Dienstag, 10. Mai 2016

Brief 152 vom 10.5.1941


Mein liebster Ernst!                                                                        Konstanz, 10.Mai 41                                            

Heute erhielt ich Deinen Brief vom 4./5. Es ist so schön, wenn man damit rechnen kann, fast täglich einen Brief zu erhalten. Man hat doch immer etwas, auf das man sich freuen kann. An sich hast Du ja jetzt nicht so viel Erfreuliches dort.
Ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr dort auch deutsche Bücher kaufen könnt. Jetzt hast Du auch das Buch besorgt, welches ich so gern kaufen wollte. Das vom Thoma ist sicher auch gut.
Jetzt hast du dort also doch jemand gefunden, den Du noch von früher kennst. Es freut einen doch, wenn man die Person auch nicht so genau gekannt hat. Man ist gleich nicht mehr so ganz fremd.
Nachdem Du früher mit Dr. Thomas öfter mit dem Auto fortgefahren bist, wird es Dir eintönig vorkommen, wenn Du jetzt immer so sonntags herumsitzen mußt. Nach Lille kannst Du wohl nicht ab und zu fahren? Es wäre doch eine Abwechslung. Wahrscheinlich wirst Du da erst Erlaubnis dazu haben müssen. Es freut mich, daß Du jetzt Radio bekommst. Dann wird es Dir nicht mehr gar so einsam sein. Ich werde immer an Dich denken, daß Du wahrscheinlich jetzt auch hörst.
Die Karte, von der Du sprichst, habe ich mir noch einmal herausgesucht. Es steht darunter: Hotel de Ville (le salon blanc). Du bist also doch in der Stadt, von der Du erst schriebst. In dieser Stadt sieht man also ziemlich, wie der Krieg gewütet hat. Wenn man auch überlegt, daß das Land alles selbst verschuldet hat, kann man sich immer nur wieder wundern, wie verblendet doch die französische Regierung war. Das hätten sie sich alles ersparen können.
Nun will ich noch etwas von uns erzählen, denn ich denke, das interessiert Dich auch. Ich habe den gestrigen Tag wieder mit Nähen zugebracht. Habe Jörg aus seinem Samtmantel eine Jacke genäht. Das war aber eine Schneiderei. Der Stoff wollte einfach nicht langen. Die Ärmel habe ich aus je 5 Stücken zusammensetzen müssen. Ich bin heilfroh, daß ich das geschafft habe und vor allen Dingen, daß es anständig und gut geworden ist. Jörg hat sie natürlich heute gleich einmal angezogen und kommt jede Minute herein, um mir zu sagen, wie gut es ihm in der Jacke geht. Er ist ganz begeistert und das ist ja die Hauptsache. Heute habe ich an der hellen Jacke von Jörg die Ärmel länger gemacht. Der Kerl wächst ja überall heraus. Wenn ich für ihn einen Schnitt heraus schneiden will, muß ich einen nehmen für das Alter von 8-9 Jahre. Unsere Beiden sind um 2 Jahre voraus.
Gestern Abend war Vater da. Ich habe noch einmal seinen Kopf angesehen. Es ist soweit verheilt. Ein Stück daneben hat er aber wieder 3 Blüten. Da hat er auch schon wieder gedrückt. Ich habe ihm nun gestern gesagt, er soll das sein lassen, sonst wird das wieder so schlimm. Er ist also doch nicht durch Schaden klug geworden.
Er hat mir von früher eine kleine lustige Begebenheit erzählt. Ich weiß nicht, ob Du sie kennst. Als Deine Eltern nach Halle zogen, hatten sie doch die meisten Möbel verkauft. Das Schlafzimmer hatten sie noch. Da hat Dein Vater nach und nach die Küche und dann die Stubenmöbel angefertigt. Nun wollte die Großtante aus Dessau zu Besuch kommen. Da hat Vater noch schnell einen Schrank gemacht. D.h. er hat einen soweit fertiggemacht, aber oben die Decke war noch nicht darauf. Sonst hat er aber ausgesehen, als ob er fertig wäre. Nun kam die Tante. Nun hat sie nichts gefunden, wo sie ihren Hut hintun konnte, nur der Schrank war da. Also ist sie zu dem Schrank gegangen und hat oben hin den Hut gelegt, sie wollte ihn wenigstens hinlegen. Dein Vater und Deine Mutter haben sich angesehen, wollten aber nichts sagen. Auf einmal versank der Hut in der Versenkung. Ich habe lachen müssen, wie er es mir erzählte. Die Kinder haben auch ihre Freude  gehabt. Deine Eltern haben es da auch eine Weile so gehabt, wie wir an unserem Hochzeitstag. Sie haben auf Körben gesessen und eine Kiste war der Tisch. Da hatten wir es sogar noch besser. Wir hatten wenigstens einen richtigen Tisch, wenn auch einen kleinen.
Bei uns sieht es jetzt herrlich aus. Überall blühen die Birnbäume und auch sonst ist alles grün. Unser Baum wird von Tag zu Tag mehr rosa. Es wird nicht mehr lange dauern, dann gehen die Blüten auch auf. Die Stachelbeerblüte ist jetzt vorbei. Es hat auch schon kleine Stachelbeeren gebildet.
Wir wollen nachher noch einmal ein Stück gehen und nach Tee sehen. Mal sehen, was wir finden. Vorher will ich aber den Brief schreiben, da ich hinterher noch in die Stadt fahren muß. Ich kann erst nach 5 Uhr fahren, da ich einen Schuh von Jörg holen will und der Schuhmacher hat sein Geschäft von 5 bis 7 Uhr auf, da er viel zu tun hat.
Heute, am Samstag, wirst Du doch sicher auch schon Post von mir bekommen haben. Ich hoffe es jedenfalls sehr, denn Du wirst auch froh sein, wenn Du wieder etwas von uns hörst. Wahrscheinlich ist morgen wieder ein langweiliger Tag für Dich. Oder hast Du schon Dein Radio? Da wär es ja ein bißchen besser.
Ich danke Dir, daß Du mir immer so lieb schreibst und auch so regelmäßig. Du weißt ja, wie ich mich immer auf einen Brief von Dir freue. Sei nun wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

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