Freitag, 5. August 2016

Brief 201 vom 9.8.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Leipzig, den 9.8.41                                                                             

Gestern, gerade als ich fortgehen wollte, bekam ich Deinen lieben Brief vom 5./6.8. Ich danke Dir recht sehr dafür.
Du hast recht, das gefällt meinem Vater, wenn er den Kindern erzählen kann. Die Kinder sitzen auch jeden Abend gleich auf dem Sofa und warten, bis Papa erzählt.
Vom Eis essen sind Beide wirklich große Gegner. Darum vertilgen sie so viel als möglich. Vorhin sind wir gerade wieder alle fortgewesen und haben uns für 10 Pfg. Eis gekauft. Den Eltern haben wir auch welches mitgebracht. Mit meinem Geld komme ich schon aus. Übrig habe ich natürlich auch nichts mehr. Aber das ist ja nicht so schlimm. Das Wirtschaftsgeld für nächste Woche habe ich natürlich noch, das habe ich nicht verbraucht.
Siegfried ist schon wieder fortgefahren. Sein Zug wird jetzt wahrscheinlich in Krakau abgestellt. Da bekommt er ja auch nicht gleich wieder Urlaub.
An Frau Diez schreibe ich noch eine Karte.  So sieht sie wenigstens, daß wir uns nicht bedanken konnten, wenn sie ja ein Päckchen geschickt hat. Sie wollte Jörg zum Geburtstag einen Schieferkasten schenken.
Du hast ja jetzt viel Arbeit. Ich bitte Dich auch wieder, überschaffe Dich nicht.
Ich bin froh, daß wir uns wieder einmal richtig über alles aussprechen können, wenn Du auf Urlaub kommst. Es gibt ja so viel zu erzählen. Beim schreiben kann man doch immer nur das Notwendige schreiben.
Von gestern möchte ich Dir auch noch berichten. Ich bin gestern in die Stadt gefahren. Erst bin ich erst auf den Bahnhof gegangen und habe mich wegen einer Zulassungskarte erkundigt, ich brauche aber für meine Reise nach Konstanz keine. Hinterher bin ich auf den Augustusplatz gegangen und habe auf Alice gewartet. Auf einmal kam auch Erna, die gerade in der Stadt zu tun hatte und wartete mit, bis Alice kam. Danach sind wir zuerst in ein Cafe gegangen und haben Torte und Eis gegessen. Hinterher sind wir einkaufen gegangen. Ich hatte mir eine Butterdose gewünscht. Wir sind überall herumgerannt, haben aber keine bekommen können, ebenso keine Konfektdose, die ich mir von Erna gewünscht hatte, da sie mir unbedingt etwas schenken wollte. Zuletzt fanden wir eine aus Porzellan zu 11,-Mk. Die wollte Erna kaufen. Ich habe es ihr aber abgeredet und habe ihr gesagt, wenn sie schon einige Mark ausgeben wollte, so wäre es mit lieber, sie kaufte mir einen Holzteller. Die sind nicht so teuer und gefallen mir wirklich gut. Alice, Erna und ich sind dann in ein Spezialgeschäft gegangen, die nur Sachen aus Holz haben und da haben mir beide je einen Holzteller gekauft. Der eine kostet 5,- der andere 3,50 Mk. Sie gefallen mir sehr gut. Heute brachte mit Erna nun auch noch eine Butterdose, die sie nach längerem Herumlaufen noch bekommen hat. Also ich bin doch wirklich reichlich beschenkt worden. Für Helga brachte Erna heute noch eine silberne Kette mit Anhänger mit. Nun bringt Helga also von dieser Reise 2 Ketten mit.
Gestern sagte Jörg „Helga, ich muß Dir unbedingt etwas von meinem Geld kaufen.“ Sie sind dann beide fortgegangen und brachten für Helga ein Armband an. Es besteht aus lauter bunten Herzen und sieht wirklich nicht schlecht aus. Es hat 30 Pfg. gekostet. Das ist doch ein lieber Bruder, nicht wahr?
Heute habe ich schon einen Koffer fertig gepackt. Den anderen kann ich noch nicht fertig machen, da wir ja noch verschiedene Sachen anhaben.
Am Morgen habe ich 2 Kuchen gebacken. Einen haben wir heute Nachmittag gegessen, als Erna kam, den anderen essen wir morgen. Ich habe heute für Mama auch noch einen Rock genäht. Frau Junghanns hat ihn vor ein paar Jahren genäht und hat ihn so vermurxt, daß Mama ihn gar nicht mehr tragen konnte. Sie sah darin rund aus und der ganze Rock saß einfach nicht. Ich habe ihn nun noch einmal ganz aufgetrennt und habe ihn richtig genäht. Mama ist froh, daß auch das in Ordnung ist. Ich freue mich natürlich auch, daß mir alles so gut gelungen ist. Am Nachmittag kam Erna. Sie hat gleich einen Trainingsanzug für Siegfried ausgebessert, während ich genäht habe. Hinterher haben wir Kuchen gegessen und nachdem sind wir zum Milch holen gegangen. Nun habe ich mich zum schreiben hingesetzt, während die Kinder mit Papa ein Flohspiel spielen. Erna sitzt mit Mama auf dem Sofa. Nachher wollen wir noch Abendbrot essen. Papa muß noch auf Nachtwache ins Geschäft.
Nun will ich schließen. Es ist schon 1/4 8 Uhr. Da kommt der Brief gerade noch 3/4 8 mit fort. Sei für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Ich habe heute auch eine Karte von Dora bekommen. Sie schreibt, daß sie leider nicht nach Leipzig kommen kann, da sie ihre Mutter nicht allein lassen möchte, da sie ja auch älter geworden sei. Außerdem habe sie die Stelle Mutter und Kind und habe viel Arbeit. Sie hofft, daß sie uns nach dem Kriege wieder einmal besuchen kann.

Brief 200 vom 6./8.8.1941


Mein liebster Ernst!                                                                        den 6. Aug.1941                                        

Einen Brief habe ich heute nicht von Dir erhalten und zu berichten habe ich eigentlich auch nicht viel, aber einen kurzen Gruß sollst Du doch wenigstens von mir erhalten.
Es ist heute ziemlich trübes Wetter, es regnet auch manchmal und außerdem ist es kühl, da ein ziemlich starker Wind weht. Wir sind daher heute den ganzen Tag daheim. Am Morgen waren wir nur fort zum einkaufen. Das Ausruhen tut mit aber auch ganz gut. Nach dem Mittagessen haben wir heute alle ein bißchen geschlafen. Hinterher haben wir gleich wieder Brötchen zum Nachmittag gegessen. Jetzt kocht Mama gerade Grießpudding zum Abendbrot und ich muß nachher noch zum Gut um Vollmilch zu holen. Dann ist dieser Tag auch bald wieder vorbei.
Nun sind ja die Ferien bald vorbei. Daß ich durch den Aufenthalt in Leipzig ganz gesund geworden bin, kann ich natürlich nicht sagen, denn soviel können 14 Tage nicht ausmachen. Aber ich habe doch einmal Abwechslung gehabt und wir sind ja auch wirklich sehr gut aufgenommen worden. Reuen tut mich das Geld nicht, das ich für die Reise ausgegeben habe. Ich bin auch wieder einmal mit fast allen Verwandten zusammengekommen. An Alice werde ich natürlich von jetzt an mehr schreiben, denn sie hat sich uns gegenüber sehr anständig gezeigt und ich habe gemerkt, daß ihr sehr viel daran liegt, mit uns in ein gutes Verhältnis zu kommen. Paul ist ja immer noch der gemütliche Kerl von früher. Er läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
Kennst Du eigentlich den Gerhard Wollin noch? Es war ein Freund von Siegfried und war auch bei der silbernen Hochzeit mit da, so ein blonder? Er war, soviel ich weiß, Bäcker? Der ist bei seinem ersten Einsatz als Beobachter in einem Flugzeug über England abgeschossen worden. Siegfried kann es manchmal gar nicht begreifen, daß er wirklich gefallen ist.
Während ich hier schreibe, hat es sich richtig eingeregnet. Ich werde da wohl allein zum Milch holen gehen. Die Kinder wollten Papa wieder von der Straßenbahn abholen, weil sie wissen, da gibt es immer 10 Pfg. Gestern haben sie zwar gleich für heute 10 Pfg. mitbekommen, da ist es für sie nicht so schlimm, wenn sie nicht gehen dürfen.
Gestern, als ich den Brief an Dich fortschaffte, traf ich gerade Papa. Ich mußte dann mit ihm und den Kindern gleich noch ein Stück mitgehen und bekam auch gleich ein Eis. Als wir auf dem Rückweg waren, sah ich in einem Geschäft so Fensterklammern, wie es sie  bei uns in Konstanz nicht gibt, weißt Du, damit das Fenster nicht zufliegen kann. Als ich den Wunsch äußerte, mir evtl. auch einige zu kaufen, holte Papa gleich 4 Stück, für jedes Fenster eins. Außerdem kaufte er mir gleich so eine moderne Brosche. Aus was für Metall sie ist, weiß ich nicht, glänzen tut sie wie Gold, ist aber natürlich keins. Ich trage sie mit für wochentags, für sonntags habe ich ja die echte silberne von Dir, die ja auch erheblich teurer war.
Jetzt wird es Zeit, daß ich mich auf die Beine mache, sonst muß ich mich auf dem Gut zu lange anstellen. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                              Leipzig 8.8.41

Nachdem ich gestern nicht dazu gekommen bin, Dir einen Brief zu schreiben, sondern es bei einer Karte geblieben war, sollst Du doch wenigstens heute wieder einen bekommen. Ich schreibe gleich heute Mittag und weiß nicht, ob vielleicht heute Nachmittag noch ein Brief von Dir kommt. Heute Morgen habe ich nichts bekommen.
Gestern  Vormittag waren wir, wie Du aus den gestrigen Karten gesehen hast, im Zoo. Es war wirklich noch einmal schön. Wir haben uns die Sachen, die uns besonders interessiert haben, gründlich angesehen. Die kleinen Bären und die Affen haben durch ihr Raufen und ihr Springen viel Freude gemacht, ebenso die kleinen Tiger. Die Hyänen sind ekelhafte Tiere, auch schon, wenn sie klein sind. Gerade gestern war es besonders interessant. Als der Wärter beim Käfig vorbei kam, zogen sie sich so schleichend zurück, nicht wie die anderen Tiere, daß sie zurückspringen, nein, sie sind direkt geschlichen und als der Wärter ihnen den Rücken zuwandte, sprangen sie gleich wieder vor ans Gitter und beobachteten ihn. Die jungen Tiger und Bären sind ganz anders. Die lassen sich beim spielen gar nicht stören und tollen herum wie die Kinder. Interessant war mir auch, daß sich die Hyänen direkt gegenseitig anfressen. Jedes Tier hat da blutende Wunden am Körper, den einen haben sie sogar den ganzen Schwanz und ein Stück vom Hinterteil abgefressen. Es sah ekelhaft aus.
Die Papageien haben wir auch besucht. Der eine sagte immer „Habt ihr was dabei?“ Wir haben erst ein paar Mal zuhören müssen, bis wir es verstanden haben. Nach uns kamen noch 2 Leute, denen hat er sein Sprüchchen auch gesagt. Als sie nun wieder weggingen, ohne daß er etwas bekommen hat, stellte er die Federn ganz steil in die Höhe und schrie und kreischte, daß sich die Kinder direkt gefürchtet haben. Als die Leute draußen waren, beruhigte er sich wieder und fing wieder an zu sprechen. Als wir dann raus gingen, natürlich auch ohne ihm was zu geben, ging derselbe Krach von vorn los.
Um 9 Uhr sind wir gestern Morgen fortgegangen und um 1 waren wir wieder zuhause. Wir haben dann Mittagessen gegessen. Es gab ein Lieblingsessen der Kinder, Wickelkraut. Am Nachmittag habe ich dann für Mama 2 Kleider geändert. Mit einem bin ich gestern fertig geworden. Das andere habe ich heute Morgen fertig gemacht. Mama freut sich, daß ich es ihr habe machen können, da sie jetzt für Änderungen schlecht jemand bekommt.
Heute Nachmittag gehe ich schon um 3 fort und erkundige mich, ehe ich mich mit Alice treffe, auf der Bahn nach der Zulassungskarte. Wo und wann ich sie mir besorgen muß. Daß ich dann nicht am Dienstag da stehe und kann nicht fahren. Ich habe heute schon ein bißchen mit dem einpacken begonnen. Alles kann ich nicht fortbringen. Das schicken wir dann mit der Post.
An Vater habe ich heute noch eine Karte geschrieben. Ich habe ihm mitgeteilt, wenn wir kommen und habe ich gebeten, er möchte uns ein Brot besorgen, wenn er wieder laufen kann, damit wir am Mittwochmorgen etwas zu essen haben. Ich weiß ja gar nicht, wie es ihm geht, da er ja nicht geschrieben  hat. Er sagte mir ja ehe wir fortfuhren, daß er nicht schreibt, wenn es ihm gut geht.
Papa muß jetzt den Kindern jeden Tag  aus seiner Jugend erzählen. Als er gestern sagte, daß sein Vater fest hat zuhauen können, sagte Helga wieder „Das kannst Du auch, Mutterle hat es uns ja gesagt, wo Du sie einmal so fest gehauen hast!“ Papa konnte sich ja nicht mehr erinnern, schon vor ein paar Tagen glaubte er es nicht, als Helga es sagte, aber Mama hat es bestätigt. Da war Papa erst eine ganze Weile still und dann meinte er „Man hat es eben auch gut gemeint, damit die Kinder gut werden und man war eben vom Krieg auch nervös geworden, so daß man rascher aufgebraust ist.“ Ich habe ja lachen müssen, denn nach über 20 Jahren braucht er sich ja wirklich nicht mehr deshalb entschuldigen. Aber es reut ihn ein bißchen, daß er damals so fest zugehauen hat, während ich ja nichts mehr davon spüre und es ihm ja schließlich auch nicht nachtrage.
Heute weiß ich eigentlich gar nichts mehr zu schreiben. Ich hoffe, daß Du auch mit einem kürzeren Brief zufrieden bist. Schön wird es ja, wenn ich erst wieder richtig mit Dir reden kann, wenn Du wieder Urlaub hast.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 199 vom 5.8.1941


Mein liebster Ernst!                                                              Leipzig, den 5.August 1941                                         

Heute habe ich gleich 2 Briefe zu beantworten, den vom 1.8., den ich gestern Nachmittag erhielt und den vom 2.8. der heute Morgen ankam. Ich danke Dir für Beide sehr.
In Leipzig gefällt es mir wirklich ganz gut. Ich habe eben doch manche freie Zeit, wenn ich auch nicht die ganze Zeit faulenze. Man hat auch wieder einmal andere Eindrücke gehabt und brauchte sich nicht im Haus herumärgern. Am 12. werden wir wieder nach Konstanz fahren. Am Sonntag darauf fahren dann meine Eltern nach Kamnitz.
Nun wegen der Schokolade. Ich habe natürlich meiner Mutter nichts davon gesagt, daß Du uns schon so viel Schokolade geschickt hast, sonder es war nur von einigen Tafeln die Rede und meine Mutter meint natürlich auch nicht, daß Du eine ganze Portion schicken sollst. Meinem Vater habe ich überhaupt noch nichts davon gesagt. Er weiß auch noch nicht, daß wir wegen Schokolade bei Dir angefragt haben. Ich verstehe das vollkommen, daß Du erst für mich sorgen willst, darum habe ich auch nur bei Dir angefragt, denn Du sollst nun nicht etwa herumsausen müssen, nur um Schokolade zu besorgen. Am Freitag über 8 Tage bekomme ich ja Geld und schicke Dir dann gleich welches. Von meiner Mutter würdest Du es gleich bekommen, wenn Du etwas schicken würdest. Es ist ja ganz fein, wenn Du von dem Konstanzer seinen Wagen zur Verfügung gestellt bekommst. Was bekleidet er dort für eine Stelle? Daß Dir der Abend nichts gekostet hat, darüber wirst Du sicher auch nicht böse gewesen sein, wenn Du auch nicht unter dieser Voraussatzung Dich mit dem Mann getroffen hast. Ihm kostet es ja auch nichts. Billiger geht es doch wirklich nicht.
Gestern Abend bin ich mit Siegfried in den Film „Auf Wiedersehen Franziska“ gegangen. Ich kann nur sagen, daß es mir wirklich sehr gut gefallen hat. Das hat man wirklich nicht bereuen müssen, hingegangen zu sein. Wir sind hinterher bis zum Königsplatz gelaufen und sind dann mit der 1 nach hause gefahren. Der Film wurde am Bayrischen Bahnhof gespielt.
Heute Morgen hatten wir ziemlich viel zu tun. Erst habe ich für Siegfried noch die Sachen gebügelt. Hinterher habe ich für mich noch etliches gewaschen. Nachher habe ich Kartoffeln für rohe Klöße gerieben. Da war der Mittag da. Heute Nachmittag ist es nun ruhiger. Siegfried ist vorhin gerade fortgefahren. Er mußte wieder nach Dresden zu seinem Zug. Jetzt kommt er voraussichtlich 4 Wochen nicht mehr heim.
Heute bleibe ich den restlichen Tag noch zuhause. Morgen wahrscheinlich auch. Am Donnerstag  soll ich mit den Kindern nochmals in den Zoo gehen. Am Freitagnachmittag bin ich noch einmal von Alice in die Stadt eingeladen. Am Samstag besucht uns Alice und Paul, damit wir alle zusammen uns ein bißchen unterhalten können. Am Sonntagvormittag wollen wir alle in die Wollkämmerei zu einem Film gehen, in dem auch die beiden letzten Wochenschauen gezeigt werden. Die Eltern meinten, es würde mich doch sicher interessieren, nach so langen Jahren wieder einmal meine frühere Arbeitsstätte zu sehen. Die Wollkämmerei selber ist ja viel schöner geworden. Wo früher hinter dem Haus altes Gerümpel lag, sind jetzt Bäume und Grünanlagen. Überall sind die Türen und Fenster modernisiert und die ganze Fabrik sieht überhaupt schöner aus. Am Montag werde ich noch alles fertig einpacken, damit wir am Dienstag früh wegfahren können. Heute habe ich von Siegfried noch eine sowjetische Gasmaskentasche geschenkt bekommen, die man gut zum einkaufen ans Rad machen kann. Sie sieht so ähnlich wie unser Brotbeutel  aus, nur breiter nach vorn und außerdem hat sie inwendig mehrere Taschen. Siegfried hat auch noch eine für sich. Sie ist nicht etwa gebraucht, sondern die Dinger waren noch mit den Gasmasken in Kisten verpackt. Eine Gasmaske hat Siegfried auch, die hat einen ganz langen Schlauch und kann als Gas- und Sauerstoffmaske verwendet werden. Aussehen tut das Ding ja ziemlich komisch.
Ich habe heute einmal probeweise eingepackt und habe gesehen, daß ich ein ganz Teil mit der Post schicken muß, sonst bekomme ich gar nicht alles mit. Da ist das große Spiel für Jörg, da sind die Decken von Tante Anna und auch noch einige Hemden, da sind die anderen Sachen von den Kindern, da sind Hefte zum lesen, da sind die Geschenke von Alice. Ach, ich weiß schon gar nicht mehr alles. Jedenfalls komme ich beladener wieder als ich gegangen bin.
Gestern habe ich an Dora geschrieben, daß ich zu Besuch in Leipzig bin und ob sie sich nicht ein paar Tage frei machen kann, um einmal hier her zu kommen, die Eltern würden sich sehr freuen. Ich werde ja sehen, was sie darauf antwortet.
Nun will ich für heute schließen. Sei Du, mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 198 vom 04.08.1941


Mein lieber Ernst!                                                             Leipzig, den 4. Aug.41                           

Heute habe ich Dir viel zu berichten. Vom Sonnabend will ich anfangen.
Am Nachmittag sind wir ins Variete gegangen. Es war wirklich wunderschön. Da hat man wieder großartige Leistungen gesehen. Schreiben kann man das alles gar nicht so. Das erzähle ich Dir, wenn Du auf Urlaub kommst.
In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag sind wir wieder einmal im Luftschutzkeller gewesen. Wieder eine Stunde lang. Geschossen ist diesmal aber nicht worden.
Am Sonntagmorgen sind wir zur Alice raus gefahren. Ich habe überhaupt ganz vergessen, Dir noch zu sagen, daß am Samstag, als wir aus dem Variete heimkamen, Siegfried da war. Er hat bis Morgen Urlaub. So kann er also wenigstens heute zum Geburtstag von Jörg da sein.
Wir sind also am Sonntagmorgen zur Alice gefahren. Wir haben erst mitgeholfen, das Mittagessen zu kochen. Papa hat mit den Kindern inzwischen hinterm Haus gesessen. Zum Mittagessen kam Paul nach hause. Er hat uns dann das Grammophon frei gemacht, damit die Kinder auch einmal die Platten spielen sehen. Uns hat es ja auch Vergnügen gemacht. Wir haben fast den ganzen Nachmittag gespielt. Im Garten haben wir Mittagessen und Nachmittagsbrot gegessen. Am Mittag gab es Allerlei mit Kartoffeln und Fleisch. Für Nachmittag hatte Alice einen Quarkkuchen und einen Rührkuchen gebacken. Fürs Abendessen hatten wir ja unser Essen mit. Am Nachmittag und am Abend kam Erna, ein paar Mal zu Alice und Paul rüber. Sie gab mir am Abend Buntstifte und ein Malbuch, sowie Gebäck für Jörg mit. Alice hatte Pfefferkuchen und Gebäck gekauft. Außerdem schenkte sie Jörg die ganzen Sachen, die ich besorgt hatte, also auch ein Malbuch, Griffel, Schwammdose. Auch einen Tennisball hatte sie für Beide zurückgelegt. Jörg habe ich seinen auf den Geburtstagstisch gelegt, Helga hebe ich ihren für den Geburtstag auf. Helga und Jörg haben nämlich außerdem noch 3 ältere Tennisbälle von Papa, Alice und Erna bekommen, so daß sie also darin jetzt wirklich keinen Mangel leiden.
Für Helga hat mir Alice auch noch eine Kaffeekanne in Form eines Hundes für den Geburtstag mitgegeben. Es ist nicht so mein Geschmack, aber ich denke, daß es den Kindern sicher gefällt.
Ich bekam gestern von Alice eine Bleikristallschale für Ölsardinen usw., also eine Art Teller, und außerdem eine Marmeladenschale. Für die Kinder gab sie mir auch noch je 3 Mk. mit. Das ist doch wirklich sehr nett, nicht wahr?
Am Abend gegen 1/2 7 Uhr kam Paul wieder nach hause, nachdem er am Nachmittag noch arbeiten war. Die 3 Männer haben dann Skat gespielt. Hinterher hat uns Paul alle noch herumgeführt und uns den Garten gezeigt. Es ist ein großes Stück, den soll er nun so nebenbei für die Miete bearbeiten. Das ist natürlich zu viel. Wahrscheinlich geben sie den Posten wieder auf. Die Gräfin muß eine alte Hexe sein. Die ist bald 80 Jahre und meckert  doch überall herum. Erna wollte auch schon von dort weg, aber sie geben sie nicht frei.
1/2 10 sind wir dann mit der Straßenbahn nach hause gefahren. Siegfried ist bei Alice geblieben. Er sagte mir, daß er heute Morgen gleich in sein früheres Geschäft gehen und außerdem ein Geschenk für Jörg besorgen will. Heute gegen Mittag kam er nun an mit einem Merkur-Baukasten. Das ist so, wie die Märklin-Kästen, mit Schrauben, Rädern, Eisenstangen usw. Der Kasten ist sehr groß, mit 2 Einlagen und kostet 21,-Mk. Siegfried hatte nämlich an einem Märklinkasten gesehen, daß Jörg für so Sachen Geschick hat und hat ihm deshalb diesen Kasten geschenkt. Ich werde natürlich Obacht geben, daß von den Sachen nichts verloren geht. Für Helga brachte Siegfried ein Perlengeldtäschchen und einen Ölhautumhang für ihre große Puppe mit. Außerdem legte er ihr in das Geldtäschchen noch 50 Pfg. Alles zusammen hat Siegfried 25,-Mk gekostet. Das ist doch ein teurer Geburtstag, nicht wahr?  Heute Abend will ich mit Siegfried in den Film „Auf Wiedersehen, Franziska“ gehen, den Du doch so gelobt hast. Morgen Mittag muß Siegfried ja wieder weg. Heute Vormittag haben Mama und ich die Sachen von Siegfried gewaschen, die er alle schmutzig mitgebracht hat und sauber wieder mitnehmen will. Das war ein ganzer Teil.
Siegfried hat doch einen französischen Stahlhelm. Jetzt hat er sich noch einen russischen mitgebracht. Der sieht nun wieder ganz anders aus, als wir es gewöhnt sind.
Es geht heute im Brief alles ein bißchen durcheinander, aber ich habe Dir doch noch gar nicht alles aufgezählt, was Jörg zum Geburtstag bekommen hat. Außer den Sachen, die ich schon vorhin aufgezählt habe, noch von einer Frau aus dem Haus Bonbons und eine kleine Figur auf den Geburtstagstisch, die bei Jörg viel Freude ausgelöst hat. Es ist ein kleines Küken mit einem Blumenstrauß. Das schleppt er jetzt überall mit herum. Die Bonbons waren in einem Kästchen, das wie ein Baumstamm aussieht, an dem 2 Maikäfer raufkrabbeln. Das hat ihm auch gefallen. Von Mama und Papa hat er 3 Mk. bekommen. Außerdem hat Mama 2 Kuchen gebacken. Ich habe ihm diesmal nachdem er so viele Geschenke bekommen hat, nur 1 Mk. in lauter Zehnern gegeben. Mit denen darf er machen was er will. Er kann sich also Eis oder sonst etwas kaufen. Das hat Jörg auch viel Vergnügen gemacht und er überlegt jetzt immer, was er sich wohl kaufen könnte. Er meint ja jetzt, das Geld wird überhaupt nicht mehr alle.
Ich habe von Dir Deinen lieben Brief vom 31.7. bekommen. Nun hast Du also wieder an Vater und Kurt geschrieben. Vater wird sich sicher auch gefreut haben, daß Du ihm wieder geschrieben hast. Gerade, wenn er jetzt noch nicht gesund ist, hat er ja Zeit und Ruhe zum lesen. Ich bin ja gespannt, wie weit er gesund ist, wenn wir heim kommen.
Wenn Du Anfang September auf Urlaub kommen könntest, wäre das ja wegen den Geburtstagen besonders schön. Natürlich bist Du auch sonst immer willkommen, nicht nur zu den Geburtstagen. Wir freuen uns ja alle schon so sehr, daß wir Dich vielleicht bald einmal wiedersehen. Wenn nur immer hinterher der Abschied nicht wär. Aber vorher wollen wir uns auf das Wiedersehen freuen.
So sehr schlecht lebt ihr ja dort noch nicht, wenn Du Dir noch Butter und Eier kaufen kannst. Kaufe es Dir aber nur, solange Du kannst. Eine Wildente als Abendessen lasse ich mir auch gefallen, vor allen Dingen, wenn sie noch so billig ist.
Etwas Wichtiges habe ich fast noch vergessen. Elsa Legler schrieb mir gestern, daß sie es sich doch überlegt hat. Es wären ja nur knapp 14 Tage, die sie in Konstanz würde bleiben können (für 14 Tage hatten sie ja auch nur angefragt, sonst hätte ich ja gar nicht zugesagt). Da wäre die Aufregung für sie und für mich zu groß. Da würde sie lieber nicht mit fahren und käme nächstes Jahr in den großen Ferien zu mir, wenn es mir recht ist.
Ich muß ja sagen daß ich absolut nicht böse über die Absage bin. Im Gegenteil. Es wäre doch eine ziemliche Hetzerei geworden und das bißchen Erholung wäre futsch.
Als ich zu Elsa kam, fragte sie mich, wie lange wir gefahren seien. Als ich sagte, 13 Stunden, sagte sie „Was, so lange.“. Ich sagte ihr auch im Laufe des Gespräches, wie viel die Fahrt kostet. Das wußte sie auch nicht. Ich denke mir, daß das wahrscheinlich auch mit den Ausschlag bei der Ablehnung gegeben hat, daß die Fahrt so teuer ist. Aber so etwas überlegt man sich doch schließlich ehe man schreibt. Jedenfalls, ich bin sehr froh, daß sie nicht mitfahren. So kann ich dann zu hause anfangen, wieder im Garten zu arbeiten, kann es mir aber einteilen und brauche mich nicht abzuhetzen. Bist Du auch froh, daß es so gekommen ist?
Gestern habe ich gemerkt, daß es doch ganz gut ist, daß Papa keinen Urlaub hat. Als wir gestern bei Alice waren, saß nun Papa hinterm Haus. Die Kinder waren auch draußen. Sie fragten ihn nach dem Klosett. Er hat es ihnen erklärt, sie haben es aber nicht gleich begriffen und schon wurde er hitzig. So ging es bei anderen Gelegenheiten noch ein paar Mal am Tag. Er fuhr die Kinder an, die heulten, da wurde er wieder wütend und mußte ihnen natürlich sagen, daß sie Heulsusen und Dickköpfe wären, so daß ich mich ein paar Mal einschalten mußte, um alle zu beruhigen. Am Morgen war es auch schon einmal so. Helga wollte die neuen Socken von Dir anziehen. Das erste Mal geht es immer streng. Da sie es nun nicht fertig bekam, fing Helga an zu heulen. Ich sagte: „Du mußt eben ein bißchen Geduld beim Anziehen haben“. Papa: „Die bekommt sie nie an.“ Ich: „Natürlich gehen sie an.“ Papa: „Ausgeschlossen, das sehe ich doch selber“. Ich: „Sie gehen aber an, ich weiß es doch von den anderen.“ Papa: „Mache mich doch nicht verrückt, die gehen nicht an, das mußt Du doch selber sehen.“ Inzwischen heulte natürlich Helga, von Papa unterstützt, weiter. Ich sage zur Helga, sie soll mit heulen aufhören, worauf Papa natürlich prompt antwortet: „Quäle sie doch nicht so, daß sieht doch jedes Kind, daß die Strümpfe niemals angehen.“ Da hatte es aber bei mir geschnappt, ich habe den Kram hingeschmissen und habe gesagt, dann soll sie eben barfuß gehen. Ich habe dann Helga auf den Balkon gerufen, wo Papa nicht war und siehe da, innerhalb 1 Minute hatte ich beide an. Da hat Papa nichts mehr gesagt. Wenn Papa den ganzen Tag da wäre, ginge das sicher öfter so. Da würde ich mich ja mehr aufregen. Am Abend ist er immer ganz friedlich, da kommen wir schon alle miteinander aus.
Die Hälfte des Urlaubs ist ja bei uns schon vorbei. Wir haben ja hier sehr viel gesehen und erlebt. Ich glaube, die Kinder werden noch oft davon sprechen, wenn wir erst wieder zu hause sind.
Heute will ich noch eine Karte an Dora schreiben, damit sie mir hinterher nicht wieder sagen kann, ich hätte auch etwas von mir hören lassen können, wenn ich in Leipzig war. Du weißt ja, wie sie damals bei Dir beleidigt war, wenn sie sich auch aus mir nicht so viel macht wie aus Dir.
Nachdem unsere beiden Banausen gestern so spät ins Bett gekommen sind, schlafen jetzt alle Beide über Mittag. Sie sind vorhin gerade am Tisch eingeschlafen. Es tut ihnen gut.
Jörg ist heute ganz glücklich, daß sein Geburtstag ist. Er strahlt die ganze Zeit und ab und zu verschwindet er heimlich in der Stube und holte wieder etwas von seinem Geburtstagstisch. Heute Morgen war er schon 1/2 6 munter und konnte es gar nicht mehr erwarten, bis er beschert bekam. Du, übrigens, Du glaubst gar nicht, wie sächsisch jetzt die Helga redet. Man könnte meinen, sie wäre hier geboren. Jörg dagegen hat noch nicht ein einziges Wort angenommen. Helga spricht genau in dem Tonfall wie sie hier reden. Es klingt manchmal schauderhaft. Ich hätte nicht geglaubt, daß man sich das so schnell angewöhnen kann. In Konstanz wird sie es sich ja schon wieder abgewöhnen.
Heute habe ich aber wirklich viel geschrieben, wenn auch alles wie Kraut und Rüben durcheinander steht. Aber Du wirst  schon draus klug werden. Ich hoffe es jedenfalls.
Sei nun für heute wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mittwoch, 3. August 2016

Brief 197 vom 2.8.1941


Mein liebster Ernst!                                                                      Leipzig, den 2.8.41                                                                          

Heute bekam ich Deine beiden lieben Briefe vom 28. und 29.7. Ich danke Dir herzlich dafür.
Du schreibst, daß Du einen Konstanzer getroffen hast. Das ist doch eigentlich eigenartig. In Konstanz selbst würdest Du den Mann sicher nicht beachtet haben, aber im fremden Land sind einem Landsleute doppelt lieb.
Wegen meiner Krankheit brauchst Du Dir keine Sorgen machen. Ich sehe schon zu, daß ich bald wieder gesund werde. Jedenfalls tu ich was ich kann. Wie ich Dir schon schrieb, ist es ja mit dem Schlaf schon besser geworden. Die letzten Wochen konnte ich ja überhaupt nicht mehr richtig schlafen, sondern wachte dauernd auf und es kam auch oft vor, daß ich stundenlang  munter war, was ich früher überhaupt nicht kannte. Jetzt schlafe ich ja die Nächte wieder durch. Ich werde ja sehen, wie es dann in Konstanz wieder ist. Hier überarbeite ich mich ja nicht und habe ziemlich viel freie Zeit, wenn ich auch Mama manches helfe. Ich will nur sehen, daß ich nächste Woche nicht mehr so viel fort muß, um den Kindern alles zu zeigen. Das strengt mich etwas an. Ins Kino hat mich ja Alice für nächste Woche noch einmal eingeladen, aber ich denke, daß ich sonst nicht viel fort muß.
Die Beerenernte war wirklich gut und wenn wir später wieder genügend Zucker bekommen, kann ich immer ziemlich viel einkochen. Dieses Jahr haben wir ja das meiste gegessen, aber ich glaube, daß uns das auch ganz gut getan hat.
Mit der Gehaltsabrechnung ist also alles in Ordnung. Ich weiß, daß Du nicht immer auf demselben Posten bleiben willst, wir müssen eben sehen, wenn Du den nächsten Kurs mitmachen kannst. Jedenfalls bist Du durch die Prüfung doch erst einmal eine Stufe weiter gekommen.
Ich habe in den letzten Tagen immer vergessen, Dir mit zu schreiben, daß der Geburtstagsbrief an Jörg angekommen ist. Ich lese ihn Jörg am Geburtstag vor.
Es ist mir schon recht, wenn Du Herrn Graser die Sache für uns mitgeben kannst. Da kommt es ja bald an und man kann mehr auf einmal schicken. Ich weiß nicht, ob Du Vater davon unterrichtet hast, daß ein Paket für uns an ihn ab gesandt wird. Ich schreibe heute sowieso eine Karte an ihn und werde es darin gleich mit erwähnen. Ich danke Dir auch für die viele Mühe, die Du Dir mit der Beschaffung der verschiedenen Sachen gemacht hast.
Ich muß sagen, daß die Tage in Leipzig bisher ungetrübt verlaufen sind. Papa freut sich wie ein Kind, daß wir da sind. Er hat schon öfter zur Mama gesagt, siehst Du, jetzt haben wir sie wenigstens einmal da. Als die Kinder einmal rumtobten und wir schimpften sagte er, lass sie doch, ich freue mich, wenn sie so rumtollen, ich haben das die letzten Jahre ja so entbehrt. Er macht auch abends immer mit ihnen Blödsinn, so daß sie kaum ins Bett zu kriegen sind und er kann sich auch kaum von ihnen trennen. Er hat schon gesagt, vielleicht könnten wir nächstes oder übernächstes Jahr wiederkommen, dann vielleicht mit dir. Da würde er sich auch freuen. Jeden Abend, wenn die Kinder Papa von der Straßenbahn abholen, kauft er ihnen vor Freude Eis. Papa hat gestern gesagt: „Wenn ich erst Siegfried mit Erna so glücklich verheiratet weiß wie Du mit Ernst, da will ich zufrieden sein. Siegfried macht mir noch Sorge. Er ist noch gar nicht fest und weiß nicht genau, was er will.“
Gestern hat er für Mama, mich und die Kinder Karten fürs Variete besorgt und zwar Klubsessel. Ist das nicht nobel? Als wir ihm sagten, daß das doch nicht nötig gewesen sei, meinte er, wenn wir nun einmal da seien, möchte er uns auch was Schönes zeigen und da wolle er nicht knausern. Also gehen wir heute ganz nobel aus.
Gestern Abend sind wir mit Papa auf den Friedhof gegangen. Erst haben wir die Gräber besucht. Auf das Grab Deiner Mutter habe ich einen Fuchsienstock gepflanzt. Ich wollte erst aufs Grab von Walter auch einen tun, aber Papa sagte, das sei nicht nötig, denn das sei ganz von Efeu überrankt. Es war wirklich so. Es sieht ganz grün aus und man sieht kein Fleckchen Erde durch. An der Seite wächst ein Franbusch. Dadurch sieht es gleich ganz geschmückt aus. Bei der Mutter ihrem Grab ist der Efeu nicht so dicht. Er ist ja, glaub ich, auch erst nach der Neuhügelung neu angepflanzt worden. Wir haben gestern alle Gräber noch reichlich begossen, denn es werden ja jetzt, wegen Personalmangel, keine Gräber mehr gepflegt, was man manchen ansieht. Das Grab von Mamas erstem Mann ist ja jetzt aufgegeben worden.
Nachdem wir  die Gräber besucht haben, sind wir ans Völkerschlachtdenkmal gegangen. Die Kinder waren ganz erstaunt und auch auf mich hat es wieder einen erhebenden Eindruck gemacht. Hinterher sind wir dann mit der Straßenbahn nach hause gefahren. So ist auch dieser Tag vergangen. Auf dem Rückweg haben wir natürlich von Papa noch einmal Eis bekommen, damit die Kinder ja keinen Tag ohne Eis sind.
Ich will nun Mama noch ein bißchen mithelfen, damit wir heute Mittag zur Zeit fortkommen. Um 3 fängt das Variete an. Ob ich morgen schreiben kann, weiß ich noch nicht genau, da wir schon am Morgen zur Alice fahren und bis Abend bleiben. Sei also bitte nicht böse, wenn Du da keinen Brief erhältst.
Sei nun wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.  Auch viele Grüße von den Eltern.


Brief 196 vom 30./31.7. und 1.8.1941


Mein lieber Ernst                                                                    Konstanz, den 30.7. 41                                                          

Einen Brief habe ich heute nicht von Dir bekommen. So habe ich also auch nichts zu beantworten. Ich kann auch heute nicht so viel schreiben, da ich nachher gleich in die Stadt muß. Ich sollte mich doch morgen mit Alice und Erna treffen, aber bei Erna klappt es morgen nicht, da sie da Besuch bekommen und so wollen wir uns schon heute treffen. Heute Morgen konnte ich nicht schreiben, da ich für Mama eingekauft habe und noch verschiedenes geschafft habe.
Es ist heute regnerisches Wetter, aber das macht ja nichts. Ich habe ja meinen guten Regenmantel mit, da kann ich mich schon sehen lassen. Wir wollen für Jörg eine Kleinigkeit einkaufen und auch ins Kino gehen. Ich habe es Dir ja schon genau in einem vorhergehenden Brief beschrieben.
Von Siegfried kam heute eine Karte, daß er versuchen will, wenn sie von der Fahrt zurück sind, noch einmal Urlaub zu bekommen. Er schreibt, sie seien schon auf der Rückfahrt.
Ich habe Papa gefragt, ob wir nicht einmal in ein Variete gehen könnten. Er wollte uns nämlich ins Operettentheater schicken. Das andere wäre mir aber lieber. Wir werden wahrscheinlich einmal nachmittags hingehen, wo auch die Kinder mitgehen. Ich glaube sicher, daß es ihnen auch gefallen würde. Entweder werden wir am Samstag oder nächsten Mittwoch gehen.
 Eigentlich wollten wir ja heute nach dem Zoo. Aber erstens ist die Verabredung mit Alice dazwischen gekommen und zweitens ist auch kein so schönes Wetter, daß man viel Freude daran hätte. So bleiben die Kinder heute zuhause und gehen nur am Nachmittag mit der Mama einkaufen. Ich denke, daß sie sie schon ohne Sorgen zuhause lassen kann und daß sie nichts anstellen werden.
Nimm es mir bitte nicht übel, daß ich heute nicht mehr schreibe, aber ich möchte mich jetzt fertig machen. Um 3 muß ich mit der Straßenbahn von hier fort fahren. Das ist hier praktisch, daß man durch die ganze Stadt mit der Straßenbahn für 20 Pfg. fahren kann. Kurzstrecken kosten sogar nur 10 Pfg. Bei uns kostet schon die Fahrt zum Lutherplatz 25 Pfg. Das ist da eigentlich sehr teuer.
Doch nun will ich wirklich schließen. Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 

Mein lieber Ernst!                                                                Leipzig, den 31.7.41                                                                                  

Heute habe ich wieder keinen Brief von Dir bekommen und ich warte doch so sehr darauf. So will ich Dir, wenn ich nichts zu beantworten habe. wenigstens erzählen, was wir wieder alles unternommen haben.
Gestern Nachmittag habe ich mich mit Erna und Alice getroffen. Zuerst war nur Erna da, da Alice etwas später aus dem Geschäft kam. Wir sind dann gleich ans Kino gegangen und haben die Karten besorgt. Es wurde gespielt „Dort hinten in der Heide“. Es war ganz nett. Inzwischen kam dann Alice und wir sind zusammen ins Kaffee Naschmarkt gegangen. Da haben wir Eis und 2 Stück Torte gegessen. Wie ich gestern Abend noch rausgehört habe, zahlt alles Alice, was wir an diesem Nachmittag verbraucht haben. Hinterher sind wir dann ins Kino gegangen und sind um 8 Uhr wieder herausgekommen. Wir wollten noch ein anderes Kaffee besuchen, aber manche waren zu voll, manche gefielen uns nicht und manche hatten geschlossen. So sind wir dann nochmals ins Kaffee Naschmarkt gegangen und haben noch einen Apfelsaft und eine Bowle getrunken. Die waren beide mit Eis gekühlt und daher waren sie sehr erfrischend. Die Stückchen Eis, die darin schwammen, haben wir zum Schluß auch noch mit geschleckt. Gegen 1/2 11 Uhr sind wir dort fortgegangen. Ich bin dann an die Bahn gebracht worden und um 11 Uhr war ich zuhause. Es war ein schöner Nachmittag.
Heute morgen bin ich mit den Kindern in die Stadt gegangen. Wir waren im Kaufhaus Althoff und Knoop (früher Brühl). Da sind wir Fahrstuhl und Rolltreppe gefahren, was den Kindern sehr gut gefallen hat. Ich habe Helga 2 Nacktfrösche gekauft, wie wir sie früher auch zum spielen hatten. Das sind 2 kleine Puppen aus Porzellan, die es bei uns nicht gibt. Hinterher habe ich ihnen noch 2 Tonpfeifen gekauft, die sie zu Seifenblasen haben möchten. Sie haben mich schon immer damit gequält. Ein Eis haben wir auch gegessen. Da wir dann noch Zeit hatten, sind wir gleich ins Grassimuseum gegangen. Das ist ja jetzt auf dem Johannisplatz. Wir haben uns alles soweit angesehen. Für alles haben ja die Kinder noch kein Interesse. Es sind auch viele kleine Sachen dabei, die man sich nur ansehen kann, wenn man viel Zeit und Geduld hat, und an letzterem mangelt es natürlich unseren zwei Burschen. Auf dem Augustusplatz haben wir uns auch noch auf dem Hochhaus angesehen, wenn die Männer die Glocke schlagen. Also die Kinder haben wirklich schon viel gesehen.
Morgen Abend wollen wir wahrscheinlich mit Papa noch ans Völkerschlachtdenkmal und auf den Friedhof gehen. Am Samstagnachmittag gehe ich mit den Kindern ins Variete. Papa will Morgen schon Karten besorgen. Am Sonntag gehen wir ja, wie ich Dir schon schrieb, zu Alice.  Während ich gestern fort war, ist Mama mit den Kindern einkaufen gegangen. Hinterher haben Beide Papa von der Straßenbahn abgeholt und haben zum Dank dafür wieder Eis bekommen. Helga hat schon zu Papa gesagt: Wir werden uns in Konstanz wieder wundern, wenn wir nicht mehr oft Eis bekommen. Hinterher ist Papa noch mit Helga und Jörg fortgegangen und hat Helga eine sehr nette Kette für 2,30 gekauft, die sie sich hat selber heraussuchen können. Es ist eine bunte Kette mit Holzperlen, die mir ganz schön gefällt. Für Jörg hat er nichts gekauft, da er ja schon am Montag Geburtstag hat.
Alice hat mich gestern auch gefragt, warum Du noch nicht an sie geschrieben hast. Ob Du Bedenken hast, weil sie ein uneheliches Kind sei. Ich habe sie deshalb direkt ausgelacht und habe ihr gesagt, daß Du sie nur zu wenig kennst, um ihr mehr zu schreiben und daß Du eben sehr viel zu tun hast.
Gestern hat Alice auch wieder eine Idee gehabt, die direkt verrückt war, aber wir haben mitgemacht, damit sie nicht beleidigt ist. Ich habe an Paul eine Karte schreiben  müssen mit dem schönen Inhalt: „Mein Liebling! Ich erwarte Dich am bestimmten Tag zur bestimmten Zeit. Es ist alles beim alten. Sei herzlich gegrüßt von Deiner tr. N.N.“ Ich weiß nicht, ob sie ihn damit mopsen will. Jedenfalls haben wir den Quatsch halt mal mitgemacht.
Gestern hat Papa an Grete in Neustadt, die doch mit einem anderen verheirateten Mann verkehrt, einen Brief geschrieben, der sich gewaschen hat. Mama und ich haben ihm gesagt, er solle ihn doch nicht schreiben, denn er braucht sich doch in diese Sachen nicht hineinmischen. Es kamen so schöne Wendungen drin vor wie: „Ein Mann, der mit einer verheirateten Frau verkehrt ist ein Lump und ein Wicht“, „dein dirnnenhaftes Treiben“, „hast Du gar kein Schamgefühl“, „eine Dirne wollen wir nicht in unserer Familie haben“, „meinst Du nicht, daß Du mit deinem Treiben deinen Vater noch eher in den Tod getrieben hast“ usw.
Eine schöne Blütenlese. Wir, d.h. Mama und ich, erwarten nun nur, daß Grete wahrscheinlich schreiben wird „das geht dich nichts an und kümmere Dich um dich usw.“ Wenn das kommt, gibt es ja einen Mordskrach. Ich wäre froh, wenn das erst hinter uns läge. Ich muß ja sagen, ich hätte mir so einen Brief auch nicht gefallen lassen. Aber Papa hat den Brief doch fortgeschafft und muß nun auch die Folgen tragen.
Ich bitte Dich, lieber Ernst, verbrenne bitte diesen Brief. Ich möchte nicht, daß ihn später vielleicht jemand in die Hände bekäme, da wir die Briefe doch sonst aufheben. Nicht wahr, tust Du mir den Gefallen. Siegfried hat heute auch wieder eine Karte geschrieben, daß sie schon bis Erfurt wieder zurück sind und daß er hofft, doch noch einmal kurz nach hause zu kommen, ehe sie wieder fortfahren.
Nun, mein lieber Ernst, sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Hoffentlich bekomme ich bald wieder einen Brief von Dir, ich freue mich schon sehr darauf.

Mein lieber Ernst!                                                                Leipzig, den 1.August 1941

Heute habe ich wieder umsonst auf einen Brief von Dir erwartet und ich habe doch solche Sehnsucht, wieder etwas von Dir zu hören. So bleibt mir nichts anderes übrig, als Dir wieder von uns zu erzählen. Vom gestrigen Vormittag habe ich Dir ja schon berichtet. Am Nachmittag waren wir ja daheim 1/2 6 Uhr sind wir aufs Gut und haben Vollmilch geholt. Hinterher sind wir zum Heinz Ehrling und wollten einen Sack hinbringen. Wir hatten darin Bohnen geholt. Er war aber nicht in seiner Gärtnerei und so war der Gang umsonst. Die Hauptsache war aber, daß wir nicht zuhause waren, denn am Abend brachten die Leute von 2 Häusern die Miete. Da bin ich nicht gern da, da man allen vorgestellt werden muß. Nachdem die Mietsachen vorbei waren, haben wir Abendbrot gegessen, Kartoffeln mit Soße und Bohnensalat. Hinterher hat Papa mit den Kindern rumgekaspert und Spaß gemacht, daß Helga sagte, Papa könnte ein Clown sein.
Heute Morgen habe ich ein paar Teppiche geklopft, hinterher bin ich einkaufen gegangen. Ich habe für Alice und Erna für Jörgs Geburtstag ein Paar Griffel, eine Schwammdose, Buntstifte und ein Malburg besorgt. Ich bringe es am Sonntag mit zu ihnen hin und sie packen es Jörg mit etwas Gebäck für Montag ein. Sie wollen noch etwas Geld dazu geben, da ich wirklich nicht gewußt habe, was Jörg jetzt noch brauchen sollte.
Heute Abend treffen wir uns mit Papa auf dem Augustusplatz und fahren dann mit ihm nach dem Friedhof und dem Völkerschlachtdenkmal. Hinein gehen wir nicht, da die Kinder ja doch noch nicht alles verstehen und ich habe es ja schon gesehen.
Denk Dir, Helga ist bald so groß wir Mama. Mama ist durch das Alter ja etwas kleiner geworden, aber trotzdem. Da sieht man erst, wie groß Helga schon geworden  ist. Helga und Jörg hängen sehr an Mama. Immer wollen alle Beide neben ihr sitzen und Helga umarmt sie immer und hilft ihr ein bißchen mit. Sie fragte mich schon einmal, ob es mir nichts macht, daß sie Mama lieb hat. Ich habe ihr natürlich gesagt, daß mir das sogar lieb ist, da ich mich früher ja auch immer gut mit Mama verstanden habe. Ich verstehe mich natürlich auch jetzt noch mit ihr, denn sie tut uns auch alles zuliebe, was sie kann.
Wahrscheinlich bekommt Papa doch eine Woche Ferien. Da fahren sie wahrscheinlich doch noch nach Kamnitz und besuchen die Luise. Die ist jetzt auch schon viel über 70 und freut sich sehr, wenn Mama und Papa kommen. Sie haben sie schon mehrere Jahre vertröstet.
Die Eltern haben hier noch einen alten Märklin-Baukasten der natürlich nicht mehr vollständig ist. Aber Jörg unterhält sich den ganzen Tag damit und baut Schubkarren, Bahnwagen usw. Basteln tut er ja sowieso gern. Helga spielt jetzt immer mit ihren Nacktfröschen. So haben beide Unterhaltung.
Ich werde ja auch wieder ziemlich bepackt nach hause fahren. Da habe ich die Decken mitzunehmen, dazu Romane und Zeitungen, dann ein Buch vom Völkerschlachtdenkmal und verschiedene kleine Sachen. Die Eltern haben schon gesagt, daß sie einen Teil zusammenpacken und als Reisegepäck aufgeben wollen.
Siegfried hat heute wieder geschrieben, daß er augenblicklich in Wiesbaden ist. Er hofft immer noch, kurz Urlaub zu bekommen.
Vorhin habe ich doch noch einen Brief von Dir erhalten und zwar den vom 30.7. Der letzte, den ich erhielt, war vom 26.7. Also werden wohl noch welche zwischendurch unterwegs sein.
Mit Deinen Reklamationen hast Du vollkommen recht. Also, die Karte habe nicht ich, sondern Papa frankiert. Ich schrieb Dir ja, daß er die Karten fortgeschafft hat und dabei den Kindern eine Limonade gekauft hat. Die Überschrift „Konstanz“ habe ich aus alter Gewohnheit geschrieben. Daß ich verschiedene Briefe von Dir bekommen hatte, hatte ich wirklich Dir zu bescheinigen vergessen. Ich habe es aber in einem der nächsten Briefe nachgeholt. Ich war so im Eifer, Dir unsere ganzen Erlebnisse zu berichten, daß ich es wirklich vergessen hatte und ich weiß ja, daß Du mir das nicht übel nimmst. Von der Ablenkung kam es also nicht, sondern nur von meinem Eifer. Die ersten 2 Tage war ich ja noch ziemlich kaputt und habe gar nicht richtig schlafen können. Aber jetzt schlafe ich immer fest und bin sehr froh darüber. Ich war ja eigentlich nicht richtig körperlich kaputt, sonder mehr aufgeregt und nervös. Das ist jetzt auch ein bißchen besser geworden.
Du hast ja ziemlich zu arbeiten. Ich bitte dich aber, überarbeite Dich nicht, damit Du nicht auch kaputt wirst. Es gibt Dir ja niemand etwas dafür. Wenn Dir die Arbeit Freude macht, ist es ja recht. Wenn man merkt, daß jemand Vertrauen zu einem hat, schafft man ja auch noch einmal so gern.
An  die Eltern habe ich die Grüße ausgerichtet. Sie lassen Dich auch wieder grüßen.
Sei nun für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 195 vom 29.7.1941


Mein lieber Ernst!                                                                   Konstanz, den 29.7.41                                                                                                             

Gestern Nachmittag erhielt ich noch Deinen lieben Brief vom 25./26. Vielen Dank.
Mit Freude habe ich gelesen, daß Du evtl. Zucker bekommen könntest. Du weißt ja, was Du mir damit für eine große Freude machen würdest. Ich könnte dadurch noch ein paar Brombeeren einkochen. Von Zucker habe ich ja nie zuviel. Mit den Gardinen ist es nicht so eilig. Der Zucker wäre mir erst lieber. Du schreibst von ganz durchsichtigen Gardinen mit eingewebtem Blumenmuster für die Küche. Ich muß sagen, daß es mir dafür fast zu schade ist, denn in der Küche verbrennen die Gardinen durch die Sonne so schnell und zerfledern. Handel es sich eigentlich um Scheibengardinen?
Schuhe brauchen wir dann vorläufig keine mehr. Es hat ja keinen Zweck zuviel zu kaufen.  Es würde mich sehr freuen, wenn wir dann später erst einmal für einen neuen Radioapparat sparen würden. Meine Eltern haben einen sehr schönen und ich muß sagen, es macht Freude, die Musik so schön hören zu können, auch die Baßstimmen. Aber davon haben wir ja schon zusammen gesprochen. Gleich muß es ja auch nicht sein, aber daraufhin sparen kann man ja alle Mal. Ich glaube, es ist besser, Du kaufst für Vater lieber hohe Schuhe mit Gummisohle. Wenn es reicht, kannst Du ja vielleicht deswegen noch einmal an Vater schreiben. Die Schuhe, die man jetzt hier kauft, haben ja auch alle Gummisohle.
Gestern Abend kam Papa nach hause von Neustadt. Er erzählte vom Begräbnis und als Neuestes brachte er mit, daß das ältere Mädel von der Elsbeth, die Gretel, die ja seit Jahren verheiratet ist, mit einem anderen verheirateten Mann ein Verhältnis hat. Der Mann von Gretel wollte sich jetzt scheiden lassen. Da hatte Dora, als sie vor einigen Jahren bei uns war, doch recht, als sie sagte, bei ihrem letzten Dortsein habe Gretel für sie und auch für ihren Mann keine Zeit gehabt, sondern sei immer unterwegs gewesen. Sie meinte damals, sie habe den Eindruck, als ob da nicht alles in Ordnung wär und möchte deshalb gar nicht mehr gern nach Neustadt fahren. Papa hat sich ja schrecklich aufgeregt.
Heute Morgen hat Papa den Wellensittich mit in die Küche gebracht, was sie sonst nie tun und er ist doch auf den Balkon und fortgeflogen. Wir haben überall nachgesehen, aber er ist endgültig weg. Die Kinder waren sehr traurig. Papa sagt jetzt natürlich, Mama hätte gleich die Küchentür zumachen sollen, aber das ist natürlich Unsinn. Sie konnte ja gar nicht dazu kommen.
Am Vormittag waren wir bei Elsa und haben alles geregelt wegen dem Mitfahren. Wir wollen am 11. oder 12. wieder nach Konstanz fahren. Sie erzählte mir, daß Erhard Tillner erst wegen einer Fußverletzung, die er sich auf dem Marsch zugezogen hatte, im Krankenhaus lag. Jetzt ist er mit nach Rußland gekommen. Weißt Du, wer auch schwer krank ist? Räbchen. Er hat es mit dem Herzen zu tun und kann nichts mehr schaffen. Nur spazieren gehen ist ihm erlaubt. Seine Frau geht jetzt für ihn arbeiten. Sie hatten Räbchen. zum Militär eingezogen. Elsa sagte nun zu mir: „Du weißt ja, die waren noch nie so für den National-Sozialismus eingenommen und jetzt schimpft er schrecklich und sagt, sie hätten ihn nur beim Militär kaputt gemacht.“
Auf dem Wege zu Elsa bin ich mit den Kindern von der Wollkämmerei aus meinen alten Weg gegangen, den ich immer früher auf meine Arbeitsstelle gelaufen bin. Ich habe ihnen dann auch gezeigt, wo wir früher gewohnt haben. Ebenso das Haus, wo Du gewohnt hast. Dein Zimmer bei Schirmers konnte ich ihnen nicht mehr zeigen, weil da ein Laden gebaut worden ist. In der Elisabethstraße bin ich mit den Kindern auch in den Hof Eures Hauses gegangen und habe ihnen gezeigt, was Ihr für einen Balkon gehabt habt. Dann waren wir an meiner früheren Schule und in der Juliusstraße. Zu Deiner Schule wolle ich auch noch mit ihnen, aber sie konnten nicht mehr so gut laufen. So sind wir dann gleich zur Elsa. Sie hat uns freundlich aufgenommen. Die Kinder sind ganz nett, aber die kleine Helga hat wirklich Gerhards Dickkopf geerbt. Die Liselotte ist freundlich. Nach unserem Besuch sind wir noch an das Planschbecken auf dem Stefaniplatz gegangen und anschließend sind wir mit der Straßenbahn heimgefahren. Wir haben dann zu Mittag gegessen und hinterher habe ich mit Mama 15 Pfund Bohnen geschnitten. Jetzt habe ich mich gleich ans Schreiben gesetzt und nachher will ich noch aufs Gut gehen und Vollmilch holen. Die Kinder gehen inzwischen in die Gärtnerei von Heinz Ehrling und schaffen den Sack wieder fort, mit dem wir die Bohnen geholt haben. Da wird der Tag auch gleich wieder vorbei sein. Morgen gehen wir ja wahrscheinlich  in den Zoo, das heißt, wenn es nicht regnet, denn es ist heute ziemlich bewölkt. Am Donnerstag will ich einmal mit den Kindern ins Grassimuseum gehen. Das wird die Kinder sicher auch interessieren und so etwas sehen sie nicht gleich wieder.
Du kannst Dich doch sicher noch erinnern, daß wir einmal 2 blaue Decken von der Tante Anna erben sollten. Wir bekamen dann doch nur eine rote und dachte, evtl. hat sie die Luise unterschlagen. Das ist aber nicht der Fall. Mama sagt, die Luise wäre eine nette Frau und hätte, als sie die blaue Decke nicht fand, zugesehen, daß sie uns wenigstens die rote Decke schickte. Die blauen Decken haben nämlich die Eltern für uns aufgehoben. Die Tante Anna hat sie ihnen nämlich bei ihrem letzten Dortsein mitgegeben und gesagt, sie sollen sie für mich mitnehmen, aber nichts der  Luise davon sagen. Was nicht mehr da sei, sei nicht mehr da. Schicken wollte sie sie den Eltern nicht, weil sie evtl. hätten wegkommen können. Ich soll sie jetzt mitnehmen. Es ist auch noch eine blaue Tischdecke dabei. Ebenso noch einige Hemden, die mir auch noch zustehen. Geschrieben haben sie uns auch nichts, damit wir nicht evtl. etwas gegen die Tante Luise verlauten lassen. Es sind ganz nette Decken und ich freue mich, dass wir sie noch bekommen haben. Der Luise haben wir also Unrecht getan.
Ich glaube, ich habe Dir heute wieder einen ziemlich langen Brief geschrieben und will nun schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.