Montag, 16. Januar 2017

Brief 273 vom 15.1.1942


Mein liebster Ernst!                                                                                         15.1.42            
                                         
Gerade vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 10.1. für den ich Dir recht herzlich danke.
Ihr bekommt jetzt also dort auch Winterwetter. Bei uns hält es auch noch an. Es ist nicht gerade angenehm, wenn man frieren muß, aber doch besser, als nasses Wetter.
Du hast nun Stoff für ein Kleid für Helga besorgt. Über den Preis bin ich aber doch erschrocken. Für 23.- habe ich ja die 2 Kleider zu Weihnachten gekauft. Der Stoff wird wahrscheinlich sehr gut sein, aber das ist bei Helga, die ja sehr wächst und das Kleid sowieso nicht ganz abtragen kann, nicht so nötig. Besorge also bitte für Helga nichts mehr. Die Preise sind ja dort mächtig gestiegen. Da bekommen wir es hier ja sogar billiger.
Die Schießerei hat Jörg ja jetzt eingestellt, aber, wie ich jetzt gesehen habe, aus eigenem Antrieb. Er hat sich in seinem Regal auch noch 4 Schachteln reserviert, damit er später noch was hat.
Ich glaube, dort wissen sie jetzt auch, was für Preise sie verlangen sollen, wenn die Schokolade so sehr teuer gewesen ist. Gefreut haben wir uns ja sehr darüber, darum sollst Du die Ausgabe nicht bereuen. Du brauchst ja keine mehr kaufen, wenn es so teuer ist. Aber ich glaube, das ist ein unnötiger Rat, denn es war ja sowieso noch eine Seltenheit, daß Du welche bekommen hast.
Über den Pudding freue ich mich immer wieder sehr. Wir essen ihn ja alle gern. Nun kann ich ja nicht zu jeder Mahlzeit Fleisch kaufen, da  würden die Marken gar nicht ausreichen. Gemüse gibt es aber jetzt im Winter nicht viel. Wenn es nun mal Kartoffelbrei und Soße gibt(übrigens ein Lieblingsessen der Kinder) mache ich noch einen Pudding dazu. Das ist ja auch nahrhaft.
Anstellen auf dem Markt fast eine 3/4 Stunde wegen einem Weißkraut, das brauche ich ja nun auch nicht. Wir haben ja noch etwas Grünkohl im Garten. Mohrrüben habe ich auch ein paar, sowie Rote Rüben. Rotkraut hängen noch ein paar im Keller und Sauerkraut habe ich auch eingemacht. Da freut man sich immer wieder darüber. Ein paar Beutel mit weißen Bohnen habe ich ja auch noch da hängen. Ich koche davon jetzt auch ab und zu und sie schmecken ganz gut.
Du hast recht, ich bin auch so froh, daß ich keinen Verkehr mit der Frau angefangen habe. Man lernt erst nach und nach die Leute kennen. Die Frau kann sehr rachgierig sein. Wir hatten ihr doch damals geraten, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber nein, zuerst hat sie jedem, bald bis zum Vetter hinten, von dem Krach erzählt. Da haben mich schon die Leute, die mich kennen, angehalten und gefragt, was denn bei uns da los sein. Da hätte ihnen eine Frau was erzählt, daß ihr jemand ein paar runtergehauen hätte. Nicht mal den Namen wußten die Leute. Da geht es ihnen doch gar nichts an. Da hat aber Frau Büsing immer gesagt „Alle Leute sollen es wissen, was die Frau für eine gemeine und ordinäre Person ist, wo die war, war ich noch lange nicht.“ Dabei hat sie sich die gespreizten Finger wie ein Gitter vor das Gesicht gehalten. Aber lassen wir sie toben. Ich bin froh, wenn ich für mich bin. Ich irre mich nicht, wenn ich geschrieben habe, ich will Erna was zum Geburtstag schenken. Ich habe doch an Siegfried geschrieben (den Durchschlag habe ich Dir geschickt), daß ich an Erna zu Papas Geburtstag nachträglich was mitschicke, da ich Erna`s Geburtstag (18.12.) erst nachträglich erfahren habe. Ich habe in der Stadt was gesehen, eine schöne kleine Holzschale mit Deckel, die man zu allerhand gebrauchen kann. Mal sehen, ob sie noch zu haben ist. Erna hat mir doch zu Weihnachten eine schöne Glasschale geschenkt. Ich möchte mir nichts schenken lassen, ohne daß ich auch meinerseits zusehe, eine Freude zu machen.
Wenn Du einige Sachen  für Papa hast, so bin ich Dir sehr dankbar. Denn ich weiß tatsächlich nicht, was ich ihm schenken soll. Eine Raucherkarte habe ich ja nicht und ohne die bekommt man ja nichts. Das einzige ist, daß ich noch etwas backe.
Es tut mir heute fast leid, daß ich Dir gestern geschrieben habe, daß die Kinder nicht immer brav sind. Aber Du hattest mich ja danach gefragt und anlügen kann ich Dich nicht. Aber wenn man sich auch öfter ärgern muß, so sind es doch auch wieder liebe Kerle, an denen man Freude hat. Und Kinder, die immer brav sind, gibt es ja nicht. Gerade, wo Du jetzt fort bist, bin ich doch auch froh, daß ich die Lauser da habe.
Gestern habe ich wieder mal genäht. Ich habe von Mama`s Unterwäsche verschiedenes für mich hergerichtet. Es ist doch immer schön, wenn man eine Maschine hat. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich anfangen müßte, wenn ich keine da hätte. Das war ja auch mit unsere erste Anschaffung und die hat sich schon oft gelohnt. Meinst Du nicht auch?
Kann Dir Siegfried nicht das Geld direkt hinschicken. Er hat doch, soviel ich weiß, Wehrmachtsgeld wie Du. Dürfte er das nicht im Brief schicken?
Nun laß mich wieder schließen. Ich will nun das Mittagessen fertig machen und heute Nachmittag gehe ich mit den Kindern in die Stadt.
Sei nur wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.


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