Montag, 22. Mai 2017

Brief 330 vom 20./21.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                    Konstanz, 20.5.42

Einen Brief habe ich heute nicht an Dich abgeschickt. Ich wusste gar nichts zu schreiben. Am Morgen habe ich nur die Seifenkarten geholt und dann habe ich die ganze Zeit an einem Kleid für Helga genäht. So ist der Tag vergangen.
Warm ist es jetzt augenblicklich. Die Kinder laufen schon barfuß und sind ganz leicht angezogen. Auch das Federbett ist nicht mehr erwünscht. Es geht doch dem Sommer zu.

21.5.

Gestern Abend bin ich gleich schlafen gegangen. In der Nacht war von 11 bis gegen 4 Uhr Gewitter. Ringsherum hat es geblitzt und gedonnert, und dazu hat es geregnet, was vom Himmel runter wollte. Auch heute am Tag ist noch kein schönes Wetter.
Ich bekam heute den Brief von Papa, von dem er dir ja auch einen Durchschlag geschickt hat. Sieh, ich finde mich da nicht mehr zurecht. Hat Erna wirklich so nachgelassen? Das wär ja nicht gerade schön. Aber wie dem auch sei, ich rede nicht mehr dagegen, wenn Papa heiraten will. Er tut ja schließlich doch, was er will. Oft sind wir ja nicht mit ihm zusammen und Siegfried hat soweit schon darauf eingerichtet, dass sie später ausziehen. Mama sagte mir ja seinerzeit auch, wir sollten nicht dagegen reden. Ein Bild habe ich mir erbeten, damit ich mir überhaupt mal ein Bild von dem Fräulein machen kann. Wieso ich mich zwar beleidigend in meinem letzten Brief ausgedrückt haben soll, ist mir nicht klar. Aber das ist jetzt auch gleich. Was meinst du, hätte ich schreiben sollen, er soll mit dem Fräulein kommen? Aber ich rege mich immer noch zu viel auf. Jedes Mal habe ich Kopfweh, wenn die Rede auf die Sache kommt. Es ist mir alles zu plötzlich gekommen. Ich muß mich erst langsam umstellen. Jetzt fehlst du mir auch sehr, dass ich mich mit dir aussprechen könnte. Schreibe an Papa bitte auch nicht mehr viel von all dem.
Doch nun von etwas anderem. Bei uns kommen im Garten jetzt alle Kartoffeln heraus. Die Setzlinge sind schon so groß, dass ich Salat und Gemüse setzen kann. Vielleicht mache ich nachher schon ein Stück, vielleicht ein Beet, und morgen das andere. Da es immer etwas regnet, wächst es gut an.
Hier spielen die Buben nichts mehr anderes, als Soldaten. Jörg hat sich eine schöne Zielscheibe gemacht, wie sie die Soldaten haben, ein liegender Soldat, dahinter ist ein Stock genagelt, den man in die Erde stecken kann. Darauf wird dann mit Steinen geworfen. Die Zündblättchen von dir hat Jörg bei seinen „Kämpfen“ auch fest in Gebrauch. Seine Soldaten hat er jetzt die ganze Zeit beim Wickel. Der Cowboy ist wieder gegen 2 marschierende deutsche Soldaten umgetauscht worden, da ein Cowboy doch nicht richtig kämpfen kann, nicht wahr?
Eben klingelte es, und deine beiden lieben Briefe vom 5. und 6. Mai kamen an. Ich habe mich wieder sehr gefreut, dass du auch auf deiner Dienstreise so regelmäßig an mich schreibst. Ich hatte gedacht, ich müsste längere Zeit warten. Vielseitige Erlebnisse hast du ja wieder gehabt. Die Fahrt auf der Bahn ist ja dort besonders schön. Und dann das stecken bleiben im Dreck. Als wir uns jetzt mal eine Wochenschau angesehen haben, da sah man auch, wie die Autos auf den Straßen durch den tiefen Dreck fuhren und zuletzt stecken blieben. Da habe ich auch an dich dort denken müssen. Dadurch, dass du mir doch immer ausführlich schreibst, bekommt man doch eine Ahnung, wie es dort ist, wenn ich auch gewiß bin, dass alle Vorstellung hinter der Wirklichkeit zurück bleibt.
Wir haben heute gerade daran gedacht, dass du wohl jetzt bald den ersten Brief von uns bekommen wirst, und dass dann für dich auch die Wartezeit vorbei ist. Lange genug hat sie ja gedauert.
Von Kurt erhielt ich vorhin auch eine Karte, dass er am Dienstag von Meiningen entlassen wird, bzw. worden ist. Wann er auf Genesungsurlaub kommt, weiß er noch nicht, da seine wunde noch nicht ganz verheilt ist. Wo er aber inzwischen hinkommt, hat er nicht geschrieben.
Nun laß mich wieder schließen. Ich hoffe, dass du gesund bist und grüße und küsse dich recht herzlich Deine Annie.

Da Du jetzt nicht viel zum lesen hast, schicke ich dir heute 3 Illustrierte Zeitungen zu.

Freitag, 19. Mai 2017

Brief 329 vom 19.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 19.5.42

Ich schreibe heute am Abend. Wir hatten uns doch gestern vorgenommen, am Nachmittag in den Wald zu gehen. Am Vormittag regnete es nun. Da habe ich mir Rhabarber rüber geholt und habe 5 Flaschen voll eingemacht. Gegen Mittag heiterte es sich doch noch auf, da sind wir dann doch fortgegangen. Wir sind unseren bekannten Weg gelaufen, beim Tabor vorbei, dann durch den Wald über den Buckel, bei den Bierhöhlen vorbei und den Weg entlang, wo wir öfter Hauspäne gefunden haben. Dort beim Exerzierplatz haben wir den großen und die zwei Kinderrucksäcke voll Zapfen gesucht. Etwas Goldnessel haben wir auch gefunden. Unterwegs hatten wir verschiedene Erlebnisse. Erst sahen wir eine Blindschleiche, dann ganz nah ein Reh, dann schlängelte sich eine Ringelnatter über den Weg und zuletzt saß ein Häschen am Weg. Außer Zapfen und Tee haben wir auch noch Maiglöckchen und Waldmeister gefunden. Das erstere hat Helga besonders gefreut, denn selber hatte sie noch keine Maiglöckchen gepflückt. Gegen 6 Uhr waren wir wieder daheim. Da war am Nachmittag ein Paket von Kurt mit verschiedenen Büchern, Briefen und sonstigen kleinen Sachen angekommen. Ich hebe ihm wieder alles auf. Die Bücher lese ich aber erst einmal.
Tee haben wir dieses Jahr schon so viel gesucht, dass fast alle Dosen bereits gefüllt sind. Zu sehr brauchen wir also damit nicht sparen.
Mein lieber Ernst, ich schließe meinen Brief heute schon, ich bin nämlich etwas müd´. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst und behalte lieb Deine Annie.

Brief 328 vom 18.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 18.5.42

Heute sende ich dir die Durchschläge der Briefe an Kurt, Elsa und Siegfried mit, sowie Siegfrieds Brief. Gestern Nachmittag habe ich mich noch zum schreiben hingesetzt. Gegen Abend bin ich mit den Kindern noch ein kleines stück spazieren gegangen, bis zum Wald hinter, den Weg zum Bismarckturm hinauf und durch den Friedhof heim. Gestern haben wir mal üppig gelebt, früh Kuchen (sonst gibt es jetzt sonntags Brötchen), zu Mittag Kartoffeln, eigener Spinat, Fleisch, grüner Salat, auch eigener Ernte. Am Nachmittag Pudding und noch Quarkkuchen. Heute hatten wir auch wieder Salat. Die Kinder sind ganz toll darauf. Denk mal, im Gemüsegeschäft kostet ein Salat 34 Pfg. Wenn wir ihn hätten kaufen müssen, wären heute allein 136 Pfg. futsch. Ein eigener Garten ist doch was wert.
Weil ich gerade beim Garten bin. Am Samstag hat Herr Leimenstoll den Weg zwischen ihrem und unserem Garten umgegraben. Er hat ihn etwas enger gemacht. Dadurch haben wir noch etwas Land mehr. Nun hatte Vater schon mal ein langes Brett von seinem Garten mitgebracht. Dazu habe ich mir von ihm noch eins erbeten (er zersägt sie sonst nur), und habe den Garten auch am unteren Ende eingefasst. Da ich nun die erde bis an´s Brett tun kann, macht der Landgewinn ca. 50 – 60 cm aus. Das ist doch ganz fein, nicht wahr? Dort unten wächst es ja gut, weil viel Sonne hin kommt, und so habe ich heute gleich noch Möhren und Erbsen hingesät. Gurken habe ich heute auch gesät.
Helga ist heute mit einer Schulfreundin und Jörg auf den Bismarckturm gegangen. Dort wollen sie spielen. Jörg ist heute zum ersten Mal barfuß. Die Haare habe ich ihm vorhin auch gleich noch geschnitten, damit er nicht so schwitzt.
Morgen gehen wir wahrscheinlich mal in den Wald und holen ein paar Zapfen. Zum anfeuern sind sie immer ganz gut. Tee suchen gehen wir auch mal wieder, denn den anderen haben wir bald fertig getrocknet, sodass wieder Platz da ist.
Der Strauß von dir steht in der Stube und duftet herrlich. Auch von meinem Platz in der Küche aus kann ich ihn sehen, dazu dein Bild. Ich freue mich immer wieder, dass du so lieb warst.
Ich muß nun noch in die Stadt fahren und schließe deshalb. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und vielmals geküsst von Deiner Annie.

Brief 327 vom 17.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 17.5.42

Gestern erhielt ich deinen lieben Brief vom 3.5. Mit deiner Erzählung von Eurem Essen machst du uns direkt Appetit. Es freut mich immer wieder, dass du es wenigstens mit dem Essen gut getroffen hast.
Zum Muttertag hat mich dein Brief gerade richtig erreicht, und ich danke dir sehr für deinen lieben Wünsche und den wunderschönen Strauß, den du mir hast bringen lassen. In meiner großen Freude habe ich dir gar nicht geschrieben, dass um den Fliederstrauß herum noch lauter rote Tulpen waren. Ich habe den Strauß in die schöne Vase von dir getan und es sieht so schön aus, dass man sich gar nicht satt sehen kann. Ich muß dir immer wieder sagen, dass du mir eine ganz große Freude gemacht hast. An diese Überraschung hatte ich bestimmt nicht gedacht. Über deine Anerkennung, die du mir hast zuteil werden lassen, habe ich mich sehr gefreut, wenn ich auch der Meinung bin, dass das, was ich tue, doch selbstverständlich ist, wenn ich Euch lieb habe. Aber dein Lob soll mir auch weiterhin ein Ansporn sein, Euch froh zu machen.
Nun will ich dir noch schreiben, wie mich die Kinder überrascht haben. Als ich heute Morgen aufwachte, hörte ich, dass die Kinder schon in der Küche waren. Ich durfte erst nach einer Weile aufstehen, da war der Tisch gedeckt, meine Tasse mit Veilchenblättern umkränzt und der Kaffee gekocht. Nachdem ich mich angezogen hatte, wurde ich in die Stube geführt. Da hatten beide einen Geschenktisch aufgebaut. Sie hatten mir ein großes Messer gekauft, das ich mir gewünscht habe. Dazu noch einen Glasteller und eine Wiesenblumenfibel. Außerdem hatten sie zwei Karten mit Wünschen und Gedichten geschrieben, Herzen ausgeschnitten und Bilder gemalt. Die 18 Pfg., die sie von ihren Einkäufen übrig hatten, bekam ich auch noch geschenkt. Über allem stand dein Strauß, der dem ganzen einen schönen Rahmen gab und Helga hatte auch dein Bild aus Frankreich dazu gestellt, weil du doch auch dabei sein solltest. Gewünscht haben mir die Kinder viel Glück, und dass du gesund zu uns heim kommst. Das ist auch mein größter Wunsch. Helga hat auch noch ein schönes Gedicht aufgesagt. Ich habe mich wirklich sehr gefreut. Helga malt dir am Schluß noch so ein Herz, wie sie es mir gemalt haben. Ich glaube, es wird dir auch gefallen.
Später haben wir dann unseren Quarkkuchen, an dem Helga das meiste gemacht hatte, gegessen. Ich habe mir noch zur Feier des Tages eine große Tafel Schokolade von dir genommen. Vater gab mir gestern Abend 2.- Mk. zum Muttertag.
Von Siegfried erhielt ich gestern einen Brief, in dem er auch über die Heiratssache schreibt. Ich schicke dir morgen den Brief mit, den ich heute noch beantworten will. Er wird dich sicher auch interessieren. Schreibt Siegfried doch z.B. auch, dass das Fräulein Lotte die Absicht hatte, mit Papa nach Konstanz zu kommen. Na, du kannst ihn ja bald selber lesen.
Mit gleicher Post schicke ich dir eine Bodensee-Rundschau in ihrem neuen Gewand. Ich dachte, dass es dich vielleicht interessiert.
Es ist nun Zeit, dass ich den Brief schließe, sonst kommt er nicht mehr mit fort.
Ich grüße und küsse dich herzlich, Deine Annie.

(Gemaltes rosa Herz mit der Inschrift: Dem lieben Vaterle)

Brief 326 vom 16.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 16.5.42

Ich bin gestern in alle Geschäfte gegangen und habe nach einer Butterdose gefragt, konnte aber keine bekommen. In einem Geschäft soll ich aber in 1 – 2 Wochen noch mal nachfragen. Es tut mir Leid, dass ich sie dir nun nicht schicken kann.
Als ich gestern heim kam, habe ich mit Jörg im Garten geschafft. Wir haben Erbsen gehäufelt, bei den anderen Sachen den Boden gelockert und Busch- und Stangenbohnen gestupft. Bei den Stangenbohnen habe ich noch nicht alle in den Boden getan, die restlichen tue ich in ca. 2 Wochen hinein. Da sind nicht alle zur gleichen Zeit groß. Die Stachel- und Johannisbeeren haben gut angesetzt, von Radieschen kann ich nächste Woche holen, ebenso von Salat. Spinat haben wir ja schon diese Woche. Die Sämlinge sind auch gut gekommen. Ich habe gestern das Netz davon weggetan, weil sie schon durchwachsen. Die Erdbeeren blühen auch schön. Der Apfelbaum ist jetzt verblüht und Blütenblätter bedecken den ganzen Garten. Du siehst, es geht alles vorwärts. Manche Kartoffelkraut-Spitzen schauen auch schon aus der Erde.
Heute Nachmittag will Helga den Quarkkuchen zum Muttertag backen, ich soll nur zusehen und sagen, wie sie es machen soll.
Da fällt mir ein, du hattest doch aus Frankreich geschrieben, du wolltest zwei Röhren für den neuen Apparat kaufen. Hast Du das noch getan? Oder hast du gemeint, es sei nicht nötig?
Von Siegfried erhielt ich heute eine Karte zum Muttertag. Auf meinen Brief will er in den nächsten Tagen antworten.
Ernst, mein lieber Ernst, was bist du doch für ein lieber, lieber Mann. Ich stehe vorhin am Fenster, weil ich zusehen soll, wie das Windrad von Jörg läuft. Da kommt ein Fräulein mit einem wunderschönen Fliederstrauß, in weißem Seidenpapier eingeschlagen. Ich denke: „ Oh, ist der schön, wer wird den bekommen.“ Da ruft Helga plötzlich: „ Mutterle, Mutterle, schnell, schnell.“ Ich laufe in die Küche, da steht Helga mit dem Strauß, an dem ein Kärtchen steckt mit einem Glückwunsch zum Muttertag und einem Gruß aus dem Feld. So gefreut habe ich mich schon lange nicht. Ich habe nicht mal gedacht, dass ein Brief rechtzeitig kommen könnte und plötzlich so eine Überraschung. Wie soll ich dir nur danken, wie nur? Ich kann dir nur immer wieder sagen, wie ich mich freue. Ich bin ganz glücklich. Wie lieb du doch bist.
Ich kann jetzt gar nicht weiter schreiben, ich habe gar keine Ruhe dazu. Aber grüßen will ich dich und recht, recht herzlich küssen, du mein lieber Mann, Deine Annie.

Liebes Vaterle, wir danken dir 1000000 Mal für den Strauß. Ich wollte grade hinaus gehen, als eine Frau mit einem Strauß kam. Sie gab ihn mir. Ich wollte ihn erst gar nicht nehmen, da ich aber M.Rosche sah, nahm ich ihn, und das erste war, rüber zur Mutter. Die Mutter hat sich sehr gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von deiner Helga.

Liebes Vaterle. Wir haben uns sehr über den Strauß gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von deinem Jörg.

Montag, 15. Mai 2017

Brief 325 vom 15.5.1942


Liebster Ernst!                                                 Konstanz, 15.5.42

Nachdem ich bereits deinen Brief vom 4.5 erhielt, kam heute mit ziemlicher Verspätung der vom 26.4. Du schreibst darin, ich soll dir ja kein Gebäck schicken. Leider ist das nun schon geschehen. Du musst es nicht übel nehmen. Deinen Wunsch nach einem Besteck und einem Löffel habe ich heute gleich erfüllt. Das alte Eisenbesteck von dir habe ich aber nicht geschickt, sondern ein neues mit einem rostfreien Messer gekauft. Die Bestecke haben sie extra für Soldaten, und ich finde, sie sehen schöner aus, wie die Eisenbestecke, die immer rosten. Ich schicke das Päckchen heute weg. Die Butterdose konnte ich heute Vormittag nicht bekommen, da die einschlägigen Geschäfte nur von 2 – 7 Uhr verkaufen. Sicher ist es ja noch nicht, ob ich etwas bekomme, aber versuchen werde ich es.
Die letzte Strecke deiner Reise hast du ja in einem ganz besonderen Express zurückgelegt. Nur schade, dass du dich noch dabei erkälten musstest. Hoffentlich ist es wieder gut.
Ich hoffe, dass du diesmal richtige Vorgesetzte bekommen hast. Wie du schreibst, hat dir ja der Ober-Kriegsverwaltungsrat gleich einen guten Eindruck gemacht. Hoffentlich hält der Eindruck an.
Mit den Briefumschlägen habe ich es also recht gemacht, dass ich immer einige mitgeschickt habe. Ich werde es auch weiterhin so machen, nachdem du nun in deinem Brief darum gebeten hast.
Aus dem Ahnenpaß habe ich die Michel´sche Linie abgeschrieben. Das andere brauchst du doch wohl nicht. Der Pfarrer aus Groß-Rosenberg hatte zuletzt geschrieben, dass er weiter keine Angaben mehr machen könne. Was in den Büchern zu finden gewesen sei, habe er uns geschrieben.
Die Hälfte der Steine für Feuerzeuge habe ich dir heute mitgeschickt, die anderen sende ich morgen.
Ich will nun noch in die Stadt fahren und schließe deshalb heute schon. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Brief 324 vom 14.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                    Konstanz, 14.5.42  

Heute schreibe ich auch wieder am Abend. Am Vormittag habe ich neben verschiedenen Sachen, die ich geschafft habe, auch 15 Tomatenstöcke gekauft und eingepflanzt. Das Stück kostete 20 Pfg. Am Nachmittag bin ich mit den Kindern in´s Kino gegangen und hinterher haben wir eingekauft. Pralinen habe ich bekommen. Wir schicken sie dir morgen. Die Kinder haben für mich zum Muttertag etwas eingekauft und dann sind wir durch alle möglichen Geschäfte gepilgert und haben Steine für Feuerzeuge gekauft. Ich habe auch einige bekommen, die ich dir morgen mitschicke. Mehr gab es leider nicht.
Ich erhielt heute deine lieben Briefe vom 1. und 4.5. Die interessieren mich immer sehr, denn du hast ja jetzt so viel Neues gesehen, was du mir darin berichtest. Aus deinen Briefen kann ich jetzt erst richtig sehen, wie gut wir es doch hier haben. Man nimmt alles so selbstverständlich hin. Es ist aber gar nicht so selbstverständlich, dass wir hier in Ruhe leben, dass wir ein Zuhause und unser Essen haben. Es ist ganz gut, wenn man mal daran denkt.
Lieber Ernst, die Beurteilung von deiner letzten Dienststelle ist eine ganz große Gemeinheit. Wenn du tatsächlich unkameradschaftlich gehandelt und den Zwischenträger bei den Klatschereien gemacht hättest, hätten sie vielleicht etwas Gutes geschrieben. Auch im Militärdienst sollte ein Pfarrer eine anständige Gesinnung haben. Aber daran hapert es ja schon meist im Frieden. Wir haben ja in dieser Beziehung genug Erfahrung. Wenn du unkameradschaftlich wärst, hätte der Wittenburg bestimmt nicht geschrieben, du seist ein guter Freund von ihm und der Tommy hätte dich auch nicht so gern.
Es freut mich immer wieder, dass die Versorgung dort gut ist. Lege nur richtig vor für magerere Zeiten. Das Flicken musst du also jetzt auch allein besorgen, das wird dir sicher sehr ungewohnt sein. In dieser Beziehung hattest du es ja bis jetzt noch gut.
Eine Abschrift der Unterlagen von der Familienforschung von „Michel“ sende ich dir morgen mit. Heute Abend komme ich nicht mehr dazu. Ich sehe auch nach, was wir aus Groß-Rosenburg usw. zuletzt für Nachricht bekommen haben und gebe dir dann Bescheid.
Die alten Schulzeugnisse usw. habe ich in Leipzig auch gesehen. Ich erzählte dir doch im Herbst schon davon. Papa sagte mir damals, wir bekämen die Sachen später einmal.
Du denkst doch immer an uns. Jetzt hast Du uns sogar das Dauerbrot geschickt, das du von deiner Marschverpflegung übrig hattest. Es wird sicher bald bei uns eintreffen.
Jetzt wirst du ja schon von deiner Fahrt mit dem Oberst zurück sein. Hoffentlich ist alles gut gegangen
Als wir heute heim kamen, war eine Karte von Papa da. Er schreibt, er habe meinen Brief erhalten und sei immer mehr erstaunt, mich in eine Idee hinein geraten zu wissen, die er nicht verstehen könne. Er will mir zur Klärung in den nächsten Tagen einen Brief schreiben. Wenn er mich doch mit dieser ganzen Sache in Ruhe ließe. Ich will nichts mehr davon wissen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Es quält mich schrecklich. Ich habe ihm doch geschrieben, er soll wegen mir heiraten. Nur mich soll er in Frieden lassen. Ich will mit der Frau nichts zu tun haben. Auf jeden Fall jetzt noch nicht. Er soll mich doch nicht so quälen. Ein Unsinn war es nur von mir, zu schreiben, dass dann eine Entfremdung eintreten würde. Das ist ja nicht möglich, da sie schon längst besteht. Es st mir selber schrecklich, aber ich empfinde gar nichts für meinen Vater. Manchmal überlege ich mir, warum ich eigentlich gegen die Heirat geschrieben habe. Konnte ich denn eigentlich annehmen, dass mein Vater, der der Lebenden nicht einmal die Treue hielt, sie einer Toten halten würde? Doch eigentlich nicht, nicht wahr? Meine Mutter war ja auch einverstanden, dass er wieder heiratet. Also soll er doch. Nur mich soll er mit dieser Frau verschonen. Daran ändern auch alle Briefe nichts, die er schreibt. Das Elternhaus ist für mich mit meiner Mutter dahingegangen und lebt nur noch in Erinnerung. Mein letzter Brief an Papa muss wohl ziemlich kühl geklungen haben. Aber ich kann es nicht ändern. Es ist mir, als müsste ich an einen Fremden schreiben.
Lieber Ernst, laß mich für heute schließen. Ich bin heute über die Karte aufgeregt. Du glaubst nicht, was es für mich für eine Wohltat sein würde, wenn ich von der ganzen Heiratsgeschichte kein Wort mehr hören müsste.
Bleib mir gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Ach lieber Ernst, wie schön wäre es jetzt, wenn ich in deinem Arm liegen könnte und du würdest mir gut zureden. Ich glaube, mir wäre alles nicht so schwer. Aber ich werde mich schon durchbeißen, ich bin doch kein schlapper Kerl, nicht wahr? Ich müsste mich ja vor dir schämen, wo du jetzt in einem so trostlosen Land bist und auch nicht den Kopf hängen lassen darfst.