Dienstag, 24. Mai 2016

Brief 161 vom 22.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                             Konstanz, 22.5.41                                                      

Als ich gestern vom Brieffortschaffen heimkam, sagten mir die Kinder, heute hat der  Briefträger nur eine Zeitung für uns gehab. Dabei machten sie aber so ein komisches Gesicht, daß es mir gleich nicht ganz geheuer vorkam und tatsächlich, unter meiner Strickarbeit hatten sie Deinen Brief vom 17.5. versteckt. Da habe ich mich sehr gefreut. Ich danke Dir sehr dafür.
Ich freue mich, daß Du nun einen festen Arbeitsplatz hast. Dir wird es sicher auch recht sein.
Nun ist der Muttertag schon wieder vorbei. Wir hatten uns an diesem Tag auch davon unterhalten, wie Ihr mich in den vergangenen Jahren immer beschenkt habt. Über die Vasen freue ich mich jetzt immer noch. Sie sehen auch so gut aus. Die große Vase ist eine richtige Zierde. Es ist dieses Jahr der zweite Muttertag gewesen, den Du nicht bei uns verbracht hast. Im vergangenen Jahr warst Du eben fortgefahren. Da war ich das Alleinsein noch weniger gewöhnt als jetzt. Ob Du nächstes Jahr wohl schon wieder bei uns bist? Aber Du hast recht, wir werden warten und schaffen inzwischen, wie es nötig ist.
Ich kann mir denken, daß Du über den Inhalt der Briefe von der Stadt nicht befriedigt bist. Aber augenblicklich wird sich wohl nichts machen lassen. Mit dem Zeugnis glaube ich, daß Du zufrieden sein kannst. Das „vollkommen befriedigend“ entspricht der Note 3 (vollwertige Leistung ohne Einschränkung). Du weißt ja, daß Fritz Bautz (den Du ja nicht für dumm ansiehst) sich damals auch geärgert hatte, weil er „befriedigend“ bekommen hatte, wo er sicher mit „gut“ gerechnet hatte. Hast Du schon mit Euerm Abteilungsleiter gesprochen?
Du wirst es mir bitte nicht übel nehmen, wenn ich wegen dem Gehaltszettel noch nicht zur Stadt gehe. Von nächstem Monat an bekomme ich ja wieder regelmäßig den mir zustehenden Betrag. Da kann ich mir dann ausrechnen, was sie diesmal abgezogen haben. Richtig wäre es natürlich, wenn sie die abgezogenen Beträge einzeln aufführen aber ich mag deshalb nicht extra reklamieren. Man macht sich da so verhaßt.
Im Herbst mache ich die alten Erdbeeren drüben raus und werde an dem schrägen Stück eine neue Sorte anpflanzen. Kauft man die beim Gärtner? Nachdem ich gestern von Dir Bescheid bekommen habe, bin ich gestern noch gegangen und habe Tomatensetzlinge gekauft, 12 Stück. 9 stehen hinterm Haus und 3 im großen Garten. Sonst hätten sie zu wenig Sonne bekommen. Auch die Gurken habe ich noch gelegt. Es hatte sich gestern gegen Abend etwas aufgehellt, so daß ich noch ein Weilchen im Garten schaffen konnte. Heute Nacht hat es wieder geregnet, so daß also die Setzlinge genug angegossen worden sind. Heute kann sich das Wetter noch nicht entscheiden, ob es schön werden will.
Jörg spielt oben Motorrad mit Anhänger. Er hat die lange Trainingshose an. Auf dem Rücken hat er die zusammengelegte rote Decke als Affen, in der Hand sein Gewehr. Manchmal fährt er plötzlich während der Fahrt heraus, läuft vor, schmeißt sich hin und schießt. Dann läuft er wieder zurück und weiter geht die Fahrt.
Ich habe die begründende Befürchtung, daß bei dieser Behandlung die Hose bald futsch sein wird. Aber sage selbst, kann man einem Soldaten verbieten, sich hinzuwerfen, wenn er schießen muß?
Vorhin erhielt ich Deine Päckchen 5 und 6. Recht  vielen Dank. Nun muß ich Dich noch etwas fragen. Du darfst es mir aber nicht übel nehmen. Du schriebst einmal, daß Du in der Hauptsache Milchschokolade gekauft hast. Außer den zwei Milch-Nußschokoladen war aber keine Milchschokolade dabei. Habe ich das in Deinem Brief vielleicht falsch verstanden? Mir schmeckt die andere Schokolade, also die bittere, ja fein. Nur die Kinder sind nicht erbaut.
Vorhin erhielt ich einen Brief von Siegfried mit einem Bild. Ich schicke Dir beides einmal mit. Mit Erna ist also alles wieder in Ordnung. Das neue Bild gefällt mir besser als das andere, das wir haben. Ich werde also später das neue Bild in den Rahmen tun.
In Deinem heutigen Päckchen war Nestle Schokolade  in weißem  Papier. Soll das vielleicht die Gesundheitsschokolade sein? Bei Gelegenheit werde ich auch davon einmal etwas probieren. Einstweilen habe ich sie noch mit weggetan.
Gestern  Abend war Vater oben. Er erzählte mir, daß er am Sonntag von morgens bis abends 6 Uhr im Garten geschafft hat. Am Montagabend hat er weiter gemacht. Er will sehen, daß er heute noch säen kann. Im Geschäft bei ihm schaffen sie jetzt zwei Wochen 10 1/2 Stunde täglich. Da kommt er erst 1/2 7  aus dem Geschäft. Da kannst Du Dir denken, daß er da natürlich nicht mehr viel zur Gartenarbeit kommt. Aber er hätte auch hören und sich Urlaub nehmen können, wie Du gesagt hast. Du weißt ja, wie es ist, er nimmt sich`s vor und dann macht er`s doch nicht. Aber er ist ja schon ein älterer Mann und ändert sich nicht mehr. Man muß ihn eben so nehmen  wie er ist.
Ich will gleich noch an Siegfried schreiben, damit das auch erledigt ist. Sei Du, mein lieber Ernst, für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Nun habe ich doch noch etwas zu schreiben. Ich war vorhin im Garten und habe wieder 16 Pfund Rhabarber geerntet. Dabei habe ich nur das geholt, was den anderen Stangen im Weg war. Es sind noch so viele da. Alle Stöcke sind gleich ertragreich, auch der Erdbeerrhabarber. Der hat dieses Jahr auch ganz dicke Stangen. Es ist nur schade, daß ich den Rhabarber so schlecht verwenden kann. Die Kinder essen fast gar keinen. Da muß ich mich jedes Mal ärgern. Auch Rhabarber-Kuchen essen sie nicht so gern. Es hat da fast gar keinen Zweck, wenn ich welchen einmache. Marmelade könnte ich evtl. kochen, aber ich möchte den Zucker lieber für Stachel- und Johannisbeeren aufsparen. Ich mache jetzt eigentlich nur Kompott für mich. Ich esse es gern. Wenn es noch Rhabarber gibt, wenn die Erdbeeren reif sind, könnte ich , soweit ich ihn dazu nicht selbst brauche, welchen an Frau Leimenstoll verkaufen. Sie mischt ihn mit Erdbeeren für Marmelade. Das mache ich natürlich auch, aber wir werden dieses Jahr nicht sehr viel haben. Abgesehen davon, freue ich mich doch, wenn sich die Stöcke so gut entwickeln, denn wenn wieder Friede ist, habe ich sicher wieder genug Zucker, um alles verbrauchen zu können.
Spinat habe ich auch wieder holen können.
Von den Kartoffeln, die Du noch mit gelegt hast, kommen jetzt schon welche raus. Auch die zweiten Möhren wachsen gut. Die Salatsetzlinge sind jetzt so groß, daß ich sie bald versetzen muß. Die Salatsetzlinge zwischen den Erdbeeren haben sich auch schön raus gemacht. Es wird nicht mehr solange dauern, bis ich sie verwenden kann. Ich will nun den Brief gleich fortbringen, denn es hat sich etwas aufgeheitert und ich denke, daß ich noch ein bißchen im Garten schaffen kann.
Nochmals viele Küsse von Deiner Annie.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen