Dienstag, 24. November 2015

Brief 96 vom 22.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 22.11.40 

Um es gleich vorweg zu nehmen, Post habe ich heute früh auch wieder keine bekommen. Da ich nun keinen Brief beantworten kann, will ich Dir von gestern Nachmittag und heute erzählen.  Wie ich Dir schon schrieb, wollten wir gestern Schuhe für Helga kaufen. Ich hatte Socken mitgenommen, damit die Schuhe reichlich groß sind. Da brauchte Helga Nr. 36. Nun hatten sie noch feste Lederschuhe zu 10,80 M da. Die standen schon länger, weil, wie das Frläulein sagte, vorm Krieg keiner für Kinderschuhe soviel ausgeben wollte. 36 ist nun eigentlich schon Damengröße und Damen wollten wieder leichtere Schuhe. So sind sie noch dageblieben. Verhältnismäßig sind die Schuhe billig. Ich habe mir vorher schon andere angesehen. Die kosteten bis Größe 35 12,50 M. Unter diesem Preis bekommt man jetzt fast keine und das sind dann keine so guten Ledersohlen. Ich habe sie Vater gestern gezeigt, dem gefallen sie auch sehr gut. Nun wirst Du staunen, wenn ich Dir sage, daß ich mir auch noch ein paar Schuhe mit Holzsohle gekauft habe. Dunkelblau mit rot abgesetzt. Der Stoff sieht aus wie Wildleder. Ich habe doch nur meine Lackschuhe, die ein bißchen nett aussehen. Die möchte ich noch nicht ganz kaputtmachen, da ich ja auch, wenn diese kaputt sind, keine neuen bekomme, denn ich habe doch noch die braunen schweren, die schwarzen zum schnüren und die ganz guten. Die ganz guten will ich noch nicht tragen, damit ich ein paar Schuhe habe, wenn ich mit Dir fortgehe. Die schwarzen zum Schnüren ziehe ich meist nur an, wenn es regnet, (denn ich bin jetzt schon ein bißchen eitel geworden) und die braunen schweren nur im Winter oder wenn es sehr kalt ist. Die Lackschuhe will ich jetzt für Sonntag anziehen, denn da möchte ich nicht mit Holzschuhen laufen. Die Holzschuhe vom Sommer kann ich ja jetzt nicht tragen, die sind zu hell. Ich habe sie gewaschen und weggestellt. Die Holzschuhe, die ich mir gekauft habe, gefallen mir ja prima. Kosten tun sie 7,90 M. Nun wirst Du fragen, ja, hast Du denn soviel Geld? Das ist so. 15, hatte ich für Helga‘s Schuhe zurückgelegt.  Da sie nur 10,80 kosteten, blieben mir 4,- übrig. 2,- habe ich für Rabattkarten bei Tengelmann gelöst und 2,- habe ich noch dazutun müssen. Ich hoffe, daß Du mit dem Kauf einverstanden bist.  Heute früh habe ich meine Lackschuhe besohlt. Sie sind gut geworden. Bei Jörg seinen Halbschuhen habe ich meine Lederabsätze drauf machen müssen, die alten waren ganz schief getreten und zwar tritt er sie immer nach innen.  Gestern habe ich einmal die neue Weste, die Du mir geschenkt hast, angezogen.  Die ist wirklich fein. Jetzt bin ich mit Kleidern usw. wirklich ausgestattet. Das einzige, was ich mir einmal noch kaufen möchte, ist ein fester Sportrock, den ich auch auf dem Rad anziehen kann, also ohne eingelegte Falte. Diese reißt auf dem Rad gern ein. Dann bin ich aber wirklich für Jahre hinaus versorgt, denn ich habe ja auch noch die Stoffe von Dir da. So eine reichliche Ausstattung habe ich überhaupt noch nie gehabt und das verdanke ich nur Dir allein, daß es mir in dieser Beziehung jetzt so gut geht. 
In den nächsten Tagen muß ich an meine Eltern und Kurt schreiben.  Abends hat man nur nicht immer Lust.  Von Vater soll ich Dich auch herzlich grüßen. Er kommt so schlecht zum schreiben.  Wenn ich nachher in die Stadt fahre, will ich sehen daß ich schon ein paar Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen kann. Ich fahre heute schon ein bißchen zeitiger fort, da es in den letzten Tagen immer zum spät zum Märchen vorlesen war und darauf freuen sich doch unsere beiden Stromer immer so.  Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Wenn nur recht bald wieder ein Brief von Dir käme, ich wäre so froh.

Samstag, 21. November 2015

Brief 95 vom 20./21.11.1940


Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 20.Nov.40 

Ich glaube, die Post ist vollkommen verdreht. Vor 3 Tagen erhielt ich Deinen Brief vom 14. und heute früh den vom 11. Gefreut habe ich mich aber doch sehr, daß es ein Brief von Dir war. In ihm hast Du mir auch wieder geschrieben, wie Du den Abend verbracht hast, so daß meine Bitte gestern eigentlich überflüssig war. 
Über die Weste habe ich mich wirklich sehr gefreut, aber auch über die Bluse.  Über die Weste aber ganz besonders deshalb, weil ich so etwas noch nie hatte. Lieber Ernst, halte mich bitte nicht für ungenügsam, aber wenn Du mir später noch einmal so etwas Ähnliches kaufen könntest, würde ich mich sehr freuen. Aber es hat Zeit, Du mußt nun nicht gleich danach springen. 
Ich wollte beim ersten Mal Mist holen wirklich ein paar Ruhetage vorher einlegen, aber ich habe es einfach nicht ausgehalten. Was getan ist, ist getan. Der Wohlgeruch hat mich im Allgemeinen wenig gestört, nur darf man sich mit der Kleidung, die man beim holen anhatte, nicht in die Küche wagen, da ist es dann schon unangenehm. 
Wenn Du noch einige Tafeln der Corona-Schokolade da hast, sind wir gern Abnehmer, aber nur, wenn Du auch welche für Dich hast. Sonst schmeckt sie uns auch nicht.  Wie ich bei Musik aus dem „Fliegenden Holländer“ immer an Dich denken muß, so geht es Dir jetzt scheinbar mit dem „Lügenlord“. Das Lied macht mir aber auch wirklich immer Vergnügen. 
Heute früh habe ich rote Rüben in Steintöpfen eingemacht, in kleinen Litertöpfen. Mal sehen, ob sie sich halten. Die hebe ich für Dich auf, wenn Du mal auf Urlaub kommst.  Heute Nachmittag wollen wir mal in den Wald gehen und sehen, wo es evtl. Tannenreisig für einen Adventskranz gibt. Es paßt gerade, da Helga ja heute keine Schule hat. 
4 Uhr.    Nun sind wir wieder da und haben auch Reisig gefunden.  Nicht haufenweise, aber es langt gut. Ich versorge es einstweilen im Keller. Es war ganz schön im Wald. Die Kinder haben sich an verschiedenen Stellen an Ostereier erinnert. Sie haben auch überall gewußt, wo wir mit Dir gegangen sind. Unser aller Meinung war, daß es eben doch am schönsten war, mit Dir im Wald spazieren zu gehen. Wir wollen hoffen, daß diese Zeit auch wieder einmal kommt.  Ich will heute schon einmal etwas früher in die Stadt fahren, denn ich soll heute nochmals nach dem Rückstrahler fragen. Am Montag waren sie schon wieder ausverkauft.  Ich schließe darum heute schon und grüße und küsse Dich innig Deine Annie.


 Mein lieber Ernst!                                        Konstanz, 21.11.40

Ich glaube, fast jeden Tag kann ich im Brief mit dem Seufzer beginnen, Post habe ich heute keine von Dir bekommen. Ich möchte nur wissen, wo die Briefe alle stecken, denn Du schreibst doch jeden Tag.
Vielleicht geht es Dir aber mit dem Empfang von Briefen genau so.  Heute ist wieder einmal sonniges Wetter und da am Morgen der Schein für die Schuhe für Helga gekommen ist, nehmen wir die Gelegenheit wahr und gehen am Nachmittag in die Stadt. Helga macht nur noch schnell Schulaufgaben. 
Kurt hat an Vater geschrieben, daß er jetzt in Privatquartier ist, bei einer Frau mit drei Kindern. Es gefällt ihm sehr gut. Ich soll ihm bald etwas zu lesen schicken, da er und auch seine Wirtin sehr gerne liest. Er ist noch in der Nähe von K. Den Rückstrahler habe ich gestern bekommen. Er kostet ohne anmachen 1,90 M. Für so ein kleines Ding ziemlich viel Geld. Für Dein Rad habe ich noch keinen besorgt, da Du es ja nicht wolltest. Das anmachen war gar nicht so einfach. Ich hab fast den ganzen Vormittag damit zugebracht. Ich hätte es vom Händler gleich machen lassen, aber da hätte ich das Rad dort lassen müssen, da sie so viele Räder zum anmachen haben.
Die Kinder unterstützen mich jetzt auch wieder, damit ich an Dich schreiben kann. Helga wäscht ab und Jörg hat eben die Küche ausgekehrt.  Lieber Ernst! Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich heute weniger schreibe. Wir möchten gern noch bei Sonnenschein raus gehen. Sei für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Lieber Vater! Heute kaufen wir Schuhe für mich, da kriegen wir sicher wieder ein buntes Heft. Mutter hat uns gestern eine große Freude gemacht, sie hat uns ein Adventskalender gekauft.  Viele Grüße und tausend tausend Küsse von Deiner Helga.  Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 21.11.40

Zum Advent schicken wir Dir 2 kleine Päckchen. Hoffentlich hast Du ein wenig Freude daran. Die Tanne haben wir gestern im Wald geholt. So erhältst Du also auch einen kleinen Gruß aus unserem Wald. 
Sei vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 

Brief 94 vom 18./19.11.1940


Mein liebster Ernst!                                               Konstanz 18.Nov. 40 

Diese Woche hat besser begonnen als die vorhergehende, denn meine Finger sind fast wieder heil. Vor allen Dingen kann ich nun wieder so ziemlich alles schaffen. Da gibt es für mich mancherlei nachzuholen. Vor allen Dingen auch im Garten. Heute habe ich mal vorläufig am Zaun das dürre Zeug von den blauen Blumen abgeschnitten und das schräge Beet hinterm Haus soweit es geht abgeräumt. Nun muß ich das noch umgraben. Später will ich dann noch den Mist an die Erdbeeren tun. Es ist eben alles liegen geblieben. Morgen oder übermorgen will ich aber erst noch vom Gutshof den Mist für Vater holen.
Dieser Tag ist nun auch wieder vergangen, ohne daß ein Brief von Dir angekommen ist. Eigentlich sollte ich es ja nun bald gewöhnt sein, daß die Post unregelmäßig eingeht, aber ich bin doch immer wieder enttäuscht, wenn ein Tag ohne Brief vergeht. Wie ich ja schon aus Deinen Briefen ersehen habe, geht es Dir ebenso.
Heute war wieder einmal einer der wenigen Tage in letzter Zeit, die sonnig waren. Das heitert einen doch gleich ein wenig auf. Leider ist es nun gegen Abend schon wieder damit vorbei, denn es bewölkt sich. Einige Tage hat es auch gegeben, an denen man die Berge wundervoll sehen konnte. Da kann ich mich immer gar nicht satt sehen. Einmal waren die Berge so nahe gerückt, daß man meinen konnte, sie ständen bereits bei Romanshorn. Sie haben auch alle schon wieder ein weißes Kleid angezogen. Wenn ich über die Brücke fahre und die Berge sehe, meine ich manchmal, da solltest Du auch da sein, das würde Dir sicher auch Freude machen. 
Jetzt hast Du ja dort zum Ersatz andere Freuden, die Du später hier wieder entbehren mußt, wie Kino, Variete und Theater. Da darf natürlich die Gegend dort nicht so schön sein, sonst wäre ja hier gar nichts mehr, auf was Du Dich freuen könntest. Außer uns natürlich, denn ich hoffe, daß wir Dir unersetzlich sind. 
Im Herbst ist ja das Leben jetzt ziemlich langweilig. Man ist die meiste Zeit ans Haus gefesselt und alle. Na, wie müssen eben sehen, daß wir so gut wie möglich durch den Winter kommen. Ich habe ja oft rechte Sehnsucht nach Dir. Vergiß auch Du mich nicht.  Von den Eltern ist auch noch kein Brief angekommen. Ich glaube, die haben uns vergessen. Eine Karte habe ich vor ein paar Tagen nochmals geschickt. Mal sehen, ob sie nun etwas von sich hören lassen. Nun will ich wieder schließen. Ich muß jetzt immer sehen, daß ich nicht so spät fortkomme, da es bald dunkel wird. Ich will nachher noch einmal nachfragen, ob es wieder Rückstrahler gibt. Sei Du, lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                       Konstanz, 19.11.40

Heute kam wieder kein Brief von Dir an,. Das ist sehr traurig, denn ich sehne mich sehr nach ein paar lieben Worten von Dir. Hier ist so richtiges Herbstwetter, wieder neblig. Das drückt so nieder. Ich bin jetzt auch viel öfter als im Sommer an die Wohnung gebunden, da man ja bei Regenwetter, wie es jetzt öfter herrscht, nicht so gut im Garten schaffen kann. Wenn ich dann am Abend so einsam sitze, kommen mir so viele Gedanken und ich muß sehr dagegen ankämpfen, um nicht in trübe Stimmung zu verfallen. Da freue ich mich dann immer, wenn ich wieder einen Brief bekomme, aus dem ich lesen kann, daß Du mich genau wie früher lieb hast. 
Ein liebes Päckchen habe ich heute Nachmittag von Dir erhalten. Als ich es aber öffnen wollte, durfte ich es nicht, denn „nicht öffnen“ stand da drauf. Für das Päckchen danke ich Dir. Für die Sachen, die drin sind, kann ich es noch nicht, denn ich darf sie ja noch nicht sehen. Eine kleine Weihnachtsfreude ist mir also schon ins Haus geflogen. 
Von den Eltern erhielt ich heute früh ein Zeitungspaket mit Brief, von dem Du wahrscheinlich eine Abschrift erhalten haben wirst, wie ich sie ja auch von dem Brief an Dich bekommen habe. Eine erfreuliche, wenigstens unter den jetzigen Umständen erfreuliche Nachricht, ist ja die, daß Hans Krall nicht tot ist. Da wird Tante Agnes froh sein, wenn auch Gefangenschaft kein schönes Los ist. 
Der heutige Vormittag war mit dem holen von Mist ausgefüllt. Das wäre also auch geschafft.  Da ich jetzt wieder stricken kann, bin ich sehr froh, daß ich wieder Zeitungen bekommen habe.  Beim stricken läßt es sich ja ganz gut lesen und die Abende gehen schneller vorbei. Die Eltern fragen doch wegen eines Geschenks für Jörg an. Ich werde schreiben, daß sie ihm die Soldaten kaufen mögen, die er sich wünscht. Das ist Dir doch sicher recht. In letzter Zeit schreibst Du mir nie mehr, wenn Du ins Theater oder Kino gegangen bist und was gespielt wurde. Das hat mich aber immer sehr interessiert.  Würdest Du mir‘s bitte wieder schreiben. 
Ich hätte auch noch eine Bitte an Dich.  Könntest Du mir nicht einmal aufzeichnen, wie so alle Möbel in den Zimmern stehen, die Du bewohnst? Das heißt, wenn es Dir nicht zu viel ist. Ich möchte doch gern wenigstens ein bißchen mit Dir leben und so kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie alles bei Dir ist.
Ach Ernst, ich glaube, ich habe Heimweh nach Dir und da quäle ich Dich mit so viel Wünschen. 
Ich möchte für heute gern schließen und grüße und küsse Dicht recht oft und fest Deine Annie.

Montag, 16. November 2015

Brief 93 vom 16./17.11.1940


Mein lieber Mann!                                                            16.11.

Heute vor einem Monat bist Du von uns fortgefahren. Wie schnell so ein Monat vergeht. Nachdem Du dort so viel Arbeit hast, wird Dir die Zeit auch schnell vergangen sein.  Vorhin kam Dein lieber Brief an die Kinder an. Für mich war heute früh nichts dabei. Wenn Helga aus der Schule kommt, wird sie sich freuen. Sie darf den Brief selber aufmachen, auf den sie schon so gewartet hat. Sie möchte Dir nämlich gern wieder schreiben und dabei Deinen Brief beantworten.
Ich habe vorhin mit Jörg die Doppelfenster eingesetzt. Jörg hat mir fest geholfen und die Haken eingehängt. Er ist mit dem Hammer ganz vorsichtig und geschickt zu Werke gegangen, trotzdem er noch so ein kleiner Kerl ist. Er selber kommt sich ja nicht mehr so klein vor. Nachher will ich mit ihm einkaufen fahren, das ist für ihn ein großes Vergnügen. Dabei nehme ich dann gleich den Brief mit, den ich deshalb schon früh geschrieben habe. Nachmittags komme ich heute nicht mehr in die Stadt. Nun will ich schließen. Wahrscheinlich schreibe ich heute Abend wieder an Dich. Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Denk mal, dieses Jahr habe ich sogar an Alice eine Geburtstagskarte geschrieben. Da werden sie in Leipzig beruhigt sein.


Mein lieber Ernst!                                             Konstanz, 17.11.40

Der Sonntag ist nun schon halb vorbei, ehe ich an Dich schreibe.  Eigentlich sollte das schon gestern Abend geschehen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Erst sind die Kinder etwas später ins Bett gekommen, da ich Jörg noch die Haare geschnitten habe, später kam dann noch Vater. Ehe er fort ging, war es ¼ 12 Uhr. Mit dem Haare schneiden von Jörg war es auch so eine Sache. Ich wollte ihn zum Friseur schicken, weil ich mit meinen Fingern nicht gut schneiden konnte. Er hat sich mit Händen und Füßen gesträubt. Am Freitag hatte ich ihn soweit, daß er zu dem Melin vorgehen sollte. Nun hatte der sein Geschäft aber nur die 14 Tage auf, in denen er auf Urlaub da war. Als wir nun vor kamen, war das Geschäft zu. Da hat Jörg einen Freudentanz aufgeführt. Er sagte dann, ich sollte es doch einmal probieren, ob ich‘s nicht doch machen kann. Nun wollte ich ihn nicht am Sonntag so liederlich rumlaufen lassen und hab‘s gestern Abend noch geschnitten. Jörg sagte: „Man läßt sich doch lieber von seiner eigenen Mutter die Haare schneiden als vom Friseur.“
Heute früh kam Dein lieber Brief vom 14.11. an. Hab recht vielen Dank dafür. Die Briefe, die zwischen dem 10. und 14. liefen, habe ich noch nicht erhalten.  Wir haben in diesem Herbst auch schon manchen starken Sturm erlebt. Bei Euch dort muß es ja auch ziemlich getan haben. Waren in dem Sommertheater, welches abgebrannt ist, auch für Euch schon Vorstellungen?
Dein Wunsch für Weihnachten wäre also ein Wintermantel. Ich bin gern damit einverstanden unter der Bedingung, daß ich Dir das Geld dazu schicke. Auf einmal wird es zwar kaum gehen, aber das wird schließlich nicht so schlimme sein. Du wirst jetzt vielleicht lachen und sagen, daß ich große Töne rede vom zahlen, wo es ja schließlich Dein Geld ist. Aber bei mir geht es eben nicht anders, da ich ja selber nichts verdiene. Aber es ist ja in einer Beziehung wieder so, daß ich das Geld ja auch anderweitig verbrauchen könnte. Wenn ich Dir dafür aber etwas kaufen kann, macht es mir doppelte Freude. 
Die Nieren tun mir nicht mehr weh. Da sehe ich mich auch ganz besonders vor. Heute ist wieder ganz unfreundliches Wetter. Es ist gar nicht richtig hell geworden und regnet die ganze Zeit.  Gestern Nachmittag bin ich mal zu Vater runter gefahren. Ich habe ihm noch ein paar Fleischmarken, etwas Milch und auch den Kaffee von Dir gebracht, 1 ½ Pfund. Jetzt weiß ich nur nicht, ob ich ihn richtig berechnet habe. Ich wollte nicht zu viel von ihm verlangen und habe mir für 1 Pfund 2,30 M geben lassen. Ist das zu wenig? 
Nun möchte ich noch etwas mit Dir besprechen. Wir wollen doch Vater evtl. auch etwas zu Weihnachten schenken. Nun habe ich schon gedacht, ob du nicht einmal zusehen könntest, ob Du vielleicht eine Strickjacke oder einen Pullover für ihn bekommen könntest. Es kommt natürlich drauf an, wie schwer und wie teuer einer ist. Das Geld würde ich Dir schicken. Ich würde ihm hier eine kaufen, aber er wird mir sicher nicht seine Kleiderkarte geben. Die Hauptsache ist mir natürlich, daß Du überhaupt damit einverstanden bist. 
Wenn ich die zwei Päckchen von Dir erhalte, die ich nicht aufmachen soll, stelle ich sie bis Weihnachten weg.  Du weißt doch, wie unsere zwei Bengel sich öfter hänseln. Wie sie aber doch aneinander hängen, sieht man doch an mancherlei Begebenheiten. Gestern sagte Helga, als Jörg mal raus gegangen war, unser Bub ist doch ein schöner, kleiner Kerl, während Jörg mir heute sagte: „Helga ist doch mein lieber Schatz.“ Heute hat er den ganzen Vormittag geduldig gewartet, bis Helga Schulaufgaben gemacht und an Dich geschrieben hat. Nun ist er glücklich, daß er jemand zum spielen hat. Kaspertheater wird gespielt. 
Ich habe gestern auch den Schulranzen mitgebracht, als ich bei Vater unten war. Ich gebe ihn nun mal zum Sattler, damit er wieder hergerichtet wird. Das Leder ist ja noch sehr gut. Den Ranzen bekommt ja dann Helga, da sie ja bis jetzt einen „Bubenschulranzen“ gehabt hat. Der Ranzen von Euch hat ja eine halbe Verschlußklappe, wie ihn die Mädchen hier haben.  Nun will ich aber eilen, daß ich den Brief noch fortbringe. Es ist ¼ 6 Uhr. Es wird schon duster und ich habe noch keinen Rückstrahler bekommen. 
Sei also für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 92 vom 15.11.1940


Mein lieber Mann!                                              Konstanz, 15.11.40 

Deinen lieben Brief vom 8.11. habe ich heute bekommen, in dem vom Haar raufen die Rede ist. Das würde ich wirklich gern einmal tun, aber Du brauchst Dir noch keine Sorgen deshalb machen. Ehe ich Dich an die Öffentlichkeit lassen würde, würde ich Dich natürlich erst wieder richtig kämmen. Beim raufen kommt es aber leider vor allen Dingen darauf an, ob du es dir gefallen läßt. Ich glaube, darüber unterhalten wir uns, wenn Du wieder mal Urlaub hast. 
Heute morgen war ich in der Stadt zum Geld holen, Dabei habe ich gleich nachgesehen, wann der Dr. Nast Sprechstunde hat. Wir müssen doch  noch mal hinkommen, da wollen wir gleich heute Nachmittag gehen, sonst muß sie morgen die Schule schwänzen. Leider regnet es heute wieder, da ist das spazieren gehen keine reine Freude. 
Ich möchte in den nächsten Tagen gern die Doppelfenster in den beiden Schlafzimmern rein machen.  Denn wenn es erst einmal richtig kalt war und man macht dann die Fenster rein, so wird es so feucht im Zimmer. Nun war in der Zeitung in den letzten Tagen eine Bestimmung, nachdem in Zimmern, die man während der Nacht öffnet, also wo man die Fenster öffnet, blaue Birnen verwendet werden sollen. Ich habe mir auch zwei Stück besorgt, da brauche ich doch auch dann keine weitere Verdunklung anbringen, wenn ich die Fensterläden nicht mehr zumachen kann. Die Geschäfte sind auch verpflichtet, blau zu färben, aber nur bis zu 15 W. Stärkere Birnen dürfen nicht verwendet werden. 
Jetzt muß ich Dich auch noch was fragen, da Du gerade die Fahrscheine mitgeschickt hast. Hast Du vielleicht auch noch die Fahrradschlüssel von mir und Dir dort. In Uniform bist Du doch auch einmal mit meinem Rad gefahren und von Dir ist auch wieder nur noch ein Schlüssel da. Guck bitte einmal nach.  Heute ist es wieder ein ziemlich kurzer Brief, aber ich habe nur über Mittag schreiben können, da wir gleich zum Doktor müssen. Er hat von 2 bis 4 Sprechstunde.  Mein lieber Schatz! Ich grüße und küsse Dich recht herzlich und denke immer in Liebe an Dich Deine Annie.


 Mein lieber Ernst!                                             Konstanz, 15.Nov.40

Ich lasse gerade mein Fingerbad wieder warm werden. In der Zwischenzeit will ich Dir schnell noch ein paar Zeilen schreiben.  Wir waren doch heute beim Doktor, um nachsehen zu lassen, wie die Salbe gewirkt hat. Sie hatte ja überhaupt keine Wirkung gehabt. Ich habe natürlich gefragt, was damit bezweckt werden sollte. Es handelt sich nun darum, wenn die Salbe irgendwie gewirkt hätte, hätte Tuberkuloseverdacht bestanden. So ist sie nun also gesund. Ich hatte schon die Absicht, vielleicht auch Jörg deshalb nochmals untersuchen zu lassen, möchte aber erst Dein Urteil gern wissen, ob Du von dieser Untersuchung etwas hältst. 
Als wir heute nach hause kamen, wartete noch eine große Freude auf uns. Dein Päckchen  mit dem Kaffee, Schokolade, Bonbons und Gummi war angekommen. Hab recht vielen Dank dafür. Der Gummi ist auch prima. Die Bilder von der Schokolade sind für die Kinder erst einmal die Hauptsache. Nur fragen sie immer, was auf den Bildern steht und was für Märchen das sind, und ich kann doch nun leider nicht französisch. Ich sollte auch gleich diese Schokolade aufmachen, denn bei der anderen hatten sie gesehen, daß noch zwei Bilder drin liegen. Vorläufig habe ich mich aber einmal geweigert. Vor den Bonbons hat jeder zwei Stück vorläufig bekommen. Sie schmecken aber gut. Den Kaffee hebe ich mir noch auf. 
Mein Daumen ist dem Gefühl nach etwas besser geworden, wenn es jetzt auch unter dem Nagel eitert. Ich habe aber gestern mit einer Nagelfeile den Nagel soweit abgefeilt, daß der Eiterherd bald unter dem Nagel hervortreten muß. Da kann ich dann besser dazu. Es ist ja ein ziemliches Theater mit dem Zeug, aber was will ich machen. Nun will ich mal aufhören mit schreiben und mit der Baderei fortfahren. 
Jetzt habe ich doch noch am Abend alles unter dem Daumennagel entfernen können. Du wirst denken, weiß sie denn wirklich nichts anderes zu erzählen. Aber das beschäftigt mich jetzt wirklich sehr, denn ich kann augenblicklich weder nähen noch stopfen und das ist doch gerade notwendig. Aber ich glaube, jetzt habe ich es mit den Fingern bald geschafft und dann werde ich Dir auch wieder über erfreulichere Dinge berichten können. Ich will dann auch bald im Garten weiterschaffen und das wird Dich wieder mehr interessieren.
Nun gehe ich schlafen und wünsche Dir auch eine recht gute Nacht. Schlaf gut, mein lieber Ernst und wach gesund wieder auf. 

Brief 91 vom 14.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                    Konstanz, 14.11.40    

Am 14. vor einem Monat hieß es schon, übermorgen mußt Du wieder fortfahren. Schon wieder ist ein Monat vorbei.  Ich finde in letzter Zeit kommt die Post sehr unregelmäßig an. Heute früh habe ich auch keinen Brief von Dir bekommen. Nur der Koffer von Kurt kam an. Im verpacken ist doch Kurt leichtsinnig. Er hat den Koffer nur einfach zugemacht, ohne Bindfaden drum zu tun, also auch nicht abgeschlossen. Im Koffer waren seine ganzen Schlüssel, das Photoalbum, seine Schreibmappe und Verschiedenes mehr. 
Du wirst dich wundern, daß ich heute so scheußlich schreibe. Das kommt daher, daß ich mit dem rechten Daumen nicht richtig zufassen kann. Mit meinen Händen bin ich in den letzten Wochen ein richtiger Pechvogel. Nur gut, daß mich Helga ein bißchen unterstützen kann. Erst waren doch die Stellen von den Brombeerstacheln vereitert. Vier hemdknopfgroße Blasen habe ich mir aufschneiden müssen, da das aufstechen nichts genutzt hat. Da ich nun nicht richtig zufassen konnte, denn drei von den Stellen waren an der rechten Hand, habe ich mich vor ca. 1 ½ Woche am linken Mittelfinger geschnitten. Nicht sehr schlimm, aber auch das eiterte auf einmal. Ich habe die letzten Abende immer Seifenbäder gemacht, darum bin ich auch abends nicht zum schreiben gekommen. Es wurde aber nicht besser und ging auch nicht auf.  Gestern wurde es nun ganz dunkelrot und um den Eiter rum blau. Da blieb mir auch nichts anderes übrig als aufschneiden. Ich war ganz entsetzt, was da alles raus kam. Ich habe auch da rings herum die Haut weg schneiden müssen, weil´s ziemlich eingefressen war. Das ist nun auch auf dem Weg der Besserung, aber damit mir´s nicht zu wohl wird, ist wieder was anderes gekommen. Als Jörg die Scheibe zerschmissen hat, mußte ich doch die Splitter entfernen. Da ich wieder nicht richtig zufassen konnte, habe ich mich scheinbar mit einer Spitze in den Fingernagel des rechten Daumens gestochen. Es ist nur ein kleiner Stich, aber das ganze obere Glied des Daumens tut furchtbar weh. Es ist eben so, wenn mir auch Helga verschiedenes hilft, Kartoffeln schälen und so Sachen muß ich doch selber machen. Da weichen eben die Pflaster weg und die Wunde wird wieder schlimmer. Bin ich nicht ein Pechvogel? 
Vorgestern habe ich nach vielem Bitten die Puppenküche und den Kaufmannsladen vom Speicher geholt. Beide Kinder sind ganz selig. Gestern fragte nun Helga: „Hast Du auch eine Puppenküche gehabt?“ „Ja“ „Auch so groß?“ „Ja“ „Auch einen Balkon?“ „Ja“ „Hast Du vielleicht die Puppenküche gehabt, die mir jetzt gehört?“ Nach einigem Zögern habe ich das dann bejaht. Im nächsten Moment bin ich fast erdrückt und fest geküßt worden. Mit dem Ruf „Das ist fein, das ist aber fein“ hing Helga an meinem Halse. Da mußte ich nun Helga alles erzählen und dann sagte sie: „Weißt Du, die hebe ich gut auf, die kriegen meine Kinder und von denen wieder ihre Kinder.“ Auf meinen Einwurf „Na, das wollen wir mal sehen“ sagte sie dann „Das kannst Du doch dann gar nicht mehr sehen, da bist Du ja schon lange tot.“ Ich habe beiden Kindern dann auch zur Warnung erzählt, wie ich mal so feste Schläge bekommen habe, weil ich naschen wollte. Helga sagte darauf: “Weißt Du, ich möchte den Papa nicht als Vater haben, unser Vaterle ist dagegen viel lieber.“ Vor den festen Schläge hat sie ziemlich Respekt bekommen. 
Heute Nachmittag ist nun doch noch ein Brief von Dir gekommen, vom 10.11. Der letzte, den ich erhielt, war vom 7. Es kommt also alles durcheinander an.  In ein Geschäft möchte ich nicht gern gehen, um mich nach dem Preis für einen Pelzmantel zu erkundigen. In der Zeitung stand aber jetzt mal „Pelzmäntel von 287,-Mk a n . Das wird dann auch nicht der Beste sein. 
Ich werde also Vater vom Kaffee abgeben. Der wird sich sicher freuen. Bis jetzt ist noch niemand wieder wegen der Küche da gewesen. Ich muß sowieso wegen der Waschküche noch mal zu Herrn Döbele. Da werde ich noch mal nachfragen. Vater kam gestern Abend und sagte, wenn ich wegen dem Mist noch nichts unternommen habe, solle ich‘s sein lassen, denn er könnte mir die ganze Arbeit nicht zumuten. Ich habe ihm gesagt, daß ich es schon bestellt habe, und daß ich es schon mit erledigen werde. Es ist doch Dein Vater. 
Der Brief an die Kinder ist heute noch nicht angekommen. Wahrscheinlich wird er morgen eintreffen.  Du schreibst, daß Ihr bei einer bekannten Familie, welche in Richtung Arras wohnt, Kaffee getrunken habt. Woher kennt Ihr die Leute alle? Ihr seid doch eigentlich fremd dort. Ich glaube, Ihr schafft Euch dort so langsam einen Bekanntenkreis an und werdet ganz heimisch.  Vergiß nur uns dabei nicht. Wie ich aber lesen kann, hast Du Dich auch bei der Familie an uns erinnert. Lieber Ernst! Ich möchte nun mit schreiben aufhören, denn der Daumen tut mir ziemlich weh.  Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem halben Invaliden Annie.

Brief 90 vom 12./13.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                Konstanz, 12.November 40

 Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 6.11. Recht vielen Dank dafür. Ich sehe aus ihm wieder, daß Du augenblicklich viel Arbeit hast. 
Mit dem Zeugnis von Helga können wir schon zufrieden sein. Sie hat gestrahlt, als ich vorgelesen habe, daß Du Dich darüber gefreut hast.  Du schreibst, wir wollen Dich nicht so viel loben, Du seist auch nur ein Mensch. Ein bißchen Lob mußt Du Dir schon gefallen lassen. Wenn Du auch nur ein Mensch bist, so bist Du doch für uns der liebste Mensch. 
Aus Deinem Brief habe ich nun auch ersehen, warum Du am 6. so spät ins Bett gekommen bist. Da war also Dein gutes Herz daran schuld, denn das hat Dich doch veranlaßt, den beiden Chefs über die Katerstimmung hinweg zu helfen. Du armer Kerl, Du bist zu bedauern. Die Hauptsache war ja, daß Du am nächsten Morgen frisch und munter warst, wie ich aus dem Brief vom 7. lesen konnte. 
Daß Brombeerstacheln Schwierigkeiten machen, habe ich gemerkt. Zwei Finger eitern immer noch. Es ist gut, daß ich die vielen Leukopflaster mit Mulleinlage habe. Das sieht wenigstens sauber aus. Ich habe schon ein ganz Teil verbraucht, denn bei den Hausarbeiten werden sie doch oft feucht und schmutzig. Helga wäscht mir ja schon die ganze Zeit über ab, jeden Tag, da brauche ich nicht so oft ins Wasser fassen. Meist trocknet sie auch noch ab. Man sieht doch, daß man schon eine große Tochter hat. Ich möchte nur wissen, woher das kommt. Jeder kleine Riß eitert gleich, es brauchen nicht mal Brombeerstacheln sein.  Heute hat Jörg auch wieder mal was angestellt. Er hat seine erste Fensterscheibe zerschmissen. Er war im Kinderzimmer. Da wollten wieder die Kinder von Büsings reingucken. Erst hat er sie angebrüllt, sie sollten fort gehen. Als sie zu dem kleinen Fenster hereinlangen wollten, hat er zugeschlagen, zwar mit der flachen Hand (ich habe es gesehen), da er sich im Handteller ein bißchen geschnitten hat, aber so stark, daß die untere Scheibe futsch war. Ich habe mich erst schwer geärgert, denn 3 bis 4 Mk. sind umsonst rausgeschmissen, aber es läßt sich nicht mehr ändern. Da aber Strafe sein muß, gehen wir nun nicht in die Film-Märchenstunde, in die wir eigentlich gehen wollten. 
Morgen früh 9 Uhr muß ich mit Helga zur Untersuchung, von der Krankenkasse aus, zu Dr. Nast.  Gestern Nachmittag habe ich noch die Dahlien in den Keller getan und einen Teil Möhren eingekellert. Im Freien kann ich heute auch nichts tun, denn es regnet schon wieder den ganzen Tag.  Als die Flieger vor ein paar Tagen da waren, haben sie die SS-Kasernen in R. bombardiert, aber nur einen Schuppen getroffen. Die Kasernen selber sind nicht beschädigt. Als die Bomben fielen, hat man das bei uns aber ganz genau gehört, es müssen drei Stück gewesen sein. Herr Leimenstoll, der wieder auf Urlaub da war, sagte gleich, daß das bestimmt Bomben gewesen seien. Sonst gebe ich ja nicht viel auf dessen Urteil, aber da hat er mal recht gehabt.  Nun will ich in die Stadt und beim Glaser vorbei fahren, damit das Fenster bald wieder in Ordnung kommt.  Mein lieber Ernst, sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.  Ich habe Dir doch mal einen Zeitungsausschnitt geschickt, in dem davon die Rede war, daß zu schwere Päckchen an die NSV gehen. Gestern stand nun in derselben Zeitung der beiliegende Artikel.

Lieber Ernst!                                                                 12.11.40

Ich habe das Päckchen teilweise noch einmal aufgepackt, um Dir mitzuteilen, daß heute Nachmittag die zwei ersten Päckchen mit der Bluse, dem Jäckchen, dem Leder, Kaffee und den Strümpfen angekommen sind. Sind sie also doch noch angekommen.


Mein lieber Ernst!                                                    Konstanz, 13.11.40

Heute trudelte endlich der Brief vom 4. ein. Der hat lange gebraucht, bis er bei mir war.  Du hast Dich also gefreut, daß ich Dir etwas Gebäck mitgeschickt hatte. Das freut mich nun auch wieder. Inzwischen wird es ja nun alle geworden sein.  Der Name, Professor Spiegel, ist mir nicht unbekannt. In der Zeitung “Wir sind im Bilde“ muß ich schon etwas von ihm gesehen haben oder im I.B. Wenn ein Mann mit 61 Jahren noch mit nach England fliegt, so ist das schon eine Leistung. 
Ihr seid aber doch Süffel. Sieben Flaschen Sekt an einem Abend, um Himmels willen. Mir würde dabei Angst. Ihr seid ja da schon eher etwas gewöhnt.  Heute früh waren wir beim Arzt. Helga ist gesund. Jetzt hat er ihr noch eine Salbe am Rücken eingerieben. Warum, weiß ich nicht, nur ungefähr handtellergroß. Am Samstag müssen wir nochmals hinkommen, da will er sehen, was draus geworden ist.  Wir hatten die vergangenen Tage ziemlich stürmisches Wetter. Da steht unser Baum ganz kahl da. Alle Blätter hat es abgeweht.
Ich weiß gar nicht, was mit den Eltern los ist. Auf meinen Brief habe ich bis heute noch keine Antwort erhalten. Vielleicht schreibe ich noch eine Karte.  Gestern haben wir das zerbrochene Fenster wieder ganz machen lassen. Es hat nicht 3,- sondern nur 2,- gekostet. Da war ich ganz froh, aber Jörg fast noch mehr. Ich hatte ihm nämlich gesagt, das würde alles von den Weihnachtsgeschenken abgezogen.  Da kannst Du Dir die Angst denken.  Lieber Ernst, ich weiß heute gar nichts mehr zu schreiben. Sei bitte für heute mit dem Wenigen zufrieden. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.