Montag, 15. Mai 2017

Brief 323 vom 13.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                    Konstanz, 13.5.42  

Heute schreibe ich erst am Abend. Am Vormittag habe ich genäht, am Nachmittag sind wir Tee suchen gegangen. Viel Goldnessel und Wegerich haben wir heim gebracht. Gestern hat Helga außer 2 Sträußen Taubnesseln auch noch eine ganze Tasche davon mit Jörg geholt und heute brachte sie auch noch eine Tasche voll heim. Die ganze Stube steht jetzt voller Goldnessel, weißer Taubnessel, Wegerich, Salbei, Gänseblümchen.
Als wir am Nachmittag heim kamen, waren drei Briefe von dir da, vom 28., 29.4. (abgestempelt 1.5.) und 30.4. (abgestempelt 2.5.) Das war eine Freude. Wir haben uns gleich an´s Lesen gemacht. Du wirst es ungefähr erraten haben, wenn du meinst, dass du in ca. vier Wochen Antwort auf deinen ersten Brief haben wirst. Es ist ja eine lange Wartezeit. Ich hatte ja versucht, dieselbe zu verkürzen, indem ich an deine evtl. Feldpostnummer geschrieben hatte. Aber leider war es die falsche.
Ich glaube dir gern, dass die Landschaft und die Leute dort einen niederdrückenden Eindruck machen. Laß es dir nicht zu nahe gehen, für immer musst du ja nicht dort bleiben, es muss ja einmal die Zeit kommen, wo auch die Soldaten wieder heim können. Aber vielleicht wirst du sagen, dass ich gut reden kann, wenn ich das alles nicht sehe. Es ist ja schrecklich, wenn du schreibst, dass es den Leuten gar nichts ausmachte, als ihnen ihr Kind auf der Straße starb. Die Leute müssen ja furchtbar abgestumpft sein. Es ist aber vielleicht in Russland ein Glück, nicht zu leben. Die Leute können ja auf nichts irgendwelche Hoffnungen haben.
Wie du auch schreibst, ist dort eigentlich das, was etwas vorstellen soll, alles Talmi. Man kann sich hier gar keinen Begriff davon machen. Man meint immer, es muss überall so ordentlich sein, wie bei uns.
Ich würde mich freuen, wenn die Verpflegung bei dir noch lange so gut bleiben würde. Das wäre wenigstens ein Lichtblick in all der Trostlosigkeit. Daß ihr etwas Radio habt, freut mich sehr. So seid ihr wenigstens nicht von aller Welt abgeschnitten.
Wegen Steinen für Feuerzeuge werde ich mich umsehen. Sollte ich welche bekommen, so werde ich sie dir schicken.
Ja, vor einem Jahr rechnete man mit einem baldigen Ende des Krieges. Das ist ja nun anders gekommen. Ich glaube, wir dürfen auch im nächsten Jahr noch nicht daran denken, denn in seiner letzten Rede sagte ja der Führer: „…wo wir im nächsten Winter auch im Osten stehen mögen…“ Da rechnen wir also damit, dass wir im nächsten Winter noch dort sind. Und dann kommt noch England daran. Also Friedensgedanken dürfen wir noch nicht haben. Aber wir müssen unsere Feinde erst schlagen, sonst lassen sie uns doch nicht in Ruhe.
Es ist schon recht, dass du dich den dortigen Verhältnissen anpasst, indem du dir Stahlhelm, Gewehr usw. anschaffst. Leichtsinnig muss man ja nicht sein, das ist kein Mut. Und dem Feind muss man es nicht leichter machen, indem man ihm wehrlos gegenüber tritt.
Du schreibst, ich bräuchte keine Angst zu haben, dass du in nächster Zeit Geld von mir verlangst. Warum sollte ich da Angst haben. So viel habe ich doch immer noch gehabt, dass ich mit den Kindern richtig leben konnte. Und die nötigen Anschaffungen habe ich auch immer noch machen können. Also Angst wäre da nicht nötig. Da ich im vergangenen Monat kein Geld an dich geschickt habe, aber die 65.-RM zurückgelegt hatte, habe ich diesmal nur 25.-RM zurück gelegt, sodass ich 90.-RM da habe. Dafür habe ich einige größere Käufe für die Kinder gemacht, habe Gardinen gekauft und 20.-Mk. bei uns und je 7,50Mk. bei den Kindern auf die Sparkasse eingezahlt. Ich werde ja nun sehen, ob Herr Wittenburg schreibt, wie viel wir noch an den Henkes zu zahlen haben. Vielleicht langen die 90.-. Sonst bekommt er das andere nächsten Monat.
Wahrscheinlich werde ich nächsten Monat auch die Kohlen bestellen. Jetzt sind sie doch immer noch etwas billiger und man bekommt sie eher.
Fein hast du dir den Briefumschlag geklebt, alle Achtung. Aber die Mühe möchte ich dir gerne abnehmen, darum schicke ich dir jetzt immer einige Umschläge mit. Über die blasse Tinte habe ich mich schon gewundert. Da ist also sowjetische Ware, also Schund, wie scheinbar alles dort.
Hoffentlich bist du von deiner Fahrt mit dem Oberst wieder gut zurück gekommen. Viele neue Eindrücke wirst du ja dabei bekommen haben.
Mineralwasser trinkst du jetzt also auch. Die ersten Wirkungen waren ja nicht gerade erfreulich, wenn es dir aber nur sonst nichts schadet.
Da du gerade von wenig Zucker im Tee schreibst, so will ich dir nochmals sagen, wie froh ich über den Zucker bin, den du mir geschickt hattest. Man bekommt nämlich seit einiger Zeit keinen Süßstoff mehr, mit dem ich mir doch auch immer geholfen habe. So bin ich doch mit dem Zucker nicht so knapp und konnte schon zwei Mal eine richtige Schüssel mit Rhabarberkompott machen.
Morgen gehen wir zusammen in die Stadt. Die Kinder wollen mir doch was zum Muttertag kaufen. Vielleicht bekomme ich sogar bei Tengelmann ein paar Pralinen. Da würdest du auch einige davon erhalten. Das haben wir uns schon ausgemacht. Du als lieber Vater musst doch auch ein bisschen gefeiert werden, nicht wahr, lieber Kerl?
Doch nun will ich schließen. Es ist schon 11 Uhr und ich will den Brief noch forttragen, damit er morgen früh gleich noch mit fort kommt.
Ich grüße und küsse dich ganz herzlich Deine Annie.

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