Mein liebster Ernst! Leipzig, den 5.August 1941
Heute habe ich gleich 2 Briefe zu
beantworten, den vom 1.8., den ich gestern Nachmittag erhielt und den vom 2.8.
der heute Morgen ankam. Ich danke Dir für Beide sehr.
In Leipzig gefällt es mir wirklich ganz
gut. Ich habe eben doch manche freie Zeit, wenn ich auch nicht die ganze Zeit
faulenze. Man hat auch wieder einmal andere Eindrücke gehabt und brauchte sich
nicht im Haus herumärgern. Am 12. werden wir wieder nach Konstanz fahren. Am
Sonntag darauf fahren dann meine Eltern nach Kamnitz.
Nun wegen der Schokolade. Ich habe
natürlich meiner Mutter nichts davon gesagt, daß Du uns schon so viel
Schokolade geschickt hast, sonder es war nur von einigen Tafeln die Rede und
meine Mutter meint natürlich auch nicht, daß Du eine ganze Portion schicken
sollst. Meinem Vater habe ich überhaupt noch nichts davon gesagt. Er weiß auch
noch nicht, daß wir wegen Schokolade bei Dir angefragt haben. Ich verstehe das
vollkommen, daß Du erst für mich sorgen willst, darum habe ich auch nur bei Dir
angefragt, denn Du sollst nun nicht etwa herumsausen müssen, nur um Schokolade
zu besorgen. Am Freitag über 8 Tage bekomme ich ja Geld und schicke Dir dann
gleich welches. Von meiner Mutter würdest Du es gleich bekommen, wenn Du etwas
schicken würdest. Es ist ja ganz fein, wenn Du von dem Konstanzer seinen Wagen
zur Verfügung gestellt bekommst. Was bekleidet er dort für eine Stelle? Daß Dir
der Abend nichts gekostet hat, darüber wirst Du sicher auch nicht böse gewesen
sein, wenn Du auch nicht unter dieser Voraussatzung Dich mit dem Mann getroffen
hast. Ihm kostet es ja auch nichts. Billiger geht es doch wirklich nicht.
Gestern Abend bin ich mit Siegfried in den
Film „Auf Wiedersehen Franziska“ gegangen. Ich kann nur sagen, daß es mir
wirklich sehr gut gefallen hat. Das hat man wirklich nicht bereuen müssen,
hingegangen zu sein. Wir sind hinterher bis zum Königsplatz gelaufen und sind
dann mit der 1 nach hause gefahren. Der Film wurde am Bayrischen Bahnhof
gespielt.
Heute Morgen hatten wir ziemlich viel zu
tun. Erst habe ich für Siegfried noch die Sachen gebügelt. Hinterher habe ich
für mich noch etliches gewaschen. Nachher habe ich Kartoffeln für rohe Klöße
gerieben. Da war der Mittag da. Heute Nachmittag ist es nun ruhiger. Siegfried
ist vorhin gerade fortgefahren. Er mußte wieder nach Dresden zu seinem Zug.
Jetzt kommt er voraussichtlich 4 Wochen nicht mehr heim.
Heute bleibe ich den restlichen Tag noch
zuhause. Morgen wahrscheinlich auch. Am Donnerstag soll ich mit den Kindern nochmals in den Zoo gehen. Am Freitagnachmittag
bin ich noch einmal von Alice in die Stadt eingeladen. Am Samstag besucht uns
Alice und Paul, damit wir alle zusammen uns ein bißchen unterhalten können. Am
Sonntagvormittag wollen wir alle in die Wollkämmerei zu einem Film gehen, in
dem auch die beiden letzten Wochenschauen gezeigt werden. Die Eltern meinten,
es würde mich doch sicher interessieren, nach so langen Jahren wieder einmal
meine frühere Arbeitsstätte zu sehen. Die Wollkämmerei selber ist ja viel
schöner geworden. Wo früher hinter dem Haus altes Gerümpel lag, sind jetzt
Bäume und Grünanlagen. Überall sind die Türen und Fenster modernisiert und die
ganze Fabrik sieht überhaupt schöner aus. Am Montag werde ich noch alles fertig
einpacken, damit wir am Dienstag früh wegfahren können. Heute habe ich von
Siegfried noch eine sowjetische Gasmaskentasche geschenkt bekommen, die man gut
zum einkaufen ans Rad machen kann. Sie sieht so ähnlich wie unser
Brotbeutel aus, nur breiter nach vorn
und außerdem hat sie inwendig mehrere Taschen. Siegfried hat auch noch eine für
sich. Sie ist nicht etwa gebraucht, sondern die Dinger waren noch mit den
Gasmasken in Kisten verpackt. Eine Gasmaske hat Siegfried auch, die hat einen
ganz langen Schlauch und kann als Gas- und Sauerstoffmaske verwendet werden.
Aussehen tut das Ding ja ziemlich komisch.
Ich habe heute einmal probeweise
eingepackt und habe gesehen, daß ich ein ganz Teil mit der Post schicken muß,
sonst bekomme ich gar nicht alles mit. Da ist das große Spiel für Jörg, da sind
die Decken von Tante Anna und auch noch einige Hemden, da sind die anderen
Sachen von den Kindern, da sind Hefte zum lesen, da sind die Geschenke von
Alice. Ach, ich weiß schon gar nicht mehr alles. Jedenfalls komme ich beladener
wieder als ich gegangen bin.
Gestern habe ich an Dora geschrieben, daß
ich zu Besuch in Leipzig bin und ob sie sich nicht ein paar Tage frei machen
kann, um einmal hier her zu kommen, die Eltern würden sich sehr freuen. Ich
werde ja sehen, was sie darauf antwortet.
Nun will ich für heute schließen. Sei Du,
mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
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