Mittwoch, 1. Februar 2017

Brief 279 vom 29./30.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                Konstanz, 29.1.42                         

Einen Brief von Dir habe ich heute nicht bekommen. Da am Nachmittag kein Briefträger kommt, kann ich also auch da mit keinem rechnen. Aber gestern habe ich ja einen ganz langen Brief bekommen, damit kann ich wohl auch noch heute zufrieden sein. - Am Nachmittag gehe ich nun in den Film äMenschen im Sturmä Er spielt kurz vor dem Krieg in Jugoslavien. - Von Tante Agnes habe ich heute einen Brief bekommen. Bei ihnen sind 28 Grad Kälte. Man merkt, daß es nach Polen, dem Osten zugeht. Hubertus und Leop lassen mich grüßen. Leo ist in Polen, Hans hat auch der Gefangenschaft geschrieben, daß es ihm sehr einsam ist und daß das ewige WArten furchtbar sei. Nur wenn ein Brief kommt, freut er sich. - Bei uns hat die Kälte ziemlich nachgelassen. Sie liegt gerade bei der OGrenze. Dabei fällt jeden Morgen Neuschnee. Als ich gestern den Brief an Dich in den Kasten stecken wollte, dah ich, daß am Nachmittag garnicht mehr geleert wurde, sondern erst heute morgen. Da habe ich ihn lieber auf die Petershauser Post geschafft. Jörg wollte nicht mit, da ist Helga allein mitgegangen. Ich habe sie gefahren und absichtlich ein paar Mal mit dem Schlitten in Schneehaufen umgeschmissen. Das hat ihr viel Spaß gemacht. Beim Bettelgäßle habe ich sie ein paar Mal im Schnee gewälzt. Sie hat dann garnicht mehr aufhören wollen. Als es Helga dann unserem Jörg erzählte, wollte er die Gelegenheit natürlich nicht vorübergehen lassen und hat sich auch nach Herzenslust im Schnee gekugelt. -Als ich gestern Abend die Schuhe nachsah, mußte ich feststellen, daß die Schuhe inwendig wieder naß waren. Ich fragte ihn, wieso das komme, nun hätte er doch dicke Sohlen drauf. Da sagte er: ä Draußen bei dem See hängen eben immer die Spitzen im Wasserä. Er hat den Schlitten ins WAsser geschoben und hat sich drauf gekniet. Dabei sind dann immer die Spitzen der Schuhe im Wasser gehängt. Was unser Bursche doch nicht alles mit den Schuhe anstellt. Da kommt man mit reparieren bald nicht mehr nach. Also, ein Muttersöhnchen wird Jörg nie, sondern ein richtiger Lausebengel. Manchmal muß man lachen, manchmal ärgert man sich. Wenn ich nicht das Leder zum Besohlen von Dir hätte, wöär Jörg schon manchmal aufgesessen. - Nun ist es Zeit, daß wir fortgehen. Sei deshalb wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                                Konstanz, 30.1.42

Auch heute habe ich keinen Brief von Dir erhalten. Ich hoffe aber, daß morgen wieder einer ankommt. - Gestern  war ich nun in dem Film äMenschen im Sturmä. Er hat mir sehr gut gefallen. Er handelt von der Verfolgung der Deutschen kurz vorm Krieg in Jugoslawien. Vorher lief ein Film äElsaßä, der wirklich sehr interessant war. Manchmal meinte man in Meersburg oder in Konstanz zu sein. Genau solche Häuser mit braunem Gebälk und solchen Holz-Laubengängen, wie wir sie von Meersburg her kennen. Dann war ein Tugm da, der sah auch wie der Schnetztorturm. Man merkt doch, daß es deutsches Land ist. Erst  sah man das Land an und für sich , dann sah man, wie alles verwildert war, als die Bevölkerung nach Frankreich evakuiert wurde. Dann wurde gezeigt, wie die deutschen Geschäfte alle französiche Ladenschilder hatten. Später kamen Bilder, wie die Felder in Gemeinschaftsarbeit wieder bestellt wurden. - Leider saß neben mir eine Nachrichtenhelferin mit ihrer Mutter, die furchtbar wichtig getan hat. Als Männer mit Baskenmützen gezeigt wurden, mußte sie natürlich bemerkten, daß das echt französisch sei und die franz. Ladenschilder mußte sie natürlich laut ins Deutsche übersetzen. _ šbrigens die Kutterer (so hieß sie doch ehe sie geheiratet hat, der VAter war doch bei Euch im Sturm) ist auch Nachrichtenhelferin. - Als ich gestern beim DHV Zahnscheine geholt habe, sagte mir das Fräulein, daß der Uhink seit dem 22.1. auch eingezogen worden ist. - Von der Krankenkasse hat auch jeder eine 64 Seiten starke Broschüre äDie Mutter und ihr krankes Kindä bekommen. Das hat mich gefreut. Da stehen alle Krankheiten drin und die ersten Maßnahmen dagegen. Das kann man gut brauchen. - Habe ich Dir eigentlich schon mal geschrieben, daß in der Petershauser Knabenschule eine Zweigstelle der Sparkasse eingerichtet worden ist? Ich glaube aber, zum Gehalt holen muß ich doch in die Stadt Die Zweigstellen wird wohl nur für den Sparverkehr da sein. - Du, den Christbaum habe ich vorgestern wegtun müssen. Der hat so genadelt, daß es überhaupt kein Baum mehr war, sondern nur ein braunes Gerippe. Ich hätte ihn so gern bis zu Deinem Urlaub aufgehoben, aber es  ging nicht mehr. Nun laß mich schließen und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 278 vom 26./27./28.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz, 26.1.42                                        

Es wird heute nur ein kurzer Brief, den ich Dir schreiben kann, aber ganz ohne einen Gruß sollst Du auch heute nicht bleiben. Ich schreibe nämlich kurz bzw. bevor wir in die Stadt gehen.
Als wir am Morgen aufwachten, hatte es mit regnen aufgehört, die Pfützen waren etwas gefroren und ab und zu gab es regelrechte Schneestürme. So auch jetzt wieder.
Den Vormittag habe ich mit schustern verbracht. Ich habe Jörg`s feste hohe Schuhe, die bis vor kurzem Helga gehörten, besohlt. Die Sohlen hatten zwar noch kein Loch, aber das wäre in den nächsten Tagen gekommen. Sie waren aber so dünn geworden, daß sie sich ganz durchdrücken ließen und auch gegen Nässe überhaupt keinen Schutz mehr boten. Und das ist jetzt ja schließlich die Hauptsache. Jetzt halten sie wieder was ab. Ich pflege ja auch alle Schuhsohlen regelmäßig mit einem Mittel, der sie wasserdicht macht und außerdem die Sohlen schont.
Helga hat doch ein Paar Lackschuhe von Mama. Da waren die Gummiabsätze etwas schief getreten. Ich will nun nicht, daß sich Helga die Füße damit verdirbt, darum habe ich nun Lederabsätze drauf gemacht und ebenso wie an die Spitze, Eisen drauf getan. Die treten sich dann nicht gleich ab. Natürlich sind es nur die kleinen dünnen Eisen, die nicht auffallen.
Am Vormittag brachte der Briefträger nun doch die Päckchen selber. Es war eins von Dir und 2 von Kurt. Dein Päckchen Nr. 9 mit den Tabakwaren hat mich gefreut. Da kann ich heute gleich das Paket an Papa wegschicken. Den Tabak, die Pfeife und einige Zigarren habe ich ihm eingepackt. Die anderen Zigarren und noch etwas Tabak (ich habe noch ein kleines Päckchen da) gebe ich Vater. Das ist doch richtig geteilt, nicht wahr? Für die Bonbons, den Fisch und die Fruchtstangen möchte ich Dir auch danken.
In den Päckchen von Kurt war der Behälter des Feldstechers, diesmal aber mit Bonbons, bzw. Weinsäure-Zucker, gefüllt. Dann waren noch einige Bücher usw. zum Aufheben drin, dazu noch eine Dose Schuhcreme, die ich sicher Vater geben werde.
Nachmittag wollen wir nun also in die Stadt gehen. Ich möchte bei dem Wetter nicht gern mit dem Rad fahren. Ich möchte mich nun fertig machen und schließe deshalb.
Bleib recht gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                         Konstanz, 27.1.42

Heute Morgen kam Dein liebes Päckchen Nr. 10 mit der Butter und den Mandarinen an. Es war alles gut, auch alle Mandarinen. Ich möchte nur wissen, wo die 2 anderen Päckchen, die noch fehlen, geblieben sind. Vielleicht liegen sie unter einem großen Haufen und kommen erst später mal zum Vorschein. Über das Päckchen habe ich mich sehr gefreut und danke Dir sehr.
Bei uns ist es wieder kalt geworden, heute waren es 11 Grad Kälte. Die große Pfütze vorm Haus ist so gefroren, daß die Kinder drauf herumlaufen können.
Ich gehe heute mit den Kindern mal ins Kino. Ein Film mit Rühmann wird gespielt „Quax, der Bruchpilot“. Ich bin ja gespannt, ob es rechter Kohl ist. Evtl. gehe ich diese Woche auch noch mal in den Film „Menschen im Sturm“. Da dürfen die Kinder ja nicht mit. Gell, ich bin unternehmungslustig?
Ich muß nun schon schließen, denn wir müssen bereits um 2 Uhr fort.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                           Konstanz, 28.1.42

Dein lieber Brief vom 21. kam mit den Zeitungen heute an. Das ist ein langer Brief und ich freue mich riesig.
Bei Euch ist es also auch kalt und nicht mal richtige Heizung habt Ihr. Das ist ja wirklich allerhand. Wenn Du abends heim kommst, mußt Du ja ganz durchfroren sein.
Wie heißt die Mischung zwischen Apfelsine und Zitrone? Schreib`s mir doch noch Mal mit richtigen Buchstaben auf. Ich bin gespannt, wie es schmeckt. Den Kindern habe ich noch nichts davon gesagt. Aber du bist ein ganz lieber Kerl, alle Sachen, die wir hier sonst nicht so haben, willst Du uns probieren lassen.
Die Ernährung hier ist wohl ziemlich einseitig, aber wir haben uns dran gewöhnt und sind es zufrieden. Große Ansprüche stellen wir ja nicht und gehungert haben wir ja noch nicht. Bei manchen Sachen haben ja Deine Sendungen viel geholfen. Z.B. vor allen Dingen beim Zucker. Ich hätte manches nicht backen können, auch manchen Pudding hätte ich nicht machen können. Aber damit komme ich auch wieder auf Deine Puddingsendung. Auch das Öl hat mir schon manchen guten Dienst getan. Ich habe immer noch 1/4 Flasche da. Genau so ist es mit der Butter, die ich gestern bekommen habe. Die essen wir nun diese Woche und unsere Wochenration habe ich eingeschmolzen. Da habe ich immer einen kleinen Vorrat da. Von den Fischkonserven habe ich auch noch was da. Eine Dose haben wir jetzt wieder mal verbraucht. Sie war noch tadellos. Es gäb ja noch manches, was zu erwähnen wäre, aber Du weißt ja, was Du uns alles geschickt hast und ich weiß es auch und bin Dir sehr dankbar dafür.
Ich verliere nicht die Geduld, weil Du jetzt nicht gleich heimkommen kannst. Der Krieg lehrt einem ja manches und so habe ich auch das Warten gelernt. Wir haben ja den Urlaub immer noch vor uns und einmal wird es ja werden. Ich lege die Urlaubsgedanken erst mal ein bißchen zur Seite. Solltest Du dann doch bald kommen können, soll es mich doppelt freuen. Ich weiß ja, daß Du alles tust, um wieder einmal heimzukommen. - Ja, übermütig sind unsere Beiden manchmal. Ich bin ja froh, daß sie sich jetzt draußen im Schnee austoben können. Da bekomme ich wenigstens nicht zu viel zu spüren. - Manchmal muß man ja über so einen Lauser wieder lachen. Als Kurt verschiedene Beutel Bonbons geschickt hatte, bekam jeder einen. Ein paar lagen noch da. Auf einmal fängt Helga an: ä Du Mutterle, ich muß mich mal mit Dir richtig aussprechen. Kriege ich noch einen Beutel Bonbons oder nicht? ä Gestern sprachen wir von Amerika, auf einmal sagt sie:ä, Ja, die sind ganz verrückt, die malen sich sogar Bilder auf`s Knie, so was trägt man bei uns in den größten Hundstagen nicht.ä - Der Stoff für das Kleid für Helga kam mir etwas teuer vor, aber natürlich behalten wir ihn. Es kann ja sein, daß es hier bald genau so teuer wird, denn es gibt natürlich auch teuerere Kleider- Es ist nie zum Schaden, wenn man was da hat, ich war schon manchmal froh. Und daß wir das Geld dazu nicht mehr aufbringen würden, davon kann ja,wie Du schon schriebst, keine Rede sein. - Wenn Du noch 25 Schachteln Munitionen gekauft hast, so reicht das schon noch eine Weile. - Das Gemüse bekommen wir ja nicht auf Karten. Man muß eben zusehen, daß man was bekommt. Es ist aber angeregt worden, daß für Sachen, die seltener sind, Karten ausgegeben werden. Es stand jetzt gerade wieder ein Fall in der Zeitung, daß man einer äFrau Doktorä Orangen direkt angeboten hat, während man eine andere Frau, die auch welche wollte, angefahren hat, ob sie nicht schon bekommen hätte. Es ist ja nicht überall so, aber es gibt immer wieder Außenseiter. - Papa hat mir heute eine Karte geschrieben, daß er am Montag ein Paket mit Zeitungen und Taschentüchern von Mama an mich abgeschickt hat. Vo letzteren soll ich in meinem Brief nichts erwähnen. - Am Samstag/Sonntag muß ich vom Luftschutz aus Abzeichen verkaufen. Ich bin ja nicht so begeistert, aber Helga, die auch mitgehen will, und Jörg, freuen sich schon sehr. Es hat schon Krach zwischen ihnen gegeben,. wer was tragen darf. Am liebsten gingen sie allein los. - Wie Helga`s Lehrerin heute gesagt hat, kommen die Mädels, die dieses Jaht 10 Jahre werden, im Mai zu den Jungmädels. Da ist also unsere auch dabei. - Gestern waren wir doch in dem Film äQuax der Bruchpilotä. Ach Ernst, haben wir gelacht, das war lustig. Ich habe leider vom Lachen so Kopfschmerzen bekommen, daß ich ganz zeitig schlafen gegangen bin. Aber schön war`s doch. - Heute will ich Dir auch die verschiedenen Briefdurchschläge beilegen, die ich immer vergessen hatte. - Und nun für heute wieder Schluß. Bleib uns gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Brief 277 vom 23./24./25.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz , 23.1. 42                                   

Heute kam Dein lieber Brief vom 17. 1. Er ist also auch ziemlich lange unterwegs gewesen.
Ja, unsere Kinder haben nun die erste Woche wieder Schule. Bei Jörg geht es ziemlich vorwärts. Er lernt jetzt schon die großen Buchstaben. Bei Helga ist es so, daß sie alles noch einmal überholen müssen, da sie ja eine neue Lehrerin bekommen haben, die muß sich nun erst überzeugen, was sie schon können.
Mit dem Schreiben klappt es bei Helga immer noch nicht so. Das lateinische liegt ihr einfach gar nicht. Ich bin gespannt, ob es bei Jörg auch mal so wird.
Jetzt bei der großen Kälte ist es ja kein Vergnügen, den Schulweg zu gehen. In der Schule ist es auch nicht gerade so warm. Wenn sie wieder zuhause ankommen, sind sie ganz verfroren, vor allem die Füße sind eiskalt. Heute haben wir bereits 16 Grad Kälte.
Ich muß nachher auch noch fort zum einkaufen. Mir graust es schon. Da kann man sich vorstellen, wie es unseren Soldaten zu Mute ist, wenn sie bei noch größerer Kälte im Freien sein und oft auch kämpfen müssen.
Du hast recht, für uns alle wäre es nichts, längere Zeit ohne Betätigung zu sein. Wir sind das auch gar nicht gewöhnt. Mal so zwischen der Arbeit ein richtiges Ausruhen, das ist fein. Aber es darf kein Dauerzustand sein.
Wenn ich Vater mal einen Weg abnehmen kann, so freut es mich. Er ist eben doch auch schon älter. Mit dem Springen wie früher ist es ja nichts mehr. Trotzdem ist er für sein Alter immer noch ganz gut auf den Beinen.
Vater sollte nur einen richtigen Ofen in seiner Küche haben, denn Wärme kann er gut vertragen. Bei ihm ist es ja meist so kalt, daß man den Hauch sieht.
Die Maße von Jörgs Anzug sind: Hose  Schrittweite   35 cm, Seitennaht    42-43 cm, Bundweite    73 cm Jacke  Länge v. Schulter an  57 cm, innere Ärmelnaht     32 cm, Ärmelnaht über Ellbogen 41 cm. Wenn Du nun einen neuen Anzug machen läßt, muß er aber ein paar Zentimeter mindestens länger sein. Die neue Hose, die ich ihm gekauft habe, hat auch bereits eine 45 cm lange Seitennaht. Du weißt ja, der Anzug, den Du mitgebracht hattest und von dem ich jetzt die Maße genommen habe, war auch erst etwas zu groß. Jetzt ist bald das Gegenteil der Fall. Da er ja den neuen Anzug auch frühestens  im nächsten Herbst anziehen würde, muß er schon größer sein. Sonst wäre ja die ganze Ausgabe umsonst.
Jetzt wo es so kalt ist, halten es sogar die Kinder nicht lange draußen aus. Heute sind sie mal ganz drin geblieben. Jörg hat sich am vergangenen Sonntag Rindenstücke mitgebracht. Da hat er sich vorhin ein kleines Schiff geschnitten. Es sieht ganz nett aus. Jetzt sitzen Beide neben mir und machen Schulaufgaben. Ich will mich nun zum Fortgehen fertig machen, es wird sonst zu spät.
Es grüßt und küßt Dich recht herzlich Deine Anni.

Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz, 24.1.42

Als wir heute Morgen vors Haus kamen, waren wir doch erstaunt. Über 20 cm Neuschnee hatte es über Nacht gegeben. Es waren nur noch 11 Grad Kälte. Ich habe mich dann an´s Schneeschippen gemacht. Frau Leimenstoll kam auch gleich. So haben wir zusammen geschafft. Wo der Schnee nicht weggekommen ist, also auf Wiesen, lag fast 1/2 mtr. Schnee. Es hat auch bis zum Nachmittag geschneit. Da waren bald wieder alle Wege voll Schnee, so daß auch Nußbaumers noch zu schaffen hatten. Ich habe mit Frau Leimenstoll am Vormittag noch alle Wasserleitungsrohre mit Säcken und Papier umwickelt, denn im Nebenhaus ist das Wasser auch schon eingefroren. Am Nachmittag wurde es plötzlich windig, die Kälte ging auf 1 Grad herunter und es fing an mit regnen. Das tut es auch jetzt am Abend noch. Ich wollte mit den Kindern evtl. morgen Nachmittag wieder Schlittenfahren gehen, aber wenn das Wetter so weiter macht, haben wir vielleicht dann nur noch Matsch.
Für unseren Jörg war so viel Schnee eine große Freude. Wie ein Wilder hat er sich im Schnee herumgewälzt und ist in den höchsten Haufen herumgetanzt. Er wußte sich gar nicht zu lassen vor Freude. Er kam dann auch platschnaß herein. Helga muß sich noch mit ihrem Knie etwas in Acht nehmen. Es reißt immer wieder ein bißchen auf.
Kurt hatte doch nach Papiertaschentücher gefragt. Die kann ich ihm nun sicher auch nicht besorgen. Wo ich bis jetzt nachgefragt habe, sagten sie mir, daß diese für die Wehrmacht beschlagnahmt worden sind.
Gerade als ich schrieb, ging das Licht verschiedene Male halb aus und wieder an, um plötzlich ganz zu verlöschen. Wahrscheinlich kommt es von dem Wind. Nun sitze ich also bei Kerzenlicht hier. Die 2 Päckchen Deiner vorletzten Sendung mit Seife und Mandarinen sind noch nicht angekommen. Die letzteren werden wohl sicher kaputtgegangen sein, bis wir sie in die Hände bekommen.
Es ist doch allerhand, daß unsere U-Boote jetzt sogar vor der amerikanischen Küste Schiffe versenken. Ich hatte immer gemeint, sie könnten gar nicht bis dahin kommen. Das wird den Amerikanern einen Schrecken eingejagt haben.
Heute Nachmittag habe ich für morgen gebacken. Da habe ich auch eine kleine 62 mitgebacken. Die schicke ich Papa noch mit. Morgen werde ich ihm einstweilen einen Brief schreiben. Sonst meint er, ich habe gar nicht an ihn gedacht.
Ich warte immer auf Deinen Brief, in dem Du schreibst, wenn Du auf Urlaub kommst. Das sind aber böse Kerle, daß sie Dich gar nicht zu uns fahren lassen. Wir warten doch so sehr. Ich muß tatsächlich mal selber dorthin kommen und den Leute meine Meinung sagen, meinst Du nicht auch?
Jetzt brennt seit einer Weile wieder das Licht, aber ab und zu flackert`s doch mal wieder. Es ist eben ziemlich stürmisch draußen.
Nun will ich wieder Schluß machen, mein lieber Ernst. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Mann!                                                                  Konstanz, 25.1.42

 Einen Sonntagsbrief habe ich heute von Dir erhalten, vom 19.1. Ich danke Dir vielmals dafür.
Was ist denn das für eine Organisation, daß Ihr nicht mal Kohlen zum heizen habt? Gibt es dort im Allgemeinen so wenig? Arbeiten werdet Ihr im kalten Zimmer ja auch nicht gut können. Euch müssen ja die Finger klamm werden.
Über Deinen Bericht von dem Abflußrohr an Deinem Waschbecken habe ich direkt lachen müssen. Ja gibt es auch so was, das Abflußrohr an das Rohr der Dachrinne  anschließen. Das ist mir wie ein Schildbürgerstreich vorgekommen. Für Dich ist es ja nicht so lustig, aber für mich ist es direkt voller Komik. Vielleicht ist es dumm von mir, aber ich habe gelacht wie lange nicht.
Das Folgende in Deinem Brief, die Urlaubssache, ist ja nun nicht lustig. Aber ich weiß nun wenigstens, warum Du noch nicht auf Urlaub kommen konntest. Wir wollen gern warten, bis die Sperre aufgehoben wird, wenn Du nur gesund bist. Das ist das allerwichtigste. Ich will aber ganz fest den Daumen halten, daß wir uns doch recht bald gesund wiedersehen.
Die Kokosnuß hat den Kindern erst nicht geschmeckt, aber als Kokosflocken war sie bald alle. Du kannst ja vielleicht sehen, ob Du noch eine bekommst, aber wenn sie teuer sind, so kaufe bitte keine. Das essen die Kinder nicht ab. Sonst würdest Du ihnen aber eine Freude machen.
Der Wetterumschwung von gestern hat angehalten. Es regnet immer noch. Die Straße ist ganz glatt. Dabei weht ein starker Wind. Ein ganz unschönes Wetter. Vor unserem Haus steht wieder ein ganzer See.
Als der Briefträger heute den Brief bracht, sagte er auch zur Frau Ehret, auf der Post lägen einige Päckchen für sie, er hätte es zufällig gesehen. Sie möchte sie sich doch holen, da er jetzt keine mitbringen könnte, wegen des Wetters. Seit vorgestern lägen welche da und würden erst ausgetragen, wenn er wieder mit dem Rad fahren könnte. Ich fragte, ob auch welche für mich da seien. Er wußte es nicht, da er die Päckchen noch nicht durchgesehen hat. Ich sollte morgen Mittag um 2 Uhr auch auf die Hauptpost kommen.
Ich werde auch gehen, denn sonst kann ich ja ewig warten. Sicher sind schon welche angekommen. Ich möchte doch auch bald das Paket an Papa wegschicken.
Helga hat jetzt doch eine neue Lehrerin bekommen. Die ist scheinbar ganz vernünftig. Sie hat gesagt, daß die ganze Klasse die Normalschrift sehr schlecht schreibt. Das käme daher, daß sie gleich auf einfache Linien geschrieben hätten. Nun haben sie sich noch Mal 2.-klässler Hefte anschaffen müssen. Helga hat heute zum ersten Mal drin geschrieben. Ich muß sagen, ich war ganz erstaunt. Prima hat sie geschrieben. Genau so gut wie bei der deutschen Schrift. Jetzt lernen sie`s doch wenigstens richtig.
Der Sturm hat gestern beim Starenhäuschen die ganze Dachpappe herunter gerissen. Ob Du das wohl in Ordnung bringen kannst, wenn Du heimkommst?
Nachher hole ich mir noch die Schreibmaschine vor und schreibe an Papa, Kurt und evtl. an Elsa. Die Durchschläge schicke ich Dir morgen mit. Heute könnte ich sonst Deinen Brief nicht mehr rechtzeitig fortschaffen.
Wie hat das eigentlich nur kommen können, daß die Soldaten vom Soldatenheim Typhus bekommen konnten. Das muß doch durch Essen gekommen sein. Ob es nicht sauber zubereitet war oder ob sonst jemand seine Finger dazwischen hat? Flecktyphus ist wohl wieder was anderes? Das wird doch durch Läuse übertragen. Deshalb  ist doch auch Siegfried dagegen geimpft worden, da er immer noch nach Rußland fährt.
Nun laß mich wieder schließen. Bleib mir  recht gesund. Ich hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen.
Viele herzlich Grüße und Küsse sollst Du, lieber Ernst, Du bekommen von Deiner Anni.

Brief 276 vom 21./22.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                          Konstanz, 21.1.42                                           

Heute haben wir viele liebe Grüße von Dir erhalten. Den Brief vom 15.16. den Brief an die Kinder und das Päckchen Nr. 5 mit Seife. Von Deiner ersten Sendung fehlt nur noch 1 Seifenpäckchen und das mit den Mandarinen. Von der anderen Sendung sind noch die Tabakwaren unterwegs.
Ihr habt es also ziemlich kalt dort. Sind die Öfen nicht in Ordnung, daß sie nicht richtig heizen? Bei uns ist die Kälte wieder gestiegen, wir haben heute 10 Grad unter Null. Da muß man schon richtig feuern, damit es warm wird. In den Schlafzimmern habe ich die Fensterläden davor gemacht, denn davor gemacht, denn das Holz hält die Kälte auch etwas ab. Es wird bei Euch bestimmt viel ausmachen, daß Ihr keine Doppelfenster habt. Das schützt auch viel. Ich freue mich sehr, daß Du gern an mich schreibst. Ich bin ja immer froh, wenn ich einen Brief von Dir bekomme. Es ist dann stets so, als wenn Du nicht ganz weit fort wärst.
Ich glaube Dir gern, daß es eine schöne Abwechslung ist, wenn es mal Hasenbraten oder Fasan gibt. Und daß man da richtig zulangt und futtert, ist nur richtig. Das macht doch auch Appetit, so ein gutes Essen.
Wenn Du mir noch etwas Butter hast schicken können, so ist das wirklich fein. Da kann ich mir doch noch etwas auslassen und habe ein bißchen Vorrat. Aber spare es Dir nicht so ab, denn wie ich aus Deinen Briefen ersehe, habt Ihr es dort auch nicht so üppig.
Jedenfalls möchte ich Dir schon im Voraus danken.
Ich möchte nur wissen, warum Nanni nicht schreib. Du hast ihr doch nichts getan. Im Gegenteil, Du hast noch was geschickt. Ich würde mit dem Schreiben auch mal eine Weile warten. Vielleicht kannst Du durch Kurt erfahren, ob sie das Päckchen bekommen hat. An ihn schreibt sie ja öfter.
Die Kinder haben sich über Deinen Brief sehr gefreut. Jörg war zwar erst nicht ganz zufrieden. Er hätte gern einen Brief von Dir gehabt, den er schon mühelos lesen kann, also mit der Hand geschrieben, in deutschen Buchstaben. Vielleicht kannst Du ihm mal die Freude machen. Es brauchen ja nur 2 - 3 Zeilen sein. Oder ist es nicht recht, daß ich darum bitte? Du kannst es ja immer noch machen, wenn Du willst.
Sonst haben sich aber Beide über den Brief sehr gefreut. Der Helga hat besonders die Stelle gefallen, wo Du über die Puppen schreibst. Da hat sie lachen müssen.
Ein wichtiges Thema ist bei den Kindern jetzt immer die Schule. Sie haben Beide mancherlei an ihren Lehrerinnen auszusetzen. Jörg z.B. sagte heute „Also, wie unsere Lehrerin liest, das ist ganz schlimm. So langsam. Man kann es manchmal gar nicht mit anhören. Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten. Wenn sie dann fragen würde, da könnte ich ihr gleich sagen, wie dumm sie liest.“ Auch eine Gewohnheit hat Jörg, die der Helga gar nicht eingefallen ist. Wenn ich nicht aufpasse, schleppt er lauter Spielsachen, Patronen, Bilder usw. mit in die Schule. Alles kommt in die Hosentasche. Er sagt zwar, er würde es während des Unterrichts nicht aus der Tasche holen, aber ich möchte es doch nicht gern. Habt Ihr das früher auch so gemacht?
Ich will nachher noch etwas nähen. Es geht eben immer wieder etwas entzwei. Mit der Maschine ist der Schaden ja schnell behoben.
Jörg ist draußen beim Schlittenfahren, während Helga neben mir sitzt und liest. Ihr tut das Knie immer noch weh, da kann sie noch nicht richtig rum rennen.
Für die gesandte Seife möchte ich Dir auch noch danken. Ich freue mich sehr darüber. Da habe ich ja schön Vorrat da und kann richtig waschen. Du bist eben ein lieber Kerl, daß Du auch dafür sorgst.
Nun wird es wieder Zeit, daß ich schließe, wenn der Brief noch rechtzeitig fort kommen soll.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                               Konstanz, 22.1.42

Bei uns hört der Winter doch nicht gleich auf. Es ist heute noch kälter geworden, denk mal 15 Grad Kälte. Das ist doch ziemlich viel. Wenn es bei Euch auch so kalt ist, wirst Du ja ziemlich frieren müssen. Wenn kein Krieg wäre, wäre es ja nicht so schlimm, wenn die Kälte anhält. Es könnten dann eher Kohlen ran geschafft werden. Aber jetzt wünschte man sich etwas wärmeres Wetter. Wir wollten heute eigentlich zum Zahnarzt gehen, um die Zähne nachsehen zu lassen. Aber jetzt schieben wir`s noch ein paar Tage  hinaus. Vielleicht kommen ein paar mildere Tage.
Jörg hat heute seinen endgültigen Stundenplan bekommen. Montag, Dienstag, Donnerstag, hat er von 11 - 1/2 1, an den anderen Tagen von 10 - 1/2 1 Uhr Schule. Helga hat ihren Stundenplan noch nicht erhalten. Es wird ihr von Tag zu Tag gesagt, wenn sie zur Schule kommen muß. Diese Woche war es meinst 8, 40 .
Unser Jörg ist doch ein Lauser. Heute kam er wieder später heim. Ich fragte ihn wo er denn wieder gewesen sei . Da kam es dann heraus, daß auf der Übungswiese der Soldaten ein Bunker ist. Unter der Erde, sicher auch zum üben. Der lockt natürlich die Buben an. Unserer muß natürlich immer dabei sein. Da klettern sie drin rum und spielen Soldaten. Heute brachte er eine 2-gablige Rute mit, das war ihr Scherenfernrohr. Außerdem mußte Jörg natürlich versuchen, auf dem Eis des Baches zu laufen, wobei er ein paar Mal eingebrochen ist. Einfach richtig von der Schule heimgehen, das bringt er gar nicht fertig.
Wir haben jetzt unser Vogelhäuschen wieder vorm Fenster.
Mal sehen, wie lange noch unser Futter reicht. Zu kaufen bekommt man ja jetzt keins.
Es wird immer viel besucht. Sogar eine Amsel war heute da und hielt das ganze Häuschen allein besetzt. Aber die haben wir weggejagt.
Vor kurzem kam übrigens Jörg einmal bitterlich weinend herein. Was war geschehen? Ein Hund hatte ihn in die Hose gebissen. Er war draußen mit dem Schlitten gerannt. Das hat den Hund scheinbar gereizt. Er ist hinterher und hat Jörg gepackt. Aber der war erschrocken. Im Fleisch war kein Biß, es war nur ein bißchen rot. Es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis sich Jörg beruhigt hatte.
Nun ist ja der Januar bald wieder vorbei. Ich bin wirklich gespannt, ob Du noch diesen Monat auf Urlaub kommen kannst. Wir meinen immer, Du würdest plötzlich da sein. Aber bis jetzt war unsere Hoffnung umsonst.
Das Paket an Papa habe ich soweit gepackt. Es fehlen nur noch die Tabakwaren. Evtl. schreibe ich extra eine Karte zum Geburtstag, denn ich glaube nicht, daß das Paket noch rechtzeitig ankommt.
Heute ist für mich mal einruhiger Tag. Das tut ganz gut. Ich kann mir bei meinen Arbeiten richtig Zeit nehmen.
Nun ist es wieder Zeit geworden zum Briefwegschaffen. Sei deshalb für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 275 vom 18./19./20.1.1942


Mein lieber, lieber Ernst!                                            Konstanz, 18.1.42                                        

Gleich 2 Briefe habe ich heute von Dir bekommen, vom 12. und 13.1. Ich danke Dir sehr dafür. Das war ein lieber Sonntagsgruß. Außerdem erhielt ich ein Seifenpäckchen mit 2 Stück schöner Seife. Du mußt entschuldigen, daß ich Dir die Nummer nicht schreiben kann. Ich habe tatsächlich vergessen, nach dieser zu sehen, ehe ich die Pappverpackung verbrannt. Ich habe sie nicht aufgehoben, da man doch nichts anderes damit verpacken kann. - Nun zu den Bildern von der Hochzeit. Alice ist auch wirklich sehr stark. Kommt Dir Dora alt vor? Ich habe das garnicht so gemerkt. Das kleine Mädchen auf dem Bild schaut auch sonst immer so bös drein. Ich habe sie nie anders gesehen. - Also, Du weißt auch noch nicht genau, wie es mit dem Urlaub wird. Da werde ich mich schon noch gedulden müssen, wie Du es ja auch mußt. - An meinen Vater schreibe ich ja jetzt öfter, damit er sich nicht so verlassen vorkommt. Das Päckchen zu seinem Geburtstag kannst du ja nun leider nicht mehr wegschicken, nachdem auch bei Euch Päckchensperre besteht. - Geschneit hat es also bei Euch auch. Da habt Ihr also auch vom Winter gespürt. Bei uns hat es ja seit längerer Zeit nicht mehr geschneit und es liegt auch nicht mehr viel Schnee. Aber kalt ist es immer noch, 7 Grad Kälte. Meine Arbeit hier schaffe ich schon noch. Bei anderen Frauen, die noch in die Fabrik gehen, muß es ja auch gehen. Die täglichen Arbeiten sind schon zu bewältigen, aber ich muß jetzt eben manches nachholen, was ich im Sommer infolge der Gartenarbeit liegen lassen mußte. Aber es wäre ja gelacht, wenn ich das nicht fertig bringen sollte. Von Papa bekamen wir heute ein Briefpäckchen mit den Abzeichen von Leipzig zum heutigen Sonntag. Sie haben einen ganzen kleinen Holzzug, während wir Abzeichen zum Anstecken haben. Wir haben uns darüber gefreut. Beifolgender Brief lag bei. Ich binn gespannt, was Papa noch weiter von den Erlebnissen von Siegfried schreibt. So einfach war die letzte Fahrt scheinbar nicht. - Die Kinder haben mich gebeten, noch ein Stück mir ihnen in den Wald zu gehen. Viel Lust habe ich ja wirklich nicht, aber ich will ihnen doch den Gefallen tun. Wir brauchen ja nicht lange zu bleiben. - Laß mich deshalb jetzt schließen und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                               Konstanz, 19.1.42

Wie ich Dir gestern schrieb, wollte ich am Nachmittag mit den Kindern in den Wald gehen. 1/4 4 sind wir gegangen. Wir haben den Schlitten mitgenommen und ich habe die Kinder streckenweise gezogen. 2 ml habe ich mich auch fahren lassen dürfen. Das hat ihnen Freude gemacht. Den Weg, kurz vorm Tabor, sind Beide einige Male runtergerodelt, aber man kam dann zuletzt auf einen Acker. Da stauchte es schlimm. Da haben wir uns einen abfallenden Weg gesucht und haben dort noch gerodelt. Zu lange konnten wir nicht bleiben, da es so kalt war. Heimzu habe ich dann die Kinder wieder gezogen. So waren wir im 6 Uhr wieder daheim. Da haben wir dann Kuchen und Pudding gegessen. Ab Abend kam Vater und brachte die Handschuhe für Kurt. Aber wir können sie nun doch nicht wegschicken, auch als einfaches Päckchen nicht. Ich habe mich heute noch deshalb erkundigt und will Kurt gleich kurz Bescheid geben. - Heute hat nun für die Kinder der Schulunterricht wieder begonnen. Helga bekommt eine neue Lehrerin, ein Frl. Fitz. Mal sehen, was das für eine ist. - Heute Nachmittag wollte ich mit den Kindern in die Stadt gehen. Als wir nun heute beim Mittagessen saßen, kam beim Stuttgarter Sender franz. Nachrichten. Helga springt auf, um etwas anderes zu stellen, rutscht aus und schlägt sich das Knie auf. Das hat ihr natürlich erst sehr weh getan. Darum hat sie sich ein bißchen hingelegt und ist nicht mitgegangen. So bin ich mit Jörg allein losmarschiert. Helga war zu hause sehr brav und hat Märchen gelesen. - Heute schneit es wieder den ganzen Tag. Die Kälte hat um ca. 2 Grad nachgelassen. Wenn noch die ganze Nacht Schnee fällt, haben die Kinder wieder eine schöne Schlittenbahn. - Für Jörg war heute das wichtigste Ereignis die Flaggenhießung. Davon erzählt er immer. Und auf seine Mütze ist er stolz, Er hat doch schon so lange die Ledermütze. Die haben heute seine Klassenkameraden bewundert. Jetzt setzt er sie nochmal so gern auf. - Ich bringe nun den Brief schnell fort, dann müssen unsere Laufer ins Bett, es ist gleich um 8. - Sei nun wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                                 Konstanz, 20.1.42

Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 15.1. mit den Zeitungen und dem Heft. Ich danke Dir sehr dafür.- Ihr dürft also wieder Päckchen schicken. Vielleicht kommen die Sachen für Papa noch rechtzeitig an. Ich werde sie dann gleich zusammen mit etwas Gebäck an ihn abschicken. - Den ersten Brief vom 15. mit dem Durchschlag vom Brief an Siegfried habe ich noch nicht erhalten. Der kommt sicher auch bald. - Von Kurt kam ein Brief. Er fragt darin an, ob sein Feldstecher richtig angekommen ist. Außerdem teilt er mit, daß er 3 Päckchen abgeschickt hat, mit Sachen, die ihm im Wege sind. Wir und Vater könnten die Sachen mit verwenden. Um was für SAchen es sich handelt, weiß ich nicht. Er bittet mich noch, ihm, wenn möglich, Papiertaschentücher zu schicken. Ich will mal in der Stadt  nachfragen, ob es die noch gibt.  Jetzt kann ich sie ja sowieso noch nicht schicken, ebenso wie die Handschuhe. Vielleicht dauert die Sperre nicht mehr zu lange. - Heute Nacht hat es noch ziemlich geschneit, ca. 20 cm Neuschnee hatte es heute früh. Da Helga von gestern, wo sie hingefallen war, noch ziemlich humpelte, habe ich heute Morgen gleich alle Beide auf den Schlitten gepackt und in die Schule gefahren. Sie waren mir deshalb nicht böse. Als ich heim kam, habe ich den Schnee weggekehrt. Das hat mir direkt Freude gemacht, in der frischen Luft zu schaffen. Hinterher war`s mir direkt heiß. - Gestern Abend habe ich Jörg`s Schuhe genäht. Ein Stück der Naht war aufgegangen. Ich habe ja jetzt richtiges Schuh-Nähzeug. Ich hatte es mir doch auf der Messe gekauft. Auch Helga`s Schulranzen mußte ich nähen. Auch da war die Naht aufgegangen. Außerdem habe ich an meine Einkaufstasche Holzgriffe genäht, da die anderen Griffe so abgegriffen waren und so aufsgefranztes Zeug ja unordentlich aussieht. šber all dieser Arbeit ist der Abend schnell vergangen und es war fast 12 Uhr, als ich ins Bett kam. - Nachher will ich für Papa noch das Gebäck backen und heute Abend habe ich noch zu stopfen So geht ein Tag  nach dem anderen herum. - Helga hat es jetzt doch nicht in der Wohnung gelitten. Der Schnee lockt gar so sehr. Sie humpelt zwar noch, aber sie will doch sehen, ob sie nicht fahren kann. Es ist ja auch ganz gut, wenn das Knie bewegt wird. - Jörg, der kleine freche Kerl, hat sich auf dem kleinen Buckel vorm Haus, wo sie immer runterfahren, eine Schleiferbahn angelegt und schusselt immer runter. Sogar das äHäfeleä (schuffeln in Hockstellung) kann er schon und ist nicht wenig stolz darauf. Er sieht übrigens schon wieder schön aus, von oben bis unten voll Schnee. - Heute brachte Jörg den neuen Stundenplan mit. Er hat jeden Tag, auch Samstag, von 11 - 1/2 1 Uhr Schule. Wahrscheinlich bekommt er auch eine neue Lehrerin. Es wird sicher so sein, daß die elsäßischen Lehrerinnen wieder nach dem Elsaß kommen. - Ende Januar oder Anfang Februar, bekommen die Kinder auch ihre Zeugnisse. Zu Ostern gibt es ja keine mehr, erst wieder im Herbst. - Nun laß mich wieder schließen und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Montag, 16. Januar 2017

Brief 274 vom 16./17.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                        Konstanz, 16.1.42                                            

Einen Brief habe ich heute von Dir nicht bekommen. Beantworten kann ich also nichts, aber ich habe Dir so verschiedenes zu erzählen.
Ich schrieb Dir ja schon gestern daß ich am Nachmittag mit den Kindern in die Stadt gehen wollte. Das haben wir auch getan und dabei etwas Interessantes erlebt. Unten an der Rheinbrücke beim Neptun stand ein Zelt. Dabei und oben auf der Brücke standen Leute. Wir sind auch an den Rhein runter gegangen und haben geschaut, was los war. Da war in dem Zelt eine Pumpe, an der immer 2 Soldaten pumpten. Wir wußten erst gar nicht, was das bedeuten sollte. Auf einmal kam aus dem Rhein ein Taucher herauf mit einem Schweißbrenner und einem großen Stück Eisen. Inzwischen hatte sich ein anderer fertig gemacht und ging nun runter. Man sah an den Blsen von dem Schweißbrenner, wo der Taucher arbeitet. Von 2 Booten im Rhein aus arbeiteten noch 2 Taucher. Das war wirklich einmal interessant. Wie mir Helga sagte, hat sie immer gemeint, Taucher gäbe es gar nicht richtig, sonder nur in Witzblättern. Natürlich waren nicht nur die 2 Soldaten im Zelt da, sondern einer stand immer unten an einem Steg und paßte auf und einige standen in einem Gummiboot zwischen dem Ufer und den Booten umher. Wir haben fast eine Stunde da gestanden. Am interessantesten war es immer, wenn der Taucher auftauchte oder wieder runter ging. Er kam nämlich öfter und ließ den Brenner wieder richten oder neu einstellen. Das weiß ich nun nicht genau. Jedenfalls haben wir mal was Neues gesehen.
Jörg hat beim Walter Leimenstoll so Papierhäuser, aus einem Modellierbogen gefertigt, gesehen. Da hat er mich immer um solch einen Bogen gebeten. Da sie ja sonst kein Geld zum Naschen bekommen, habe ich ihm diesen Wunsch erfüllt und wir haben das Haus des Führers in Berchtesgaden gekauft. Nun kann Jörg ja noch nicht alles ausschneiden und kleben. Da hat er nun heute so gebettelt, bis ich ihm mitgeholfen habe. Dabei ist der ganze Vormittag und ein Teil des Nachmittags drauf gegangen. Nun steht aber das Haus stolz da.
Helga war nun traurig, daß sie nichts bekam. Da habe ich ihr das gleiche Geld gegeben, damit sie sich kaufen kann, was sie mag. Da ist sie heute Nachmittag heimgekommen und hat ihre Herrlichkeiten ausgebreitet: Einen schönen Kreisel, 1 Puppenmützchen, 1 Topf für ihre Puppenküche und 1 Karte für Jörg. Es waren 40 Pfennig. Nun ist mal wieder Schluß.
Wie Helga gerade sagte, arbeiten heute sogar 4 Taucher. Sie hat eine Weile zugesehen.
Heute früh sind uns alle 4 Zeitungen von der Haustür gestohlen worden. Wir sind extra noch mal zu der Zeitungsfrau gegangen. Sie hatte sie gebracht und alle waren weg. Das ist doch allerhand, nicht wahr? Bei Büsings haben wir ja nicht gefragt, aber ich denken nicht, daß sie sie gestohlen haben.
Nun laß mich für heute schließen. Wie habe alle festen Hunger. Ich will das Abendbrot richten.
Das Holzdöschen für Erna habe ich gestern bekommen. Ich schrieb Dir ja davon.
Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                                         Konstanz, 17.1.42

Heute kam Dein lieber Brief vom 11.1. Ich danke Dir sehr dafür. Außerdem kamen die Päckchen 6 und 8 mit Seife, Mehl und Zucker. Über die haben wir uns auch sehr gefreut. Es ist alles gut angekommen. Von dem Zucker haben wir erst alle mal ein Stück probiert. Wir mußten doch feststellen, ob er schmeckt. Die Probe ist zu unserer Zufriedenheit ausgefallen. Das kannst Du glauben.
So windig wie bei Euch ist es bei uns nicht, nur kalt, heute auch wieder 8 Grad. Wenn ich mit dem Rad fahre, ziehe ich jetzt meist die hohen, schweren Schuhe an, damit ich nicht vollkommen Eisfüße bekomme. Ich bin immer wieder um diese Schuhe froh.
Na weißt Du, so nobel sind ja die Behelfsski nicht, die ich den Kindern gemacht habe. Prima würdest Du dich da machen, wenn Du damit fahren würdest. Ich würde mich halb tot lachen. Darauf wollen wir es lieber nicht ankommen lassen.
Auf den Radioapparat freue ich mich wirklich schon. Aber noch viel mehr freue ich mich auf Dich, wenn Du auf Urlaub kommst. Kommst Du bald?
Von Kurt erhielt ich heute eine Karte. Wir sollen ihm seine Fausthandschuhe mit Segeltuchüberhandschuhe zuschicken. Heute geht es ja nicht mehr, da Vater diese erst noch raussuchen muß. Ich weiß auch gar nicht, ob wir sie überhaupt schicken können, da doch Päckchensperre ist. Wahrscheinlich kommt Vater heute rauf, da will ich mal mit ihm reden.
Viel mehr habe ich heute nicht zu berichten, denn ich habe heute nur die übliche Samstagsarbeit getan, gebacken usw. Das ist nicht so interessant. Laß mich darum schon schließen und nimm mit dem kurzen Brief vorlieb.
Sei vielmals recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 273 vom 15.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                         15.1.42            
                                         
Gerade vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 10.1. für den ich Dir recht herzlich danke.
Ihr bekommt jetzt also dort auch Winterwetter. Bei uns hält es auch noch an. Es ist nicht gerade angenehm, wenn man frieren muß, aber doch besser, als nasses Wetter.
Du hast nun Stoff für ein Kleid für Helga besorgt. Über den Preis bin ich aber doch erschrocken. Für 23.- habe ich ja die 2 Kleider zu Weihnachten gekauft. Der Stoff wird wahrscheinlich sehr gut sein, aber das ist bei Helga, die ja sehr wächst und das Kleid sowieso nicht ganz abtragen kann, nicht so nötig. Besorge also bitte für Helga nichts mehr. Die Preise sind ja dort mächtig gestiegen. Da bekommen wir es hier ja sogar billiger.
Die Schießerei hat Jörg ja jetzt eingestellt, aber, wie ich jetzt gesehen habe, aus eigenem Antrieb. Er hat sich in seinem Regal auch noch 4 Schachteln reserviert, damit er später noch was hat.
Ich glaube, dort wissen sie jetzt auch, was für Preise sie verlangen sollen, wenn die Schokolade so sehr teuer gewesen ist. Gefreut haben wir uns ja sehr darüber, darum sollst Du die Ausgabe nicht bereuen. Du brauchst ja keine mehr kaufen, wenn es so teuer ist. Aber ich glaube, das ist ein unnötiger Rat, denn es war ja sowieso noch eine Seltenheit, daß Du welche bekommen hast.
Über den Pudding freue ich mich immer wieder sehr. Wir essen ihn ja alle gern. Nun kann ich ja nicht zu jeder Mahlzeit Fleisch kaufen, da  würden die Marken gar nicht ausreichen. Gemüse gibt es aber jetzt im Winter nicht viel. Wenn es nun mal Kartoffelbrei und Soße gibt(übrigens ein Lieblingsessen der Kinder) mache ich noch einen Pudding dazu. Das ist ja auch nahrhaft.
Anstellen auf dem Markt fast eine 3/4 Stunde wegen einem Weißkraut, das brauche ich ja nun auch nicht. Wir haben ja noch etwas Grünkohl im Garten. Mohrrüben habe ich auch ein paar, sowie Rote Rüben. Rotkraut hängen noch ein paar im Keller und Sauerkraut habe ich auch eingemacht. Da freut man sich immer wieder darüber. Ein paar Beutel mit weißen Bohnen habe ich ja auch noch da hängen. Ich koche davon jetzt auch ab und zu und sie schmecken ganz gut.
Du hast recht, ich bin auch so froh, daß ich keinen Verkehr mit der Frau angefangen habe. Man lernt erst nach und nach die Leute kennen. Die Frau kann sehr rachgierig sein. Wir hatten ihr doch damals geraten, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber nein, zuerst hat sie jedem, bald bis zum Vetter hinten, von dem Krach erzählt. Da haben mich schon die Leute, die mich kennen, angehalten und gefragt, was denn bei uns da los sein. Da hätte ihnen eine Frau was erzählt, daß ihr jemand ein paar runtergehauen hätte. Nicht mal den Namen wußten die Leute. Da geht es ihnen doch gar nichts an. Da hat aber Frau Büsing immer gesagt „Alle Leute sollen es wissen, was die Frau für eine gemeine und ordinäre Person ist, wo die war, war ich noch lange nicht.“ Dabei hat sie sich die gespreizten Finger wie ein Gitter vor das Gesicht gehalten. Aber lassen wir sie toben. Ich bin froh, wenn ich für mich bin. Ich irre mich nicht, wenn ich geschrieben habe, ich will Erna was zum Geburtstag schenken. Ich habe doch an Siegfried geschrieben (den Durchschlag habe ich Dir geschickt), daß ich an Erna zu Papas Geburtstag nachträglich was mitschicke, da ich Erna`s Geburtstag (18.12.) erst nachträglich erfahren habe. Ich habe in der Stadt was gesehen, eine schöne kleine Holzschale mit Deckel, die man zu allerhand gebrauchen kann. Mal sehen, ob sie noch zu haben ist. Erna hat mir doch zu Weihnachten eine schöne Glasschale geschenkt. Ich möchte mir nichts schenken lassen, ohne daß ich auch meinerseits zusehe, eine Freude zu machen.
Wenn Du einige Sachen  für Papa hast, so bin ich Dir sehr dankbar. Denn ich weiß tatsächlich nicht, was ich ihm schenken soll. Eine Raucherkarte habe ich ja nicht und ohne die bekommt man ja nichts. Das einzige ist, daß ich noch etwas backe.
Es tut mir heute fast leid, daß ich Dir gestern geschrieben habe, daß die Kinder nicht immer brav sind. Aber Du hattest mich ja danach gefragt und anlügen kann ich Dich nicht. Aber wenn man sich auch öfter ärgern muß, so sind es doch auch wieder liebe Kerle, an denen man Freude hat. Und Kinder, die immer brav sind, gibt es ja nicht. Gerade, wo Du jetzt fort bist, bin ich doch auch froh, daß ich die Lauser da habe.
Gestern habe ich wieder mal genäht. Ich habe von Mama`s Unterwäsche verschiedenes für mich hergerichtet. Es ist doch immer schön, wenn man eine Maschine hat. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich anfangen müßte, wenn ich keine da hätte. Das war ja auch mit unsere erste Anschaffung und die hat sich schon oft gelohnt. Meinst Du nicht auch?
Kann Dir Siegfried nicht das Geld direkt hinschicken. Er hat doch, soviel ich weiß, Wehrmachtsgeld wie Du. Dürfte er das nicht im Brief schicken?
Nun laß mich wieder schließen. Ich will nun das Mittagessen fertig machen und heute Nachmittag gehe ich mit den Kindern in die Stadt.
Sei nur wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.