Montag, 15. Mai 2017

Brief 323 vom 13.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                    Konstanz, 13.5.42  

Heute schreibe ich erst am Abend. Am Vormittag habe ich genäht, am Nachmittag sind wir Tee suchen gegangen. Viel Goldnessel und Wegerich haben wir heim gebracht. Gestern hat Helga außer 2 Sträußen Taubnesseln auch noch eine ganze Tasche davon mit Jörg geholt und heute brachte sie auch noch eine Tasche voll heim. Die ganze Stube steht jetzt voller Goldnessel, weißer Taubnessel, Wegerich, Salbei, Gänseblümchen.
Als wir am Nachmittag heim kamen, waren drei Briefe von dir da, vom 28., 29.4. (abgestempelt 1.5.) und 30.4. (abgestempelt 2.5.) Das war eine Freude. Wir haben uns gleich an´s Lesen gemacht. Du wirst es ungefähr erraten haben, wenn du meinst, dass du in ca. vier Wochen Antwort auf deinen ersten Brief haben wirst. Es ist ja eine lange Wartezeit. Ich hatte ja versucht, dieselbe zu verkürzen, indem ich an deine evtl. Feldpostnummer geschrieben hatte. Aber leider war es die falsche.
Ich glaube dir gern, dass die Landschaft und die Leute dort einen niederdrückenden Eindruck machen. Laß es dir nicht zu nahe gehen, für immer musst du ja nicht dort bleiben, es muss ja einmal die Zeit kommen, wo auch die Soldaten wieder heim können. Aber vielleicht wirst du sagen, dass ich gut reden kann, wenn ich das alles nicht sehe. Es ist ja schrecklich, wenn du schreibst, dass es den Leuten gar nichts ausmachte, als ihnen ihr Kind auf der Straße starb. Die Leute müssen ja furchtbar abgestumpft sein. Es ist aber vielleicht in Russland ein Glück, nicht zu leben. Die Leute können ja auf nichts irgendwelche Hoffnungen haben.
Wie du auch schreibst, ist dort eigentlich das, was etwas vorstellen soll, alles Talmi. Man kann sich hier gar keinen Begriff davon machen. Man meint immer, es muss überall so ordentlich sein, wie bei uns.
Ich würde mich freuen, wenn die Verpflegung bei dir noch lange so gut bleiben würde. Das wäre wenigstens ein Lichtblick in all der Trostlosigkeit. Daß ihr etwas Radio habt, freut mich sehr. So seid ihr wenigstens nicht von aller Welt abgeschnitten.
Wegen Steinen für Feuerzeuge werde ich mich umsehen. Sollte ich welche bekommen, so werde ich sie dir schicken.
Ja, vor einem Jahr rechnete man mit einem baldigen Ende des Krieges. Das ist ja nun anders gekommen. Ich glaube, wir dürfen auch im nächsten Jahr noch nicht daran denken, denn in seiner letzten Rede sagte ja der Führer: „…wo wir im nächsten Winter auch im Osten stehen mögen…“ Da rechnen wir also damit, dass wir im nächsten Winter noch dort sind. Und dann kommt noch England daran. Also Friedensgedanken dürfen wir noch nicht haben. Aber wir müssen unsere Feinde erst schlagen, sonst lassen sie uns doch nicht in Ruhe.
Es ist schon recht, dass du dich den dortigen Verhältnissen anpasst, indem du dir Stahlhelm, Gewehr usw. anschaffst. Leichtsinnig muss man ja nicht sein, das ist kein Mut. Und dem Feind muss man es nicht leichter machen, indem man ihm wehrlos gegenüber tritt.
Du schreibst, ich bräuchte keine Angst zu haben, dass du in nächster Zeit Geld von mir verlangst. Warum sollte ich da Angst haben. So viel habe ich doch immer noch gehabt, dass ich mit den Kindern richtig leben konnte. Und die nötigen Anschaffungen habe ich auch immer noch machen können. Also Angst wäre da nicht nötig. Da ich im vergangenen Monat kein Geld an dich geschickt habe, aber die 65.-RM zurückgelegt hatte, habe ich diesmal nur 25.-RM zurück gelegt, sodass ich 90.-RM da habe. Dafür habe ich einige größere Käufe für die Kinder gemacht, habe Gardinen gekauft und 20.-Mk. bei uns und je 7,50Mk. bei den Kindern auf die Sparkasse eingezahlt. Ich werde ja nun sehen, ob Herr Wittenburg schreibt, wie viel wir noch an den Henkes zu zahlen haben. Vielleicht langen die 90.-. Sonst bekommt er das andere nächsten Monat.
Wahrscheinlich werde ich nächsten Monat auch die Kohlen bestellen. Jetzt sind sie doch immer noch etwas billiger und man bekommt sie eher.
Fein hast du dir den Briefumschlag geklebt, alle Achtung. Aber die Mühe möchte ich dir gerne abnehmen, darum schicke ich dir jetzt immer einige Umschläge mit. Über die blasse Tinte habe ich mich schon gewundert. Da ist also sowjetische Ware, also Schund, wie scheinbar alles dort.
Hoffentlich bist du von deiner Fahrt mit dem Oberst wieder gut zurück gekommen. Viele neue Eindrücke wirst du ja dabei bekommen haben.
Mineralwasser trinkst du jetzt also auch. Die ersten Wirkungen waren ja nicht gerade erfreulich, wenn es dir aber nur sonst nichts schadet.
Da du gerade von wenig Zucker im Tee schreibst, so will ich dir nochmals sagen, wie froh ich über den Zucker bin, den du mir geschickt hattest. Man bekommt nämlich seit einiger Zeit keinen Süßstoff mehr, mit dem ich mir doch auch immer geholfen habe. So bin ich doch mit dem Zucker nicht so knapp und konnte schon zwei Mal eine richtige Schüssel mit Rhabarberkompott machen.
Morgen gehen wir zusammen in die Stadt. Die Kinder wollen mir doch was zum Muttertag kaufen. Vielleicht bekomme ich sogar bei Tengelmann ein paar Pralinen. Da würdest du auch einige davon erhalten. Das haben wir uns schon ausgemacht. Du als lieber Vater musst doch auch ein bisschen gefeiert werden, nicht wahr, lieber Kerl?
Doch nun will ich schließen. Es ist schon 11 Uhr und ich will den Brief noch forttragen, damit er morgen früh gleich noch mit fort kommt.
Ich grüße und küsse dich ganz herzlich Deine Annie.

Brief 322 vom 12.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 12.5.42

Gestern habe ich keinen Brief geschrieben, nur 4 kleine 100g-Päckchen an dich abgeschickt. Mit war der Kopf so benommen, dass ich gar nicht wusste, was ich schreiben sollte. Heute erhielt ich deinen lieben Brief vom 27. Nun bist du also an deinem Bestimmungsort angekommen. Wie ich aus manchen Sätzen des Briefes ersehe, hast du scheinbar auch am Tag zuvor geschrieben. Dieser Brief muss noch unterwegs sein.
Die Karte an Kurt schicke ich heute weiter. Sie geht noch an seine alte Adresse.
Den Ort, wo du bist, habe ich auch stenografiert lesen können. Ich habe ihn auf meiner Karte rot angestrichen.
Wieso brauchst du dort ein Kochgeschirr, Feldflasche usw. und eine Decke? Vielleicht steht das in deinem vorhergehenden Brief. In Frankreich brauchtest du das alles doch nicht? Wenn das Essen so bleibt, wie du es in deinem Brief beschreibst, wäre es ja ganz gut, nicht wahr? Hoffentlich ist dein Schnupfen wieder vorbei und du bist ganz gesund.
Bei uns vergeht ein Tag wie der andere. Augenblicklich habe ich viel zu nähen und zu stopfen. Gestern habe ich wieder einmal den Keller und Speicher aufgeräumt. Das ist auch immer mal nötig, damit alles in Ordnung bleibt. Dann müssen zwischendurch wieder Schuhe ausgebessert werden und so ist immer zu tun. Im garten werde ich in den nächsten Tagen Bohnen und Gurken stupfen und zusehen, dass ich Tomatenstöcke bekomme. So 12 -15 Stück würde ich nehmen, wenn ich sie bekommen kann. Die Sämlinge von den verschiedenen Gemüsen machen sich gut heraus, vom S0pinat kann ich in den nächsten Tagen holen, Möhren und Erbsen wachsen auch gut. Die Erdbeeren fangen zu blühen an. Vom Apfelbaum schrieb ich dir ja schon. Er blüht an allen Seiten gleichmäßig schön. Es ist eine Freude, ihn anzusehen. Nachdem ich den Zwiebelsamen von dir bekommen habe, habe ich davon ausgesät, damit ich im nächsten Frühjahr Steckzwiebeln habe. Ich bin sehr froh darum.
Helga und Jörg sind beide gesund und munter. Jörg „verkitscht“ augenblicklich mal alles. Gute Sachen, die wir ihm geschenkt haben, darf er ja nicht weg geben. Aber er hat ja noch andere Sachen. Für Zigarettenbilder hat er ein Modellbogen-Haus getauscht, das hat er jetzt wieder für eine Mühle weggegeben. Für einen Granateneinschlag hat er jetzt einen Unterstand bekommen, für einen englischen Soldaten vom Papa einen Cowboy. Ich achte nur immer darauf, dass sie ihn nicht über´s Ohr hauen. Im Allgemeinen bin ich ja wenig für das tauschen.
Auf der Wiese vorm Haus hat sich Jörg mit den anderen Buben vom Haus kleine Unterstände für die Soldaten gebaut. Gekämpft wird auch. Da schmeißen sie mit Steinen. Dabei ist auch das kleine MG, das er von Siegfried hatte, hin gegangen. Auf der Gegenseite ist ein Reiter vom Richard zerschossen worden. Da Jörg ja unsere Soldaten mit nur einem Arm oder Bein hat, braucht er unbedingt eine Krankenschwester. Die hat er gegen einen weiteren englischen Soldaten eingetauscht. Die meiste Zeit ist Jörg jetzt mit seiner Soldatenschachtel unterwegs.
Helga spielt mehr mit ihren Puppen. Damit unterhält sie sich stundenlang. Auch den Kreisel hat sie viel in Betrieb. Heute Nachmittag ist sie mit Margret zu deren Tante gegangen. Ab Freitag will sie ins KdF-Turnen in die Luisenschule gehen. Schaden kann es ihr ja nicht. Einen Turnanzug habe ich ihr gekauft. Helga geht mit mehreren Kindern aus ihrer Klasse hin.
Eine Neuanschaffung habe ich auch gemacht. Ich habe einen dazu geeigneten Kleiderstoff für Gardinen gekauft. Ich wollte es schon längst einmal tun, aber ich fand nie das richtige. Denn jedes Muster eignet sich ja nicht dazu. Wir haben nun in unserem Schlafzimmer und Kinderzimmer neue Gardinen. Es sieht gleich viel netter und freundlicher aus. Leider hat es schon wieder den Neid erregt. Ich hatte kaum die Gardinen einen Tag dran, da sehe ich, als ich im Kinderzimmer bin, wie die Gardi von Leimenstolls ans Fenster kommt, auf die Gardinen sieht und, ehe ich hingehen kann, rauf läuft. An diesem Tag hat Frau Leimenstoll den ganzen Tag rumgetobt. Sie ließ auch vernehmen, dass wir faul seien und auch schaffen gehen müssten, sie hätte auch gehen müssen. Es ist nur, ich rege mich gar nicht mehr auf.
Ich hatte dir auch noch nicht geschrieben, dass ich mit Herrn Schwehr Krach hatte. Eigentlich kann man es nicht Krach nennen. Ich höre eines Tages hinterm Haus Krach. Da unsere Kinder unten waren, sehe ich aus dem Fenster, und kaum habe ich das getan, brüllt Herr Schwehr, der erst Krach mit Frau Bolz gehabt hat, mich an. Ich war so verdutzt, dass ich gar nicht alles verstanden habe, nur so viel hörte ich, dass es mir jetzt auch besser ginge, als vor dem Kriege. Alle fragten mich hinterher, was Herr Schwehr denn mit mir gehabt hätte. Er soll noch gesagt haben, da könnte man gut immer Heil Hitler schreien. Das weitere haben auch die Leute nicht verstanden. Als er so brüllte, fragte ich: „Was haben sie denn mit mir?“. „Nichts, aber ich habe Ihnen mal was gesagt“ war die Antwort. Seitdem sehe ich den Mann gar nicht mehr, er kann mir direkt vor den Füßen herumlaufen. Ich hoffe, dass du dich nicht über die Sache ärgerst. Ich schreibe es dir nur, damit du weißt, was gelaufen ist. Es ist ja auch schon lange her, kurz nach deinem letzten Urlaub.
Gerade ist Helga heim gekommen. Sie hat zwei große Sträuße mit Taubnesseln heim gebracht, damit wir wieder Tee haben. Das ist doch lieb, dass sie daran gedacht hat.
Wir haben uns so an unser neues Radio gewöhnt. Zum Spaß hatte ich in der Stube mal den alten Apparat angeschlossen. Da hat man aber den Unterschied gemerkt. Man hat richtig die Ohren spitzen müssen, um etwas zu verstehen.
Vorgestern Nachmittag ist im Bettelgäßle der linke obere Kastanienbaum bis auf den Stamm abgebrochen. Er war ganz morsch. Einige Telegrafenstangen hat es gleich mit umgelegt.
Nun laß mich wieder schließen. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich deine Annie.

Liebes Vaterle! Auf der Messe haben wir uns einen Kreisel gekauft, der geht jetzt so gut, wie noch keiner, den ich gekauft habe. Viele Grüße und 10000000000 Küsse von Deiner Helga.
Viele Grüße und 10000000000 Küsse von deinem Jörg.

Brief 321 vom 9./10./11.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                               Konstanz, 9.5.42

Nun will ich dir auf deinen lieben Brief vom 22. weiter antworten. Heute Nachmittag hatte ich ja den anderen Brief bald abgeschlossen, da wir noch in den Wald gehen wollten zum Tee pflücken. Wir haben auch viel Spitzwegerich, Goldnessel und Salbei gefunden. Gänseblümchen sammeln wir jetzt auch, die Köpfchen davon. Die Kinder gehen mit ihrer Klasse auch jede Woche einen Tag zum Gänseblümchen sammeln. Wenn die Kinder jetzt heim kommen, bringen sie mir meist auch welche mit.
Nun zu deinem Brief. Die vielen Eier, die da an den Stationen von der Bevölkerung angeboten werden, könnten wir hier brauchen. D.h. ganz knapp sind wir in diesen Monaten auch nicht damit. Pro Person gibt es im Monat 5 – 6 Eier. Damit kann man schon auskommen.
Jetzt siehst du das Sowjetparadies also mit eigenen Augen und es macht keinen erhebenden Eindruck auf dich. Man kann es sich hier, wo doch Ordnung herrscht, gar nicht vorstellen, wie schlimm es dort sein muss.
Mit der Jüdin aus dem Elternverein wirst du wahrscheinlich die Marianne Weinhold meinen, die ist mit mir in einer Klasse gewesen. Das war der Clown unserer Klasse. Das hätte ich bestimmt nicht gedacht, dass die Jüdin sei.
Es ist ja allerhand, wenn jemand für 3 Zigaretten 5.-Mk. zahlen will. Aber das Geld hat halt für die Soldaten nicht den Wert wie im frieden, vor allen Dingen, wenn sie sich dort nichts kaufen können. Gerade wegen dem kaufen. Wenn du etwas brauchst, musst du mir schreiben. Vorläufig lege ich nur mal ein paar Briefumschläge bei, die du sicher brauchst.
Im letzten Brief habe ich dir doch auch den Durchschlag von Papas Brief und meiner Antwort mit gesandt. Hast du dich eigentlich über meinen Brief gewundert? Weißt du, ich habe die ganze Sache so satt. Papa soll machen, was er will. Schreibe du bitte auch nichts mehr. Ich würde dir deshalb gerne noch mehr schreiben, aber da sprechen wir wohl lieber später mal persönlich drüber. Was meinst du dazu, was Papa über Erna schreibt?
Es ist schon ½ 11 Uhr und ich will erst einmal schlafen gehen. Gute Nacht, mein lieber Mann.

10.5.

Lieber Ernst! Sonntag ist heute. Nachdem es gestern Abend noch ein Gewitter und Regen gab, ist es heute wieder sonnig und warm. Wir haben den ganzen Tag das Fenster weit auf und können immer unseren wunderbar blühenden Apfelbaum sehen. Er ist voller Blüten. Ein schöner Anblick, man muss immer wieder hin sehen. Die Kinder sind draußen und spielen. Fortgehen tun wir nicht. Ich bleibe sonntags gern daheim, denn jetzt läuft wieder alles in den Wald.
Das wollte ich noch schreiben, solltest du zum tauschen noch mehr Zigaretten brauchen, so musst du schreiben. Ich habe noch mehrere Schachteln da.
Nun laß mich schließen. Bleib gesund, behalte uns lieb und sei recht, recht oft herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

11.5.42

Liebster Ernst! 4 kleine Päckchen sind es die ich heute an dich abschicke. Vor einigen Tagen habe ich 5 Päckchen mit dem Ostergebäck für dich weggeschickt. In so kleine Kartons bringt man ja nicht viel hinein, das Gewicht ist immer gleich erreicht. Einige Stück Gebäck, mit den Buchstaben darauf, sind von dir. Du hattest sie aus Frankreich mit geschickt. Laß dir alles gut schmecken. Wir senden dir viele Grüße und Küsse Deine Annie, Helga, Jörg.

Brief 320 vom 8./9.5.1942


Mein lieber, guter Ernst!                                                      Konstanz, 8.5.42

Es ist heute etwas spät geworden, bis ich zum beantworten deiner Briefe komme, gerade 10 Uhr abends. Am Nachmittag waren wir in der Stadt. Da haben wir vor allen Dingen den ersten Brief an dich auf die Post gebracht. Dann sind wir auf die Messe gegangen. Vater hatte gestern Abend den Kindern je 50 Pfg. gegeben. Die wollten sie doch auch richtig verbrauchen. Jörg hat sich eine kleine Bombe gekauft, in die man eine Zündkapsel einlegen kann. Wenn man sie auf den Boden fallen lässt, kracht es. Helga hat sich einen Sonnenschutz gekauft. Dann gab es noch ein Eis, sie konnten 1 Mal Karussell fahren und futsch war das Geld. Als wir heim kamen habe ich noch an Papa, Siegfried und Herrn Wittenburg geschrieben. Die Durchschläge lege ich bei. Ebenso die anderen Durchschläge, die ich heute vergessen hatte. Hoffentlich ist dir alles recht.
Nun zu deinen Briefen. Russland zeigt sich dir ja gleich im richtigen Licht. Dreck, Elend, Wanzen. Das letztere wird Dir ja besonders unangenehm gewesen sein und du wirst es sicher noch oft erleben. Denn diese lieben Tierchen sind ja dort gerade keine Seltenheit. Das Kinoerlebnis ist ja auch selten schön. So eine Vorführung ist wenigstens ein Genuss.
Nun bleibst du doch nicht in Krakau. Vielleicht kannst du mir mal schreiben, wo du jetzt bist.
Wegen dem Geld habe ich an Herrn Wittenburg geschrieben. Vielleicht kann er mir den genauen Betrag schreiben, damit wir diese Schulden bald los werden. Da brauchst du dich später nicht noch darum kümmern.
Vielleicht schreibt er mir auch, an wen ich das Geld schicken kann, denn einfach an Nr. 38293 geht es doch wohl nicht. Vielleicht schreibst du auch bald mal an Herrn Wittenburg und dankst ihm für seine Bemühungen. Dann geht nicht alles von mir aus und er hat dir mehr einen Freundschaftsdienst erwiesen.
Auf Briefe von uns musstest du ja diesmal lange warten. Sechs Wochen werden es wohl gewesen sein. Das wird dir auch sehr lang vorgekommen sein.
Von Kurt erhielt ich heute einen Brief. Er hofft, kurz vor Pfingsten aus dem Lazarett entlassen zu werden. Er dachte, du seist noch in Marburg und hatte sich schon vorgenommen, dich später von Karlsruhe aus zu besuchen. Daraus wird ja nun nichts.

9.5.

Nachdem ich gestern deine Briefe vom 24. und 25. erhielt, kam heute der vom 22., den du noch auf der Fahrt geschrieben hast. Viele Erlebnisse hast du ja in letzter Zeit gehabt und es freut mich so, dass du mich durch deine Briefe daran teilhaben lässt.
Mit Zigaretten ist dort scheinbar ein ganz gutes Geschäft zu machen, wenn sie dir für 3 Stück gleich 5.-Mk anbieten.
Lieber Ernst, sei mir nicht böse, wenn ich jetzt erst mal schließe. Wir möchten noch Tee suchen gehen. Der Brief soll aber ½ 5 noch mit fort. Ich schreibe sicher heute Abend weiter.
Ich grüße und küsse dich vielmals recht herzlich Deine Annie.

Sonntag, 7. Mai 2017

Brief 319 vom 7./8.5.1942


7.5.

Mein liebster Ernst!  

Zwei Tage habe ich nicht geschrieben. Ich hatte aber immer zu tun. Am Montagnachmittag war es Helga nicht gut und am Abend hatte sie etwas Fieber und Kopfweh. Ich habe sie für 2 Tage in´s Bett gesteckt und heute ging es ihr wieder gut, sodass sie morgen wieder in die Schule gehen will. Einen tüchtigen Schnupfen hat sie noch. Im Garten habe ich auch etwas geschafft. Unkraut entfernt, bei den verschiedenen Sachen geharkt, die Dahlien ausgepflanzt. Seit gestern bin ich beim nähen, was ich auch morgen noch tun will.
Von Papa erhielt ich einen Brief, den ich dir mit einem durchschlag übersende. Den Durchschlag hatte er für dich mit beigefügt. Ich antworte ihm in den nächsten Tagen.
Der Koffer von Leipzig ist auch angekommen. Ich habe ihn gleich leer gemacht und zurück geschickt.
Von dir erhielt ich heute den Brief aus Lemberg vom 21.4. Ich habe mich mächtig darüber gefreut. Es ist so schön, dass du immer so lieb an uns denkst. Die besten Eindrücke hast du ja von dieser Stadt auch nicht bekommen. Das Elend muss ja sehr groß sein. Da merkt man erst doppelt, wie gut man es hier in Deutschland doch hat. Deine Schilderungen haben mich sehr interessiert.
Von Herrn Wittenburg erhielt ich heute eine Karte. Er schreibt, dass er den Spieß vertreten müsse und dadurch so viel Arbeit gehabt habe, dass er die Päckchen nicht eher fortschicken konnte. Am 25.4. habe er sie alle ab gesandt. Ich sollte dir viele Grüße ausrichten, und er hofft, dass er auch Nachricht von dir bekommt.
Die 11 Päckchen trafen heute auch ein. Alles war gut erhalten, bis auf zwei Apfelsinen. Also kein großer Verlust. Du hast wieder viele schöne Sachen geschickt, für die wir dir herzlich danken. In Gedanken gebe ich dir recht viele Küsse dafür.
Von den Zigarren und dem Tabak habe ich Vater einen Teil gegeben. Den anderen Teil hebe ich noch eine Weile auf.

8.5.
Mein liebster Ernst!  

Vorhin kamen deine lieben Briefe vom 24. und 25., in denen du mir deine neue Feldpostnummer schreibst. Ich beantworte dir die Briefe heute Abend und schicke erst das bisher geschriebene fort, damit Du bald einen Brief von uns erhältst.
Ich grüße und küsse Dich vielmals recht herzlich. Deine Annie.

Brief 318 vom 2./4.5.1942


2.5.

Heute habe ich einen Brief an Dich unter der Feldpostnummer 12960 geschickt. Diese Nummer hattest du als deine evtl. Adresse angegeben. Es kann ja nicht weiter werden, als dass der Brief zurück kommt.

Mein liebster Ernst!                                                                                    Konstanz, 2.5.42

Nachricht habe ich ja noch keine von Dir bekommen. Ich schreibe diesen kurzen Gruß auf gut Glück an die Nummer, die du mir als deine nächste Feldpostnummer angegeben hattest. Ich werde ja sehen, ob Dich der Brief erreicht.
Gesund sind wir alle. Hoffentlich ist das bei dir auch der Fall. Wir warten sehr auf den ersten Brief von dir. Ich habe jeden Tag an dich geschrieben, aber die Briefe lege ich heute nicht bei., da ich ja nicht weiß, ob sie dich da erreichen würden.
Papa schrieb mir am 27., dass er am nächsten Tag den Koffer mit den Sachen von dir fertig machen und per Express wegschicken würde. Er muss in den nächsten Tagen eintreffen.
Von den 11 Päckchen ist noch keins eingegangen. Ich habe deshalb an Herrn Wittenburg geschrieben, ob er mal nachsehen könnte, ob sie dort noch irgendwo liegen. Er hat doch auch Feldpostnummer 38293? Den genauen Text des Briefes habe ich dir in meinen anderen Schreiben mitgeteilt, die ich später wegschicke.
Hat dir Papa gesagt, dass Erhard Tillner am 22.12.41 gefallen ist? Nachdem Papa es geschrieben hatte, teilte es mir Elsa auch mit. Die Eltern sind ganz verzweifelt.
Ich war erstaunt, als ich von dir hörte, dass du zwei Tage in Leipzig gewesen bist. Nachdem du hinterher noch so lange auf der Bahn sein musstest, war der Aufenthalt für dich sicher ganz gut. Mit Papa hast du dich auch ausgesprochen. In meinem anderen Brief habe ich dir ausführlich geantwortet. Ich kann dir nur sagen, ich bin über meinen Vater sehr enttäuscht. Ich habe ja schon manches mit ihm durchgefochten, aber das entfremdet ihn mir noch ganz.
Im Garten habe ich alle Arbeit soweit getan. Auch die Kartoffeln sind in der Erde. Stachel- und Johannisbeeren haben gut geblüht, bzw. blühen noch. Hoffentlich hat es ihnen nichts geschadet, dass die letzten Tage so kalt waren und es heute Nacht sogar etwas geschneit hat.
Nun grüße und küsse ich dich für heute herzlich und hoffe, dass du gesund bist und es dir nicht gar so schlecht geht. Nochmals viele Küsse von Deiner Annie.

4.5.

Gestern waren wir auf der Messe. Eigentlich wollte ich gar nicht gehen, da es so trüb war und auch manchmal leicht regnete. Aber wir haben ja die Regenmäntel. Es war dann noch ganz nett. Die Kinder sind einige Male Karussell gefahren, wir haben 2 Mal Eis gegessen und haben uns die Buden angesehen. Ich habe auch einige Sachen für die Kinder gekauft. Schon im Winter wollte ich für Jörg lange Unterhosen, also mit Ärmeln, kaufen, konnte aber keine bekommen. Auf der Messe gab es nun welche. Ich habe drei Stück mitgenommen. Punktnot habe ich ja nicht, denn ich bin noch bei der zweiten Karte, wo die 3. schon bald abläuft. Aber bisher konnte ich fast immer alte Sachen verarbeiten, sodass ich für die Kinder noch nicht viel kaufen musste. 2 Kreisel und 2 Peitschen habe ich ihnen auch gekauft, denn zum spielen möchten sie doch auch was von der Messe. Am Abend bin ich schon vor 9 Uhr schlafen gegangen, denn an manchen Abenden fühlt man die Einsamkeit ganz besonders, wenn man so alleine am Tisch sitzt. Gestern und heute Nacht konnte ich wenigstens von dir träumen. Das sind die schönsten Stunden.

Brief 317 vom 27./28./30.4.1942


27.4.

Mein liebster Ernst ! Gestern habe ich mal mit schreiben ausgesetzt, denn das wird ja ein Paket, das ich dir bald gar nicht schicken kann. Das hat Übergewicht. Nun will ich dir aber weite berichten. Gestern sind wir daheim geblieben, da der Führer gesprochen hat. Vater ist auch hergekommen. Dann haben wir Abendbrot gegessen und uns noch ein wenig unterhalten. Vater ist gegen ½ 10 Uhr heim gegangen. Ich bin dann gleich schlafen gegangen. Heute Morgen habe ich Bohnenstangen angespitzt. Dann habe ich probiert, ob ich sie auch in die Erde tun kann, oder ob es zu schwer ist. Es ist aber gegangen. Ich hatte ja die Eisenstange von Vater da. Nun braucht es Vater gar nicht mehr machen. 37 Stangen habe ich rein getan.
Es ist nur gut, dass ich mich schon wieder an die Maikäfer gewöhnt habe und sie nicht mehr fürchte, denn die Kinder bringen sie jetzt massenhaft. Jörg hat augenblicklich 19, Helga 15 Stück. Vorhin hatte Jörg einen unpassenden Karton, da sind ein paar herausgekrabbelt, und als ich das Fenster öffnete, surrte plötzlich einer davon. Das sah Jörg von unten und kam gleich rauf gerannt. Nun habe ich erst für einen besseren Karton gesorgt. Seine große Sorge war, dass es ja nicht der König ist, der weggeflogen ist. Außer dem König hat er ja noch Prinzessinnen und Schornsteinfeger. Als Helga und Jörg erst nur zwei hatten, hieß einer Kribbele, der andere Krabbele. Jetzt haben sie die Namensgebung aufgehoben. Aber viel Vergnügen haben die Kinder damit. Die Käfer toben jetzt in ihren Kartons herum, dass man es trotz des nicht leisen Radios hört.
Unser Apfelbaum sieht schon schön hellgrün aus. Dazwischen leuchten auch kleine rosa Punkte, die Knospen. Die Stachel- und Johannisbeeren blühen immer noch. Die Erbsen und Möhren kommen jetzt gut heraus.
Von den Päckchen ist bisher immer noch keins angekommen. Ich habe deshalb heute an den Wittenburg geschrieben und hoffe, dass du es billigst. Ich habe geschrieben an den Gefreiten Wittenburg. Ich weiß nicht, ob es richtig ist.

28.4.

Gestern Abend kam Vater wegen den Bohnenstangen. Als ich ihm sagte, dass alles schon fertig ist, war er ganz verdutzt, aber böse war er deshalb nicht. Er ist aber noch in den Garten gegangen und hat an den Stangen gerüttelt, ob sie auch fest stehen und denk mal an, er hat nicht auszusetzen gehabt. Aber wenn ich schon was mache, dann wenigstens richtig, sonst lasse ich´s lieber sein. Heute habe ich einen ruhigeren Tag eingeschoben, wo ich nur gestopft und ausgebessert habe. Unter Mittag habe ich sogar eine Weile auf dem Liegestuhl geschlafen.
Lieber Ernst, weißt Du, was ich jetzt sehr vermisse? Die regelmäßigen Briefe von dir. Das war ja in Frankreich noch schön. Die Briefbeförderung dauerte nicht so lange. Das wird sich ja jetzt von dort aus sehr ändern. Jetzt empfinde ich es noch als ziemlich hart, so lange nichts von dir zu wissen. Aber ich muss mich auch wieder darein schicken. Die Hauptsache ist ja, dass wir in Liebe aneinander denken und dass du gesund bleibst. Du bekommst ja jetzt erst mal noch viel länger keinen Gruß von uns und es wird dir wohl auch schwer sein, vor allem, wo du wieder in eine ganz fremde Umgebung gekommen bist. Es ist ja eine große Umstellung.
Ich gehe nun schlafen und gebe dir im Geist viele, viele Küsse. Wie gerne täte ich es in Wirklichkeit.

30.4.

Gestern wollten wir eigentlich Tee suchen gehen. Aber es wurde nichts draus. Gestern wehte ein richtiger Ostwind, eigentlich kann man schon von stürmen reden. Es war so kalt, dass man Handschuhe anziehen musste. Zweitens, das Wichtigste, Jörg war krank. Gestern Morgen war ihm schwindelig und schlecht. Dazu hatte er Kopfschmerzen und 39,6° Fieber. Ich habe ihn gleich schwitzen lassen, Silargetten gegeben, und am Nachmittag haben wir nasse Socken gemacht. Heute war ihm wieder gut, aber ich habe ihn noch daheim behalten. Morgen geht er wieder in die Schule. Er ist schon wieder ganz übermütig.
Von Papa erhielt ich gestern eine Karte vom 27.4. er schreibt, dass er den Koffer fertig machen will und Erna würde ihn am 29. zur Bahn bringen. Er schickt ihn per Express zur Selbstabholung nach Petershausen. Papa schreibt, er will auch noch meinen Brief beantworten. Dass es noch nicht geschehen sei, liege daran, dass der Brief so viel Schweres enthalte. Er habe ja schon mit dir gesprochen, aber es solle Klarheit herrschen, darum wolle er auch mir antworten.
Von Siegfried erhielt ich eine Karte aus Königsberg. Von Kurt kam auch eine Karte. Er fragt nach deiner Adresse und schreibt, dass er sicher in einigen Wochen auf Erholungsurlaub Kommen würde. Ich habe ihm kurz geschrieben, dass ich deine Adresse noch nicht weiß, habe aber den Ort angegeben. Zugefügt habe ich noch, dass wir uns freuen würden, wenn er auf Urlaub kommt. Romane schicke ich morgen auch noch mal.