte es vergessen, Dir zu bestätigen, dass die Marken angekommen sind.
Nun kommen die Kinder bald Heim und ich will mit schreiben aufhören.
Ich grüße und küsse Dich, mein lieber Mann, recht herzlich Deine Annie.

Brief 372 vom 7.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 7.7.42

Heute erhielt ich deine lieben Briefe vom 23., 24., 25. Und 26.6. Außerdem das Päckchen Nr.6 mit Eiercognac. Ich danke dir für alles recht sehr. Ehe ich dir auf deine Briefe antworte, will ich dir vom Päckchen schreiben. Erst wusste ich gar nicht, was in dem Päckchen wohl drin sein könnte. Dann kam die Flasche zum Vorschein. Alkoholiker, wie ich nun mal bin, habe ich sie gleich aufgemacht und probiert. Zuerst habe ich den Cognac unverdünnt mit Zucker getrunken, was zur Folge hatte, dass es mir ein wenig drehend geworden ist, es war vielleicht auch gleich ein bißchen zu viel. Aber geschmeckt hat es prima.
Als Helga kam, habe ich ihr etwas fertig gemacht, sehr mit Milch verdünnt. Sie hat es aber nicht mögen. Da habe ich es auch noch getrunken, und es hat mir noch besser geschmeckt, als erst. Jörg habe ich es dann auch so zurecht gemacht gegeben, und der hätte am liebsten gar nicht mehr mit trinken aufgehört. Du siehst, die Sache hat also Anklang gefunden, und wenn du noch sowas schicken kannst, nehmen wir es gerne an, vorausgesetzt, dass du keine Angst um mich hast.
Nun zu den Briefen. Du hast mir die Briefe an Siegfried und Papa mitgeschickt, damit ich sie weiterleiten soll. Den Brief an Siegfried werde ich abschicken. Den Brief an Papa behalte ich mal einstweilen noch hier, da ja inzwischen sich manches geändert hat. Denn Siegfried ist ja nun mit Papa zu einer vorläufigen Einigung gekommen, und da möchte ich nicht von unserer Seite jetzt alle Fäden zerreißen. Da ständen wir wieder allein da. Siegfried hat ja eingesehen, dass es am besten ist, man hält den äußeren Schein aufrecht. Viel hat er und auch wir ja nicht mehr mit ihm zu tun, wenn er heiratet. Aber Erna hätte sicher noch mehr auszustehen, wenn plötzlich Schluss gemacht würde, und sie ist eben doch noch in Papas Wohnung. Siegfried hat mir heute auch geschrieben und ich schicke dir den Brief mit. Vernichten tue ich deinen Brief noch nicht, denn es könnte ja sein, man kann ihn mit einem anderen Datum versehen noch verwenden. Auf meinen letzten Brief erhielt ich von Papa heute eine kurze Mitteilung des Inhalts, dass er mir herzlichst für meinen letzten Brief dankt und ihn bald beantworten wird. Er schickt mir gleichzeitig Zeitungen mit. Ich werde ja sehen, was er schreibt. Ein Blatt habe ich mir ja nicht vor den Mund genommen in meinem letzten Schreiben. Ein Bild von Mamas Grab, das Papa mir heute mitschickte, lege ich dir bei.
Wenn ich Klage darüber geführt habe, dass ich mit Vater nichts als die alltäglichen Dinge besprechen kann, so ist das bestimmt nicht so gemeint, als ob ich ihn nicht leiden könnte. Du weißt ja, ich achte ihn sehr. Er ist doch sonst ein guter Kerl. Das ist ja schon immer so gewesen, dass er vom Geschäft usw. erzählt. Damit habe ich mich auch abgefunden, aber du wirst es ja selber wissen, manchmal kommt man sich ganz verlassen vor. Da habe ich dann die Sehnsucht, dass du hier wärst, und ich mit dir sprechen könnte, wie früher. So hatte ich dir ja auch gestern geschrieben. Ich sehe ja auch immer gleich wieder ein, dass es nicht zu ändern geht und dass wir uns bescheiden müssen. Du darfst es auch nicht als Klage auffassen.
Leider sind wir noch nicht viel dazu gekommen, zum Baden zu gehen. Es war bis jetzt immer zu viel zu tun, und eine Weile war ich immer so müd und kaputt, dass mir gar nichts richtig von der Hand gehen wollte.
Wie ich schon schrieb, habe ich jetzt erst mal alles soweit gestopft und genäht, wenigstens das Wichtigste. Wenn ich den Garten fertig habe, muss ich noch Vaters Unterhosen ausbessern, bei Jörgs neuen Nachthemden die Ärmel etwas verkürzen. Seine alten Nachthemden sind ihm alle zu eng und zu kurz geworden. Nun habe ich von den weißen Hemden welche genommen, die wir noch von Mama haben, die sind richtig lang, nur die Ärmel sind noch zu lang. In der Weite sind sie auch richtig, ich habe die schmalsten herausgesucht. Auch ein Kleid sollte ich für Helga noch nähen, aber das ist nicht gar so wichtig, denn ich hab ihr ja jetzt das grüne Kleid von Dora auch verlängert. Ich hoffe, dass ich ein bißchen Zeit habe, wenn Erna hier ist. Heute war ich mit Helga im Garten und habe die Erdbeeren noch ausgeputzt. Morgen will ich bei den anderen Sachen weiter sehen.
Möhren haben wir gestern auch schon aus dem Garten geholt, und von den Stachelbeeren haben wir uns auch schon einige weiche herausgesucht. Es dauert nicht mehr lange, bis sie alle reif sind.
Bis jetzt habe ich mit dem Vorschaltwiderstand keine Schwierigkeiten mehr gehabt. Wahrscheinlich wird er einen kleinen Defekt von dem Transport her gehabt haben, denn sei t er repariert ist, habe ich auch im Apparat keine Störungen mehr, wenigstens nicht viele, während es früher manchmal schauderhaft gerauscht hat.
Die Erdflöhe im Garten habe ich ja überwunden. Da die Zigarrenasche nicht ausreichte, hatte ich mir doch ein Mittel dagegen gekauft, und seitdem hatte ich Ruhe. Sollte die Raupenplage auftreten, so gehen die Raupen beim bestäuben mit diesem Pulver auch kaputt.
Es hat doch noch einige Brombeerblüten gegeben, so dass wir doch nicht ganz ohne diese Beeren sein brauchen, wenn es auch nur welche zum so essen sind. Die Stachelbeeren haben uns bisher noch nicht enttäuscht.
Bei Gelegenheit werde ich mal zu der Lehrerin von Helga gehen und mit ihr wegen der höheren Schule reden. Ich glaube ja, dass es für Helga zu viel wird. Jörg ist robuster.
Der Wittenburg hat auch hier her noch nicht geschrieben. Vielleicht will er mit der Sache nichts zu tun haben. Wenn du ja an den Henkes selber schreiben konntest, ist es ja gut. Du wirst ja sehen, was er antwortet.
Das Kurzgeschichtenheft, das ich dir geschickt habe, habe ich nicht gekauft. Es ist von Papa. Ich habe auch noch eins hier.
Der Keks ist mir wirklich immer ein Rückhalt. Man weiß doch, es ist für alle Fälle noch etwas da. Ich suche ja auch immer das Verzehrte wieder zu ergänzen.
An dem Holzpanzer hat Jörg schon seine Freude. Meist geht er jetzt früh 1 – 1 ½ Stunden früher fort, um vor der Schule noch beim Panzer zu sein, Patronen zu sammeln usw. den Soldaten sehen sie dabei auch zu. Das ist doch der größte Spaß. Als Jörg heute Heim kam, brachte er einen Riesenrettich mit nach Hause. Die Buben waren zu den Soldaten in der Jägerkaserne gegangen und hatten gefragt, ob sie einen Rettich bekommen könnten, unser Jörg natürlich auch mit. Mit großem Stolz brachte er den Rettich mit. Er meinte, da hätten wir doch schon was zum Abendbrot.
Jetzt waren die Kinder gerade da und haben wegen dem Abendessen reklamiert. Da muss ich den Brief an Siegfried nachher schreiben. Helga hat ja heute schon einen Brief an dich abgeschickt. Jörg will morgen schreiben.
Die Nachttischlampe von Helga macht jetzt überhaupt nicht mehr mit. Ich habe mich schon oft nach einer Neuen erkundigt, konnte aber bisher keine erhalten. Heute sagten sie mir nun  in einem Geschäft, dass sie wahrscheinlich bald welche bekämen. Da muss ich mal ein bißchen danach springen. Einstweilen habe ich Helga unsere Tischlampe hingestellt. Sie ist nur ein wenig zu groß. Aber kurze Zeit geht es schon.
In der vergangenen Woche ist „Das Reich“ gar nicht angekommen. Erst heute konnte ich es bekommen und hat mir die Frau auch gleich die Zeitung von dieser Woche mitgegeben, so daß ich alle zwei gleich wegschicken konnte.
Nun laß mich schließen. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

                                                                                                                        8.7.

Lieber Ernst!
Ich wollte gerade den Brief fort bringen, da kam der Briefträger und brachte mir dein Päckchen Nr.7. Leider ist die Flasche ganz zerbrochen und ausgelaufen. Meinst du, dass du trotzdem welche schicken willst? Ich weiß nicht, wie du denkst.
Nochmals viele Grüße und Küsse von Deiner Annie.

Brief 371 vom 6.7.1942


Mein liebster Ernst !                                                  Konstanz, 6.7.42

Es war so, wie ich gestern früh kurz schrieb, ich bin gestern nicht mehr zum Schreiben gekommen. Ich habe gebügelt, gewaschen, gestopft. Gestern Abend um 11 Uhr war ich mit allem soweit fertig. Heute Vormittag war ich nun im Garten, habe alles geharkt und Unkraut raus gemacht. Bis zu den unteren Erdbeeren bin ich gekommen. Die will ich Morgen machen. Am Nachmittag war es zu heiß zum Schaffen. Da ich sowieso in die Stadt musste, bin ich in den Film „Dorf im roten Sturm“ gegangen. Kinder durften nicht mit. Da sind sie zuhause geblieben. Ich hatte erst ein wenig Sorge deshalb, aber sie waren so brav. Als ich Heim kam, war ein Zettel an der Küchentür befestigt, der sieht so aus:

Liebes Mütterlein
Komm herein
Freud dich über uns
Kinderlein

Auf dem Tisch lag ein Zettel und lauter Studentenblumen lagen rings herum. Auf dem Zettel stand:
Mütterlein
Komm herein
Heute wollen wir
Fröhlich sein

An der Schlafzimmertür hatte Jörg noch einen Zettel befestigt: Sei heut fröhlich.
Als ich die Küche betrat, wurde ich noch mit einem Lied empfangen. Schöner kann man doch nicht begrüßt werden. Dazu hatte Helga noch abgewaschen und Jörg seine Schulaufgaben gemacht. Ich habe mich bestimmt sehr gefreut.
Gestern Morgen haben doch die Kinder den Brief für dich in die Stadt gebracht. Ich habe ihnen je 20 Pfg. mitgegeben und ihnen gesagt, sie können sie verbrauchen, wie sie wollen, entweder zu Eis, oder sie können sich wiegen usw. Am Mittag kamen sie wieder Heim. Da haben sie sich für das Geld die Wochenschau angesehen. Ich konnte die Wochenschau ja heute auch sehen. Bei den Kämpfen um Sewastopol haben sie ja kolossale Geschütze gehabt. Schon beim Sehen kann man sich die ungeheure Wucht vorstellen. Furchtbar hart müssen diese Kämpfe gewesen sein. Ich habe mir da heute gerade einen Vortrag im Radio angehört.
Einige Tage habe ich jetzt keinen Brief erhalten. Ich warte so sehr darauf. Wie schlimm muss es da für dich gewesen sein, einige Wochen nichts von uns gehört zu haben. Ich wünschte sehr, dich hier zu haben. Manchmal bin ich doch sehr einsam, trotz der Kinder. Von allem kann man doch nicht mit ihnen reden. Aber man muss sich damit trösten, dass es ja noch vielen anderen auch so geht und du hast es ja auch nicht leichter.
Nun grüße und küsse ich dich wieder recht herzlich  Deine Annie.

Brief 370 vom 4./5.7.1942


Mein liebster Ernst, liebes Geburtstagskind!                                            Konstanz, 4.7.42

Den ganzen Tag haben wir ganz besonders fest an dich gedacht. Dein Bild, in dem großen Rahmen aus Frankreich, steht in der Stube auf dem Tisch, davor ein Strauß von Rosen und ein Strauß von Studentenblumen und von weißen Blumen, die ich nicht mit Namen kenne, sowie ein Johannisbeerkuchen, den wir morgen essen. Dein Bild in der Küche schmückt auch eine Rose. Zu deinen Ehren gab es heute einen Pudding und einen kleinen Kuchen. Hoffentlich hast Du deinen Geburtstag soweit gut verlebt, vor allen Dingen gesund.
Ich habe heute auch einige kleinere Erlebnisse gehabt. Vor allen Dingen habe ich einen Teller zerschmissen. Da Scherben ja Glück bringen sollen und dein Geburtstag war, habe ich mich nicht sehr geärgert.
Als ich heute Morgen die Zeitung lese, steht eine Anzeige drin „Trachtenjacke zw. Markgrafenstr. Und Flughalle verl. Gegen Bel. Abzugeben bei Geyer, Markgrafenstr.67“. Wie ich das vorlese, sagt Jörg „der Bub sitzt in der Schule neben mir“. Ich bin gleich runter gefahren und habe den Leuten gesagt, daß ich die Jacke beim Fundamt abgegeben habe. Der Mann war nur daheim und wollte meine Adresse wegen der Belohnung. Ich wollte aber keine haben. Nun haben sich die Leute die Adresse beim Fundamt geben lassen und heute Abend brachte mir die Frau, die übrigens sehr nett war, 5 Mk. Ich wollte sie nicht nehmen, aber sie hat das Geld einfach her gelegt. So habe ich ohne Mühe 5 Mk. verdient.
Gestern bin ich nicht dazu gekommen, dir zu schreiben. Ich hatte dauern zu rennen. Erst wegen Fisch 1 ½ Stunden anstehen, nachmittags wegen Kirschen wieder eine Stunde. Vater hat sich aber gefreut, daß ich sie ihm mitgebracht habe. Nachmittags 5 Uhr musste ich noch einmal in die Stadt wegen anderem Fisch auf eine andere Nummer der Mangelkarte, der am Morgen nicht mit ausgegeben wird, sondern erst von 5-7 Uhr. Am Abend bin ich noch zu Vater gefahren und habe ihm die Kirschen gebracht. Zwischendurch haben wir noch ca. 3 Pfund Johannisbeeren gepflückt und die Stachelbeeren geputzt. Heute hatte ich auch den ganzen Tag zu tun mit Marmelade kochen, Kuchen backen, Einkaufen fahren, Treppe putzen usw. Morgen, wenn auch Sonntag ist, muss ich meine große Wäsche bügeln, dann am Montag muss ich unbedingt in den Garten gehen. Überall muss ich harken, ein Beet umgraben, und das Unkraut wächst mir bald über den Kopf. Dazu müssen wir auch noch die Kartoffeln nachsehen, denn leider hat man sehr viel Kartoffelkäfer im Heidelmoos, also dort hinten, wo der Maier wohnt, gefunden. Da heißt es aufpassen. Es wäre ja um alle Sachen so schade.
Weißt Du, wer Vater geworden ist? Der Ernst Hagenauer hat einen Günter bekommen. Bei Büsings kommt auch bald ein Kind an, ebenso bei dem früheren Fräulein Waibel uns gegenüber. Die ältere Tochter von Wettsteins hat auch einen Buben bekommen. Es ist doch eine Beruhigung, dass sich die edle Familie B. weiterhin vermehrt. Von Demut während diese Zeit, die sie einmal der Frau Wohlsen gepredigt hatte, ist ja leider nichts zu spüren. Sie ist rabiater als je. Vor einigen Wochen hat sie in der Laube die Frau Kuhnert, die sie wegen anderen Sachen verklagt haben, von hinten überfallen und hat ihr mehrere Ohrfeigen runtergehauen. Die hat wieder geschlagen und die zwei prügelnden Frauen müssen wirklich ein erhebendes Bild abgegeben haben.
Nun ist Vater Heim gegangen. Es ist ½ 12 Uhr. Ich gehe nun auch schlafen. Vater hat doch jetzt eine ganze Zeit in der Stadt schaffen müssen, jetzt ist er wieder draußen auf dem Fl., da hat er es ein bißchen näher.

                                                                                                                                    5.7.
Mein lieber Ernst!
Dein Geburtstag ist nun schon wieder vorbei. Wenn ihr noch dort seid, so wirst du heute vielleicht auch Kuchen haben. Wir haben unseren Johannisbeerkuchen vorhin gegessen. Sowas schmeckt immer nach mehr.
Vater hatte mir doch vor einigen Tagen Mehl für einen Kuchen für Jörg´s Geburtstag mitgegeben. Dafür hat er nun gestern von unseren beiden Lausern Küsse bekommen. Das läßt er sich gerne gefallen und freut sich sehr, denn er lacht dabei ganz froh.
Die Kinder bringen jetzt diesen Brief in die Stadt, denn unser Briefkasten wird erst am Abend wieder geleert. Für die ist es gleich ein Spaziergang.
Ich weiß nicht, ob ich heute Abend nochmal zum Schreiben komme. Vielleicht musst du heute mit diesen wenigen Zeilen vorlieb nehmen. Du wirst denken, mit dem Schreiben werde ich jetzt bummelig, aber das ist nicht der Fall. Ich habe jetzt nur so viel zu tun.
Schreiben will ich dir nur noch, dass ich gestern für Helga ein Jungmädchenbuch zum Geburtstag bekommen habe. Für Jörg gibt es nichts weiter, als Soldaten und zwar nur zwei Stück. Ich habe zwei Reiter genommen.
Nun will ich ans Schaffen gehen, sonst bin ich am Abend noch nicht fertig.
Ich grüße und küsse dich recht herzlich Deine Annie.


Sonntag, 2. Juli 2017

Brief 369 vom 2./3.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 2.7.42

Am Nachmittag erhielt ich Deinen lieben Brief vom 20.6. An diesem Tag hattest Du ja endlich wieder einmal reichlich Post von uns erhalten.
Das Verhältnis zwischen Papa, Siegfried und mir hat sich ja inzwischen soweit geklärt, dass Siegfried ziemlich das tut, zu was ich ihm geraten hatte. Mit papa komme ich ja nicht gleich ins Reine, das sehe ich schon. Ich werde ja sehen, was er auf meinen letzten Brief schreibt. Gequält hat mich die ganze Sache ja schon sehr, und mein Kopf war manchmal wie ausgebrannt. Aber ich denke, dass ich das Schlimmste hinter mir habe. Ich werde es schon selber noch durchfechten. Vielleicht ist es am besten, daß du auf alles gar nicht erste eingehst, wenn nichts Besonderes kommt. Bei dem Entschluss, schon im Herbst zu heiraten, hat das Fräulein bestimmt viel mitgewirkt. Sie will eben so schnell als möglich heiraten. Wenn Papa noch oft von dem ganzen Kram schreibt, teile ich ihm mit, dass ich nicht mehr darauf eingehe.
Heute Morgen habe ich wieder zwei Zeitungen an dich abgeschickt. Die „Post“ und „Das Reich“ war noch nicht da. Ich bekomme es am Samstag. Während die Kinder am Nachmittag im Turnen waren, bin ich im Kino gewesen. „Der ungetreue Ekkehard“ mit Hans Moser, Rudi Godden und Theo Lingen wurde gespielt. Man hat viel lachen müssen.
Heute Abend habe ich noch Marmelade gekocht. Drei Pfund Stachelbeeren habe ich vom großen Bäumchen auch noch abgemacht, weil es zu voll hängt. Die koche ich morgen ein. Bis jetzt habe ich im ganzen 14 Pfund Stachelbeeren und 16 ½ Pfund Jonannisbeeren abgemacht. Morgen bekommen wir auf die Mangelkarte Fisch zugeteilt. Da muss ich gleich um 8 Uhr fahren, damit ich evtl. Felchen erwische.

                                                                                                                        3.7.

Gerade komme ich wieder Heim. Es ist ½ 10 Uhr. Seit um 8 habe ich nach Fischen angestanden. Aber ich habe auch 6 schöne Silberfelchen bekommen. Das wird ein gutes Essen heute, zwar auch ein bißchen teuer. Aber einmal können wir uns das schon leisten. Am Nachmittag gibt es wahrscheinlich Kirschen. Da möchte ich auch für Vater mal welche mitbringen, denn abends bekommt er nie mehr welche. Seine Karte habe ich ja hier. Man verläuft bei diesen Sachen ja viel Zeit. Nur gut, dass ich das Rad habe.
Für heute grüße und küsse ich dich wieder recht herzlich, Deine annie.

Brief 368 vom 1.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 1.7.42

Heute bekam ich drei Briefe von dir, vom 11., 18. Und 22.6. Ich danke dir sehr dafür. Besonders mit der Geschichte von Eurem Radio hast Du mir eine große Freude gemacht. Da könnte ich stundenlang lesen, wenn du so erzählst. Genau wie früher mal von dem Friseur, oder das ideale Abflußrohr in deiner früheren Unterkunft, oder die ertrunkene Ratte. Das freut mich einfach.
Ganz fest gefreut hat es mich, dass du mir schreibst, dass du sehr oft an uns denkst und dich uns verbunden fühlst. Das ist es ja, woran ich immer denke, wenn ich mich recht einsam fühle, dass ich weiß, du vergißt uns nicht und behältst uns lieb. Wenn ich das nicht glauben könnte, hätte ich überhaupt an nichts mehr Freude.
Eine öffentliche Hinrichtung hast du also nun auch erlebt. Das gibt es hier bei uns doch nicht mehr, nicht wahr? Ich glaube, ich könnte es nicht ansehen. Verdient hat es der Kerl ja tatsächlich.
Jörg geht immer noch gern zum Turnen. Ich bin auch sehr froh darüber, denn schaden kann es nicht.
Kurt ist augenblicklich bis 7.7. in Würm bei Pforzheim zur Erntehilfe mit 6 Kameraden. Sie sind jetzt bei der Heuernte. Kurt muss bei 2 alten Leuten helfen. Nach dem 7.7. kommt er wieder zur Genesungskompanie zurück. Ich muss ihm wieder deine Adresse schicken, er hat sie schon wieder verlegt.
Von Alice erhielt ich eine Karte. Sie hat ihren Vater zu Besuch da und zur Feier seines 70. Geburtstages haben sie mir geschrieben. Der Vater hat mit unterschrieben. Alice will mir bald einen Brief schreiben, aber sie und Paul sind noch nicht ganz gesund. Sie waren beide krank.
Erna schrieb mir heute einen Brief. Sie war bei der Geburtstagsfeier mit dabei. Herr Müller hat von Mamas Jugend erzählt, wie schwer sie es gehabt hätte. Erna will mir alles erzählen, wenn sie her kommt. Sie kommt am 20.7. und bleibt bis 5./6.August. Hinterher fährt sie noch einige Tage zu ihrer Mutter. Erna wusste erst nicht, wie sie es wegen Papa machen sollte, aber er hat zu ihr gesagt, er würde schon versorgt.
Ich hatte heute Wäsche. Erst habe ich für Vater die Rente geholt. Da ich schon gestern mit waschen angefangen hatte, war ich bis Mittag fertig. Diesmal hatte ich eben auch noch Sachen von Kurt. Am Nachmittag haben wir gebadet. Hinterher haben wir zusammen ca. 8 Pfund Johannisbeeren gepflückt. 3 Pfund habe ich vorhin Vater gebracht. Er konnte sein gutes Herz nicht verleugnen und hat mir noch 1 Pfund Zucker mitgegeben. Dann brachte er noch 1 Pfund Mehr an. Als ich es nicht nehmen wollte, sagte er, ich solle Jörg zu seinem Geburtstag einen Kuchen davon backen.
Als ich heim fuhr, fand ich in der Reichenauer Straße eine weiße Strickjacke, die ich gleich morgen auf´s Fundbüro bringen will. Denn jetzt verliert man nicht gern etwas.
So, nun will ich schlafen gehen. Müde genug bin ich. Es ist ¼ 11 Uhr. Gerade kam die Sondermeldung von der Einnahme Sewastopols. Das war auch ein harter Kampf.
Nun schlaf du auch gut und wach gesund wieder auf. Ich schicke dir viele feste Küsse, Deine Annie.