Freitag, 19. Mai 2017

Brief 326 vom 16.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 16.5.42

Ich bin gestern in alle Geschäfte gegangen und habe nach einer Butterdose gefragt, konnte aber keine bekommen. In einem Geschäft soll ich aber in 1 – 2 Wochen noch mal nachfragen. Es tut mir Leid, dass ich sie dir nun nicht schicken kann.
Als ich gestern heim kam, habe ich mit Jörg im Garten geschafft. Wir haben Erbsen gehäufelt, bei den anderen Sachen den Boden gelockert und Busch- und Stangenbohnen gestupft. Bei den Stangenbohnen habe ich noch nicht alle in den Boden getan, die restlichen tue ich in ca. 2 Wochen hinein. Da sind nicht alle zur gleichen Zeit groß. Die Stachel- und Johannisbeeren haben gut angesetzt, von Radieschen kann ich nächste Woche holen, ebenso von Salat. Spinat haben wir ja schon diese Woche. Die Sämlinge sind auch gut gekommen. Ich habe gestern das Netz davon weggetan, weil sie schon durchwachsen. Die Erdbeeren blühen auch schön. Der Apfelbaum ist jetzt verblüht und Blütenblätter bedecken den ganzen Garten. Du siehst, es geht alles vorwärts. Manche Kartoffelkraut-Spitzen schauen auch schon aus der Erde.
Heute Nachmittag will Helga den Quarkkuchen zum Muttertag backen, ich soll nur zusehen und sagen, wie sie es machen soll.
Da fällt mir ein, du hattest doch aus Frankreich geschrieben, du wolltest zwei Röhren für den neuen Apparat kaufen. Hast Du das noch getan? Oder hast du gemeint, es sei nicht nötig?
Von Siegfried erhielt ich heute eine Karte zum Muttertag. Auf meinen Brief will er in den nächsten Tagen antworten.
Ernst, mein lieber Ernst, was bist du doch für ein lieber, lieber Mann. Ich stehe vorhin am Fenster, weil ich zusehen soll, wie das Windrad von Jörg läuft. Da kommt ein Fräulein mit einem wunderschönen Fliederstrauß, in weißem Seidenpapier eingeschlagen. Ich denke: „ Oh, ist der schön, wer wird den bekommen.“ Da ruft Helga plötzlich: „ Mutterle, Mutterle, schnell, schnell.“ Ich laufe in die Küche, da steht Helga mit dem Strauß, an dem ein Kärtchen steckt mit einem Glückwunsch zum Muttertag und einem Gruß aus dem Feld. So gefreut habe ich mich schon lange nicht. Ich habe nicht mal gedacht, dass ein Brief rechtzeitig kommen könnte und plötzlich so eine Überraschung. Wie soll ich dir nur danken, wie nur? Ich kann dir nur immer wieder sagen, wie ich mich freue. Ich bin ganz glücklich. Wie lieb du doch bist.
Ich kann jetzt gar nicht weiter schreiben, ich habe gar keine Ruhe dazu. Aber grüßen will ich dich und recht, recht herzlich küssen, du mein lieber Mann, Deine Annie.

Liebes Vaterle, wir danken dir 1000000 Mal für den Strauß. Ich wollte grade hinaus gehen, als eine Frau mit einem Strauß kam. Sie gab ihn mir. Ich wollte ihn erst gar nicht nehmen, da ich aber M.Rosche sah, nahm ich ihn, und das erste war, rüber zur Mutter. Die Mutter hat sich sehr gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von deiner Helga.

Liebes Vaterle. Wir haben uns sehr über den Strauß gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von deinem Jörg.

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