Dienstag, 10. Mai 2016

Brief 153 vom 11.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 11.5.41                                    

Heute ist ein verregneter Sonntag und wir bleiben zu hause. Ich höre mir wieder das Wunschkonzert an. Vielleicht tust Du dasselbe. Gestern Nachmittag sind wir in den Wald gegangen zum Teesuchen. Wir haben aber nicht viel gefunden. Nur etwas Spitzwegerich. Die Taubnesseln, wegen denen wir eigentlich hinausgegangen sind, blühen noch nicht. Vielleicht in 8 - 14 Tagen. Auf dem Rückweg haben wir Frau Bolz getroffen. Sie heißt jetzt nicht mehr Fräulein Henne. Helga hat natürlich gleich den Kinderwagen geschoben. Der Hermann hat von dem Autounfall eine leichte Gehirnerschütterung. Das ist noch einmal gut abgegangen. Ich bin so froh, daß Jörg nichts passiert ist. Am nächsten Freitagnachmittag muß ich übrigens Jörg zur Schule anmelden. Es dauert ja nur noch 3 Monate, dann beginnt auch für ihn die Schule.
Ich glaube, unser Rhabarber will dieses Jahr einen Rekord im Wachsen aufstellen. So viel und so großen haben wir noch nie gehabt. Ich habe gestern welchen geholt. Es waren 9 Pfund. Man sieht an den Pflanzen aber gar nicht, daß überhaupt welcher weg ist. Um Dir ein Bild zu geben von der Größe und Stärke habe ich ein paar gemessen. Im Durchschnitt sind die Stangen 10 - 12 cm im Umfang dick und ohne Blätter 45 - 55 cm lang. Es sind Riesenstangen. Aus den 5 Rhabarberstöcken sind aber auch dieses Jahr 12 geworden. Nächstes Jahr müssen wir ein paar Stöcke auseinandersetzen. Wir haben heute davon Rhabarberkuchen  und Kompott.
Inzwischen  ist es Nachmittag geworden. Es hat sich doch noch etwas aufgeklärt und die Kinder drängen schon die ganze Zeit, daß sie den Brief fortschaffen dürfen, natürlich mit dem Omnibus. Das ist doch ihre ganze Sehnsucht. Diesen Wunsch will ich ihnen auch erfüllen. Ich habe sowieso  keine Lust fortzugehen. Ich ruhe mich lieber ein bißchen aus. Vielleicht stricke ich noch ein bißchen, denn mit meiner Jacke komme ich gar nicht vorwärts. Das ist aber keine Faulheit, sondern ich habe bis jetzt immer etwas anderes zutun gehabt und abends bin ich meist müde.
In unserem Haus ist auch wieder ein interessanter Fall vorgekommen. Der Schlüssel von Büsings Wohnung schließt doch bei Leimenstolls. Nun ist gestern der Frau Leimenstoll aus ihrer Tasche, die sie im Korridor hängen hat, ein Brief weggekommen während sie fort war. Sie kann natürlich niemand beschuldigen, da sie es nicht gesehen hat, wer ihn genommen hat. Ein Schlüssel ist ihr auch weggekommen. Frau Leimenstoll will nun morgen zu Herrn Ganal gehen und verlangen, daß bei ihr ein anderes Schloß an die Tür gemacht wird. Ich könnte Dir ja noch manche schönen Sachen erzählen, aber ich glaube, daß Dich solch blöder Haustratsch wenig interessieren wird.
Wichtiger wird Dir sein, wenn ich Dir sage, daß bei unserem Baum schon die ersten Blüten auf gehen. Gerade von unserem Fenster aus sieht man es wunderschön. Blüten hat es dieses Jahr ziemlich viel.
Wenn Du diesen Brief erhältst, bist du nun ein ganzes Jahr bei den Soldaten. Heute vor einem Jahr haben wir schon den Bescheid erhalten, daß Du einrücken mußt. Weißt Du noch, wie der Bote uns aus dem Bett geholt hat, als er nachts ankam?
Jetzt sitzen schon die ganze Zeit die Kinder neben mir und warten nur auf den Augenblick, wo ich zu schreiben aufhöre. Sie können es gar nicht erwarten, fort zufahren. Viel weiß ich auch heute nicht mehr zu schreiben. Du nimmst mir das aber nicht  übel.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                              Konstanz, 11.5. abends

Der Sonntag ist wieder vorbei. Man weiß gar nicht recht, ob man sich auf die Sonntage freuen soll. Erst meint man, das ist einmal ein richtiger Ruhetag. Dann ist es aber so, daß es doch recht einsam ist, wenn Du nicht da bist. Die richtige Ruhe zum faulenzen habe ich dann auch wieder nicht. Na morgen fängt eine neue Arbeitswoche an. Am schönsten ist immer das schlafen. Da kann ich mich richtig ausruhen und träume noch von Dir. Darauf freue ich mich immer schon im Voraus.
Am Nachmittag haben die Kinder den Brief an Dich mit dem Omnibus fortgebracht. Das war eine richtige Freude für sie. Als sie wiederkamen, haben wir Abendbrot gegessen und hinterher noch Mensch ärgere Dich nicht gespielt. Auf Helga`s Wunsch haben wir das Spiel genommen, welches Ihr selber gemacht habt. Helga sagte: Da haben wir wenigstens etwas vom Vaterle.
Heute habe ich im Radio gehört, daß ein deutsches Theater in Lille eröffnet worden ist,. Wenn Du noch dort wärst, würdest Du sicher öfter hingehen. An so etwas hast Du doch immer Deine Freude.
Nachdem Du ein paar Bücher gekauft hast, und sie mir später schicken willst, habe ich heute den Bücherschrank und die Regale neu eingeräumt. Die Schulungsbriefe und die Bodenseebücher habe ich raus getan. Sonst brächte ich kein Buch mehr unter. Nun ist wieder für mehrere Platz. Die Schulungsbriefe usw. habe ich in das Regal im Schlafzimmer getan. Die Gasmasken haben ihren Platz räumen müssen. Die bringe ich eher unter, denn die verstauben doch nicht so wie Bücher.
Trotzdem ich heute nicht viel getan habe, bin ich doch wieder müde, Ich höre mir nur noch die Nachrichten an und dann gehe ich schlafen. In der vergangenen Nacht habe ich zuerst geträumt, daß ich mit den Kindern zu Dir fahren wollte. Sie haben mich aber wieder aus dem Zug geschmissen. Da war ich froh, als ich aufwachte. Hinterher bin ich aber entschädigt worden, indem ich dann richtig von Dir geträumt habe. Ach Ernst, ich habe doch immer rechte Sehnsucht nach Dir. Ein Trost ist, daß ich immer so regelmäßig von Dir Post erhalte. Dadurch werde ich wieder ein bißchen froh.

Brief 152 vom 10.5.1941


Mein liebster Ernst!                                                                        Konstanz, 10.Mai 41                                            

Heute erhielt ich Deinen Brief vom 4./5. Es ist so schön, wenn man damit rechnen kann, fast täglich einen Brief zu erhalten. Man hat doch immer etwas, auf das man sich freuen kann. An sich hast Du ja jetzt nicht so viel Erfreuliches dort.
Ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr dort auch deutsche Bücher kaufen könnt. Jetzt hast Du auch das Buch besorgt, welches ich so gern kaufen wollte. Das vom Thoma ist sicher auch gut.
Jetzt hast du dort also doch jemand gefunden, den Du noch von früher kennst. Es freut einen doch, wenn man die Person auch nicht so genau gekannt hat. Man ist gleich nicht mehr so ganz fremd.
Nachdem Du früher mit Dr. Thomas öfter mit dem Auto fortgefahren bist, wird es Dir eintönig vorkommen, wenn Du jetzt immer so sonntags herumsitzen mußt. Nach Lille kannst Du wohl nicht ab und zu fahren? Es wäre doch eine Abwechslung. Wahrscheinlich wirst Du da erst Erlaubnis dazu haben müssen. Es freut mich, daß Du jetzt Radio bekommst. Dann wird es Dir nicht mehr gar so einsam sein. Ich werde immer an Dich denken, daß Du wahrscheinlich jetzt auch hörst.
Die Karte, von der Du sprichst, habe ich mir noch einmal herausgesucht. Es steht darunter: Hotel de Ville (le salon blanc). Du bist also doch in der Stadt, von der Du erst schriebst. In dieser Stadt sieht man also ziemlich, wie der Krieg gewütet hat. Wenn man auch überlegt, daß das Land alles selbst verschuldet hat, kann man sich immer nur wieder wundern, wie verblendet doch die französische Regierung war. Das hätten sie sich alles ersparen können.
Nun will ich noch etwas von uns erzählen, denn ich denke, das interessiert Dich auch. Ich habe den gestrigen Tag wieder mit Nähen zugebracht. Habe Jörg aus seinem Samtmantel eine Jacke genäht. Das war aber eine Schneiderei. Der Stoff wollte einfach nicht langen. Die Ärmel habe ich aus je 5 Stücken zusammensetzen müssen. Ich bin heilfroh, daß ich das geschafft habe und vor allen Dingen, daß es anständig und gut geworden ist. Jörg hat sie natürlich heute gleich einmal angezogen und kommt jede Minute herein, um mir zu sagen, wie gut es ihm in der Jacke geht. Er ist ganz begeistert und das ist ja die Hauptsache. Heute habe ich an der hellen Jacke von Jörg die Ärmel länger gemacht. Der Kerl wächst ja überall heraus. Wenn ich für ihn einen Schnitt heraus schneiden will, muß ich einen nehmen für das Alter von 8-9 Jahre. Unsere Beiden sind um 2 Jahre voraus.
Gestern Abend war Vater da. Ich habe noch einmal seinen Kopf angesehen. Es ist soweit verheilt. Ein Stück daneben hat er aber wieder 3 Blüten. Da hat er auch schon wieder gedrückt. Ich habe ihm nun gestern gesagt, er soll das sein lassen, sonst wird das wieder so schlimm. Er ist also doch nicht durch Schaden klug geworden.
Er hat mir von früher eine kleine lustige Begebenheit erzählt. Ich weiß nicht, ob Du sie kennst. Als Deine Eltern nach Halle zogen, hatten sie doch die meisten Möbel verkauft. Das Schlafzimmer hatten sie noch. Da hat Dein Vater nach und nach die Küche und dann die Stubenmöbel angefertigt. Nun wollte die Großtante aus Dessau zu Besuch kommen. Da hat Vater noch schnell einen Schrank gemacht. D.h. er hat einen soweit fertiggemacht, aber oben die Decke war noch nicht darauf. Sonst hat er aber ausgesehen, als ob er fertig wäre. Nun kam die Tante. Nun hat sie nichts gefunden, wo sie ihren Hut hintun konnte, nur der Schrank war da. Also ist sie zu dem Schrank gegangen und hat oben hin den Hut gelegt, sie wollte ihn wenigstens hinlegen. Dein Vater und Deine Mutter haben sich angesehen, wollten aber nichts sagen. Auf einmal versank der Hut in der Versenkung. Ich habe lachen müssen, wie er es mir erzählte. Die Kinder haben auch ihre Freude  gehabt. Deine Eltern haben es da auch eine Weile so gehabt, wie wir an unserem Hochzeitstag. Sie haben auf Körben gesessen und eine Kiste war der Tisch. Da hatten wir es sogar noch besser. Wir hatten wenigstens einen richtigen Tisch, wenn auch einen kleinen.
Bei uns sieht es jetzt herrlich aus. Überall blühen die Birnbäume und auch sonst ist alles grün. Unser Baum wird von Tag zu Tag mehr rosa. Es wird nicht mehr lange dauern, dann gehen die Blüten auch auf. Die Stachelbeerblüte ist jetzt vorbei. Es hat auch schon kleine Stachelbeeren gebildet.
Wir wollen nachher noch einmal ein Stück gehen und nach Tee sehen. Mal sehen, was wir finden. Vorher will ich aber den Brief schreiben, da ich hinterher noch in die Stadt fahren muß. Ich kann erst nach 5 Uhr fahren, da ich einen Schuh von Jörg holen will und der Schuhmacher hat sein Geschäft von 5 bis 7 Uhr auf, da er viel zu tun hat.
Heute, am Samstag, wirst Du doch sicher auch schon Post von mir bekommen haben. Ich hoffe es jedenfalls sehr, denn Du wirst auch froh sein, wenn Du wieder etwas von uns hörst. Wahrscheinlich ist morgen wieder ein langweiliger Tag für Dich. Oder hast Du schon Dein Radio? Da wär es ja ein bißchen besser.
Ich danke Dir, daß Du mir immer so lieb schreibst und auch so regelmäßig. Du weißt ja, wie ich mich immer auf einen Brief von Dir freue. Sei nun wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 151 vom 8./9.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                             Konstanz, 8.5.41                                          

 Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 2.5. Recht vielen Dank dafür. Ich muß ja sagen, schöne Verhältnisse sind das nicht, wo Du hineingeraten bist. Kannst Du Dir nicht ein anderes Zimmer nehmen, wenn die Leute so unhöflich oder faul (oder wie soll man es nennen?) sind. Da würde ich gerne hinkommen und es Dir gemütlich machen. Ich bin ja auch gespannt, was noch in Deiner Dienststelle wird. Es wäre ja ungerecht wenn Du jetzt nur schreiben solltest, nachdem Du vorher eine ganze Abteilung fast allein gehabt hast. Aber Du wirst sicher nichts ändern können. Ich freue mich, daß Du mich durch Deine Briefe an Deinem Leben dort, soweit dies möglich ist, teilnehmen läßt. Von Deiner Tageseinteilung kann ich mir ja nun auch ein ungefähres Bild machen.
Ich habe heute wieder den ganzen Tag genäht. Aus Deiner Windjacke hat Helga noch einen schönen Mantel bekommen. Ich habe die Jacke gewendet, da ist die Farbe nun überall noch gut erhalten. Vielleicht photografiere ich Helga bei Gelegenheit einmal darin. Nun brauche ich ihr erst zum Winter einen Schulmantel zu kaufen und ich hoffe, daß ich dann einen Lodenmantel erhalte.
Jetzt will ich für Helga noch 2 Kleider, für Jörg 2 Hosen und sonst noch verschiedenes nähen. Fertig werde ich mit dem nähen also noch nicht so bald.
Heute steht in der Zeitung, daß dem Verw. Insp. Emil Eiche das goldene Treudienstzeichen verliehen wurde. Vielleicht interessiert es Dich.
Unser Baum blüht schon bald. Man sieht heute schon überall rosa Knospen. Vielleicht gibt es dieses Jahr doch einige Äpfel. Schön wäre es ja.
Gestern waren wir nun auf der Messe. Jörg hat sich noch einen kleinen Flieger gekauft und Helga 2 kleine Zelluloidbälle. Für das restliche Geld sind sie noch 2 x Karussell gefahren. Es macht eben doch stolz, wenn man mit eigenem Geld einkaufen gehen kann.
Heute werde ich wahrscheinlich die Bilder bekommen, die wir bei Deinem Hiersein photografiert haben. Ich schicke sie Dir morgen mit, d.h. wenn sie etwas geworden sind.
Nun will ich  wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 9.5. 41

Heute versuche ich es noch einmal in Stenografie. Wenn Du die nicht gut lesen kannst, so schreibe mir. Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 5.5., nachdem gestern der vom 2.5. einging. Deinen Sonntagsbrief, von dem Du sprichst, habe ich also noch nicht erhalten. Gerade heute wollte ich Dich fragen, was mit Deinem Zahn geworden ist, da schreibst Du auch schon davon. Ich bin gespannt, wie er dort behandelt wird. Hoffentlich ziehen sie ihn nicht einfach.
Ich glaube, es ist Dir jetzt direkt einmal eine Erholung, wenn Du an Deinen früheren Aufenthaltsort fahren kannst. Da war es doch schöner als dort, wo Du jetzt bist. Wäre es bei der Haltung der Bevölkerung nicht vielleicht besser, Du würdest etwas  mehr in die Nähe Deiner anderen Kameraden ziehen? Man braucht die Gefahr ja nicht fliehen, aber aufsuchen braucht man sie ja auch nicht gerade. 10 Minuten weg ist eben doch eine ziemliche Strecke. Überlege es Dir doch lieber einmal. Deutschfreundlich sind Deine jetzigen Wirtsleute ja scheinbar auch nicht eingestellt. In so einem Grubengebiet sind natürlich auch vielerlei Völker beschäftigt und auch nicht immer gerade die besten. Man kann es fast nicht glauben, daß über eine Strecke von 40 km die Leute so verschieden sind, denn feindselig war es doch in Deinem früheren Standort nicht gerade.
Heute hat mir Elsa Legler wieder geschrieben. Sie teilt mir auch die Adresse von Gerhard für Dich mit. Sie lautet: Gefr. Gerhard Legler, Osteroda über Herzberg a. Elster/ Krgef. ( das nächste Wort kann ich nicht genau lesen) ABkd. (oder AOkd) Sie schreibt, daß er wahrscheinlich nicht mehr lange dort sein wird. Du sollst ihm doch bitte einmal schreiben.
Heute sende ich Dir die Bilder mit. Ich weiß nicht, ob sie Dir gefallen. Bei Dir sieht man keine Haare, dadurch wirkt das Gesicht so verzerrt. Auf dem Film sind die Haare aber noch zu sehen. Ich lasse sowieso noch einmal Abzüge machen, da werde ich gleich sagen, daß er darauf achten soll, daß das Gesicht vollständig auf das Bild kommt. Auf einem Bild ist Jörg in voller Kriegsbemalung mit seiner Motorradbrille.
Als wir am Mittwoch auf die Messe gingen, hielt mich Herr Kuster an und sagte mir, er hat wegen der Sondermarke von Führers Geburtstag noch keinen Bescheid. Er hat sie sich jetzt auf der Messe besorgt, da ist ein Briefmarkenstand. Ich solle sie mir doch auch dort besorgen. Sie waren sogar noch 5 Pfennig billiger als im Katalog angegeben. Ich habe sie nun 2 x besorgt auf einer Karte mit Münchner Sonderstempel.
Vorgestern kam Jörg ganz verstört herein. Da war der Hermann von Bolzens unter ein Auto gekommen. Es ist ihm scheinbar nicht viel passiert, aber Jörg hat doch einen Schreck bekommen. Ich habe ihn dann gleich noch einmal davor gewarnt, auf der Straße zu spielen. Hoffentlich hilft es eine Weile. Man kann ja nicht immer dahinterstehen.
Ich will Dir noch von einer schönen Goldenen Hochzeit erzählen. Ich weiß nicht, ob es Dich interessiert, aber vielleicht mußt Du auch ein wenig darüber lachen, wie ich es auch getan habe. Vor einiger Zeit kamen gedruckte Zettel ins Haus. Da haben Leute aus Ergatshausen zur Feier der Goldenen Hochzeit im „Frieden“ eingeladen. Ich bin natürlich nicht gegangen. Vor ein paar Tagen stand nun in der Zeitung, daß die Feier durch Unpäßlichkeit der Jubelbraut nicht im vorgesehenen Rahmen durchgeführt werden konnte. Inzwischen habe ich nun gehört, wie es zugegangen ist. Am Morgen des Hochzeitstages hat erst einmal die Jubelbraut, die eine Rippe ist, einen Mordskrach mit ihrem Ehemann gemacht. Hinterher hat sie aus Geiz, damit die Gäste nicht mehr zu viel haben, soviel gegessen und getrunken,  daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Als sie sie fortgebracht haben, hat der Ehemann gesagt: „Wenn sie sie doch lieber auf den Friedhof gebracht hätten, das wäre mir viel lieber.“ Das ist doch ein schönes Jubelpaar.
Heute habe ich an Kurt wieder einige Romane weggeschickt. Ich habe nur einen kurzen Gruß dazu geschrieben.
Vater kommt, nachdem sein Kopf wieder gut ist, auch nicht mehr soviel herauf. Da kann ich abends eher wieder schlafen gehen, wenn ich will. Meist gehe ich so um 10 Uhr. Da bin ich bis morgens früh richtig ausgeschlafen. Da kann ich dann auch richtig schaffen. Ich habe mir heute gerade vorgenommen, für Jörg aus seinem grünen Samtmäntelchen, das ihm nicht mehr paßt, eine Jacke zu machen, so eine Art Kletterweste. Sonst hängt der Mantel doch ungenutzt herum. Eine Jacke braucht Jörg aber sowieso. Ich bin doch schon oft um meine Nähmaschine froh gewesen. Was habe ich damit schon alles schaffen können. Es war doch gut, daß wir sie uns mit als Erstes angeschafft haben.
Sei Du, mein lieber Schatz, für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Brief 150 vom 5./6./7.5.1941


 Mein lieber Ernst!                                                                                5. Mai                                          

Trotzdem es schon sehr spät ist, 11 Uhr, will ich Dir doch noch schreiben, denn sonst ist für mich der Tag gar nicht vollständig, ich will doch  wenigstens im Brief mit Dir reden.
Nachdem in der vergangenen Nacht die Nierenschmerzen vergangen sind (ich hatte mich richtig warm verpackt) war heute die beste Gelegenheit, wieder mal richtig zu schaffen. Das habe ich denn auch getan. Das Wetter hat auch dazu verleitet, denn es war sonnig und warm. Am Morgen bin ich  in den Garten gegangen. Ich habe Rotkraut, Weißkraut usw. nochmals nachgesät , da die Erdflöhe alles abgefressen hatten. Diesmal habe ich aber gleich Asche gestreut. Dann habe ich Spinat, Möhren, Kohlrabi gehackt, Erbsen gehäufelt und Reisig gesteckt. Für die nächsten Erbsen und halbhohen Bohnen müssen wir noch Reisig holen. Hinterher habe ich noch mal Erbsen gesät und drüben im Garten habe ich die Dahlien rein getan. Vorläufig wäre alles soweit gemacht, nur Möhren will ich auch noch einmal säen. Rote Rüben habe ich übrigens auch gesät, wie Du gesagt hattest, hinter den Kartoffeln. Am Nachmittag habe ich mich ans Nähen gemacht. Ein Kleid von Helga ist verlängert, bei anderen die Ärmel abgeändert worden, da sie kaputt waren. Zum Schluß hat sie aus einem alten Kleid von mir ein Trägerkleidchen bekommen. Damit bin ich vorhin gerade fertig geworden. Dieser Tag hat mich befriedigt, da ist wenigstens etwas fertig geworden. Nun will ich aber schlafen gehen. Vielleicht bekommen wir bald einen Brief mit Deiner neuen Anschrift von Dir, damit ich Dir auch schreiben kann.


 Mein lieber Ernst!                                                                               6.5. 

 Soeben habe ich Deinen lieben Brief vom 30.4./2.5. erhalten und weiß nun Deine neue Feldpostnummer. Ich will nachher gleich meinen Brief noch wegschaffen, denn, nachdem es dort so trostlos ist, wirst Du sicher auch auf Post warten. Es tut mir sehr leid, daß Du es so schlecht getroffen hast. Laß es Dir nicht gar so schwer fallen.
Es war ja gut, daß Dich Dr. Thomas gleich am ersten Tag abgeholt hat, da hast Du wenigstens noch ein bißchen Abwechslung gehabt. Gibt es dort auch kein Soldatenkino oder Theater? Das wirst Du ja sicher sehr vermissen.
Bist du nun in den Ort gekommen, von dem Du geschrieben hast? Unseren Kindern werde ich nachher, wenn sie wieder da sind, Deinen Kuß übermitteln. Augenblicklich ist Helga bis 6 Uhr in der Schule und Jörg spielt unten. Ich habe heute den ganzen Tag gebügelt und will nachher in die Stadt fahren.
Morgen wollen wir noch einmal auf die Messe gehen. Helga und Jörg haben von Vater je 50 Pfennig bekommen. Sie sollen sich dafür etwas kaufen. Nun haben sie mir keine Ruhe gelassen, bis ich ihnen versprochen habe, morgen mit ihnen auf die Messe zu gehen. Ich habe ihnen jetzt einmal von der Messe in Leipzig erzählt. Da waren sie begeistert. Helga hat sich vorgenommen, gleich nach dem Krieg nach Leipzig zu fahren. Von den verschiedenen Karussells konnten beide gar nicht genug hören. Vater, der gerade da war, hat natürlich abraten wollen. Das kostet so viel Geld, da könnte man was ganz anderes dafür kaufen. Aber die Kinder haben sich ihre Freude nicht nehmen lassen. Das macht doch auch nichts, wenn sie Luftschlösser bauen. Zur gegebenen Zeit werden wir schon sehen, was wird.
Als Du fortgefahren bist, wolltest Du Deine Sporthose mitnehmen. Du hast sie aber vergessen. Soll ich sie Dir schicken, oder kannst Du sie jetzt dort nicht brauchen.
Nun will ich schließen. Du hast ja dieses Mal viel zu lesen gehabt.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Bei Jörg seiner Sohle sehen die Schuhe fast so groß aus wie bei Helga, weil seine Schuhe einen breiten Rand haben.

Mein lieber Ernst!                                                                        6.5. abends

Heute Nachmittag habe ich den ersten Brief an Dich fortgebracht. Dein Brief vom 2. ist diesmal nicht so sehr lange unterwegs gewesen. Vielleicht dauert es auch bei Dir nicht so lange, bis Du Post erhältst.
Als ich heute fort fahren wollte, mußte ich feststellen, daß in mein Vorderrad hineingestochen worden ist. Es muß aus dem Haus jemand gewesen sein, denn die Stichstellen waren da, wo man überhaupt nicht fährt, ganz an der Seite. Außerdem hat es ganz gezischt, als ich das Rad aufpumpen wollte, das  hätte ich doch gestern gemerkt. Sie müssen doch immer wieder sehen, wie sie einem etwas auswischen können. Glücklicherweise kann ich ja selber reparieren und so war der Schaden bald behoben. Heute habe ich noch Möhrensamen für späte Möhren gekauft. Kapuzinerkresse habe ich auch mitgebracht. Außerdem konnte ich Zwiebelsamen für gelbe Zwiebeln bekommen. Die säe ich nun noch, es ist schon noch Zeit dazu. Der Rhabarber ist bei uns diesmal schon so hoch und dicht, daß ich bald welchen holen muß. Ich mache ja wieder welchen ein, evtl. koche ich auch etwas Marmelade davon. Das macht Freude, wenn man schon etwas ernten kann.

 7.5. Ehe wir auf die Messe gehen, will ich diesen Brief fertig schreiben. Wir haben heute wieder sonniges Wetter. Am Morgen habe ich die Samen, die ich gestern gekauft habe, gesät. Hinterher habe ich noch genäht. Heute Nachmittag faulenze ich nun und gehe spazieren. Die Kinder freuen sich selbstverständlich schon sehr. Im Garten blühen die Stachelbeeren und Johannisbeeren immer noch sehr. Die Johannisbeeren haben sich noch schön herausgemacht und hängen über und über voll Blüten. Die Hauptsache ist nun, daß sie nicht noch erfrieren. Wann soll ich Bohnen und Gurken säen? Wahrscheinlich so um den 20. rum, nicht wahr? Herr Steinmehl hat es gestern schon getan, aber ich finde, das ist etwas zeitig. Unser Baum hat auch schon kleine Blätter, der ganze Baum sieht hellgrün aus. Es ist eben doch Frühling, wenn es auch manchmal noch ziemlich kalt ist.
Nun will ich schließen. Die Kinder sind schon ungeduldig und können es gar nicht mehr erwarten. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg!

Montag, 2. Mai 2016

Brief 149 vom 1./2./3./4.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                    1. Mai                                                                    

Nun ist auch dieser Feiertag gleich wieder vorbei. Ich möchte sagen, Gott sei Dank. Mit dem Ausruhen ist es natürlich nichts geworden. Ich hatte so  viel zu stopfen und zu bügeln, Betten abzuziehen, einzuweichen usw., daß es 9 Uhr geworden ist, ehe ich nun zum schreiben komme.
Nachdem es in der vergangenen Nacht etwas geregnet hat, war heute früh wieder heller Sonnenschein. Die Kinder sind natürlich den ganzen Tag im Freien gewesen. Gegen 3 Uhr kam Vater. Er war mit seiner Firma im Waldheim gewesen. Von dort her ist er gleich zu uns gekommen. Er war ein bißchen auf(an)geheitert als er kam, d.h. er war ein bißchen lustig. Er hat sich dann mit mir unterhalten, hat Zeitung gelesen und aufs Radio gehört. Am Abend hat er mit uns Abendbrot gegessen. Jetzt sitzt er am Tisch und ist eingeschlafen. Am Abend hat es etwas mit regnen angefangen. Es ist ein Gewitterregen, es hat aber nur einmal gedonnert. Der Regen selber ist ja für den Garten ganz gut. Ich hatte mir gestern schon eine Frist gesetzt und gedacht, wenn es bis morgen nicht regnet, gieße ich. Dieser Arbeit bin ich nun aber enthoben.
Vaters Kopf heilt nun endgültig. Gestern habe ich den letzten Eiter entfernen können und heute war die Wunde schon halb zugeheilt. Vater ist froh und ich auch.
Jetzt werde ich Vater wecken, damit er heim geht, ich bin nämlich sehr müde. Schlaf auch Du gut, lieber Schatz!

Mein lieber Ernst!                                                                                         2.5.

Von heute ist eigentlich wenig zu berichten. Ich habe den ganzen Tag Wäsche gehabt. Heute gehe ich nun gleich um 9 Uhr schlafen, damit ich mich wieder einmal richtig ausruhe.
Ich weiß nicht, ob es Dich interessiert, daß der Medizinalrat Dr. Leube infolge eines Schlaganfalls gestern gestorben ist. Es steht heute in der Zeitung.
Ich bin froh, wenn diese Woche vorbei ist, da kann ich doch dann bald mit einem Brief von Dir rechnen. Da werde ich dann sicher auch Deine neue Nummer erfahren, so daß ich Dir auch wieder schreiben kann. Ich freue mich ja so, wenn ich erst wieder regelmäßig Briefe von Dir erhalte. Ich habe Dich ja so lieb, Du mein lieber, lieber Ernst!

   Lieber Schatz!                                                                                             3.Mai.

 Eine Woche bist Du nun schon von uns fort. Noch weiß ich ja nicht, wo Du jetzt bist, aber ich hoffe, bald einen Brief von Dir zu bekommen. So sehr lange kann es doch nicht mehr dauern.
Heute war wieder ein sehr eintöniger Tag. Den ganzen Tag hat es geregnet. Dadurch ist es ziemlich kühle geworden. Gegen Abend hat es sich ein bißchen aufgeklärt. Vielleicht wird es doch noch zum Sonntag etwas schöner. Sollte das der Fall sein, gehen wir evtl. mit Vater einmal auf die Messe. Ganz sicher ist es noch nicht.
Am Nachmittag haben wir gebadet. Hinterher habe ich gleich noch die bunte Wäsche von dieser Woche gewaschen, so daß ich nächste Woche nichts mehr damit zu tun habe. Ich hoffe, dafür einmal zum nähen zu kommen. Zurecht gelegt habe ich mir schon alles.
Heute war ein Artikel von der Stachelbeer- Meltau-Bekämpfung in der Zeitung. Ich schicke ihn Dir mit. Was meinst Du dazu? Soll ich das im Bedarfsfalle auch einmal probieren?
Ich freue mich jeden Abend aufs schlafen, denn immer träume ich von Dir. Hoffentlich bleibt es auch weiterhin so. Das ist mein großer Wunsch. So bist Du mir doch wenigstens ein wenig nah, Du, mein liebster Mann.

Mein lieber Ernst!                                                                                              4. Mai

Heute habe ich eine Sonntagsüberraschung erlebt. Vorhin kam Dein 2. Brief vom 28.4. Ich habe mich sehr gefreut. Wie ich daraus ersehe, bist Du ja überall gut aufgenommen worden. Vergessen haben sie Dich also nicht. Dr. Thomas muß Dich schon gern haben, wenn er extra hingefahren kommt. Schade ist es ja eigentlich, wenn sich Graser und Dr. Thomas auseinander gelebt haben. Aber es wird wahrscheinlich so sein, daß Du gewissermaßen immer zwischen ihnen vermittelt hast und da Du gefehlt hast, ist es auseinander gegangen.
Ich bin ja gespannt, ob Du an den angegebenen Ort, den ich mir gleich auf der Karte gesucht habe, kommst. Darüber werde ich ja  nun auch bald Bescheid haben. Angst, daß Du nichts zu tun bekämst, brauchst Du also nicht haben, wenn sich mehrere Stellen um Dich bemühen. Die Hauptsache ist, daß Du Dich an Deiner neuen Arbeitsstelle auch wieder einlebst.
Einen Abdruck der Fußgröße schicke ich mit. Die Nummer ist bei Jörg 34, bei Helga 36 1/2, bei mir 40. Das ist die Nummer der neuen Schuhe bei den Kindern, die sind also noch gut groß.
Ich freue mich sehr, daß Du mir einen so langen Brief geschrieben hast, aus dem ich Deinen ersten Tag dort miterleben konnte. So bist Du doch nicht ganz von mir getrennt. Die Kinder waren auch voll Freude, als ich ihnen sagte, daß ein Brief von Dir da sei. Ich habe jedem einen festen Kuß von Dir gegeben.
Nachdem es gestern geregnet hat ist heute das schönste Wetter. Klarblauer Himmel. Dafür hat es heute Nacht gefroren, die Wäsche war steif wie ein Brett. Nachdem die Sonne scheint, erwärmt es sich ja wieder. Wir gehen nun heute auf die Messe und vorher in die Wochenschau. Nach dem Kino wollen wir uns mit Vater treffen. Ich bin nur gespannt, ob er tatsächlich da ist.
Ich muß mich wieder vorsehen, denn ich habe ziemliche Nierenschmerzen. Wahrscheinlich habe ich mir beim Waschen wieder etwas geholt. Wenn es heute draußen warm ist geht es ja.
Um 6 will ich mir die Erklärung der Reichsregierung anhören. Da werden wir schon wieder zuhause sein.
Helga sagte mir heute, Paula hätte gesagt, sicher würde Tante Nanni bald einmal kommen. Sie hat sich also wahrscheinlich vorgenommen, Konstanz einmal aufzusuchen. - abends. 
Nun will ich Dir noch vom Nachmittag erzählen. Nachdem wir im Kino waren, wollten wir uns mit Vater treffen. Er war natürlich nicht da. Wir haben eine Weile gewartet und sind dann allein auf die Messe. Diesmal war sie sehr kurz. An der Tägermoos Straße fing sie an. Da haben sich nun alle Leute auf dem Stückchen Platz gedrängt. Wir sind bald aufs Döbele. Da sind die Kinder öfter Karussell gefahren, öfter als früher, wo wir noch ganz knapp mit dem Geld waren. Ein Eis haben wir auch gegessen, so sahniges, das nicht so sehr kalt ist. Dann haben sich die Kinder noch ein Messegeschenk gekauft. Jörg und alle seine Spielkameraden hatten ausgemacht, daß sich jeder so eine Schutzbrille, wie sie die Motorradfahrer haben, kaufen will. Sie bauen sich im Hof nämlich immer Flieger und dazu brauchen sie die Brille. Nun hat Jörg sich also eine gekauft, dazu noch eine Trompete. Helga hat sich eine Sonnenbrille und eine Flöte gekauft. Als wir heimkamen, ist Jörg gleich noch auf die Straße gegangen. Da waren auch die anderen Buben schon da, jeder mit einer Brille. Da war die Freude groß.
Ich habe auch etwas eingekauft, zwei Reste, die ich zum Verlängern von Helga`s Kleidern brauche. Es ist gerade die passende Farbe.
Am Abend habe ich mir die Reichstagssitzung angehört. Auf die französischen Sender ist sie ja auch übertragen worden und wahrscheinlich hast Du auch Radio gehört.
Am Abend kam Vater rauf. Vorhin, 3/4 10, ist er wieder fort, nachdem ich gesagt habe, daß ich schlafen gehen will, da ich immer noch Nierenschmerzen habe. Das will ich nun auch tun und wünsche auch Dir eine recht gute Nacht.

Brief 148 vom 28./29./30.4.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                    28.4.                                                             

Heute komme ich erst am Abend dazu, Dir zu schreiben. Ich war nämlich seit heute morgen den ganzen Tag im Garten. Das ganze Stück für die Kartoffeln habe ich umgegraben. Nach dem Stück kommen doch Erdbeeren. Da habe ich die ersten 2 Reihen mit umgegraben, da fast keine Stücke mehr da waren. Die noch da waren, habe ich in die nächsten Reihen gesetzt, denn da fehlten auch welche. So sind wenigstens 4 Reihen vollständig. An den Platz setze ich jetzt die Dahlien. Da sind die auch untergebracht. Den Mist habe ich jetzt vollständig verbraucht. Heute Morgen habe ich Tabaksasche gegen die Erdflöhe gestreut. Es war so, wie Du sagtest, noch etwas feucht aber kein Regen. Mal sehen, ob sich die Pflanzen noch entwickeln. Morgen Vormittag will ich einen Teil Kartoffeln rein tun, ganz fertig werde ich wahrscheinlich nicht werden, weil ich am Nachmittag zum Begräbnis von Brigitte Kuster gehen will. Ich habe Blumen für 3,- bestellt. Es gibt von 2,- an. Hoffentlich sehen sie gut aus. Ich habe heute Herrn Steinmehl gefragt, was seine Frau hat. Es ist ein Nervenzusammenbruch. Ich weiß nicht, ob ich sie einmal besuchen soll. Sie liegt in der ehemaligen Pension Wiehler(jüdisch), die enteignet worden ist. Scheinbar gehört sie jetzt zum Krankenhaus.
Heute hast Du ja dort auch wieder Deinen ersten Tag hinter Dir. Vielleicht weißt Du auch schon, wo Du hinkommst. Ich wünschte, ich hätte schon wieder einen Brief von Dir. Aber das wird noch eine Weile dauern und es ist gut, daß ich im Garten ziemlich zu tun habe, da vergehen doch wenigstens die Tage. Ich hoffen, daß noch eine Weile schönes Wetter bleibt, damit ich weiter schaffen kann.
Nun schließe ich für heute wieder und grüße Dich im Geist recht herzlich, mein liebster Ernst!

Lieber Ernst!                                                                                             29.4.

Wieder ist ein Tag vorbei. Ich will Dir auch heute schildern, wie er verlaufen ist. Am Morgen bin ich gleich in den Garten. Ich habe bis Mittag alle Kartoffeln rein getan. Damit wäre ich fertig.
Am Nachmittag bin ich zum Begräbnis gegangen. Ich habe mir das Kind noch angesehen. Es sah sehr entstellt aus, man hat es nicht wieder erkannt. Man hat es ihm angesehen, daß es sehr gelitten hat. 8 Tage vor seinen Tode dachte man, es würde besser werden, da es zu trinken und essen verlangt hat. Nachdem es etwas getrunken hat, wollte es noch etwas zu sich nehmen, plötzlich hat es nicht mehr schlucken können. 8 Tage hat es dann so gelegen, ohne daß es essen oder trinken konnte. Auch die Augen waren starr. Aber hören konnte es noch alles. Das Kind muß schwer gelitten haben. Durch einen Gehirnschlag ist alles  gelähmt worden.
Gestern machte Herr Zahn bei sich die Bohnenstangen rein. Ich fragte ihn, ob ich seine Eisenstange einmal bekommen könnte. Da sagte er: „Die Bohnenstangen mache ich ihnen rein, das macht mir keine Mühe.“ Ich habe erst versucht, ihn davon abzubringen, aber es war umsonst. Heute Nachmittag hat er die Arbeit nun gemacht. Vorläufig habe ich nur noch die Dahlien zu setzen und noch verschiedenes zu säen. Vorläufig wär die Hauptarbeit vorbei. Vielleicht komme ich jetzt noch ein bißchen zum nähen.
Wenn morgen schönes Wetter ist, wollen wir nochmals nach Hegne. Vielleicht gibt es noch Tee.
Nun will ich schlafen gehen. Heute ist Vater einmal nicht da, da kann ich schon etwas zeitiger zu Bett gehen. Ich denke immer, wo Du wohl jetzt sein wirst. Ich wäre so froh, wenn die Wartezeit auf einen Brief von Dir schon vorbei wär, Du mein lieber, lieber Ernst. Schlaf nun heute wieder gut und wach gesund wieder auf.

Mein lieber Ernst!                                                                                          30.4.

Heute hatte ich eine große Freude. Dein erster Brief ist angekommen. Das war eine herrliche Überraschung. Gerade, als wir zur Bahn gehen wollten, kam noch der Briefträger. Ich habe den Brief mitgenommen und im Zug gelesen. Das ist ja fein, daß Du die Bahnfahrt um fast 5 Stunden abkürzen konntest. Du bist ja auch so noch lange genug unterwegs gewesen. Eigentlich bin ich da in der ersten Nacht umsonst bis 1/4 2 Uhr munter geblieben, da Du ja schon 1/2 12 Uhr weiterfahren konntest. Aber das reut mich kein bißchen, konnte ich so doch noch länger mit meinen Gedanken bei Dir sein.
Ich habe den Abschied eigentlich immer noch nicht überwunden. Ich kann es immer noch nicht begreifen, daß ich Dich jetzt solange nicht sehen soll. Heute bin ich eigentlich zum ersten Male wieder fröhlich gewesen, nachdem ich Deinen Brief bekommen habe. Hoffentlich gehen die Wochen schnell vorbei, damit wir uns bald wiedersehen.
Wir sind heute Vormittag nach Hegne gefahren. Wir haben dann unsere Wiesen aufgesucht und auch viel Schlüsselblumen gefunden. Es hätte noch mehr gehabt, aber wir haben nicht mehr suchen können, so kaputt waren wir. Erst haben die Kinder nicht mehr können und ich habe allein weiter gesucht. Aber dann war auch meine Kraft zu Ende. Wir haben dann im Wald an einer sonnigen Stelle auf einem Baumstamm gegessen. Ich konnte aber auch hinterher nicht mehr weiter. Da mehrere Stämme zusammen lagen, habe ich Jacken untergelegt und habe mich zwischen 2 Stämme, in die Kuhle, gelegt und ausgeruht. Die Kinder waren schon wieder munter und haben gespielt.  Nachdem ich mich ca. 3/4 Stunden ausgeruht hatte, ging´s weiter. Wir sind dann heim gelaufen. 1/4 4 Uhr waren wir wieder da. Heute Nachmittag fing es dann auch an zu regnen. Da war ich froh, daß wir heute gegangen sind.
Morgen ruhe ich mich einmal aus, d.h. ich stopfe und bügle noch etwas. Das strengt aber nicht so an. Übermorgen habe ich Wäsche, da will ich wieder bei Kräften sein.
Vorhin 1/4 10 Uhr, ist Vater noch gekommen. Ich habe mich erst geärgert, daß er noch so spät kommt. Lange mache ich heute aber  nicht, denn ich bin müd.
1/2 11 Uhr ist es noch geworden, ehe er gegangen ist. Er konnte sich von der Zeitung nicht rennen. Er hat mich damit getröstet, daß er sagte, morgen brauche ich ja nicht so zeitig aufstehen, da Helga nicht zur Schule muß.
Nun gehe ich aber schlafen. Ich freue mich schon darauf. Schlaf auch Du gut, mein lieber, lieber Schatz. Wo wirst du jetzt Deine Unterkunft haben?


Brief 147 vom 26./27.4.1941


Mein lieber, lieber Ernst!                                                        Konstanz, 26.4.41       

 Es ist jetzt 1/2 12 Uhr nachts. Du bist nun schon einen ganzen Tag unterwegs. Bis 12 wirst Du noch in Duisburg sein. Und solange warte ich, bevor ich ins Bett gehe. Nachher im Zug wirst Du vielleicht auch ein wenig schlafen können, da schlafe ich dann auch.
Der Tag heute war grau und trostlos. Alles war uns leer ohne dich. Man kann sich so schwer daran gewöhnen, daß Du wieder fort bist. Es ist eben  doch ein ganz anderes Leben, wenn Du da bist. Am unbekümmertsten war Jörg. Er hat sich seine Kaserne auf den Boden gestellt. Unter dem Kindertisch hat er sich den grünen Teppich vorgeholt. Der war eine Wiese. Da der Teppich nicht glatt genug war, hat er ihn sich erst glattgebügelt. Ein bißchen habe ich ihm dabei geholfen. Dann hat er gespielt von heute Vormittag bis heute Abend. Ich muß sagen, durch den Teppich haben die Soldaten wirklich natürlicher gewirkt, als wenn sie nur auf dem Steinboden stehen.
Helga hat mehrere Male um Dich geweint. Ein bißchen haben ich sie trösten können, indem ich mit ihr gerechnet habe. Da haben ihre Augen jedes Mal geglänzt, wenn ich sie loben konnte, daß sie die Aufgaben so schnell heraus bekommt.
Heute Abend habe ich verschiedene Briefe beantwortet. Das hat mich ein bißchen abgelenkt. Die Durchschläge sende ich Dir mit. Bei dem Brief an Frau Diez kommt der Schluß etwas plötzlich, aber ich habe tatsächlich nicht gewußt, was ich noch schreiben soll.
Am Abend ist Vater noch gekommen. Vorhin, gegen 11 Uhr, ist er wieder fortgegangen. Es ist mir heute am wohlsten, wenn ich mit niemand reden muß. Seinen Kopf habe ich wieder fertig gemacht. Es bessert sich jetzt viel.
Die Kinder haben mit heute Abend gesagt, ich soll sie bestimmt wecken, wenn Du von Duisburg weg fährst. Das werde ich dann auch tun. Natürlich werde ich sie nicht hell wach machen.
Jetzt muß ich Dir auch noch etwas trauriges erzählen. Als wir heute früh heim gingen, bin ich bei Kusters wegen der Führermarke mit vorbei gegangen. Erst kam Frau Kuster mit verweinten Augen raus. Ich fragte, ob ihr Mann krank sei. Sie sagte, nein, die Kleinste, die Brigitte. Ich wollte da nicht stören und wollte gehen. Da kam Herr Kuster. Ich habe ihm nun gesagt, was ich wollte, da er danach fragte. Hinterher erkundigte ich mich, was das Kind hat. Es ist Gehirnhautentzündung. Ich wünschte recht baldige Besserung. Da fing auch er an zu weinen und sagte, wir wissen, daß es hoffnungslos ist.
Hätte ich das gewußt, daß das Kind krank ist, wäre ich natürlich nicht hingegangen. Frau Weber sagte mir später, daß das halbe Gesicht und der Hals schon gelähmt sind. Aber das Herz schaffe noch fest. Sie sagte mir auch, daß bei Kusters ein Bub von Frau Kuster zu Besuch war. Der ist auf einmal krank geworden und am Blinddarm operiert worden. Gestern ist auch er gestorben. Kusters werden doch nie fertig. Immer ist jemand krank. Einmal er, einmal sie (sie hat Herzgeschichten durch die vielen Aufregungen). Ihr Vater, also nicht sein Vater, liegt auch schwer krank im Krankenhaus. Die Leute sind doch zu bedauern. Da sieht man erst wieder, wie froh man sein kann, wenn die Familie gesund ist. Gesundheit ist doch das höchste Gut. Was nützt da alles Geld.
Mein lieber Ernst! Jetzt ist es 1.10 Uhr
Du wirst also gleich weiter fahren. Ich gehe nun auch schlafen. Gute Nacht!

Guten Morgen, mein lieber Ernst!                                                          27.4. 

Nun sitzt Du immer noch auf der Bahn. Hoffentlich hast Du ein bißchen schlafen können. Meine ersten Gedanken heute früh gingen zu Dir. Es ist heute gar kein richtiger Sonntag ohne Dich. Zum Tee suchen können wir heute auch nicht gehen, es hat die ganze Nacht geregnet und jetzt sieht es auch trüb aus. Helga freut sich schon aufs rechnen und Jörg sitzt, seit er sich angezogen hat, bei seinen Soldaten. Unter die „Wiese“ hat er an verschiedenen Stellen Bausteine und Rollen gelegt, das sind die Buckel auf dem Exerzierplatz. Vorhin sagte er: „Ich habe heute morgen gar keinen Hunger, ich brauche gar nichts essen.“ Ich merkte natürlich, woher der Wind weht und sagte: „Aber solange wir essen, mußt Du wenigstens am Tisch sitzen.“ Da sagte er ganz aufgeregt: „Dann esse ich auch was, wenn ich doch nicht spielen  darf.“ Jetzt macht er die ganze Zeit Militärmusik, weil alle Soldaten ausmarschieren. Ich werde heute schaffen, wenn auch Sonntag ist, denn zum hin sitzen habe ich doch keine Ruhe. Ich denke immer an Dich. Wenn Du nur gesund hinkommst.
Jetzt ist es 4 Uhr. Da solltest Du eigentlich in einigen Minuten an Deinem Bestimmungsort sein. Aber ganz pünktlich wird wohl der Zug nicht eintreffen. Du wirst froh sein, wenn Du endlich die lange Bahnfahrt hinter Dir hast.
Wir sitzen zu hause. Heute sind schon mehrere Sondermeldungen gekommen. Du wirst sie dort sicher auch gleich hören oder lesen. Das sind ja wieder gewaltige Erfolge. Lange werden sich die Griechen sicher nicht mehr halten können.
Abends. Nun ist der 2. Tag vorbei seit Du fortgefahren bist. Ich bin froh, daß es wieder Abend ist. Ich gehe jetzt schlafen. Als Du hier warst, sind die Tage so fröhlich verlaufen und ich hatte ganz vergessen, daß sie auch so öde sein können. Gut ist es immer wieder, daß ich unsere Kinder habe. Wo wirst Du heute Abend übernachten. Eine Woche wird ja immerhin vergehen, ehe ich auf meine Fragen eine Antwort erhalten kann, denn eher wird kaum ein Brief kommen. Gute Nacht, mein lieber, lieber Ernst!