Dienstag, 12. Januar 2016

Brief 113 vom 9./10./11.1.1941


Mein lieber, lieber Mann!                                                      Konstanz, 9.1.41     abends          

Heute Nachmittag war ich mit den Kindern in der Stadt. Wir haben den Brief an Dich fortgebracht. Ich habe Helga und Jörg mit dem Schlitten gefahren. Ich hätte evtl. auch mit dem Rad fahren können, aber erstens geht es bei dem Schnee nicht so gut und zweitens tut mir das Laufen auch ganz gut bei der guten Winterluft. Heute Abend weht ein ziemlicher Ostwind. Da ist man froh, wenn man eine warme Stube und ein gutes Bett hat. Beides ist ja bei uns der Fall. Es ist ja unser Heim, das wir uns zusammen geschaffen haben.
Von Jörg soll ich Dir schreiben, daß er aus Plastellina Tannenzweige- und Zapfen, sowie Flaschen und Löffel gemacht hat. Sie sind wirklich schön geworden. So hat jeder seine Liebhaberei. Jörg malt und formt gern, während Helga dafür nicht soviel Talent hat und lieber Mundharmonika spielt. Dafür hat wieder Jörg nicht viel übrig. Ich habe den Kindern mit den Bonbons von Dir schon öfter Freude gemacht. Sie staunen immer, wo ich wieder welche herbringe. Es war ja aber auch eine große Tüte voll. Das reicht schon eine Weile.
Das habe ich überhaupt in meinem vorherigen Brief vergessen. In dem Päckchen 19, das ich heute erhielt, waren drei Dosen Konserven drin. Es sind Fischstücke darauf abgebildet und darauf steht: BELL BRAND  FANCY PINK SALMON und dann nur noch die Firma. Vielleicht kannst Du mir genau schreiben, was es ist. Weit her sind diese Sachen ja, aus Yokohama. So, nun gehe ich wieder schlafen. Gute Nacht, mein lieber Schatz und wach gesund wieder auf. Denk auch immer an mich und unsere zwei Stromer.  

Lieber, lieber Ernst!                                                                           10.1.

Heute ist ein Festtag für mich. Dein erster Brief vom 2.1. kam an. Nun habe ich doch wenigstens Nachricht, daß Du gut hingekommen bist. Scheinbar war also die Fahrt soweit annehmbar. Da freue ich mich sehr. Wenn der Wagen am Bahnhof war, hast Du doch wenigstens keine Schlepperei gehabt. Die warme Stube wird Dir nach der langen Fahrt gut getan haben.
Heute kamen auch wieder drei Päckchen von Dir an, Nr. 14, 18, 22 mit Konserven und Tabak. Ich danke Dir auch nachträglich nochmals für all die schönen Sachen. Den Tabak werde ich nun Vater geben. Er hat ja ziemlich darauf warten müssen. Jetzt fehlen noch die Päckchen 12, 13, 16, 17.
Heute ist ganz blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Warm ist es ja nicht, aber bei Sonne sieht das alles gleich viel fröhlicher aus. Schlittenfahren heißt auch heute bei den Kindern die Parole. Das größte Übel vorher ist nur das Schuhe putzen. Da würden sie sich gern davor drücken. Es geht nur leider nicht. Beim Weberbuckel ist vorhin ein Unglück passiert. Drei Kinder von Brunners (Elektrizitätswerk) sind zusammen auf einem Schlitten den Buckel runter und in der Austraße in ein Lastauto gefahren. Dem großen Buben (10-12 Jahre) hat´s ein Knie zerschlagen, dem Mädel (2-3  Jahre) hat`s am Leib etwas getan, der Bub (2-3 Jahre) hat Blut gebrochen. Die zwei ersten sind ins Krankenhaus gebracht worden, der kleine Bub ist noch daheim. Jetzt ist das Fahren am Weberbuckel verboten. Gott sei dank, ich habe unsere zwei nur immer ungern dort fahren lassen, überhaupt erst, seit der Schutzmann sie vorm Haus weggewiesen hat. Ich dachte erst, die Bahn ging nur bis zur Austraße, derweil geht sie über dieselbe bis zu der Grube dahinter. Ich habe ja den Kindern immer gesagt, sie sollen an der Austraße bremsen und sie sind deshalb schon öfter von den größeren Buben angebrüllt worden. Na, nachher bringe ich ja den Brief fort und kaufe ein. Da nehme ich unsere zwei Burzels mit. Sie freuen sich ja schon immer, wenn sie gefahren werden. Bei diesem Sonnenschein geht man ja gern raus.
Nun laß mich für heute schließen. Sei recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.


Mein lieber Ernst!                                                            Konstanz, 11.Januar 41

eigentlich wollte ich gestern Abend noch schreiben, aber dann bin ich doch, nachdem ich noch gestopft hatte, zeitig schlafen gegangen. Heute, am Samstagvormittag, habe ich gebacken. Für uns einen Kuchen und für Dich ein paar Törtchen, so Fruchttörtchen mit Marmelade, wie ich Dir schon früher mal geschickt habe. Nur das eine ist dabei, ich habe diesmal kein Gustin dazu verwenden könne, da ich ja keins mehr bekomme, sondern nur noch Mehl. Ich weiß nun nicht, ob sie Dir auch so schmecken. Du darfst mir ruhig schreiben, wenn sie nicht so gut sind, da schicke ich Dir nächstes Mal was anderes. Post habe ich heute keine von Dir bekommen, d.h. am Nachmittag war der Briefträger ja noch nicht da.
Bei den Kindern hat es sich schon direkt eingebürgert, daß ich sie, wenn ich den Brief fortschaffe, mitnehme und mit dem Schlitten ziehe. Vorhin haben sie mich gerade wieder danach gefragt.
Am Sonntag ist doch der Tag der Briefmarke. Da habe ich schon Herrn Kuster beauftragt, für Dich und Kurt je einen Sonderstempel, bzw. Sondermarke zu besorgen. Das ist Dir doch sicher recht. Es ist nur gut, daß Jörg zu Weihnachten auch Plastellina bekommen hat. Heute hat er wieder lauter Säcke gemacht, die er alle auf sein Lastauto verladen hat. Außerdem hat er einen Flieger und ein Schiff geformt. Alles gar nicht ungeschickt. Helga benutzt ihre Ferien mehr dazu, ihre Märchenbücher durchzulesen.
Heute steht es nun auch in der Zeitung, daß das neue Schuljahr nach den großen Ferien beginnt. Die Jahrgänge, die aber zu Ostern in die Schule gekommen sind, werden auch zu Ostern entlassen. Da kommt also Jörg nun tatsächlich mit 7 Jahren in die Schule.
Ich habe jetzt das Gebäck für Dich eingepackt. Es ging nicht alles in ein Päckchen, da habe ich noch ein kleines dazu getan, welches sicher mit der Briefpost geht und dadurch wahrscheinlich auch schneller dort ist. Deshalb schreibe ich es auch nur, damit Du nicht denkst, Du bekommst nur dieses kleine Päckchen.
Nun will ich aber schließen. Es ist schon ziemlich spät geworden.
Sei für heute recht, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 112 vom 8./9.1.1941


Mein liebster Ernst!                                                                     Konstanz, 8.1.41                   

Eigentlich wollte ich schon gestern Abend mit schreiben anfangen, aber dann kam Vater und bis er ging, war es 1/2 12 Uhr. Da war es zum schreiben zu spät. Er hatte wieder ein paar Brötchen mitgebracht. Ich habe gestern eine Tafel Schokolade gegessen. Ich habe Vater etwas davon angeboten. Als ich sah, daß er sie mit großem Genuß aß, habe ich ihm eine Tafel geschenkt. Er sagte zwar erst, ich solle sie doch behalten, dann hat er sie aber doch gern genommen und ich habe mich darüber gefreut. Er sagte mir, er habe jetzt mal Pralinen gegessen, die er sich gekauft hatte, aber sie hätten ihm nicht geschmeckt. Die Schokolade schmecke schon besser. Ich habe gestern Abend, als Vater erzählte, gleich die Gelegenheit benutzt und Strümpfe gestopft. Ich  habe da ziemlich aufgeräumt. Jetzt will ich dann mit stricken anfangen.
Wenn ich nur erst einmal Nachricht von Dir habe, vorher habe ich noch gar keine Ruhe dazu. Mit der Maschine nähen sollte ich eigentlich auch, aber in die Stube kann ich die Maschine nicht stellen, wenn wir immer drin wohnen und in der Küche ist es mir zu kalt. Da warte ich lieber bis die Kälte nachläßt und man auch mit wenig Heizung die Küche erwärmen kann.
Helga kann jetzt schon so gut Mundharmonika spielen, daß wir verschiedene Lieder zusammen spielen. Sie ist natürlich auch ganz stolz darüber. Jörg hat dafür wenig Interesse.
Unser Tannenbaum steht noch immer frisch da. Nur die Brezeln sind runtergenommen worden. Die sind im Magen verschwunden. Aber die kann man ja auch nicht so lange hängen lassen, die könnten schlecht werden, meinst Du nicht auch?
Eben sehe ich, daß bei beiden Kindern die Naht hinten bei den Schuhen aufgerissen ist. Da werde ich sie gleich einmal zum Schuhmacher schaffen, damit beide dann wieder raus können. Tränen sind ja schon geflossen, daß sie jetzt nicht gleich raus können.
Ich schließe deshalb jetzt. Sei recht recht fest geküßt und gegrüßt von Deiner Annie.


Mein liebster Ernst!                                                    Konstanz, 8.Januar 41      abends

Heute Mittag ist ja der Brief etwas kurz geworden. Ich hatte ihn ja nicht so schnell beenden wollten, aber da sah ich, daß bei Jörg beide und bei Helga ein Schuh hinten an der Naht aufgerissen war. So sollen sie nun nicht rumlaufen. Ich bin dann gleich zum Schuhmacher gefahren und habe die Schuhe auch gleich gemacht bekommen. Der Schuster sagte, wäre schon die Mittelnaht noch aufgerissen gewesen, hätte es länger gedauert und natürlich mehr gekostet. So habe ich für die drei Schuhe 30 Pfennig bezahlt. Die Kinder warteten schon mit Ungeduld als ich heim kam und sind dann gleich noch Schlittenfahren gelaufen. Helga kommt ja dann immer ziemlich trocken heim, aber bei Jörg tropft die Hose, die Strümpfe, die Handschuhe und auch die Schuhe sind durch und durch naß. Ich möchte nur wissen, wie der das immer fertig bringt.
Heute vor einer Woche warst Du den ersten Abend nicht mehr bei uns. Was hab ich seither für Heimweh nach Dir gehabt. Wenn ich nur erst wieder Briefe von Dir bekomme. Ich kann es fast gar nicht erwarten. Bei Tag, wenn noch die Kinder da sind, vertreibe ich mir soweit die Zeit. Da habe ich doch allerhand zu tun und auch unsere beiden Lauser haben viel zu erzählen, aber abends bin ich doch sehr einsam. Ich freue mich schon, wenn Du wieder einmal kommst, wenn es auch noch eine Weile dauert.
Herr Leimenstoll ist heute früh auch wieder fortgefahren. Seine Frau sagte mir, daß er so ungern wieder fort sei. Er ist schon seit Mitte 1939 fort in Polen. Er wäre auch gern wieder bei seiner Familie, besonders da in Konstanz so viele vom Zoll sind, die noch nie fort waren. Ein Kommissar, der auch immer hier war, hat bei diesem Urlaub zu Herrn Leimenstoll gesagt, sie hätten doch dort in Polen den reinsten Erholungsurlaub. Das habe ihn schwer geärgert. Das kann ich mir denken. Du siehst, außer bei Euch auf dem Amt gibt es auch noch anderswo blöde Kerle. Die sitzen hier rum und haben ein dummes Maul.
Nun will ich aber schlafen gehen. Gute Nacht, Du lieber Schatz.

Mein lieber Mann.                                                                                       9. Januar

Ein Brief ist zwar heute auch noch nicht gekommen, aber 1 Päckchen, Nr. 19. Jetzt habe ich also die Päckchen 11, 15, 19, 20 und 21. Da werden sich die anderen auch noch einfinden. Nachdem es heute früh etwas geschneit hat, klärt es sich jetzt ein wenig auf. Die Kinder ziehen sich gerade an, um wieder Schlitten zu fahren.
Ich spiele jetzt öfter mit Helga zusammen Mundharmonika. Erst heute  früh haben wir wieder ein Konzert gegeben. Helga sagte heute, wenn ich selber Musik machen kann, habe ich vielmehr Freude daran. Das ist ja auch recht so. Jetzt scheint seit vielen Tagen zum ersten Mal wieder die Sonne. Da sieht die verschneite Welt gleich noch mal so schön aus.
Ob Du wohl schon Briefe von mir bekommen hast bis heute? Es ist ja immerhin schon eine Woche vergangen, seit ich wieder den ersten weggeschickt habe. Ich hoffe ja auch, daß ich morgen oder spätestens übermorgen etwas von Dir erhalten werde. Meine Male sind übrigens bald ganz verschwunden. Da solltest Du nun da sein.
Nun sende ich Dir für heute recht, recht viele Grüße und Küsse, mein lieber Ernst, Deine Annie.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Brief 111 vom 5./6./7.1.1941


Mein liebster Schatz!                                                                        Konstanz, 5.1.41                               

Nun ist es Samstagabend. Am Nachmittag habe ich mich hingesetzt und alle Briefe beantwortet. Fünf Briefe habe ich geschrieben, von denen ich Dir die Durchschläge mit sende. Manches wiederholt sich ja in den verschiedenen Briefen. Aber was soll ich schon überall schreiben. Außerdem gehen sie ja an verschiedene Empfänger. Vor lauter schreiben ist es mir jetzt ganz trimmelig im Kopf. Aber nun ist das wenigstens auch erledigt. Die Kinder haben heute Nachmittag mit dem Omnibus fahren dürfen, als sie den Brief fortschafften, bzw. die Briefe, denn sie haben ja auch an Dich geschrieben. Hinterher sind sie noch Schlittenfahren gegangen. Jetzt schlafen sie schon wieder friedlich.
Ich warte nur noch den 10 Uhr-Nachrichtendienst ab. Dann gehe ich auch schlafen. Schlaf auch Du gut, lieber Ernst, und wach ganz gesund wieder auf.
Mein lieber Ernst! Heute Nacht hat es wieder ziemlich geschneit. Die Kinder haben den Schnee weggekehrt. Ich wollte es erst tun, aber sie wollten es allein machen. Sie hatten sogar Angst, daß jemand aus dem Haus ihnen zuvorkommen könnte. So schnell wie heute haben sie sich noch nie angezogen. Wir wollen nachher noch in die Stadt. Ich muß zusehen, daß ich ein paar Lichtmarken bekomme. Durch die blöde Hamsterei gibt es ja fast keine. Die Kinder nehmen natürlich den Schlitten mit. Der muß jetzt überall dabei sein.
Ich habe die letzten Nächte nie richtig geschlafen können, da ich wegen eiskalter Füße immer wieder aufgewacht bin. Und das, trotzdem ich mich in eine Wolldecke eingehüllt und die weißen Socken angezogen habe. Nun mache ich mir abends doch eine Wärmflasche. Ich wollte mich nur nicht zu sehr verwöhnen. Aber wenn man nie richtig schlafen kann ist es auch nichts.
Nun will ich heute schon schließen. Die Kinder sind schon ungeduldig, daß wir bald gehen.
Sei nun vielmals gegrüßt und ganz fest geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                             Konstanz, 6.1.41

Nun ist schon wieder der Montag vorbei. Wie lange wird es dauern, dann ist schon eine und bald auch zwei Wochen vorbei, seit Du fort bist. Wenn ich nur erst wieder ein Lebenszeichen von Dir bekomme. Ich weiß ja, daß es noch ein paar Tage dauern wird, aber ich habe so Heimweh nach Dir, da kommt es mir unendlich lang vor.
Heute früh waren wir nun in der Stadt. Ich habe noch zwei Handschuhkästen für uns besorgt. Da sind unsere Handschuhe nun richtig versorgt und liegen nicht nur so umeinander. Am Nachmittag sind die Kinder wieder den Weberbuckel runter gefahren, solange, bis sie nasse Schuh und Strümpfe hatten. Morgen geht es sicher wieder weiter, d.h. wenn die Schuhe trocken sind bis  dahin. Jörg`s Schuhe sind jetzt noch tropfnaß.
Es ist nun 1/2 10 Uhr und ich gehe schlafen. Heute werde ich wahrscheinlich vor Kälte nicht aufwachen, nachdem ich mir eine Wärmflasche gemacht habe. Jetzt habe ich ja noch eiskalte Füße, aber das wird sich schon geben. Mein lieber Schatz, recht gute Nacht.

Mein lieber Ernst!                                                                                           7.1.

Ich habe tatsächlich gut geschlafen und vor allen Dingen habe ich von Dir geträumt. Die Nacht war mir da viel zu schnell herum. Wo Du jetzt nicht bei uns bist, ist es nur gut, daß es Träume gibt. Da sehe ich Dich doch oft.
Nachher wollen die Kinder wieder Schlitten fahren. Jörg hat mich schon gleich vorbereitet: Gell, Mutterle, wir müssen doch auch bremsen. Wenn da mal die Eisen abgehen, ist es doch nicht so schlimm. Besser, als wenn uns was passiert. Jörg denkt auch, der kluge Mann baut vor.
Ich habe vorhin den Briefträger gefragt, wo denn die Päckchen bleiben, sie seien schon am 10.12. weg geschickt.  Da sagte er, das sei unmöglich, da wären sie schon längst da. Ich habe ihm aber gesagt, daß es da gar nichts zu zweifeln gäbe und daß vier Stück bis jetzt eingetroffen seien. Da hat er dann bloß mit den Achseln gezuckt. Ich bin tatsächlich gespannt, ob wir die Päckchen noch bekommen. Jetzt sind sie ja bald einen Monat unterwegs.
Unser Bub ist doch ein Lauser. Eben kam Helga und sagte mir, daß Jörg auf dem Schlitten liegend den Schneckenbuckel runter fährt. Jetzt genügt ihm schon der Weberbuckel nicht mehr. Er weiß aber ganz genau, daß er die Schneckenburgstraße nicht runterfahren darf. Da habe ich schon geschimpft und außerdem hat ein Schutzmann gesagt, daß ihm der Schlitten weggenommen wird, wenn er ihn noch einmal erwischt. Aber der Kerl hört nicht, bis man ihn mal richtig durchwichst.
Wir haben heute wieder 10 Grad Kälte. Aber beim Schlittenfahren frieren beide nicht. Schneeluft ist ja auch gesund, da sollen sie nur draußen rumtollen.
Ich schaffe nachher noch den Brief fort. Wahrscheinlich werde ich laufen, da bin ich nicht solange allein zu hause. Vielleicht gehen unsere beiden Stromer mit.
Bei unserem Weihnachtkaktus blüht immer noch die erste Blüte, die zweite geht gerade auf und die dritte ist noch klein. Die erste Blüte hält sich eigentlich doch lange?
Heute früh habe ich mich mal ans bügeln gemacht. Alles ist ja noch nicht trocken. Da ist das Wetter nicht danach. Aber lieber Schnee als Matschwetter.
Nun Schluß für heute. Sei recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 110 vom 4./5.1.1941


Mein liebster Ernst!                                                                               Konstanz, 4.1.41                               

Heute schreibe ich Dir gleich am Morgen, da ich nachher Lebensmittelkarten holen gehe. Da nehme ich den Brief mit. Ich kann noch gar nicht gut schreiben, da ich vom Wäscheaufhängen ganz steife Finger habe. Es ist wieder ziemlich kalt geworden, auch windig. Die Milch, die ich am Fenster stehen hatte, war am Morgen mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Der Winter geht also doch nicht so schnell vorbei. Es ist da gut, daß wir unsere warme Stube haben.
Als ich gestern Abend den Brief an Dich fortbringen wollte, kam gerade der Briefträger vorbei, der die Briefkästen leert. Dem konnte ich  den Brief gleich mitgeben. So ist er wenigstens gestern noch fortgekommen.
Helga spielt jetzt den ganzen Tag Mundharmonika und hat schon gute Fortschritte gemacht. Sie ist auch ganz stolz darauf. Jörg hat den ganzen Tag genug mit seinen Soldaten zu tun. Ich schicke Dir heute einen Artikel mit, der Dich vielleicht interessiert. Du hast ja von der Frau Dr. Firnhaber nie viel gehalten. Dieser Artikel gibt Dir wieder einmal recht.
Heute oder morgen werde ich mich mal hinsetzen und alle Briefe beantworten, die zu Weihnachten eingegangen sind. Viel Lust habe ich ja nicht dazu, aber es muß eben sein.
Mein lieber Ernst! Ich träume jetzt jede Nacht von Dir und es ist immer eine große Enttäuschung, wenn ich aufwache und Du bist nicht hier. Es war doch so schön, als Du bei uns warst. Auch der Spaziergang auf den Tabor war doch fein. Es waren überhaupt alles schöne Tage.
Nun muß ich leider schon schließen, sonst bekomme ich meine Karten nicht mehr. Du wirst es mir nicht übel nehmen, daß ich den Brief nicht heute Nachmittag fertig schreibe und extra wegschaffe. Du weißt ja, wie leicht ich friere und froh bin, in der Wärme zu sein. Von der Wäsche bin ich sowieso schon ziemlich durchgekühlt. Nun grüße und küsse ich Dich recht herzlich, mein lieber Schatz, wenn auch nur im Geist und denke immer a n Dich Deine Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 4.1.41 abends                                                                                               
Vor 14 Tagen warst Du den ersten Abend da. Dieser und die darauf folgende Abende waren schöner als der heutige. Heute sitze ich wieder ganz allein hier und habe große Sehnsucht nach Dir. Ich muß Dir deshalb noch schreiben und wenn es nur ein paar Zeilen sind.
Hoffentlich schicken die Eltern bald wieder Zeitungen, damit ich lesen kann. Ich habe die letzten Abende gestopft und ausgebessert. Aber das ist nichts. Dabei kann man so viel nachdenken.
Päckchen sind heute wieder keine gekommen. Ich möchte nur wissen, wo die stecken.
Übrigens, das wird Dich auch interessieren. Der Mann vom Taborweg, der Gasableser, den Du schon öfter mit einem Rausch gesehen hast, hat sich gestern Nacht an der Türklinke aufgehängt. Wahrscheinlich auch im Rausch. Wie Herr Weber sagt, hatte er auch eine Kriegsverletzung, durch die er eine ganze Weile die Sprache verloren hat. Seitdem soll er ein bißchen nicht ganz recht gewesen sein.
In meinem heutigen Brief habe ich vergessen, den Zeitungsartikel beizufügen. Ich lege ihn nun diesem Brief bei.
Ich habe nun noch eine Mundharmonika bei der Firma Lemper gekauft. Diese hat ganz tiefe und hohe Töne, so daß es bei den Liedern nicht hapert. Helga hat nun meine andere bekommen. Sie spielt jetzt schon ziemlich viele Lieder drauf. Ich muß direkt staunen, wie schnell sie er lernt. Mein lieber Ernst, was wirst Du jetzt machen?
Es ist gleich 1/4 10 Uhr. Du hast ja diese Woche Deine Kameraden noch nicht dort. Du wirst sicher froh sein, wenn wenigstens einer von Beiden wieder kommt. Bleib mir nur gesund, mein lieber, lieber Mann, damit Du später wieder gesund nach Hause kommst. Schlaf gut und wach gesund wieder auf.

Mein lieber Ernst!                                                                                5.Januar

Am vergangenen Sonntag sind wir noch mit Dir auf den Tabor gegangen, nun bist Du schon wieder 1/2 Woche fort. Ich schicke heute die Kinder mit dem Brief in die Stadt und höre mir das Wunschkonzert an in der Hoffnung, daß Du vielleicht dasselbe hörst. Die Kinder freuen sich schon sehr, daß sie in die Stadt dürfen, vor allen Dingen auch deshalb, weil sie auch einen Brief an Dich geschrieben haben. Den bringen sie doch am liebsten selber fort.
Wir sitzen heute wieder in der Stube. Nachdem ich 2 Tage in der Küche kein Feuer gemacht hatte, waren heute früh nur 5 Grad Wärme drin. Da habe ich heute mal ein bißchen geheizt. Es sind aber doch nur 13 Grad Wärme. Da ist es in der Stube gemütlicher. Nur Du fehlst eben sehr. So sitze ich eben doch allein da. Wenn Du Dir das Wunschkonzert anhörst, bist Du ja auch allein. Aber meine Gedanken sind bei Dir.
Ich habe mir nochmals das Buch „Der Indio“, das wir Kurt geschenkt haben, rausgesucht und lese es noch mal. Es ist immer wieder interessant. So wird dieser Sonntag auch vergehen. In der kommenden Woche werde ich ja nun sicher auch Nachricht von Dir bekommen. Darauf freue ich mich schon.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Freitag, 1. Januar 2016

Brief 109 vom 1./2./3.1.1941


Mein lieber, lieber Ernst!                                                               Konstanz, 1.Jan.41

Nun sind wir wieder den ersten Abend allein. Es ist gleich 9 Uhr. Da wirst Du bald in Stuttgart sein. Ich denke immer an Dich. Der Abschied war wieder so schwer. Vater ist mit zu uns nach hause gekommen. Vorhin ist er eben heimgegangen. Er hat uns über den Abschied hinwegtrösten wollen. Aber das quält mich so. Ich muß damit allein fertig werden. Der beste Trost  ist für mich, daß ich Dir schreiben kann und dann die Arbeit.
Die Kinder waren auch sehr traurig. Sie schlafen jetzt zusammen in Helga`s Bett, nachdem sie vorher sehr geweint haben. Helga wollte erst, daß ich mit in ihrem Zimmer schlafe sollte. Ich konnte aber ja erstens Vater nicht einfach rausschmeißen und dann war es auch erst 1/4 8 Uhr.
So schwer der Abschied auch wieder ist, so bin ich doch so sehr froh, daß wir Dich wieder bei uns haben durften. Wie vergoldet doch Deine Anwesenheit selbst den nüchternen Alltag. Während der ganzen Zeit Deines Hierseins war für mich Feiertag. Es war ja so wunderschön, daß Du auch zu Weihnachten und Neujahr da sein konntest. Ich danke Dir für all Deine Liebe, die Du mir bewiesen hast und auch dafür, daß ich durch Dich diese Tage so froh sein konnte. Nun will ich wieder fest schaffen und meine Pflicht tun und vor allen Dingen hoffen, hoffen, daß Du uns gesund wieder kommst.
Heute Abend haben die Kinder immer wieder erzählt, wie lieb Du warst, wie Du ihnen erzählt hast, wie Du lustig mit ihnen warst und daß Du gestern, als Jörg noch bös war, gleich hinterher wieder lieb mit ihnen warst.
Ich sitze neben dem Sofa, auf dem Du noch heute lagst und es ist mir ganz unbegreiflich, daß Du jetzt wirklich schon wieder fortgefahren bist. Aber es ist eben jetzt so, wir haben viel Freude gehabt und nun kommt die Pflicht. Sie ist hart, aber sie muß getan werden. Wie ich Dir auch schon heute sagte, ich will alles tun, damit Du mit mir zufrieden bist.
Vorhin habe ich noch ein bißchen in den Illustrierten Zeitungen gelesen und an Dich gedacht. Jetzt wirst Du bald von Stuttgart wieder wegfahren. Komm nur gesund an Deinen Bestimmungsort. Immer wenn ich nach der Uhr sehe, sehe ich den Christbaum, der mich an unser gemeinsames Weihnachten erinnert.
Es ist doch am besten, ich gehe nun schlafen. Da brauche ich nicht mehr nachzudenken. Wenn ich ja nicht eher aufwache, so stelle ich mir doch den Wecker auf 1/4 8, damit ich 7,25 Uhr bestimmt munter bin. Da bist Du ja dann in Maastricht.
Mein liebster, liebster Ernst! Du wirst ja diese Nacht nicht viel schlafen können. Mein großer Wunsch ist  in jeder Minute, daß Du gesund hin kommen mögest. Bleib immer gesund und komm wieder, komm wieder zu uns, mein lieber, bester Schatz!

                                                                                                             2.Januar

Mein lieber, lieber Ernst!
Nun ist es 3/4 10 Uhr und wenn alles gut geht, fährst Du jetzt von Maastricht weg. Heute früh, als Du dort ankamst, war ich auch munter. Meine Gedanken sind ja immer bei Dir. Hier ist alles so leer ohne Dich.
Ich muß wieder fest schaffen, sonst ist es gar nicht auszuhalten.
3/4 3 Uhr                 Nun ist wieder Nachmittag. Ich will nachher mit den Kindern in die Stadt gehen und  verschiedenes einkaufen. Auch die Miete für Vater will ich bezahlen.
Gestern sprach ich noch mit Dir von Glatteis und heute haben wir schon welches. Wir hatten heute Nacht und am Vormittag Eisregen, so daß alles dich voll Eis hängt und die Straßen sind ganz glatt. Da fahre ich natürlich nicht mit dem Rad.
Du bist ja nun auch bald wieder an Deiner Arbeitsstelle. Es tut mir so leid, daß Du so einsam sein wirst, solange Deine Kameraden nicht da sind. Laß Dir`s nicht so schwer werden.
Am Vormittag erhielt ich das Päckchen Nr. 15 mit Schokolade. So nach und nach werden wohl alle Sachen noch eintreffen.
Sei Du, mein lieber, guter Ernst recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Lieber Vater! ich kann nichts schreiben als viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber, lieber Schatz!                                                               Konstanz, 3.1.41

Nun bist Du 2 Tage fort und schon kann ich meinen Brief nicht zur rechten Zeit fortschaffen. Du wirst denken, da reißt ja eine schöne Bummelei ein. Damit Du mir nun aber nicht böse bist, will ich Dir auch schreiben, warum das so ist. Ich habe heute Wäsche und war bis gegen 3 Uhr im Waschhaus. Um Kohlen zu sparen, haben wir gleich anschließend gebadet.
Nun ist es 1/4 5 Uhr. Nun habe ich aber nasse Haare und kann nicht ins Freie, besonders, da es wieder sehr kalt ist. Gestern Nachmittag kam noch mal so Eisregen und hinterher Schnee. Da sind die Kinder wieder den ganzen Vormittag Schlitten gefahren. Nach dem Baden haben sie natürlich auch Hausarrest. Wenn meine Haare trocken werden, bringe ich den Brief nachher noch fort. Wir sind heute wieder in der Stube. Da ist es am schönsten warm. Jörg spielt natürlich wieder mit seinen Soldaten.
Aber du fehlst, Du mein lieber Ernst. Hoffentlich bist Du dort gut angekommen. Auf einen Brief von Dir muß ich ja schon noch warten. Damit wir den Tannenbaum, die Erinnerung an das gemeinsam verlebte Weihnachten, noch länger aufheben können, habe ich unten ein Stück abgesägt. Jetzt steht er auf dem Nähtisch und ist gar nicht im Weg. Ich möchte ihn doch noch gern stehen lassen, weil Du ihn doch mit geschmückt hast. Von dem weg gesägten Stück habe ich die Zweige in die schöne Vase von Dir gestellt.
Von meinem Weihnachtsgeld habe ich gestern für Jörg einen Stuhl mit Lehne für die Küche gekauft. Ich hatte ja schon deswegen mit Dir gesprochen und Du hattest nichts dagegen. Mit dem Kauf eines Bücherschranks würde es nichts werden, auch wenn wir das Geld dazu hätten. Es gibt einfach keine. Oder man müßte kaufen, was gerade am Lager wäre. Das hat natürlich keinen Zweck. Also warten wir schon, bis einmal Frieden ist.
So sehr ich mich, als Du hier warst, auf ein Ausruhen gefreut habe, so sehr treibt es mich jetzt umeinander. Immer muß ich etwas zu tun haben. Du fehlst mir eben doch überall.
Gestern fragte mich der Briefträger, wer Kurt Hagenauer ist. Dann fragte er, ob Frau Hagenauer mit uns verwandt ist. Die Pakete von Frau Hagnauer an Kurt Rosche seien zurückgekommen. Sie hätte nun gesagt, der Briefträger solle sie zu uns bringen, was er aber abgelehnt hat, da er sie nur dem Absender zurückgeben darf.
Ich denke mir, daß sie vielleicht eine falsche Adresse geschrieben hat und wir hätten die Pakete mit der richtigen Adresse an Kurt schicken sollen. Wenn ich an Kurt schreibe, werde ich es ihm mitteilen, damit er wenigstens weiß, daß Paula ihm was schicken wollte.
Am heutigen Tag wirst Du ziemlich zu tun haben, um Dich überall anzumelden. Morgen geht nun die Arbeit wieder richtig an. Hoffentlich hast du Dich nicht wieder erkältet, wie das vorige Mal.
Sei nun für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie, die immer an Dich denkt.

Viele Grüße und Küsse auch von Deiner Helga. Jörg. 

Freitag, 18. Dezember 2015

Brief 108 vom 14./16./17.12.1940


Mein liebster Ernst!                                                                               Konstanz, 14.12.40

Heute waren wir in der Stadt und haben Geld geholt. Als wir heim kamen, war ein Päckchen von Siegfried da. Er hat Gebäck, Pralinen, Bonbons, Parfüm und 10,- geschickt. Das ist doch wirklich schön. Findest Du nicht auch? Von Dir war leider kein Brief da, so daß ich nicht weiß, ob es Dir wieder besser geht. Ich warte so auf einen weiteren Brief von Dir.
Heute hat es auch die Weihnachtsabzeichen gegeben. Kasper, Ritter, Prinzessin, Teufel, Räuber, Gretel usw. Sie sehen ganz putzig aus. Die Arme sind beweglich. Die HJ macht es genau wie die SA. Zuletzt halten sie einem immer noch um einen Pfennig an. In den nächsten Tagen muß ich mich mal hinsetzen und an alle schreiben, von denen ich in den letzten Tagen Briefe erhalten habe. An Elsa, Erna, Frau Diez und Siegfried. An Kurt schreibe ich nur noch ein paar Zeilen zum Päckchen, das will ich heute auch noch mitnehmen. Gestern bin ich, als ich den Brief wegschaffte, gleich noch beim Zahlarzt gewesen. Von den zwei Zähnen, die er zuletzt gemacht hat, war doch schon mal eine Plombe rausgegangen. Jetzt hatte ich wieder so einen Zahnarztgeschmack im Mund. Damit ich nun zu Weihnachten nicht mit Zahnweh dasitze, bin ich gleich mit hingegangen. Da war nun die andere Plombe gesprungen. Der Zahnarzt sagt, ich hätte zu schnell darauf gebissen. Das ist aber nicht wahr. Das hätte er ja auch damals sehen müssen, als er den Danebenliegenden nochmals gemacht hat. Ich bin nur gespannt, ob es diesmal hält. Gestern Abend hat es ganz verdächtig geknackt. Schwer weh getan hat die Behandlung ja gestern. Ich bin froh, daß es vorbei ist. Es ist eben immer wieder etwas.
Die Kinder sind wieder runter zu Großvater und ich will mich dann fertig machen.
Als ich heute den Gehaltszettel bekam, war da wieder 3,40 Arbeitsfront abgezogen. Ich habe angerufen und da wurde mir gesagt, daß die Nichtberechnung, der vergangenen Monate nur ein Versehen sei, denn solange der Gehalt weiterläuft, muß man auch Arbeitsfront bezahlen. Da kann man nix machen. Nun will ich schließen. Hoffentlich bekomme ich bald Bescheid, ob Du wieder gesund bist. Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                                     Konstanz, 16.12.40                  

Zuerst möchte ich Dir für das Päckchen Nrr.10 und Deine lieben Briefe vom 3.und 8.12. danken. Gestern habe ich einmal keinen Brief an Dich geschrieben, was Du entschuldigen mußt. Ich habe gestern noch gebacken, da bin ich einfach nicht dazu gekommen. Gestern Abend ist mir dann noch etwas „Schönes“ passiert. Kurz vorm Schlafengehen wurde mir auf einmal der ganze Körper heiß und als ich mich dann auszog ist mir doch der Schreck in die Glieder gefahren. Der ganze Körper, von den Schenkeln bis zum Hals, war mit großen, angeschwollenen, roten Flecken bedeckt. Zuerst dachte ich an Scharlach, weil das auch an den Schenkeln anfängt. Ich habe mich gleich mit einer Sysoform-Lösung abgewaschen. Heute früh bin ich zum Arzt,  der feststellte, daß ich Nesselfieber habe. Von was weiß ich auch nicht. Der Arzt sagt, das kommt von verschiedenen Sachen, Verdauungsstörungen usw. Hoffentlich ist es wieder gut bis Du kommst.
Heute erhielt ich auch noch Deinen lieben Brief vom 9.12. Beantworten werde ich ihn nicht mehr viel, denn es fragt sich ja, ob dieses Schreiben Dich noch antrifft, ehe Du in Urlaub kommst. Wir können ja dann alles mündlich miteinander besprechen. Heute früh haben wir auch den Weihnachtsbaum gekauft. Er ist sehr schön, kostet aber auch  2,-. Von den Eltern bekam ich heute auch ein Paket. An Dich haben sie ja auch eine Stolle geschickt. Ich schreibe ihnen heute noch, daß Du höchstwahrscheinlich nun doch zu Weihnachten heim kommst. Ich freue mich ja schon so sehr darauf.
Mein liebster Ernst, nimm bitte heute mit diesem kurzen Brief vorlieb. Ich habe heute gar kein Sitzfleisch. Von dem Nesselfieber juckt es am ganzen Körper. Bleib Du nur gesund, damit wir uns recht bald wiedersehen. Ich danke Dir recht sehr für das liebe Päckchen und die Briefe und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                            Konstanz, 17.12.40

Du wirst sicher staunen, heute einen Schreibmaschinenbrief von mir zu erhalten. Es ist, glaub ich, das erste Mal. Heute kam Dein lieber Brief vom 10.12. an. Hab recht vielen Dank dafür. Nun ist es nicht mehr so lange, bis Du zu uns nach hause kommst. Es ist heute der letzte Brief, den ich bis zu Deinem Urlaub schreibe, die anderen würden Dich doch nicht mehr dort erreichen. Nach der Stadt kann ich ihn leider nicht bringen, da ich gestern Nachmittag und heute ein bißchen Stubenarrest habe, bzw. ich habe mir selber gesagt, daß ich nicht raus gehe, da ich noch immer Nesselfieber und auch ein wenig Nierenschmerzen habe. Da will ich mich lieber vorsehen, damit ich nicht etwa im Bett liege, wenn Du bei uns bist.
Ich mache mich heute einmal an die Beantwortung der verschiedenen Briefe, die ich bekommen habe. Da brauche ich mich nicht gerade zu Weihnachten dazu hinsetzen. Augenblicklich halten wir uns wieder in der Küche auf. Ich brauche zwar mehr Heizung, aber, da es mir doch nicht ganz gut ist, muß ich schon die Küche, in der ich doch immer zu tun habe, warm haben. Ich muß eben sehen, daß ich später wieder einspare. Bei uns ist es jetzt auch ziemlich kalt, heute sind es 14 Grad Kälte.
In dem Paket der Eltern waren neben den neuen auch noch einige alte Soldaten drin. Die habe ich Jörg nun gegeben. Jetzt spielt er die ganze Zeit mit ihnen und seiner Kaserne. Er sagt, daß er jetzt, wo er so viel Soldaten hat, viel schöner spielen kann. Wie wird das erst sein, wenn noch welche dazu kommen. Die „Rösser“ gefallen ihm ganz besonders.
Eine Sonderzuteilung von Fleisch gibt es zu Weihnachten nicht. Ich habe mir aber vorige Woche schon ein Pfund aufgehoben, diese Woche sind es auch bald zwei Pfund, die ich mir aufspare und Anfang nächster Woche gibt es nochmals ca. ein Pfund, außerdem kommt noch das Fleisch Deiner Urlauberkarte dazu, so daß wir schon auskommen , wenn Du auch nicht mitbringen kannst. Gebacken habe ich ja auch und auch sonst habe ich verschiedenes, so daß wir auf keinen Fall zu hungern brauchen.
So ziemlich die meiste Arbeit habe ich ja für Weihnachten hinter mir. Es ist doch gut, wenn man nicht alles bis zur letzen Minute aufhebt. Jetzt hätte ich nun gar nicht so gut schaffen können. So gibt es doch wenigstens die letzte Woche keine Hetzerei.
Ich freue mich ja schon mächtig, wenn Du kommst. Ich kann die Zeit kaum erwarten. Aber nun geht es ja mit Riesenschritten auf Weihnachten zu. Die paar Tage werden auch noch vergehen. Mein Wunsch ist nur, daß ich dann nicht mehr so scheckig aussehe. Wenn es auch keine Schmerzen macht, sondern nur heiß ist, sieht es doch ganz gefährlich aus. Das eigenartige ist, nachts in der Bettwärme gehen die Flecke alle weg und bei Tag, vor allen Dingen gegen Abend, kommen sie verstärkt wieder. Ich kann mich doch aber wegen diesem Zeug nicht ins Bett legen.
Nun will ich aber für heute schließen, sonst komme ich gar nicht mehr zu den anderen Briefen. Verschrieben habe ich mich ja im Brief mehrmals, aber Du mußt eben ein bißchen drüber weg sehen.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt  und geküßt von Deiner Annie.  

Freitag, 11. Dezember 2015

Brief 107 vom 11./12./13.12.1940


Mein lieber Ernst!                                                                        Konstanz, 11.12.40 

 Heute habe ich Dir wieder allerhand zu berichten. Gestern kam Dein liebes Päckchen Nr. 8 an. Da haben wir uns sehr darüber gefreut. Jörg war besonders über den Reis begeistert. Das ist doch sein Lieblingsessen.
Dann erhielt ich einen Brief von Kurt, von Elsa und Erna. Kurt kommt Weihnachten nicht heim und im Januar fährt er zu Nanni. Elsa schreibt, daß Gerhard jetzt Gefangene bewachen muß. Erna schreibt, daß Siegfried vom 21. – 23.12 und zu Neujahr heimkommt.
Heute erhielt ich von Dir Zeitungen und meinen Brief vom 15.11. an Dich zurück. Nun kann ich mir nur denken, warum Du nicht weißt, daß alle Päckchen angekommen sind. In diesem Brief bestätige ich Dir ja auch ein Päckchen. Ich möchte bloß wissen, wo dieser Brief diesen ganzen Monat rumgefahren ist. Ich bin schon schwer beim nähen. Aber es macht mir Freude. Ich will doch zu Weihnachten soweit fertig sein. Ich freue mich ja schon so sehr, wenn Du kommst. Es dauert ja gar nicht mehr so lange. Jetzt bin ich selber froh, wenn Weihnachten recht schnell kommt. Es gibt ja gar nichts Schöneres, als Dich bei uns zu haben.
Heute hatte ja Helga keine Schule, da haben unsere Zwei zusammen gespielt, die ganze Küche ist von ihren Spielsachen besetzt. Aber nicht nur spielen können sie. Da ich doch genäht habe, sind sie auch fleißig gewesen. Helga hat Möhren geschabt und Kartoffeln geschält, Jörg hat sie geschnitten. Dazu nimmt er sich immer ein Brett. Ich habe das Mittagessen nur noch aufsetzen müssen. Auch die Treppe haben Beide gekehrt. Das ist doch was? Bist Du mir böse, wenn ich Dir heute nicht so viel schreibe? Weißt Du, vom nähen bin ich immer so abgespannt. Ich bin sehr froh, daß ich beim Fortschaffen noch ein bißchen an die Luft komme.
Nun möchte ich heute schließen. Ich danke Dir noch vielmals für das Päckchen und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie

Mein liebster Schatz!                                                            Konstanz, 12.12.40

Manchmal ist es doch schwer, eine Frau zu sein. Da erfahre ich nun aus Deinem Brief, daß Du krank warst (hoffentlich bist zu inzwischen wieder gesund geworden) und ich muß hier sitzen und habe Dich gar nicht ein bißchen pflegen können. Nimm Dich nur in acht und schone Dich. Wir sind alle schon so froh, Dich bald wieder zu sehen. Ohrfeigen könnte ich mich ja, daß ich Dir mit meinem Brief Sorgen gemacht habe, als Du krank warst. Deine lieben Briefe, die ich erhielt, sind vom 4. und 6.12. Wenn Du gesund wirst, sind es nur noch 10 Tage, bis Du dort fortfährst. Heute erhielt ich ein Päckchen mit einem Polohemd für Jörg und einen langen Brief von Frau Diez. Sie schreibt sehr nett. Sie wohnt den Winter über mit bei ihrer Tochter. Nur sonntags ist sie in ihrer Wohnung, die nur 2 Häuser entfernt ist. Auch die Frau und das Kind von ihrem Sohn Gerhard wohnt mit bei der Tochter, seit er in der „Cherisy-Kaserne“ ist. Er hat sich freiwillig gemeldet, seit das Gut, auf dem er schaffte und das einem Juden gehörte, verkauft worden ist. Die Eltern von seiner Frau sind Auslandsdeutsche und in Palästina von den Engländern interniert, ebenso die Geschwister. Heute bin ich beim nähen eines Kleides für Helga. Vorläufig habe ich es erst einmal zugeschnitten. Wir wollen Dir doch alle gefallen, wenn Du kommst.
Wenn ich nur wüßte, ob es Dir schon wieder besser geht. Ich hoffe es ganz fest. Es dauert eben doch ziemlich lange, ehe man Bescheid bekommt. Eine Woche geht doch immer, ehe ich Deine Briefe erhalte. Na, es bleibt mir ja nichts anderes übrig, als abzuwarten. Die Kinder sind immer schwer gekränkt, daß der Schnee, den es ab und zu mal schneit, nicht liegen bleibt. Sie würden doch so gern mal Schlitten fahren. Damit es ihnen nicht zu langweilig oben wird, lasse ich sie Ketten zum Weihnachtsbaum machen, bzw. kleben. Auch kleine Figuren schneiden wir aus. Ein Muster schicke ich Dir mit. Kinder können ja kaum erwarten, bis Weihnachten ist. Sie bemühen sich auch, brav zu sein. Wenn es auch nicht immer gelingt, wie heute, wo ich unseren Burschen wieder mal kräftig verwichsen mußte. Aber das ist schon wieder vergessen.
Nun will ich mich wieder auf den Weg machen. Bei dem trüben Wetter wird es so schnell dunkel. Ich wünsche dir, daß Du recht bald wieder ganz gesund wirst und grüße und küsse Dich ganz herzlich Deine Annie.

Mein liebster Ernst!                                                                 Konstanz, 13.12.40

Einen Brief habe ich heute nicht erhalten, trotzdem ich sehr darauf gewartet habe, denn ich mache mir doch Sorgen, ob du wieder ganz gesund oder noch krank bist. Aber sechs Päckchen erhielt ich und zwar Nr. 3, 4, 5, 6, 7, 9. Nun habe ich bis Nr. 9 all erhalten. Es ist direkt ein Vergnügen, die Päckchen auszupacken, so schöne Sachen kommen immer zum Vorschein. Von dem Spargel werde ich zu Weihnachten, wenn Du da bist, etwas kochen. Auch über die Hörnchen freue ich mich sehr sowie über den Kakao und die Ölsardinen. Bei den anderen Sachen weiß ich nicht, was es ist. Aber für die Seife möchte ich Dir noch danken. Die hat einen wunderbaren Geruch. Den ganzen Vormittag haben wir sie schon angerochen.
Der Pullover für Vater ist fein. Ich dachte erst, er sei zu lang, aber er dehnt sich dann in die Breite beim anziehen und verliert an Länge. Da hast Du wirklich etwas schönes gekauft. Er fühlt sich ganz mollig an.
Ich möchte Dir für alle gesandten Sachen recht herzlich danken, auch für die Mühe, die Du Dir immer mit den Päckchen machst. Helga hat heute einen Brief von den Eltern bekommen, in dem sie ihr für den Brief danken, den Helga an sie geschrieben hat. Sie loben sehr ihre Schrift. Helga hat den Brief ganz stolz gelesen, aber als sie an den Satz kam: „Du zankst Dich doch sicher nie mit Jörg...“ hat sie doch gestutzt und mich angesehen .
Da muß ich Dir auch nicht etwas erzählen. Gestern hatten die Kinder doch ein paar Sterne usw. ausgeschnitten. Jörg hat auch einen aus lauter Streifen geklebt. Ich habe ihn dann zu recht geschnitten. Hinterher hat er ihn immer voll Stolz angesehen und zuletzt gemeint: „Gell, Mutterle, das Schwerste habe ich doch gemacht, die bißchen Schnippselei ist das Wenigste.“ Also, von dem Wert seiner Arbeit ist er voll und ganz überzeugt.
Wir bereiten schon alles für Weihnachten vor und mein einziger Wunsch ist nur, daß Du gesund wirst und zu uns kommen kannst, Du mein lieber, lieber Ernst.
Das Kleid für Helga habe ich nun auch fertig. Es ist mir gut geraten. Darüber freue ich mich. Hoffentlich bist Du, wenn Du es siehst, auch damit zufrieden. Darauf lege ich nämlich besonderen Wert.
Kommen jetzt oft  feindliche Flieger zu Euch? Es heißt doch öfter „...flogen in das besetzte Gebiet ein.“ Ich denke da immer an Dich, daß Dir nichts passiert. Sei Du nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.