Mein lieber Mann! Konstanz, 15.11.40
Deinen lieben Brief vom 8.11.
habe ich heute bekommen, in dem vom Haar raufen die Rede ist. Das würde ich
wirklich gern einmal tun, aber Du brauchst Dir noch keine Sorgen deshalb
machen. Ehe ich Dich an die Öffentlichkeit lassen würde, würde ich Dich
natürlich erst wieder richtig kämmen. Beim raufen kommt es aber leider vor
allen Dingen darauf an, ob du es dir gefallen läßt. Ich glaube, darüber
unterhalten wir uns, wenn Du wieder mal Urlaub hast.
Heute morgen war ich in der Stadt
zum Geld holen, Dabei habe ich gleich nachgesehen, wann der Dr. Nast
Sprechstunde hat. Wir müssen doch noch mal
hinkommen, da wollen wir gleich heute Nachmittag gehen, sonst muß sie morgen
die Schule schwänzen. Leider regnet es heute wieder, da ist das spazieren gehen
keine reine Freude.
Ich möchte in den nächsten Tagen
gern die Doppelfenster in den beiden Schlafzimmern rein machen. Denn wenn es erst einmal richtig kalt war
und man macht dann die Fenster rein, so wird es so feucht im Zimmer. Nun war in
der Zeitung in den letzten Tagen eine Bestimmung, nachdem in Zimmern, die man
während der Nacht öffnet, also wo man die Fenster öffnet, blaue Birnen
verwendet werden sollen. Ich habe mir auch zwei Stück besorgt, da brauche ich
doch auch dann keine weitere Verdunklung anbringen, wenn ich die Fensterläden
nicht mehr zumachen kann. Die Geschäfte sind auch verpflichtet, blau zu färben,
aber nur bis zu 15 W. Stärkere Birnen dürfen nicht verwendet werden.
Jetzt muß ich Dich auch noch was
fragen, da Du gerade die Fahrscheine mitgeschickt hast. Hast Du vielleicht auch
noch die Fahrradschlüssel von mir und Dir dort. In Uniform bist Du doch auch
einmal mit meinem Rad gefahren und von Dir ist auch wieder nur noch ein
Schlüssel da. Guck bitte einmal nach.
Heute ist es wieder ein ziemlich kurzer Brief, aber ich habe nur über
Mittag schreiben können, da wir gleich zum Doktor müssen. Er hat von 2 bis 4
Sprechstunde. Mein lieber Schatz! Ich
grüße und küsse Dich recht herzlich und denke immer in Liebe an Dich Deine
Annie.
Mein lieber Ernst!
Konstanz, 15.Nov.40
Ich lasse gerade mein Fingerbad
wieder warm werden. In der Zwischenzeit will ich Dir schnell noch ein paar
Zeilen schreiben. Wir waren doch heute
beim Doktor, um nachsehen zu lassen, wie die Salbe gewirkt hat. Sie hatte ja
überhaupt keine Wirkung gehabt. Ich habe natürlich gefragt, was damit bezweckt
werden sollte. Es handelt sich nun darum, wenn die Salbe irgendwie gewirkt
hätte, hätte Tuberkuloseverdacht bestanden. So ist sie nun also gesund. Ich
hatte schon die Absicht, vielleicht auch Jörg deshalb nochmals untersuchen zu
lassen, möchte aber erst Dein Urteil gern wissen, ob Du von dieser Untersuchung
etwas hältst.
Als wir heute nach hause kamen,
wartete noch eine große Freude auf uns. Dein Päckchen mit dem Kaffee, Schokolade, Bonbons und Gummi war angekommen. Hab
recht vielen Dank dafür. Der Gummi ist auch prima. Die Bilder von der
Schokolade sind für die Kinder erst einmal die Hauptsache. Nur fragen sie
immer, was auf den Bildern steht und was für Märchen das sind, und ich kann
doch nun leider nicht französisch. Ich sollte auch gleich diese Schokolade
aufmachen, denn bei der anderen hatten sie gesehen, daß noch zwei Bilder drin
liegen. Vorläufig habe ich mich aber einmal geweigert. Vor den Bonbons hat
jeder zwei Stück vorläufig bekommen. Sie schmecken aber gut. Den Kaffee hebe
ich mir noch auf.
Mein Daumen ist dem Gefühl nach
etwas besser geworden, wenn es jetzt auch unter dem Nagel eitert. Ich habe aber
gestern mit einer Nagelfeile den Nagel soweit abgefeilt, daß der Eiterherd bald
unter dem Nagel hervortreten muß. Da kann ich dann besser dazu. Es ist ja ein
ziemliches Theater mit dem Zeug, aber was will ich machen. Nun will ich mal
aufhören mit schreiben und mit der Baderei fortfahren.
Jetzt habe ich doch noch am Abend
alles unter dem Daumennagel entfernen können. Du wirst denken, weiß sie denn
wirklich nichts anderes zu erzählen. Aber das beschäftigt mich jetzt wirklich
sehr, denn ich kann augenblicklich weder nähen noch stopfen und das ist doch
gerade notwendig. Aber ich glaube, jetzt habe ich es mit den Fingern bald
geschafft und dann werde ich Dir auch wieder über erfreulichere Dinge berichten
können. Ich will dann auch bald im Garten weiterschaffen und das wird Dich
wieder mehr interessieren.
Nun gehe ich schlafen und wünsche
Dir auch eine recht gute Nacht. Schlaf gut, mein lieber Ernst und wach gesund
wieder auf.
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