Dienstag, 10. Mai 2016

Brief 153 vom 11.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 11.5.41                                    

Heute ist ein verregneter Sonntag und wir bleiben zu hause. Ich höre mir wieder das Wunschkonzert an. Vielleicht tust Du dasselbe. Gestern Nachmittag sind wir in den Wald gegangen zum Teesuchen. Wir haben aber nicht viel gefunden. Nur etwas Spitzwegerich. Die Taubnesseln, wegen denen wir eigentlich hinausgegangen sind, blühen noch nicht. Vielleicht in 8 - 14 Tagen. Auf dem Rückweg haben wir Frau Bolz getroffen. Sie heißt jetzt nicht mehr Fräulein Henne. Helga hat natürlich gleich den Kinderwagen geschoben. Der Hermann hat von dem Autounfall eine leichte Gehirnerschütterung. Das ist noch einmal gut abgegangen. Ich bin so froh, daß Jörg nichts passiert ist. Am nächsten Freitagnachmittag muß ich übrigens Jörg zur Schule anmelden. Es dauert ja nur noch 3 Monate, dann beginnt auch für ihn die Schule.
Ich glaube, unser Rhabarber will dieses Jahr einen Rekord im Wachsen aufstellen. So viel und so großen haben wir noch nie gehabt. Ich habe gestern welchen geholt. Es waren 9 Pfund. Man sieht an den Pflanzen aber gar nicht, daß überhaupt welcher weg ist. Um Dir ein Bild zu geben von der Größe und Stärke habe ich ein paar gemessen. Im Durchschnitt sind die Stangen 10 - 12 cm im Umfang dick und ohne Blätter 45 - 55 cm lang. Es sind Riesenstangen. Aus den 5 Rhabarberstöcken sind aber auch dieses Jahr 12 geworden. Nächstes Jahr müssen wir ein paar Stöcke auseinandersetzen. Wir haben heute davon Rhabarberkuchen  und Kompott.
Inzwischen  ist es Nachmittag geworden. Es hat sich doch noch etwas aufgeklärt und die Kinder drängen schon die ganze Zeit, daß sie den Brief fortschaffen dürfen, natürlich mit dem Omnibus. Das ist doch ihre ganze Sehnsucht. Diesen Wunsch will ich ihnen auch erfüllen. Ich habe sowieso  keine Lust fortzugehen. Ich ruhe mich lieber ein bißchen aus. Vielleicht stricke ich noch ein bißchen, denn mit meiner Jacke komme ich gar nicht vorwärts. Das ist aber keine Faulheit, sondern ich habe bis jetzt immer etwas anderes zutun gehabt und abends bin ich meist müde.
In unserem Haus ist auch wieder ein interessanter Fall vorgekommen. Der Schlüssel von Büsings Wohnung schließt doch bei Leimenstolls. Nun ist gestern der Frau Leimenstoll aus ihrer Tasche, die sie im Korridor hängen hat, ein Brief weggekommen während sie fort war. Sie kann natürlich niemand beschuldigen, da sie es nicht gesehen hat, wer ihn genommen hat. Ein Schlüssel ist ihr auch weggekommen. Frau Leimenstoll will nun morgen zu Herrn Ganal gehen und verlangen, daß bei ihr ein anderes Schloß an die Tür gemacht wird. Ich könnte Dir ja noch manche schönen Sachen erzählen, aber ich glaube, daß Dich solch blöder Haustratsch wenig interessieren wird.
Wichtiger wird Dir sein, wenn ich Dir sage, daß bei unserem Baum schon die ersten Blüten auf gehen. Gerade von unserem Fenster aus sieht man es wunderschön. Blüten hat es dieses Jahr ziemlich viel.
Wenn Du diesen Brief erhältst, bist du nun ein ganzes Jahr bei den Soldaten. Heute vor einem Jahr haben wir schon den Bescheid erhalten, daß Du einrücken mußt. Weißt Du noch, wie der Bote uns aus dem Bett geholt hat, als er nachts ankam?
Jetzt sitzen schon die ganze Zeit die Kinder neben mir und warten nur auf den Augenblick, wo ich zu schreiben aufhöre. Sie können es gar nicht erwarten, fort zufahren. Viel weiß ich auch heute nicht mehr zu schreiben. Du nimmst mir das aber nicht  übel.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                              Konstanz, 11.5. abends

Der Sonntag ist wieder vorbei. Man weiß gar nicht recht, ob man sich auf die Sonntage freuen soll. Erst meint man, das ist einmal ein richtiger Ruhetag. Dann ist es aber so, daß es doch recht einsam ist, wenn Du nicht da bist. Die richtige Ruhe zum faulenzen habe ich dann auch wieder nicht. Na morgen fängt eine neue Arbeitswoche an. Am schönsten ist immer das schlafen. Da kann ich mich richtig ausruhen und träume noch von Dir. Darauf freue ich mich immer schon im Voraus.
Am Nachmittag haben die Kinder den Brief an Dich mit dem Omnibus fortgebracht. Das war eine richtige Freude für sie. Als sie wiederkamen, haben wir Abendbrot gegessen und hinterher noch Mensch ärgere Dich nicht gespielt. Auf Helga`s Wunsch haben wir das Spiel genommen, welches Ihr selber gemacht habt. Helga sagte: Da haben wir wenigstens etwas vom Vaterle.
Heute habe ich im Radio gehört, daß ein deutsches Theater in Lille eröffnet worden ist,. Wenn Du noch dort wärst, würdest Du sicher öfter hingehen. An so etwas hast Du doch immer Deine Freude.
Nachdem Du ein paar Bücher gekauft hast, und sie mir später schicken willst, habe ich heute den Bücherschrank und die Regale neu eingeräumt. Die Schulungsbriefe und die Bodenseebücher habe ich raus getan. Sonst brächte ich kein Buch mehr unter. Nun ist wieder für mehrere Platz. Die Schulungsbriefe usw. habe ich in das Regal im Schlafzimmer getan. Die Gasmasken haben ihren Platz räumen müssen. Die bringe ich eher unter, denn die verstauben doch nicht so wie Bücher.
Trotzdem ich heute nicht viel getan habe, bin ich doch wieder müde, Ich höre mir nur noch die Nachrichten an und dann gehe ich schlafen. In der vergangenen Nacht habe ich zuerst geträumt, daß ich mit den Kindern zu Dir fahren wollte. Sie haben mich aber wieder aus dem Zug geschmissen. Da war ich froh, als ich aufwachte. Hinterher bin ich aber entschädigt worden, indem ich dann richtig von Dir geträumt habe. Ach Ernst, ich habe doch immer rechte Sehnsucht nach Dir. Ein Trost ist, daß ich immer so regelmäßig von Dir Post erhalte. Dadurch werde ich wieder ein bißchen froh.

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