Sonntag, 4. Juni 2017

Brief 344 vom 4.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 4.6.42

Ich schreibe dir wieder am Abend. Tagsüber habe ich meine große Wäsche weggebügelt. Am Nachmittag war Kurt mit dem Hund da. Das hat Jörg, der ja gestern nicht dabei war, großen spaß gemacht. Am liebsten hätte er ihn da behalten. Vorhin hat sich Kurt sein Briefmarkenalbum vom Speicher geholt und klebt nun drüben in der Stube Marken ein. Vater, der vorhin auch gekommen ist, sitzt bei ihm und sie unterhalten sich. Unsere Kinder sind gerade beim waschen und gehen dann in´s Bett. Bei Jörg ist es ja immer noch so, dass er abends nicht fertig wird, weil er andauernd zu schwätzen oder zu spielen hat. Es ist jetzt gerade um 9 Uhr. Nachricht habe ich  auch heute nicht von dir. Vielleicht kommt morgen ein Brief. Ich warte ja immer sehrsüchtig darauf.
Gestern habe ich im Garten Grünkohl ausgesät und an einzelnen freien Stellen noch Wirsing und Kohlrabi ausgepflanzt. Ich nutze jedes Eckchen aus, damit auch die Kinder mal zwischendurch einen Kohlrabi oder Möhren essen können. Durch den starken Wind ist der Boden schon wieder so trocken geworden, dass man wieder einzelne Sachen gießen muss.
Morgen Vormittag will ich zusehen, dass ich wieder einige Zeitungen für dich bekomme. Ich kann dir jetzt ja so wenig zu Liebe tun, dass ich mich direkt freue, wenn ich dir diese schicken kann.
Ich hoffe, dass du gesund bist und grüße und küsse dich, mein lieber, lieber Ernst, Deine Annie.

Herzliche Grüße sendet Dein Vater.

Brief 343 vom 3.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 3.6.42

Einen Brief habe ich auch heute nicht von dir erhalten, aber Besuch haben wir bekommen. Kurt ist da. Wohnen und essen tut er ja bei Paula. Aussehen tut Kurt gut, er ist ganz braun gebrannt. Seine zwei Wunden befinden sich auf dem Rücken auf dem Schulterblatt. Wie er sagt, sind sie noch nicht ganz verheilt, er hat sich aber freiwillig aus dem Lazarett gemeldet, da ihm verschiedenes nicht gefallen hat. Vor allem das Essen. Bei der Genesungskompanie, wo er jetzt ist, hat er´s besser. Urlaub hat er 14 Tage, vom Lazarett aus eigentlich 4 Wochen, aber von der Kompanie aus ist er ihm gekürzt worden. Diesmal will Kurt, wie er sagt, nicht so viel wegen anderen Leuten herumlaufen, sondern sich ausruhen und ein paar Mal wegfahren, z.B. nach Bregenz. Heute Vormittag kam Kurt mit dem Hund von Paula. Das ist ein ulkiges Vieh. Wir haben ihm ein paar Lumpen gegeben, die hat er nach allen Regeln der Kunst zerfetzt. Verspielt ist der Kerl. Leider war nur Helga da. Jörg war noch in der Schule. Nun hat Kurt vorhin, als er noch mal hier war, vorgeschlagen, dass er ihn morgen noch mal mitbringt. Kurt sagte aber, Jörg muss sich mehr vorsehen, Buben mag der Hund nicht so gern, da sie ihm öfter Steine nachwerfen. Jetzt sind die Kinder mit ihm zum Vater runter gegangen. Er will nur einen Zettel hinlegen, dass er morgen Abend runter kommt, heute will er zeitig schlafen gehen, da er gestern nur drei Stunden geschlafen hat.
Ehe Kurt am Vormittag kam, habe ich im Garten aufgeharkt. Es ist schade, dass heute so ein starker Ostwind weht, der trocknet den Boden so schnell aus. Es könnte mal ein paar Tage warm und windstill sein.
Am Nachmittag haben wir gebadet, hinterher habe ich noch etwas gewaschen. Nun ist der Tag schon wieder vorbei. Gerade sind die Kinder und Kurt wieder heim gekommen. Er schreibt gerade noch einen Gruß an dich unter den Brief.
Ich grüße und küsse dich für heute wieder herzlich, Deine Annie.

Bis in einigen Tagen schreibe ich dir. Heute grüßt dich vielmals Kurt.

Brief 342 vom 2.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 2.6.42

Heute schreibe ich zuletzt an Dich. Vorhin habe ich grade meine Briefschulden gegenüber Papa und Erna erledigt. Erna hatte mir ja einen Brief versprochen, der aber bis jetzt nicht eingetroffen ist. Vielleicht ist Erna böse, dass ich mit Papa soweit zu einer Einigung gekommen bin. Es täte mir sehr leid, denn am liebsten würde ich mit allen in Frieden leben. Ich werde ja sehen, was Siegfried in seinem nächsten Brief schreibt. Ich weiß, dass sie es in Leipzig viel schwerer haben, wie ich hier, denn, wie ich schon in dem Brief an Papa schrieb, es ist für Siegfried und Erna nicht leicht, jetzt plötzlich kein richtiges Heim mehr zu haben. Ich könnte es auch nicht ohne weiteres, mich unterordnen, nachdem ich bisher in dem Haushalt selbständig gearbeitet habe. Ich denke auch, dass Erna deshalb in ihren Bemühungen um Papa nachgelassen hat, denn ihr Interesse wird nachgelassen haben. Es haben sie doch erst alle gelobt. Es ist ja möglich, dass sich dieser oder jener Fehler herausgestellt hat, aber letzten Endes glaube ich doch, dass die veränderten Verhältnisse an diesem ganzen Durcheinander die Schuld tragen. Um vieles leichter wäre es für sie, wenn sie eine eigene Wohnung hätten, da bekämen sie von der ganzen Sache einen gewissen Abstand. Sollte es ja wahr sein, wie Papa denkt, dass Erna vielleicht zu ihrer Mutter zieht, könnte es ja zu einem Bruch zwischen Siegfried und Papa kommen. Ich mag mich mit der Sache nicht mehr herumschlagen. Ich mache mich kaputt, Ihr habt den Schaden und an sich ändert es die ganze Sache nicht. Das hat keinen Zweck.
Heute Vormittag habe ich für die Spinnstoffsammlung allerhand herausgesucht. Kleider habe ich ja nicht, dafür aber alte Stoffreste, bzw. Lumpen. Es ist ein ganzer Pack geworden, den wir in den nächsten Tagen zur Sammelstelle bringen wollen.
Am Nachmittag war ich mit den Kindern in der Stadt und habe verschiedene Sachen eingekauft. Für Jörg ein paar Holzkläpperle, für Helga konnte ich keine mehr bekommen. Dann einige Mottenschutzsäcke für meinen Pelzmantel und auch für deine Mäntel und Anzüge. Du hattest doch schon hier gesagt, dass du es gerne hättest, wenn ich meinen Pelzmantel in einen solchen Sack tun würde. Die Sachen riechen dann natürlich ziemlich nach Mottenpulver, aber man kann sie ja vor Gebrauch wieder richtig auslüften.
Lieber Ernst, bist mir nicht böse, aber ich muss jetzt schließen. Mir fallen schon die Augen zu. Ich will aber den Brief noch fortbringen.
Ich denke  immer an dich, mein lieber Mann, und grüße und küsse dich recht, recht oft herzlich Deine Annie.
Etwas habe ich noch vergessen. Herr Mettenberger hat mir die Abschrift geschickt, die ich dir hier beilege.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Brief 341 vom 1.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 1.6.42

Heute bin ich reichlich mit Post von dir versorgt worden, 3 Briefe, vom 19., 20. und 21., sowie die 2 Päckchen mit Butter habe ich erhalten. Ich habe es doch wirklich besser, wie du. Wie lange musst du vergeblich auf Post warten. Es freut mich nur, dass du den kurzen Brief, den ich mit einer anderen Nummer ab gesandt hatte, doch erhalten hast.
Du wirst doch sicher nicht an Herrn Wittenburg wegen der Päckchen geschrieben haben. Auf meinen Brief wegen dem Geld habe ich noch keine Antwort von ihm bekommen. Vielleicht schreibst du mir mal, an welche Adresse ich es schicken soll. Ob an den Zahlmeister oder so.
Die Leute müssen dort wahrhaftig sehr ärmlich dran sein. Man kann sich das gar nicht so vorstellen.
Ich weiß nicht, ob ich dir´s schon mal geschrieben habe. Bei Stromeyer schaffen gegangene Russen, die haben sich zuerst gar nicht miteinander zu reden getraut und wenn Pause war, haben sie weiter geschafft und trauten sich nicht, aufzuhören. Wenn der Saal von ihnen ausgekehrt wurde, haben sie sich aus dem Dreck Brotkrumen, Apfelbutzen usw. aufgelesen und schnell in die Tasche getan. Einer hat auch schon gesagt, Deutschland sei gut, er wolle da bleiben. Auch die Ukrainer, die dort wegfahren, werden erstaunt sein, wenn sie nach Deutschland kommen.
Wenn ich auch nicht mehr so furchtsam bei den Maikäfern bin, so kann ich mir doch was Schöneres vorstellen, als dort spazieren zu gehen, wo sie nur so rumbrummen. Du hast sicher lachen müssen, wenn du dir vorgestellt hast, wie es wäre, wenn ich mit dort gewesen wäre.
Ich glaube dir gern, dass du bald nicht mehr weißt, was du schreiben sollst, wenn du so lange keine Nachricht von uns hast. Hoffentlich hast du nicht mehr zu lange warten müssen.
Die Impferei bei Euch ist ja sehr unangenehm, aber eben doch nötig. Denn krank sein ist noch viel schlimmer. Hoffentlich überstehst du das Impfen gut und es nimmt dich nicht so mit.
In dem Friseurladen würde es mir dort auch grausen. Es ist nur gut, dass du dir gleich hinter dem Haarschneiden den Kopf gewaschen hast. Ja, dort muß man sich ja an manches gewöhnen, wovon wir hier gar keine Ahnung haben.
Ich hatte heute Wäsche und habe auch alles trocken bekommen. Am Nahmittag habe ich noch für Vater die Rente geholt und die Miete bezahlt. Jetzt habe ich schon bald wieder Schlaf. Lange bin ich sicher nicht mehr munter, aber den Brief schaffe ich noch fort.
Ich grüße und küsse dich wieder recht herzlich, Deine Annie.

Brief 340 vom 31.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 31.5.42

Der Sonntag ist auch wieder vorbei. Jetzt regnet es draußen, genau, wie am Vormittag, nur über Mittag hat es sich etwas aufgeheitert. Wir waren daheim, und ich habe mich etwas ausgeruht. Von der Gartenarbeit der Woche war ich doch etwas kaputt. Am liebsten ginge ich auch bald in´s Bett, aber Vater kommt erst noch und bringt die Wäsche für Morgen zum waschen.
Einen Brief habe ich heute nicht zu beantworten, aber dafür will ich dir ein paar Sachen von unseren beiden Lausern erzählen.
Gestern kam Jörg atemlos, aber strahlend angerannt „Aber jetzt bin ich gefegt“ waren seine ersten Worte. Dann hat er nach und nach erzählt. Er ist noch mit dem Werner, Richard und Gusti zu den Bauvereinshäusern in die Austraße gegangen, um mit anderen Buben zu kämpfen. Aber die haben ihren Eltern geklingelt, und erst ist die Mutter von dem einen gekommen und dann ist ihnen der Vater mit dem Rad hinterher, weil sie in den Hof eingedrungen waren. Jörg ist entkommen, aber den Richard hat er  erwischt. „Warum lasst ihr denn die Buben nicht in Ruhe“ habe ich gefragt. Da kam ich aber schön an. „Erst wollen sie mitkämpfen, dann haben die Feiglinge gar nicht mitmachen wollen, da haben wir angefangen. Da haben sie nachher sogar noch geklingelt.“ Unser Lauser weiß überhaupt manchmal nicht mit seiner Kraft wohin. Da fehlst Du, dass er sich mal mit dir rumkampeln  könnte. Manchmal stürzt er sich auf den Richard und versucht, ihn auf die Erde zu bringen, was ihm auch meist gelingt.
Helga macht wieder andere Sachen. Sie denkt sich Märchen und Geschichten aus. Da es sie schon immer geärgert hat, dass es fast keine Lieder mit meinem Namen gibt, hat sie mir heute eins gemacht. Nun hör mal zu:
„Marianne, Marianne, wo bist du die ganze Zeit?
Jeden Morgen, jeden Abend steh ich hier in diesem Kleid.
Hast Du mich vergessen und liebst du einen andern
Komm doch her und liebe mich und keinen andern.“
Na, was sagst du nun? Voll Freude hat Helga mir´s vorgesagt und ich durfte sie auch bestimmt nicht auslachen.
Ich weiß nicht, ob ich dir schon geschrieben habe, dass Kurt wieder bei seiner alten Kompanie in Karlsruhe ist. In der kommenden Woche will er ja nun auf Urlaub kommen.
Von Vater soll ich dir Grüße bestellen. Er liest gerade die Zeitung. Vorhin hat er noch die Wäsche gebracht. Er will heute bald wieder gehen, weil er einen Kuchen im Ofen hat. Ich hätte ja die Ruhe nicht, ich hätte immer Angst, dass er verbrennt.
Nun gehe ich doch bald schlafen. Nur den Brief bringe ich noch fort.
Schlaf du auch gut, mein lieber ernst, wach gesund wieder auf und sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Brief 339 vom 30.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 30.5.42

Ich erhielt heute deinen lieben Brief vom 16.5. Du entschuldigst dich ja fast wegen des vorhergehenden Briefes, und doch hat er mir gut gefallen. Es war ein Rückblick und ein Besinnen. Ich beneide dich manchmal fast, dass du so schöne Briefe schreiben und einem so alles vor Augen führen kannst.  Denken tue ich oft an die Dinge, aber schreiben kann ich sie nicht und ich habe manchmal den Eindruck, dass dir meine Briefe wohl recht trocken und nüchtern vorkommen werden. Es ist ja auch fast nur alltägliches, was ich schreibe. Ich möchte wohl manchmal viel Zärtliches und Liebes an dich schreiben, aber dann kann ich es nicht, und ich muß es auch meist fest in mir verschließen, damit die Sehnsucht nach dir nicht zu groß wird. Denn das ist nicht gut, wo ich dich doch jetzt mit aller Sehnsucht nicht heim holen kann. Einmal ist es mir so gegangen und es waren schlimme Tage, bis ich mein Herz wieder zur Ruhe gebracht hatte. Denn sonst kann man ja die Zeit nicht durchstehen.
Deine Schilderung über den Spaziergang im Park hat mich gefreut. Ich bitte dich nur, sei vorsichtig, denn die Leute dort sind doch wohl auch nicht einwandfrei.
So ist es nun, du freust dich, dass du ein bisschen französischen Cognac bekommst, und ich habe welchen hier und trinke keinen. Na, wenn du wieder mal auf Urlaub kommst (nicht wahr, ich habe eine vorauseilende Phantasie?) hast du wenigstens ein bisschen Vorrat da.
Ich schicke dir die Zeitung von heute zu, ab Montag erhältst du sie direkt vom Verlag zugeschickt.
Unser Jörg verkitscht jetzt immer was. Vorgestern für seine Patronen ein Seitengewehr aus dem Weltkrieg, heute für 5 Pfg. 3 kleine Papierzelte, die er sich selber geschnitten und bemalt hatte. Diese 5 Pfg. wollte er einmal nicht sparen und ist dafür von der Schule bis zum frieden mit dem Omnibus gefahren.
Ich habe heute 40.-Mk. auf die Sparkasse geschafft, sodass wir jetzt 293.- drauf haben. 40.-Mk habe ich für Briketts dabehalten, diese will ich in den nächsten Tagen bestellen.
Nun laß mich schließen. Ich grüße und küsse dich mit sehnsuchtsvollem Herzen und großer Liebe, Deine Annie.

Brief 338 vom 29.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 29.5.42

Ganz erstaunt war ich heute, als ich schon deinen lieben Brief vom 23. erhielt, nachdem ich zuletzt den vom 15. bekam. Vielleicht hast du ihn einem Kameraden mitgegeben, denn er ist am 28. in Wien abgestempelt worden. Jedenfalls war es für mich eine richtige, schöne Überraschung. Leid hat es mir nur getan, dass du auch am 23. noch keinen Brief von uns hattest, denn ich hatte bestimmt damit gerechnet, dass du wenigstens nach 14 Tagen, so am 21./22. einen Gruß von uns bekommen würdest.
Zu Pfingsten sind wir ja nicht über den See gefahren, wie du gehofft hattest. Es soll auch ein furchtbarer Betrieb gewesen sein und ich gehe da lieber da hin, wo es ein bisschen stiller ist.
Wenn du nicht hier bist, muß ich mich sowieso immer zwingen, einmal fort zu gehen. Ich habe zu nichts rechte Lust, vor allem noch am Sonntag.
Wenn du schreibst, du hast noch keinen Kameraden gefunden, mit dem du mal deine Gedanken austauschen kannst und der eine habe so eigenartige Ansichten, so muß ich dir sagen, mir geht es hier auch so. Über die Ansichten von deinem Vater rege ich mich auch manchmal auf, sobald das Gespräch über das ganz alltägliche hinaus geht. Er ist sonst ein guter Kerl, aber über Politik usw. kann ich nicht mit ihm reden. Gestern war ich auch über etwas anderes enttäuscht. Ich habe doch jetzt immer im Garten geschafft und habe ihn bestimmt in Ordnung und alles steht gut da. Ich habe mich nun gefreut und zeigte ihn AUCH Vater. Ich dachte, vielleicht sagt er, dass alles schön in Ordnung sei. Das hätte mich bestimmt gefreut. Aber nein, das erste war, dass er meinte, ich hätte die Kartoffeln falsch geharkt, die müssten doch gehäufelt sein. Ich sagte ihm, das käme auch noch dran, aber erst müssten sie so geharkt werden. „Na, ich habe sie immer gleich gehäufelt“ war die Antwort. Ich konnte ihm aber zeigen, dass es die anderen genau wie ich gemacht haben. Das ist eigentlich alles nicht der Rede wert, aber jetzt, wo ich eigentlich immer nur ein halbes Leben mit Arbeit führe, hätte mir eine kleine Anerkennung wohl getan. Du musst nun nicht denken, dass ich es nicht verstehe, wie einsam du dort bist. Ich habe hier immer noch unsere Kinder, bin also viel besser dran, wie du, und ich lebe auch noch in der Heimat. Es ist also gar kein Vergleich zu dir.
Du schreibst, dass du dir zwei Tafeln Schokolade aufgespart hast und sie uns schicken willst. Lieber Ernst, bitte, spar dir doch nicht alles für uns ab. Dir wird eine Tafel Schokolade bestimmt auch nichts schaden. Du hast doch dort auch nicht viel. Nicht wahr, denke bitte auch an dich.
Helga war heute zum ersten Mal beim KdF-Turnen. Bisher klappte es nie. Erst war sie krank, dann war wegen der Ferien kein Turnen. Aber heute kam sie freudestrahlend heim, so gut hatte es ihr gefallen. Sie freut sich schon auf das nächste Mal.
Von Papa erhielt ich gestern einen Brief, von dem du ja auch einen Durchschlag bekommen hast. Ich bin froh, dass alles soweit in Ordnung ist, denn es ist mir schrecklich, sich so dauernd hin und her zerren zu müssen. Papa will ja nun doch in seinen Ferien herkommen und vielleicht kann ich da noch mal mit ihm reden. Wie ich aus dem Brief ersehe, klappt es ja in Leipzig gar nicht mehr, und ich bin bald der Meinung, Papa und Erna und Siegfried sollten sich bald trennen. Eine lebt ja dem anderen zu Leid. Papa lässt sich von der Heirat nicht abbringen, und ein gutes Einvernehmen kommt doch nicht mehr zustande. Ein Bild von dem Fräulein schicke ich dir heute mit. Sie ist mit einem Kreuzle angezeichnet.
Heute regnet es einmal richtig kräftig. Das ist so gut. Der Boden war schon wieder strohtrocken und man musste immer gießen. Als es sich am Vormittag bewölkte, habe ich gleich noch die Kartoffeln im Garten hinterm Haus geharkt. Vorläufig bin ich nun mit der meisten Arbeit im Garten einmal fertig. Nächste Woche will ich erst wieder einmal nähen. Am Montag habe ich ja erst Wäsche.
Heute schicke ich noch einige ältere Zeitungen an dich ab. Es sind welche von Papa.
Nun grüße und küsse ich dich für heute recht herzlich, Deine Annie.