Samstag, 14. Mai 2016

Brief 156 vom 14.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                              Konstanz, 14.5.41                                   

Einen Brief habe ich heute nicht erhalten, so daß ich also auch keinen beantworten kann. Dafür möchte ich verschiedenes Anderes schreiben. Ich habe heute an Mama ein Päckchen mit Butter abgeschickt. Einen Brief habe ich für sich geschrieben, weil ich noch Fotografien beilegen will, die ich erst heute oder sogar erst früh bekomme. Ich nehme den Brief jedenfalls heute Nachmittag, wenn ich in die Stadt gehe, mit und werde ja sehen, ob ich ihn wegschicken kann oder nicht. Ich denke, daß sich Mama über alles freuen wird. Nachdem ich die Butter in ein Marmeladeneimerchen verpackt habe, hoffe ich, daß sie gut ankommt.
Wie ich schon schrieb, wollen wir heute, wo Helga keine Schule hat, in die Stadt gehen.  Die Kinder möchten doch auch etwas für mich kaufen. Jörg sagte gestern: „Vielleicht hat Tengelmann Bonbons oder Pralinen. Dann können wir Dir welche kaufen. Aber gell, Mutterle, das macht doch nichts, wenn Du es weißt. Du machst eben, daß Du es bis Sonntag wieder vergessen hast.“ Natürlich wollen sie auch noch etwas anderes ansehen, was sie evtl. kaufen können.
Heute erhielt ich ausnahmsweise einmal pünktlich den Gehaltszettel. Die 32,- sind scheinbar abgezogen worden, denn der Zettel lautet ohne Abzüge  auf 235,09, während er sonst, bevor der Zuschlag von den Prozenten kam, auf 240,11 gelautet hat. Ausgezahlt bekam ich dieses Mal 164,44.
Nachdem jetzt die Eisheiligen vorbei sind, habe ich in der Stube die Kakteen vor das Fenster gestellt. Ich denke, daß es ihnen jetzt nichts mehr machen wird. Der Schlangenkaktus fängt bald an zu blühen. Die Blüte entfaltet sich schon ein wenig. An den anderen Kakteen sind die kleinen rosa Blüten inzwischen ja schon wieder verblüht.
Wir haben heute schönes, sonniges Wetter. Die Kinder sind natürlich wieder unten. Das ist ja auch das Beste für sie. Bei Jörg muß ich nur aufpassen, daß er sich nicht auf die Wiese legt. Er hat etwas den Husten. Ich habe schon Tussamag geholt. Gestern war es auch schon ganz gut, aber gestern habe ich ihn erwischt, wie er auf der Wiese gelegen hat und heute Nacht hat er wieder mehr gehustet. Beim Spielen vergißt er eben alle guten Vorsätze. Es ist nur gut, daß wir unten im Hof das Gestell mit den Bohnenstangen haben. Da kann er wenigstens ein Haus bauen. Unsere restlichen kurzen Bohnenstangen, die ich später für die Tomaten brauche, werden natürlich auch gebraucht. Ich passe ja auf, daß sie sie nicht kaputtmachen. Jetzt hat Jörg noch eine Konkorde gefunden. Die hat er sich gleich an eine Baskenmütze gemacht und sieht nun  aus wie ein Panzerschütze. Soldatenspielen ist ja meist auch das beste Spiel für ihn. Na, er soll nur noch die Zeit ausnutzen, bis er zur Schule muß. Die wird schnell vorbeigehen.
Außer von Elsa habe ich noch von niemand wieder Bescheid bekommen. Sie schreibt aber immer ganz nett. Dieses Mal schreibt sie, nachdem ich mich doch entschuldigt hatte, daß ich solange nicht geschrieben habe: „Deinen lieben Brief mit bestem Dank erhalten. Ich freue mich ja schon, daß Du mir ab und zu schreibst. Die Hauptsache, Du läßt immer mal etwas von Euch hören.“ Ich habe mich darüber gefreut. Denn eigentlich kennen wir uns doch gar nicht und viel und doch schreibt sie immer regelmäßig. Ich muß ihr in nächster Zeit auch wieder schreiben. Auch Alice kommt an die Reihe. Ich muß sagen, sie ist mir eigentlich genau so fremd wie Elsa. Ich habe mit ihr genau so wenig gemeinsame Interessen, vielleicht sogar noch weniger. Aber da bin ich nicht allein schuld. Sie schreibt ja auch immer so ausführlich, nicht wahr. Nun will ich aber wieder schließen. Ich muß auch das Essen fertig machen, damit wir bald fortkommen. Sei wieder recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.



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