Samstag, 14. Mai 2016

Brief 155 vom 13.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                            Konstanz, 13.5.41                              

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 9.5., aus dem ich ersehen konnte, daß Du endlich auch Post von uns erhalten hast. Nun ist ja die Wartezeit für Dich vorbei.
Bei dem Schlüsselblumensuchen haben wir uns schon angestrengt, aber soviel wie sonst, wenn Du da warst, haben wir doch nicht zusammenbekommen. Du hast eben auch hier gefehlt. Über den Ort, wo Du bist, bin ich mir jetzt im Klaren. An Herrn Zahn werde ich Deinen Dank bestellen. Es schadet ja nichts, wenn man ihm in dieser Weise schmeichelt, das weißt Du ja. Einen Dank hört er ganz gern. An Fräulein Amann kannst Du ja eine Glückwunschkarte schreiben. Aber Du weißt ja nicht, ob sie noch in Konstanz ist, höchstens daß man an die Eltern schreibt. Das Inspirol besorge ich Dir und schicke es in den nächsten Tagen. Wie ich aus dem Brief ersehe, mußt Du ja keinen Hunger leiden. Das freut mich und beruhigt mich auch.
Wie ich Dir schon schrieb, haben sich bei Vaters Kopf einige Blüten gebildet. Die haben sich jetzt zusammengezogen und geben wahrscheinlich wieder ein Furunkel. Ich habe Vater gesagt, wenn es schlimmer wird, muß er zum Arzt gehen, denn sonst bekommt er das Zeug überhaupt nicht los, davon will er aber immer nichts wissen und biegt das Gespräch schnell ab. Ich habe ihm gestern nun ein Zugpflaster darauf gemacht, auf seinen Wunsch hin. Ich lasse aber nicht ab und stelle ihm immer wieder vor, daß er zum Arzt muß. Du mußt es nicht übel nehmen, aber ich bin da ein bißchen eklig. Nicht das Aufmachen ekelt mich, aber wie gestern wieder, immer faßt er mit der Hand drauf und hinterher faßt er wieder andere Sachen an. Das ist es. Ich wasche mir bei jeder Berührung die Hände, wie es sich ja auch schließlich gehört. Aber wenn er den Kopf angefaßt hat und ich gebe ihm die Hände zum Gute-Nacht-Sagen oder auch sonst, wenn er mir etwas gibt, was ich ihm besorgen soll, da juckt es mich am ganzen Körper. Das ist natürlich nur Einbildung, aber ich kann es nicht ändern.
Was sagst Du zu Rudolf Hess? Wir haben es gar nicht begreifen können. Wie kann er nur so etwas tun. Er muß wirklich nicht ganz beieinander sein. Hoffentlich gibt er den Engländern in seinem Wahn keine Unterlagen. Da werden sich die Engländer wieder freuen. Ich bin ja gespannt, was die Untersuchungen noch ergeben werden. Sagen kann man da ja noch gar nichts.
Warum willst Du Dir Stiefel und Stiefelhosen machen lassen? Kannst du da besser laufen? Ist das im Sommer nicht recht warm? Das sind viele Fragen auf einmal, aber wahrscheinlich wirst Du sie schon beantworten können.
Ich habe heute im Garten wieder 5 Pfund Rhabarber holen können. Anfang nächster Woche werde ich auch Spinat holen. Er ist schon bald groß genug. Vorhin habe ich noch einmal Asche auf die Sämlinge gestreut, damit die Erdflöhe nicht alles wegfressen. Die Beerensträucher hängen dieses Jahr wieder voll, aber mit den Erdbeeren ist nicht viel. Wenn ich aber die anderen Beeren einmache, langt es auch, denn soviel Zucker habe ich doch nicht. Als ich den Kindern sagte, daß Du einen Brief von uns bekommen hast, fragte Jörg: Hat sich Vaterle gefreut? Als ich ihm mit Ja antwortete, sagte er: das ist recht, freuen ist besser als schimpfen. Er bringt ab und zu so weise Sprüche an. Heute ist er schon wieder die ganze Zeit im Freien, denn es ist heute ein ganz sonniger Tag. Helga hat heute bis 6 Uhr Schule.
Wie ich heute von Frau Weber hörte, sind die Bolzens  nebenan schon seit Weihnachten verheiratet. Das habe ich bisher noch nicht gewußt. Du siehst also, wie wenig ich mich um die Leute kümmere. Bei Vater wird doch meist das Gas nicht abgelesen, weil er nie daheim ist. Sie schreiben „so ungefähr“ hin, was er verbraucht haben könnte. Gestern war er nun gerade einmal zuhause. Da ist abgelesen worden. Weißt Du wie viel? 235 cbm. Das ist für ca. 50,-. Heute Abend wird die Gasuhr noch einmal kontrolliert, ob sie richtig läuft. Vater sagt aber, es könnte etwa stimmen. Da sie immer nur 7 oder 8 cbm in Rechnung gestellt haben, hat er gedacht, na, das bezahle ich immer noch und hat auch manchmal das Gas länger brennen lassen, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Du weißt es ja selbst, wie er es immer gemacht hat mit dem Pfeifeanzünden. Die letzten 5 Monate ist nie abgelesen worden.
Gerade als ich das geschrieben habe, klingelt es und der Bote brachte mir einen großen Brief. Es ist das Prüfungszeugnis der Badischen Gemeindeverwaltung und ein Schreiben dazu, welches ich Dir zusende. Du mußt es unterschreiben. Das Zeugnis will ich Dir gerade noch abschreiben. Mit dem Ergebnis kannst Du ja zufrieden sein, nicht wahr? Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 154 vom 12.5.1941


 Mein lieber, lieber Ernst!                                                                                 12.5.        

Gleich 2 Briefe habe ich vorhin von Dir bekommen, vom 7. und 8.5. Ich lasse jetzt erst einmal alles stehen und liegen und schreibe an Dich. Ich habe mich ja so sehr über die Briefe gefreut. Ich bekam nun schon seit  einer Woche Post, aber Du lieber Kerl hast noch ziemlich lange warten müssen. Inzwischen wirst Du aber sicher auch Briefe bekommen haben.
Freuen tut es mich, daß Ihr auch dort ab und zu einmal Kino oder etwas habt. Da bist Du doch nicht von allem abgeschnitten. Gerade wenn man kein richtiges Zuhause hat, braucht man ab und zu etwas Unterhaltung, sonst kommt einem alles noch trostloser vor.
Herr Graser hat ja auch Sorgen, ob er dort bleiben kann oder wo er hingeschickt wird. Bei Dir ist es nun schon entschieden. Die Sorge brauchst Du Dir nicht mehr machen.
Mit Freude habe ich gelesen, daß Du Dir Bücher gekauft hast. Das ist fein. Ich freue mich auch schon darauf, wenn ich sie lesen kann, aber bitte, lies sie erst in Ruhe durch. Wegen mir brauchst Du dich nicht beeilen. Jetzt wirst Du lachen und sagen, das hätte ich sowieso nicht getan. Zuerst habe ich sie ja schließlich für mich gekauft. Es war ja auch nur Spaß. Es war sonst ganz gut, daß ich in unserem Bücherschrank Platz gemacht habe. Ich habe immer ein stolzes Gefühl, wenn ich unsere Bücher in die Hand nehmen kann und mir sagen, daß sie alle uns gehören. Die Bücher haben uns doch schon viel Freude bemacht. Als wir die meisten gekauft haben, ist es uns nicht einmal immer leicht geworden, die 2,- monatlich aufzubringen.
Als ich vorhin vorgelesen habe, daß Du Schokolade besorgt hast, sogar Milchschokolade, da haben die Kinder aber gejubelt. Ich freue mich auch sehr darüber. Ich verspreche Dir aber, daß wir sie uns gut einteilen  und nicht einfach so hinteressen werden. Ich danke Dir auch sehr, daß Du so liebe an uns gedacht hast. Ich habe gar nicht geglaubt, daß Du noch solche bekommen würdest.
Die Impfungen hast Du nun auch wieder überstanden. Hat es Dich sehr mitgenommen? Und wie ist es mit Deinem Zahn, hat er gemacht werden können? Es wäre gut, wenn der auch einmal in Ordnung käme.
Heute morgen ist Helga auf einmal etwas eingefallen. Sie hat Deinen Nikolausbriefe herausgesucht, hat sie genau studiert und dann gesagt: „Die hat Vaterle  geschrieben. Er hat es aber fein gemacht, wenn das Kinder lesen würden, die noch an den Nikolaus glauben, die denken bestimmt, daß das der Nikolaus geschrieben hat.“ Dabei hat sie ganz vergessen, daß sie ja auch solche Kinder waren. Sie hat sich auch immer wieder gewundert, daß Du so schreiben kannst, daß man gar nicht merkt, daß Du es gemacht hast. Helga hat Jörg die Briefe noch einmal vorlesen müssen. Daraufhin hat er sich natürlich auch in den höchsten Tönen gewundert. Er darf doch da nicht zurückstehen, das ist ja klar. Die Kinder sind schon den ganzen Vormittag unten beim Spielen, trotzdem kein hervorragendes Wetter ist. Heute Morgen schien es, als ob es sonnig werden wollte, aber es hat sich auch wieder bezogen. Der Regen gestern hat dem Garten sehr gut getan. Am Samstag habe ich schon gießen müssen, wenigstens die Sämlinge. Diese Arbeit hatte ich heute auch nicht. Ich kann mir da gut vorstellen, daß es Dir in Deinem Zimmer zum Hinsetzen auch ungemütlich und kalt ist.
Wegen dem Kopf von Vater hat er Dir ja schon geschrieben. Wegen den neuen Blüten wollte ich gestern noch einmal nachsehen, aber er ist nicht heraufgekommen. Wahrscheinlich war ihm das Wetter zu schlecht. Vergangene Woche hat Vater sogar angefangen, im Garten zu schaffen. Der Feldhüter hatte in der Nachbarschaft schon gefragt, ob der Garten nicht bearbeitet würde. Vater ist seine Hacke gestohlen worden, er hat sie, soviel ich weiß, im Garten liegen lassen. Das ist natürlich ein gewisser Leichtsinn. Die Hacke ist ohne Stiel, er wollte sich erst einen dranmachen. Da hätte er sie ja leicht mit ins Haus nehmen können. Von mir ist nichts zu berichten. Ich habe heute, wie jeden Montag, gewaschen und  gebügelt und so ist der Tag fast herumgegangen. Ich fahre nachher noch in die Stadt. Beim Fotografen lasse ich noch verschiedene Bilder abziehen. Ein paar schicke ich meiner Mutter zum Muttertag und vielleicht 2 Stück an Alice, damit meine Eltern auch zufrieden sind. Sei nun für heute wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 10. Mai 2016

Brief 153 vom 11.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 11.5.41                                    

Heute ist ein verregneter Sonntag und wir bleiben zu hause. Ich höre mir wieder das Wunschkonzert an. Vielleicht tust Du dasselbe. Gestern Nachmittag sind wir in den Wald gegangen zum Teesuchen. Wir haben aber nicht viel gefunden. Nur etwas Spitzwegerich. Die Taubnesseln, wegen denen wir eigentlich hinausgegangen sind, blühen noch nicht. Vielleicht in 8 - 14 Tagen. Auf dem Rückweg haben wir Frau Bolz getroffen. Sie heißt jetzt nicht mehr Fräulein Henne. Helga hat natürlich gleich den Kinderwagen geschoben. Der Hermann hat von dem Autounfall eine leichte Gehirnerschütterung. Das ist noch einmal gut abgegangen. Ich bin so froh, daß Jörg nichts passiert ist. Am nächsten Freitagnachmittag muß ich übrigens Jörg zur Schule anmelden. Es dauert ja nur noch 3 Monate, dann beginnt auch für ihn die Schule.
Ich glaube, unser Rhabarber will dieses Jahr einen Rekord im Wachsen aufstellen. So viel und so großen haben wir noch nie gehabt. Ich habe gestern welchen geholt. Es waren 9 Pfund. Man sieht an den Pflanzen aber gar nicht, daß überhaupt welcher weg ist. Um Dir ein Bild zu geben von der Größe und Stärke habe ich ein paar gemessen. Im Durchschnitt sind die Stangen 10 - 12 cm im Umfang dick und ohne Blätter 45 - 55 cm lang. Es sind Riesenstangen. Aus den 5 Rhabarberstöcken sind aber auch dieses Jahr 12 geworden. Nächstes Jahr müssen wir ein paar Stöcke auseinandersetzen. Wir haben heute davon Rhabarberkuchen  und Kompott.
Inzwischen  ist es Nachmittag geworden. Es hat sich doch noch etwas aufgeklärt und die Kinder drängen schon die ganze Zeit, daß sie den Brief fortschaffen dürfen, natürlich mit dem Omnibus. Das ist doch ihre ganze Sehnsucht. Diesen Wunsch will ich ihnen auch erfüllen. Ich habe sowieso  keine Lust fortzugehen. Ich ruhe mich lieber ein bißchen aus. Vielleicht stricke ich noch ein bißchen, denn mit meiner Jacke komme ich gar nicht vorwärts. Das ist aber keine Faulheit, sondern ich habe bis jetzt immer etwas anderes zutun gehabt und abends bin ich meist müde.
In unserem Haus ist auch wieder ein interessanter Fall vorgekommen. Der Schlüssel von Büsings Wohnung schließt doch bei Leimenstolls. Nun ist gestern der Frau Leimenstoll aus ihrer Tasche, die sie im Korridor hängen hat, ein Brief weggekommen während sie fort war. Sie kann natürlich niemand beschuldigen, da sie es nicht gesehen hat, wer ihn genommen hat. Ein Schlüssel ist ihr auch weggekommen. Frau Leimenstoll will nun morgen zu Herrn Ganal gehen und verlangen, daß bei ihr ein anderes Schloß an die Tür gemacht wird. Ich könnte Dir ja noch manche schönen Sachen erzählen, aber ich glaube, daß Dich solch blöder Haustratsch wenig interessieren wird.
Wichtiger wird Dir sein, wenn ich Dir sage, daß bei unserem Baum schon die ersten Blüten auf gehen. Gerade von unserem Fenster aus sieht man es wunderschön. Blüten hat es dieses Jahr ziemlich viel.
Wenn Du diesen Brief erhältst, bist du nun ein ganzes Jahr bei den Soldaten. Heute vor einem Jahr haben wir schon den Bescheid erhalten, daß Du einrücken mußt. Weißt Du noch, wie der Bote uns aus dem Bett geholt hat, als er nachts ankam?
Jetzt sitzen schon die ganze Zeit die Kinder neben mir und warten nur auf den Augenblick, wo ich zu schreiben aufhöre. Sie können es gar nicht erwarten, fort zufahren. Viel weiß ich auch heute nicht mehr zu schreiben. Du nimmst mir das aber nicht  übel.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                              Konstanz, 11.5. abends

Der Sonntag ist wieder vorbei. Man weiß gar nicht recht, ob man sich auf die Sonntage freuen soll. Erst meint man, das ist einmal ein richtiger Ruhetag. Dann ist es aber so, daß es doch recht einsam ist, wenn Du nicht da bist. Die richtige Ruhe zum faulenzen habe ich dann auch wieder nicht. Na morgen fängt eine neue Arbeitswoche an. Am schönsten ist immer das schlafen. Da kann ich mich richtig ausruhen und träume noch von Dir. Darauf freue ich mich immer schon im Voraus.
Am Nachmittag haben die Kinder den Brief an Dich mit dem Omnibus fortgebracht. Das war eine richtige Freude für sie. Als sie wiederkamen, haben wir Abendbrot gegessen und hinterher noch Mensch ärgere Dich nicht gespielt. Auf Helga`s Wunsch haben wir das Spiel genommen, welches Ihr selber gemacht habt. Helga sagte: Da haben wir wenigstens etwas vom Vaterle.
Heute habe ich im Radio gehört, daß ein deutsches Theater in Lille eröffnet worden ist,. Wenn Du noch dort wärst, würdest Du sicher öfter hingehen. An so etwas hast Du doch immer Deine Freude.
Nachdem Du ein paar Bücher gekauft hast, und sie mir später schicken willst, habe ich heute den Bücherschrank und die Regale neu eingeräumt. Die Schulungsbriefe und die Bodenseebücher habe ich raus getan. Sonst brächte ich kein Buch mehr unter. Nun ist wieder für mehrere Platz. Die Schulungsbriefe usw. habe ich in das Regal im Schlafzimmer getan. Die Gasmasken haben ihren Platz räumen müssen. Die bringe ich eher unter, denn die verstauben doch nicht so wie Bücher.
Trotzdem ich heute nicht viel getan habe, bin ich doch wieder müde, Ich höre mir nur noch die Nachrichten an und dann gehe ich schlafen. In der vergangenen Nacht habe ich zuerst geträumt, daß ich mit den Kindern zu Dir fahren wollte. Sie haben mich aber wieder aus dem Zug geschmissen. Da war ich froh, als ich aufwachte. Hinterher bin ich aber entschädigt worden, indem ich dann richtig von Dir geträumt habe. Ach Ernst, ich habe doch immer rechte Sehnsucht nach Dir. Ein Trost ist, daß ich immer so regelmäßig von Dir Post erhalte. Dadurch werde ich wieder ein bißchen froh.

Brief 152 vom 10.5.1941


Mein liebster Ernst!                                                                        Konstanz, 10.Mai 41                                            

Heute erhielt ich Deinen Brief vom 4./5. Es ist so schön, wenn man damit rechnen kann, fast täglich einen Brief zu erhalten. Man hat doch immer etwas, auf das man sich freuen kann. An sich hast Du ja jetzt nicht so viel Erfreuliches dort.
Ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr dort auch deutsche Bücher kaufen könnt. Jetzt hast Du auch das Buch besorgt, welches ich so gern kaufen wollte. Das vom Thoma ist sicher auch gut.
Jetzt hast du dort also doch jemand gefunden, den Du noch von früher kennst. Es freut einen doch, wenn man die Person auch nicht so genau gekannt hat. Man ist gleich nicht mehr so ganz fremd.
Nachdem Du früher mit Dr. Thomas öfter mit dem Auto fortgefahren bist, wird es Dir eintönig vorkommen, wenn Du jetzt immer so sonntags herumsitzen mußt. Nach Lille kannst Du wohl nicht ab und zu fahren? Es wäre doch eine Abwechslung. Wahrscheinlich wirst Du da erst Erlaubnis dazu haben müssen. Es freut mich, daß Du jetzt Radio bekommst. Dann wird es Dir nicht mehr gar so einsam sein. Ich werde immer an Dich denken, daß Du wahrscheinlich jetzt auch hörst.
Die Karte, von der Du sprichst, habe ich mir noch einmal herausgesucht. Es steht darunter: Hotel de Ville (le salon blanc). Du bist also doch in der Stadt, von der Du erst schriebst. In dieser Stadt sieht man also ziemlich, wie der Krieg gewütet hat. Wenn man auch überlegt, daß das Land alles selbst verschuldet hat, kann man sich immer nur wieder wundern, wie verblendet doch die französische Regierung war. Das hätten sie sich alles ersparen können.
Nun will ich noch etwas von uns erzählen, denn ich denke, das interessiert Dich auch. Ich habe den gestrigen Tag wieder mit Nähen zugebracht. Habe Jörg aus seinem Samtmantel eine Jacke genäht. Das war aber eine Schneiderei. Der Stoff wollte einfach nicht langen. Die Ärmel habe ich aus je 5 Stücken zusammensetzen müssen. Ich bin heilfroh, daß ich das geschafft habe und vor allen Dingen, daß es anständig und gut geworden ist. Jörg hat sie natürlich heute gleich einmal angezogen und kommt jede Minute herein, um mir zu sagen, wie gut es ihm in der Jacke geht. Er ist ganz begeistert und das ist ja die Hauptsache. Heute habe ich an der hellen Jacke von Jörg die Ärmel länger gemacht. Der Kerl wächst ja überall heraus. Wenn ich für ihn einen Schnitt heraus schneiden will, muß ich einen nehmen für das Alter von 8-9 Jahre. Unsere Beiden sind um 2 Jahre voraus.
Gestern Abend war Vater da. Ich habe noch einmal seinen Kopf angesehen. Es ist soweit verheilt. Ein Stück daneben hat er aber wieder 3 Blüten. Da hat er auch schon wieder gedrückt. Ich habe ihm nun gestern gesagt, er soll das sein lassen, sonst wird das wieder so schlimm. Er ist also doch nicht durch Schaden klug geworden.
Er hat mir von früher eine kleine lustige Begebenheit erzählt. Ich weiß nicht, ob Du sie kennst. Als Deine Eltern nach Halle zogen, hatten sie doch die meisten Möbel verkauft. Das Schlafzimmer hatten sie noch. Da hat Dein Vater nach und nach die Küche und dann die Stubenmöbel angefertigt. Nun wollte die Großtante aus Dessau zu Besuch kommen. Da hat Vater noch schnell einen Schrank gemacht. D.h. er hat einen soweit fertiggemacht, aber oben die Decke war noch nicht darauf. Sonst hat er aber ausgesehen, als ob er fertig wäre. Nun kam die Tante. Nun hat sie nichts gefunden, wo sie ihren Hut hintun konnte, nur der Schrank war da. Also ist sie zu dem Schrank gegangen und hat oben hin den Hut gelegt, sie wollte ihn wenigstens hinlegen. Dein Vater und Deine Mutter haben sich angesehen, wollten aber nichts sagen. Auf einmal versank der Hut in der Versenkung. Ich habe lachen müssen, wie er es mir erzählte. Die Kinder haben auch ihre Freude  gehabt. Deine Eltern haben es da auch eine Weile so gehabt, wie wir an unserem Hochzeitstag. Sie haben auf Körben gesessen und eine Kiste war der Tisch. Da hatten wir es sogar noch besser. Wir hatten wenigstens einen richtigen Tisch, wenn auch einen kleinen.
Bei uns sieht es jetzt herrlich aus. Überall blühen die Birnbäume und auch sonst ist alles grün. Unser Baum wird von Tag zu Tag mehr rosa. Es wird nicht mehr lange dauern, dann gehen die Blüten auch auf. Die Stachelbeerblüte ist jetzt vorbei. Es hat auch schon kleine Stachelbeeren gebildet.
Wir wollen nachher noch einmal ein Stück gehen und nach Tee sehen. Mal sehen, was wir finden. Vorher will ich aber den Brief schreiben, da ich hinterher noch in die Stadt fahren muß. Ich kann erst nach 5 Uhr fahren, da ich einen Schuh von Jörg holen will und der Schuhmacher hat sein Geschäft von 5 bis 7 Uhr auf, da er viel zu tun hat.
Heute, am Samstag, wirst Du doch sicher auch schon Post von mir bekommen haben. Ich hoffe es jedenfalls sehr, denn Du wirst auch froh sein, wenn Du wieder etwas von uns hörst. Wahrscheinlich ist morgen wieder ein langweiliger Tag für Dich. Oder hast Du schon Dein Radio? Da wär es ja ein bißchen besser.
Ich danke Dir, daß Du mir immer so lieb schreibst und auch so regelmäßig. Du weißt ja, wie ich mich immer auf einen Brief von Dir freue. Sei nun wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 151 vom 8./9.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                             Konstanz, 8.5.41                                          

 Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 2.5. Recht vielen Dank dafür. Ich muß ja sagen, schöne Verhältnisse sind das nicht, wo Du hineingeraten bist. Kannst Du Dir nicht ein anderes Zimmer nehmen, wenn die Leute so unhöflich oder faul (oder wie soll man es nennen?) sind. Da würde ich gerne hinkommen und es Dir gemütlich machen. Ich bin ja auch gespannt, was noch in Deiner Dienststelle wird. Es wäre ja ungerecht wenn Du jetzt nur schreiben solltest, nachdem Du vorher eine ganze Abteilung fast allein gehabt hast. Aber Du wirst sicher nichts ändern können. Ich freue mich, daß Du mich durch Deine Briefe an Deinem Leben dort, soweit dies möglich ist, teilnehmen läßt. Von Deiner Tageseinteilung kann ich mir ja nun auch ein ungefähres Bild machen.
Ich habe heute wieder den ganzen Tag genäht. Aus Deiner Windjacke hat Helga noch einen schönen Mantel bekommen. Ich habe die Jacke gewendet, da ist die Farbe nun überall noch gut erhalten. Vielleicht photografiere ich Helga bei Gelegenheit einmal darin. Nun brauche ich ihr erst zum Winter einen Schulmantel zu kaufen und ich hoffe, daß ich dann einen Lodenmantel erhalte.
Jetzt will ich für Helga noch 2 Kleider, für Jörg 2 Hosen und sonst noch verschiedenes nähen. Fertig werde ich mit dem nähen also noch nicht so bald.
Heute steht in der Zeitung, daß dem Verw. Insp. Emil Eiche das goldene Treudienstzeichen verliehen wurde. Vielleicht interessiert es Dich.
Unser Baum blüht schon bald. Man sieht heute schon überall rosa Knospen. Vielleicht gibt es dieses Jahr doch einige Äpfel. Schön wäre es ja.
Gestern waren wir nun auf der Messe. Jörg hat sich noch einen kleinen Flieger gekauft und Helga 2 kleine Zelluloidbälle. Für das restliche Geld sind sie noch 2 x Karussell gefahren. Es macht eben doch stolz, wenn man mit eigenem Geld einkaufen gehen kann.
Heute werde ich wahrscheinlich die Bilder bekommen, die wir bei Deinem Hiersein photografiert haben. Ich schicke sie Dir morgen mit, d.h. wenn sie etwas geworden sind.
Nun will ich  wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 9.5. 41

Heute versuche ich es noch einmal in Stenografie. Wenn Du die nicht gut lesen kannst, so schreibe mir. Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 5.5., nachdem gestern der vom 2.5. einging. Deinen Sonntagsbrief, von dem Du sprichst, habe ich also noch nicht erhalten. Gerade heute wollte ich Dich fragen, was mit Deinem Zahn geworden ist, da schreibst Du auch schon davon. Ich bin gespannt, wie er dort behandelt wird. Hoffentlich ziehen sie ihn nicht einfach.
Ich glaube, es ist Dir jetzt direkt einmal eine Erholung, wenn Du an Deinen früheren Aufenthaltsort fahren kannst. Da war es doch schöner als dort, wo Du jetzt bist. Wäre es bei der Haltung der Bevölkerung nicht vielleicht besser, Du würdest etwas  mehr in die Nähe Deiner anderen Kameraden ziehen? Man braucht die Gefahr ja nicht fliehen, aber aufsuchen braucht man sie ja auch nicht gerade. 10 Minuten weg ist eben doch eine ziemliche Strecke. Überlege es Dir doch lieber einmal. Deutschfreundlich sind Deine jetzigen Wirtsleute ja scheinbar auch nicht eingestellt. In so einem Grubengebiet sind natürlich auch vielerlei Völker beschäftigt und auch nicht immer gerade die besten. Man kann es fast nicht glauben, daß über eine Strecke von 40 km die Leute so verschieden sind, denn feindselig war es doch in Deinem früheren Standort nicht gerade.
Heute hat mir Elsa Legler wieder geschrieben. Sie teilt mir auch die Adresse von Gerhard für Dich mit. Sie lautet: Gefr. Gerhard Legler, Osteroda über Herzberg a. Elster/ Krgef. ( das nächste Wort kann ich nicht genau lesen) ABkd. (oder AOkd) Sie schreibt, daß er wahrscheinlich nicht mehr lange dort sein wird. Du sollst ihm doch bitte einmal schreiben.
Heute sende ich Dir die Bilder mit. Ich weiß nicht, ob sie Dir gefallen. Bei Dir sieht man keine Haare, dadurch wirkt das Gesicht so verzerrt. Auf dem Film sind die Haare aber noch zu sehen. Ich lasse sowieso noch einmal Abzüge machen, da werde ich gleich sagen, daß er darauf achten soll, daß das Gesicht vollständig auf das Bild kommt. Auf einem Bild ist Jörg in voller Kriegsbemalung mit seiner Motorradbrille.
Als wir am Mittwoch auf die Messe gingen, hielt mich Herr Kuster an und sagte mir, er hat wegen der Sondermarke von Führers Geburtstag noch keinen Bescheid. Er hat sie sich jetzt auf der Messe besorgt, da ist ein Briefmarkenstand. Ich solle sie mir doch auch dort besorgen. Sie waren sogar noch 5 Pfennig billiger als im Katalog angegeben. Ich habe sie nun 2 x besorgt auf einer Karte mit Münchner Sonderstempel.
Vorgestern kam Jörg ganz verstört herein. Da war der Hermann von Bolzens unter ein Auto gekommen. Es ist ihm scheinbar nicht viel passiert, aber Jörg hat doch einen Schreck bekommen. Ich habe ihn dann gleich noch einmal davor gewarnt, auf der Straße zu spielen. Hoffentlich hilft es eine Weile. Man kann ja nicht immer dahinterstehen.
Ich will Dir noch von einer schönen Goldenen Hochzeit erzählen. Ich weiß nicht, ob es Dich interessiert, aber vielleicht mußt Du auch ein wenig darüber lachen, wie ich es auch getan habe. Vor einiger Zeit kamen gedruckte Zettel ins Haus. Da haben Leute aus Ergatshausen zur Feier der Goldenen Hochzeit im „Frieden“ eingeladen. Ich bin natürlich nicht gegangen. Vor ein paar Tagen stand nun in der Zeitung, daß die Feier durch Unpäßlichkeit der Jubelbraut nicht im vorgesehenen Rahmen durchgeführt werden konnte. Inzwischen habe ich nun gehört, wie es zugegangen ist. Am Morgen des Hochzeitstages hat erst einmal die Jubelbraut, die eine Rippe ist, einen Mordskrach mit ihrem Ehemann gemacht. Hinterher hat sie aus Geiz, damit die Gäste nicht mehr zu viel haben, soviel gegessen und getrunken,  daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Als sie sie fortgebracht haben, hat der Ehemann gesagt: „Wenn sie sie doch lieber auf den Friedhof gebracht hätten, das wäre mir viel lieber.“ Das ist doch ein schönes Jubelpaar.
Heute habe ich an Kurt wieder einige Romane weggeschickt. Ich habe nur einen kurzen Gruß dazu geschrieben.
Vater kommt, nachdem sein Kopf wieder gut ist, auch nicht mehr soviel herauf. Da kann ich abends eher wieder schlafen gehen, wenn ich will. Meist gehe ich so um 10 Uhr. Da bin ich bis morgens früh richtig ausgeschlafen. Da kann ich dann auch richtig schaffen. Ich habe mir heute gerade vorgenommen, für Jörg aus seinem grünen Samtmäntelchen, das ihm nicht mehr paßt, eine Jacke zu machen, so eine Art Kletterweste. Sonst hängt der Mantel doch ungenutzt herum. Eine Jacke braucht Jörg aber sowieso. Ich bin doch schon oft um meine Nähmaschine froh gewesen. Was habe ich damit schon alles schaffen können. Es war doch gut, daß wir sie uns mit als Erstes angeschafft haben.
Sei Du, mein lieber Schatz, für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Brief 150 vom 5./6./7.5.1941


 Mein lieber Ernst!                                                                                5. Mai                                          

Trotzdem es schon sehr spät ist, 11 Uhr, will ich Dir doch noch schreiben, denn sonst ist für mich der Tag gar nicht vollständig, ich will doch  wenigstens im Brief mit Dir reden.
Nachdem in der vergangenen Nacht die Nierenschmerzen vergangen sind (ich hatte mich richtig warm verpackt) war heute die beste Gelegenheit, wieder mal richtig zu schaffen. Das habe ich denn auch getan. Das Wetter hat auch dazu verleitet, denn es war sonnig und warm. Am Morgen bin ich  in den Garten gegangen. Ich habe Rotkraut, Weißkraut usw. nochmals nachgesät , da die Erdflöhe alles abgefressen hatten. Diesmal habe ich aber gleich Asche gestreut. Dann habe ich Spinat, Möhren, Kohlrabi gehackt, Erbsen gehäufelt und Reisig gesteckt. Für die nächsten Erbsen und halbhohen Bohnen müssen wir noch Reisig holen. Hinterher habe ich noch mal Erbsen gesät und drüben im Garten habe ich die Dahlien rein getan. Vorläufig wäre alles soweit gemacht, nur Möhren will ich auch noch einmal säen. Rote Rüben habe ich übrigens auch gesät, wie Du gesagt hattest, hinter den Kartoffeln. Am Nachmittag habe ich mich ans Nähen gemacht. Ein Kleid von Helga ist verlängert, bei anderen die Ärmel abgeändert worden, da sie kaputt waren. Zum Schluß hat sie aus einem alten Kleid von mir ein Trägerkleidchen bekommen. Damit bin ich vorhin gerade fertig geworden. Dieser Tag hat mich befriedigt, da ist wenigstens etwas fertig geworden. Nun will ich aber schlafen gehen. Vielleicht bekommen wir bald einen Brief mit Deiner neuen Anschrift von Dir, damit ich Dir auch schreiben kann.


 Mein lieber Ernst!                                                                               6.5. 

 Soeben habe ich Deinen lieben Brief vom 30.4./2.5. erhalten und weiß nun Deine neue Feldpostnummer. Ich will nachher gleich meinen Brief noch wegschaffen, denn, nachdem es dort so trostlos ist, wirst Du sicher auch auf Post warten. Es tut mir sehr leid, daß Du es so schlecht getroffen hast. Laß es Dir nicht gar so schwer fallen.
Es war ja gut, daß Dich Dr. Thomas gleich am ersten Tag abgeholt hat, da hast Du wenigstens noch ein bißchen Abwechslung gehabt. Gibt es dort auch kein Soldatenkino oder Theater? Das wirst Du ja sicher sehr vermissen.
Bist du nun in den Ort gekommen, von dem Du geschrieben hast? Unseren Kindern werde ich nachher, wenn sie wieder da sind, Deinen Kuß übermitteln. Augenblicklich ist Helga bis 6 Uhr in der Schule und Jörg spielt unten. Ich habe heute den ganzen Tag gebügelt und will nachher in die Stadt fahren.
Morgen wollen wir noch einmal auf die Messe gehen. Helga und Jörg haben von Vater je 50 Pfennig bekommen. Sie sollen sich dafür etwas kaufen. Nun haben sie mir keine Ruhe gelassen, bis ich ihnen versprochen habe, morgen mit ihnen auf die Messe zu gehen. Ich habe ihnen jetzt einmal von der Messe in Leipzig erzählt. Da waren sie begeistert. Helga hat sich vorgenommen, gleich nach dem Krieg nach Leipzig zu fahren. Von den verschiedenen Karussells konnten beide gar nicht genug hören. Vater, der gerade da war, hat natürlich abraten wollen. Das kostet so viel Geld, da könnte man was ganz anderes dafür kaufen. Aber die Kinder haben sich ihre Freude nicht nehmen lassen. Das macht doch auch nichts, wenn sie Luftschlösser bauen. Zur gegebenen Zeit werden wir schon sehen, was wird.
Als Du fortgefahren bist, wolltest Du Deine Sporthose mitnehmen. Du hast sie aber vergessen. Soll ich sie Dir schicken, oder kannst Du sie jetzt dort nicht brauchen.
Nun will ich schließen. Du hast ja dieses Mal viel zu lesen gehabt.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Bei Jörg seiner Sohle sehen die Schuhe fast so groß aus wie bei Helga, weil seine Schuhe einen breiten Rand haben.

Mein lieber Ernst!                                                                        6.5. abends

Heute Nachmittag habe ich den ersten Brief an Dich fortgebracht. Dein Brief vom 2. ist diesmal nicht so sehr lange unterwegs gewesen. Vielleicht dauert es auch bei Dir nicht so lange, bis Du Post erhältst.
Als ich heute fort fahren wollte, mußte ich feststellen, daß in mein Vorderrad hineingestochen worden ist. Es muß aus dem Haus jemand gewesen sein, denn die Stichstellen waren da, wo man überhaupt nicht fährt, ganz an der Seite. Außerdem hat es ganz gezischt, als ich das Rad aufpumpen wollte, das  hätte ich doch gestern gemerkt. Sie müssen doch immer wieder sehen, wie sie einem etwas auswischen können. Glücklicherweise kann ich ja selber reparieren und so war der Schaden bald behoben. Heute habe ich noch Möhrensamen für späte Möhren gekauft. Kapuzinerkresse habe ich auch mitgebracht. Außerdem konnte ich Zwiebelsamen für gelbe Zwiebeln bekommen. Die säe ich nun noch, es ist schon noch Zeit dazu. Der Rhabarber ist bei uns diesmal schon so hoch und dicht, daß ich bald welchen holen muß. Ich mache ja wieder welchen ein, evtl. koche ich auch etwas Marmelade davon. Das macht Freude, wenn man schon etwas ernten kann.

 7.5. Ehe wir auf die Messe gehen, will ich diesen Brief fertig schreiben. Wir haben heute wieder sonniges Wetter. Am Morgen habe ich die Samen, die ich gestern gekauft habe, gesät. Hinterher habe ich noch genäht. Heute Nachmittag faulenze ich nun und gehe spazieren. Die Kinder freuen sich selbstverständlich schon sehr. Im Garten blühen die Stachelbeeren und Johannisbeeren immer noch sehr. Die Johannisbeeren haben sich noch schön herausgemacht und hängen über und über voll Blüten. Die Hauptsache ist nun, daß sie nicht noch erfrieren. Wann soll ich Bohnen und Gurken säen? Wahrscheinlich so um den 20. rum, nicht wahr? Herr Steinmehl hat es gestern schon getan, aber ich finde, das ist etwas zeitig. Unser Baum hat auch schon kleine Blätter, der ganze Baum sieht hellgrün aus. Es ist eben doch Frühling, wenn es auch manchmal noch ziemlich kalt ist.
Nun will ich schließen. Die Kinder sind schon ungeduldig und können es gar nicht mehr erwarten. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg!

Montag, 2. Mai 2016

Brief 149 vom 1./2./3./4.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                    1. Mai                                                                    

Nun ist auch dieser Feiertag gleich wieder vorbei. Ich möchte sagen, Gott sei Dank. Mit dem Ausruhen ist es natürlich nichts geworden. Ich hatte so  viel zu stopfen und zu bügeln, Betten abzuziehen, einzuweichen usw., daß es 9 Uhr geworden ist, ehe ich nun zum schreiben komme.
Nachdem es in der vergangenen Nacht etwas geregnet hat, war heute früh wieder heller Sonnenschein. Die Kinder sind natürlich den ganzen Tag im Freien gewesen. Gegen 3 Uhr kam Vater. Er war mit seiner Firma im Waldheim gewesen. Von dort her ist er gleich zu uns gekommen. Er war ein bißchen auf(an)geheitert als er kam, d.h. er war ein bißchen lustig. Er hat sich dann mit mir unterhalten, hat Zeitung gelesen und aufs Radio gehört. Am Abend hat er mit uns Abendbrot gegessen. Jetzt sitzt er am Tisch und ist eingeschlafen. Am Abend hat es etwas mit regnen angefangen. Es ist ein Gewitterregen, es hat aber nur einmal gedonnert. Der Regen selber ist ja für den Garten ganz gut. Ich hatte mir gestern schon eine Frist gesetzt und gedacht, wenn es bis morgen nicht regnet, gieße ich. Dieser Arbeit bin ich nun aber enthoben.
Vaters Kopf heilt nun endgültig. Gestern habe ich den letzten Eiter entfernen können und heute war die Wunde schon halb zugeheilt. Vater ist froh und ich auch.
Jetzt werde ich Vater wecken, damit er heim geht, ich bin nämlich sehr müde. Schlaf auch Du gut, lieber Schatz!

Mein lieber Ernst!                                                                                         2.5.

Von heute ist eigentlich wenig zu berichten. Ich habe den ganzen Tag Wäsche gehabt. Heute gehe ich nun gleich um 9 Uhr schlafen, damit ich mich wieder einmal richtig ausruhe.
Ich weiß nicht, ob es Dich interessiert, daß der Medizinalrat Dr. Leube infolge eines Schlaganfalls gestern gestorben ist. Es steht heute in der Zeitung.
Ich bin froh, wenn diese Woche vorbei ist, da kann ich doch dann bald mit einem Brief von Dir rechnen. Da werde ich dann sicher auch Deine neue Nummer erfahren, so daß ich Dir auch wieder schreiben kann. Ich freue mich ja so, wenn ich erst wieder regelmäßig Briefe von Dir erhalte. Ich habe Dich ja so lieb, Du mein lieber, lieber Ernst!

   Lieber Schatz!                                                                                             3.Mai.

 Eine Woche bist Du nun schon von uns fort. Noch weiß ich ja nicht, wo Du jetzt bist, aber ich hoffe, bald einen Brief von Dir zu bekommen. So sehr lange kann es doch nicht mehr dauern.
Heute war wieder ein sehr eintöniger Tag. Den ganzen Tag hat es geregnet. Dadurch ist es ziemlich kühle geworden. Gegen Abend hat es sich ein bißchen aufgeklärt. Vielleicht wird es doch noch zum Sonntag etwas schöner. Sollte das der Fall sein, gehen wir evtl. mit Vater einmal auf die Messe. Ganz sicher ist es noch nicht.
Am Nachmittag haben wir gebadet. Hinterher habe ich gleich noch die bunte Wäsche von dieser Woche gewaschen, so daß ich nächste Woche nichts mehr damit zu tun habe. Ich hoffe, dafür einmal zum nähen zu kommen. Zurecht gelegt habe ich mir schon alles.
Heute war ein Artikel von der Stachelbeer- Meltau-Bekämpfung in der Zeitung. Ich schicke ihn Dir mit. Was meinst Du dazu? Soll ich das im Bedarfsfalle auch einmal probieren?
Ich freue mich jeden Abend aufs schlafen, denn immer träume ich von Dir. Hoffentlich bleibt es auch weiterhin so. Das ist mein großer Wunsch. So bist Du mir doch wenigstens ein wenig nah, Du, mein liebster Mann.

Mein lieber Ernst!                                                                                              4. Mai

Heute habe ich eine Sonntagsüberraschung erlebt. Vorhin kam Dein 2. Brief vom 28.4. Ich habe mich sehr gefreut. Wie ich daraus ersehe, bist Du ja überall gut aufgenommen worden. Vergessen haben sie Dich also nicht. Dr. Thomas muß Dich schon gern haben, wenn er extra hingefahren kommt. Schade ist es ja eigentlich, wenn sich Graser und Dr. Thomas auseinander gelebt haben. Aber es wird wahrscheinlich so sein, daß Du gewissermaßen immer zwischen ihnen vermittelt hast und da Du gefehlt hast, ist es auseinander gegangen.
Ich bin ja gespannt, ob Du an den angegebenen Ort, den ich mir gleich auf der Karte gesucht habe, kommst. Darüber werde ich ja  nun auch bald Bescheid haben. Angst, daß Du nichts zu tun bekämst, brauchst Du also nicht haben, wenn sich mehrere Stellen um Dich bemühen. Die Hauptsache ist, daß Du Dich an Deiner neuen Arbeitsstelle auch wieder einlebst.
Einen Abdruck der Fußgröße schicke ich mit. Die Nummer ist bei Jörg 34, bei Helga 36 1/2, bei mir 40. Das ist die Nummer der neuen Schuhe bei den Kindern, die sind also noch gut groß.
Ich freue mich sehr, daß Du mir einen so langen Brief geschrieben hast, aus dem ich Deinen ersten Tag dort miterleben konnte. So bist Du doch nicht ganz von mir getrennt. Die Kinder waren auch voll Freude, als ich ihnen sagte, daß ein Brief von Dir da sei. Ich habe jedem einen festen Kuß von Dir gegeben.
Nachdem es gestern geregnet hat ist heute das schönste Wetter. Klarblauer Himmel. Dafür hat es heute Nacht gefroren, die Wäsche war steif wie ein Brett. Nachdem die Sonne scheint, erwärmt es sich ja wieder. Wir gehen nun heute auf die Messe und vorher in die Wochenschau. Nach dem Kino wollen wir uns mit Vater treffen. Ich bin nur gespannt, ob er tatsächlich da ist.
Ich muß mich wieder vorsehen, denn ich habe ziemliche Nierenschmerzen. Wahrscheinlich habe ich mir beim Waschen wieder etwas geholt. Wenn es heute draußen warm ist geht es ja.
Um 6 will ich mir die Erklärung der Reichsregierung anhören. Da werden wir schon wieder zuhause sein.
Helga sagte mir heute, Paula hätte gesagt, sicher würde Tante Nanni bald einmal kommen. Sie hat sich also wahrscheinlich vorgenommen, Konstanz einmal aufzusuchen. - abends. 
Nun will ich Dir noch vom Nachmittag erzählen. Nachdem wir im Kino waren, wollten wir uns mit Vater treffen. Er war natürlich nicht da. Wir haben eine Weile gewartet und sind dann allein auf die Messe. Diesmal war sie sehr kurz. An der Tägermoos Straße fing sie an. Da haben sich nun alle Leute auf dem Stückchen Platz gedrängt. Wir sind bald aufs Döbele. Da sind die Kinder öfter Karussell gefahren, öfter als früher, wo wir noch ganz knapp mit dem Geld waren. Ein Eis haben wir auch gegessen, so sahniges, das nicht so sehr kalt ist. Dann haben sich die Kinder noch ein Messegeschenk gekauft. Jörg und alle seine Spielkameraden hatten ausgemacht, daß sich jeder so eine Schutzbrille, wie sie die Motorradfahrer haben, kaufen will. Sie bauen sich im Hof nämlich immer Flieger und dazu brauchen sie die Brille. Nun hat Jörg sich also eine gekauft, dazu noch eine Trompete. Helga hat sich eine Sonnenbrille und eine Flöte gekauft. Als wir heimkamen, ist Jörg gleich noch auf die Straße gegangen. Da waren auch die anderen Buben schon da, jeder mit einer Brille. Da war die Freude groß.
Ich habe auch etwas eingekauft, zwei Reste, die ich zum Verlängern von Helga`s Kleidern brauche. Es ist gerade die passende Farbe.
Am Abend habe ich mir die Reichstagssitzung angehört. Auf die französischen Sender ist sie ja auch übertragen worden und wahrscheinlich hast Du auch Radio gehört.
Am Abend kam Vater rauf. Vorhin, 3/4 10, ist er wieder fort, nachdem ich gesagt habe, daß ich schlafen gehen will, da ich immer noch Nierenschmerzen habe. Das will ich nun auch tun und wünsche auch Dir eine recht gute Nacht.