Mein liebster Ernst! Konstanz, 16.5.42
Ich bin gestern in alle Geschäfte gegangen und habe nach
einer Butterdose gefragt, konnte aber keine bekommen. In einem Geschäft soll
ich aber in 1 – 2 Wochen noch mal nachfragen. Es tut mir Leid, dass ich sie dir
nun nicht schicken kann.
Als ich gestern heim kam, habe ich mit Jörg im Garten
geschafft. Wir haben Erbsen gehäufelt, bei den anderen Sachen den Boden
gelockert und Busch- und Stangenbohnen gestupft. Bei den Stangenbohnen habe ich
noch nicht alle in den Boden getan, die restlichen tue ich in ca. 2 Wochen
hinein. Da sind nicht alle zur gleichen Zeit groß. Die Stachel- und
Johannisbeeren haben gut angesetzt, von Radieschen kann ich nächste Woche
holen, ebenso von Salat. Spinat haben wir ja schon diese Woche. Die Sämlinge
sind auch gut gekommen. Ich habe gestern das Netz davon weggetan, weil sie
schon durchwachsen. Die Erdbeeren blühen auch schön. Der Apfelbaum ist jetzt
verblüht und Blütenblätter bedecken den ganzen Garten. Du siehst, es geht alles
vorwärts. Manche Kartoffelkraut-Spitzen schauen auch schon aus der Erde.
Heute Nachmittag will Helga den Quarkkuchen zum Muttertag
backen, ich soll nur zusehen und sagen, wie sie es machen soll.
Da fällt mir ein, du hattest doch aus Frankreich geschrieben,
du wolltest zwei Röhren für den neuen Apparat kaufen. Hast Du das noch getan?
Oder hast du gemeint, es sei nicht nötig?
Von Siegfried erhielt ich heute eine Karte zum Muttertag.
Auf meinen Brief will er in den nächsten Tagen antworten.
Ernst, mein lieber Ernst, was bist du doch für ein lieber,
lieber Mann. Ich stehe vorhin am Fenster, weil ich zusehen soll, wie das
Windrad von Jörg läuft. Da kommt ein Fräulein mit einem wunderschönen
Fliederstrauß, in weißem Seidenpapier eingeschlagen. Ich denke: „ Oh, ist der
schön, wer wird den bekommen.“ Da ruft Helga plötzlich: „ Mutterle, Mutterle,
schnell, schnell.“ Ich laufe in die Küche, da steht Helga mit dem Strauß, an
dem ein Kärtchen steckt mit einem Glückwunsch zum Muttertag und einem Gruß aus
dem Feld. So gefreut habe ich mich schon lange nicht. Ich habe nicht mal
gedacht, dass ein Brief rechtzeitig kommen könnte und plötzlich so eine
Überraschung. Wie soll ich dir nur danken, wie nur? Ich kann dir nur immer
wieder sagen, wie ich mich freue. Ich bin ganz glücklich. Wie lieb du doch
bist.
Ich kann jetzt gar nicht weiter schreiben, ich habe gar
keine Ruhe dazu. Aber grüßen will ich dich und recht, recht herzlich küssen, du
mein lieber Mann, Deine Annie.
Liebes Vaterle, wir
danken dir 1000000 Mal für den Strauß. Ich wollte grade hinaus gehen, als eine
Frau mit einem Strauß kam. Sie gab ihn mir. Ich wollte ihn erst gar nicht
nehmen, da ich aber M.Rosche sah, nahm ich ihn, und das erste war, rüber zur
Mutter. Die Mutter hat sich sehr gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von
deiner Helga.
Liebes Vaterle. Wir
haben uns sehr über den Strauß gefreut. Viele Grüße und 100000 Küsse von deinem
Jörg.
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