Montag, 16. November 2015

Brief 93 vom 16./17.11.1940


Mein lieber Mann!                                                            16.11.

Heute vor einem Monat bist Du von uns fortgefahren. Wie schnell so ein Monat vergeht. Nachdem Du dort so viel Arbeit hast, wird Dir die Zeit auch schnell vergangen sein.  Vorhin kam Dein lieber Brief an die Kinder an. Für mich war heute früh nichts dabei. Wenn Helga aus der Schule kommt, wird sie sich freuen. Sie darf den Brief selber aufmachen, auf den sie schon so gewartet hat. Sie möchte Dir nämlich gern wieder schreiben und dabei Deinen Brief beantworten.
Ich habe vorhin mit Jörg die Doppelfenster eingesetzt. Jörg hat mir fest geholfen und die Haken eingehängt. Er ist mit dem Hammer ganz vorsichtig und geschickt zu Werke gegangen, trotzdem er noch so ein kleiner Kerl ist. Er selber kommt sich ja nicht mehr so klein vor. Nachher will ich mit ihm einkaufen fahren, das ist für ihn ein großes Vergnügen. Dabei nehme ich dann gleich den Brief mit, den ich deshalb schon früh geschrieben habe. Nachmittags komme ich heute nicht mehr in die Stadt. Nun will ich schließen. Wahrscheinlich schreibe ich heute Abend wieder an Dich. Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Denk mal, dieses Jahr habe ich sogar an Alice eine Geburtstagskarte geschrieben. Da werden sie in Leipzig beruhigt sein.


Mein lieber Ernst!                                             Konstanz, 17.11.40

Der Sonntag ist nun schon halb vorbei, ehe ich an Dich schreibe.  Eigentlich sollte das schon gestern Abend geschehen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Erst sind die Kinder etwas später ins Bett gekommen, da ich Jörg noch die Haare geschnitten habe, später kam dann noch Vater. Ehe er fort ging, war es ¼ 12 Uhr. Mit dem Haare schneiden von Jörg war es auch so eine Sache. Ich wollte ihn zum Friseur schicken, weil ich mit meinen Fingern nicht gut schneiden konnte. Er hat sich mit Händen und Füßen gesträubt. Am Freitag hatte ich ihn soweit, daß er zu dem Melin vorgehen sollte. Nun hatte der sein Geschäft aber nur die 14 Tage auf, in denen er auf Urlaub da war. Als wir nun vor kamen, war das Geschäft zu. Da hat Jörg einen Freudentanz aufgeführt. Er sagte dann, ich sollte es doch einmal probieren, ob ich‘s nicht doch machen kann. Nun wollte ich ihn nicht am Sonntag so liederlich rumlaufen lassen und hab‘s gestern Abend noch geschnitten. Jörg sagte: „Man läßt sich doch lieber von seiner eigenen Mutter die Haare schneiden als vom Friseur.“
Heute früh kam Dein lieber Brief vom 14.11. an. Hab recht vielen Dank dafür. Die Briefe, die zwischen dem 10. und 14. liefen, habe ich noch nicht erhalten.  Wir haben in diesem Herbst auch schon manchen starken Sturm erlebt. Bei Euch dort muß es ja auch ziemlich getan haben. Waren in dem Sommertheater, welches abgebrannt ist, auch für Euch schon Vorstellungen?
Dein Wunsch für Weihnachten wäre also ein Wintermantel. Ich bin gern damit einverstanden unter der Bedingung, daß ich Dir das Geld dazu schicke. Auf einmal wird es zwar kaum gehen, aber das wird schließlich nicht so schlimme sein. Du wirst jetzt vielleicht lachen und sagen, daß ich große Töne rede vom zahlen, wo es ja schließlich Dein Geld ist. Aber bei mir geht es eben nicht anders, da ich ja selber nichts verdiene. Aber es ist ja in einer Beziehung wieder so, daß ich das Geld ja auch anderweitig verbrauchen könnte. Wenn ich Dir dafür aber etwas kaufen kann, macht es mir doppelte Freude. 
Die Nieren tun mir nicht mehr weh. Da sehe ich mich auch ganz besonders vor. Heute ist wieder ganz unfreundliches Wetter. Es ist gar nicht richtig hell geworden und regnet die ganze Zeit.  Gestern Nachmittag bin ich mal zu Vater runter gefahren. Ich habe ihm noch ein paar Fleischmarken, etwas Milch und auch den Kaffee von Dir gebracht, 1 ½ Pfund. Jetzt weiß ich nur nicht, ob ich ihn richtig berechnet habe. Ich wollte nicht zu viel von ihm verlangen und habe mir für 1 Pfund 2,30 M geben lassen. Ist das zu wenig? 
Nun möchte ich noch etwas mit Dir besprechen. Wir wollen doch Vater evtl. auch etwas zu Weihnachten schenken. Nun habe ich schon gedacht, ob du nicht einmal zusehen könntest, ob Du vielleicht eine Strickjacke oder einen Pullover für ihn bekommen könntest. Es kommt natürlich drauf an, wie schwer und wie teuer einer ist. Das Geld würde ich Dir schicken. Ich würde ihm hier eine kaufen, aber er wird mir sicher nicht seine Kleiderkarte geben. Die Hauptsache ist mir natürlich, daß Du überhaupt damit einverstanden bist. 
Wenn ich die zwei Päckchen von Dir erhalte, die ich nicht aufmachen soll, stelle ich sie bis Weihnachten weg.  Du weißt doch, wie unsere zwei Bengel sich öfter hänseln. Wie sie aber doch aneinander hängen, sieht man doch an mancherlei Begebenheiten. Gestern sagte Helga, als Jörg mal raus gegangen war, unser Bub ist doch ein schöner, kleiner Kerl, während Jörg mir heute sagte: „Helga ist doch mein lieber Schatz.“ Heute hat er den ganzen Vormittag geduldig gewartet, bis Helga Schulaufgaben gemacht und an Dich geschrieben hat. Nun ist er glücklich, daß er jemand zum spielen hat. Kaspertheater wird gespielt. 
Ich habe gestern auch den Schulranzen mitgebracht, als ich bei Vater unten war. Ich gebe ihn nun mal zum Sattler, damit er wieder hergerichtet wird. Das Leder ist ja noch sehr gut. Den Ranzen bekommt ja dann Helga, da sie ja bis jetzt einen „Bubenschulranzen“ gehabt hat. Der Ranzen von Euch hat ja eine halbe Verschlußklappe, wie ihn die Mädchen hier haben.  Nun will ich aber eilen, daß ich den Brief noch fortbringe. Es ist ¼ 6 Uhr. Es wird schon duster und ich habe noch keinen Rückstrahler bekommen. 
Sei also für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

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