Mittwoch, 15. November 2017

Brief 442 vom 14.11.1942


Mein liebster Ernst!                           Konstanz, 14.11.42

Eine Woche ist es her, seit Du von uns fortgefahren bist. Wir haben heute viel davon gesprochen, schon gleich, als wir aufstanden. Wie schwer ist es doch, wenn wir Dich wieder fort lassen müssen. Es ist jedes Mal so schön, wenn du hier bist. An allem hat man mehr Freude.
Heute ist der Tag ziemlich eintönig vorbei gegangen. Die meiste Zeit habe ich die Wäsche, die ich am vergangenen Sonntag gewaschen habe, gebügelt. Heute, am Vormittag, war ich mal kurz in der Stadt und habe zwei Zeitungspäckchen und ein Päckchen mit Deinem Löffel und Deiner Bürste weggeschickt. Sicher wirst Du sie brauchen können. Ein Paar warme Strümpfe habe ich mir heute noch gekauft und für uns einen kleinen Wandkalender.
Helga und Jörg haben mir einen Adventskalender gemalt. Den soll ich aber auch ganz bestimmt im Advent nehmen. Helga brachte mir aus der Schule 25g Margarinemarken und 10 Pfg. mit, die hat sie für die Bucheckern bekommen, die sie gesammelt hat. Sie kam ganz stolz heim.
An Vater kam ein Luftpostbrief von Kurt. Wahrscheinlich kommt Vater heute Abend rauf. Da kann ich ihm den Brief geben. Der freut sich ja auch immer, wenn er was von Kurt bekommt.
Ich bekam heute eine Drucksache, dass ich doch wieder zum Nähen kommen sollte. Dieser Aufforderung hätte es ja nicht bedurft, ich wäre jetzt sowieso wieder gegangen, denn mit der Gartenarbeit bin ich ja nun fertig.
Die Primeln, die Du mir geschenkt hast, blühen ganz herrlich. Fast alle Knospen sind schon aufgegangen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Blumen sehe. Sind sie doch von Dir.
In Leipzig war nun heute Hochzeit. Hoffentlich sind die Blumen von uns richtig abgegeben worden. Mit den Blumen hattest Du auch eine gute Idee. Da habe ich nicht viel dazu schreiben müssen. Ich hätte auch wirklich nicht gewusst, was ich hätte schreiben sollen. Einen Gruß an die Frau werde ich in meinen Briefen wohl beifügen müssen, sonst ist Papa beleidigt.
Nun warten schon die Kinder, dass sie den Brief noch mit fortbringen dürfen, das ist doch immer was Besonderes, so im Dunkeln zu laufen. Hinterher müssen sie gleich ins Bett. Eigentlich wär´s jetzt schon Zeit, aber sie meinten, morgen könnten sie ja so lange ausschlafen, es wäre doch Sonntag. Na, was will man da machen.
Dich mein lieber, guter Mann, grüße und küsse ich wieder ganz herzlich. Bleib ganz gesund und denke an uns, wie wir auch immer mit viel Liebe an Dich denken, Deine Annie, Deine Helga und Dein Jörg.
Liebes Vaterle, ich schreibe Dir bald. Viele 1 000 000 Küsse Von Deiner Helga.

Brief 441 vom 13.11.1942


Mein liebster Ernst!                           Konstanz, 13.11.42

Heute vor einer Woche war Dein letzter Urlaubstag. Ich habe schon den ganzen Tag daran gedacht. Am Nachmittag hatten wir noch gepackt und am Abend waren wir in der Stadt und haben die Koffer fort gebracht. Am Abend ist es mir nachher noch passiert, dass ich auf dem Sofa eingeschlafen bin. Ich möchte Dich deswegen heut nochmals um Entschuldigung bitten. Als Du einmal aus der Stube gingst, wollte ich nur schnell mal die Augen schließen, da ich sie fast nicht mehr offen halten konnte. Dabei bin ich dann doch gleich eingeschlafen und Du musstest Dich noch am letzten Abend ärgern. Das tut mir auch heute noch leid. Sei mir nicht mehr böse über meine Rücksichtslosigkeit.
Ich will Dir noch vom heutigen Tag erzählen. Heute Morgen habe ich die Lebensmittelkarten geholt. Jörg war inzwischen daheim, denn er hatte keine Schule. Eigentlich hätte er von 8 – 9 Uhr Unterricht gehabt, aber seine Lehrerin hatte Nachtwache bis zum Morgen. Da konnte sie nicht gleich wieder Unterricht halten. Als ich heim kam, habe ich gleich etwas gebügelt, denn Vater sagte mir gestern Abend, er brauche bis morgen ein Hemd. Am Mittag gab es bei uns Möhren. Die hast Du doch das letzte Mal auch gern gegessen. Am Nachmittag bin ich in die Stadt gefahren bzw. ich bin mit den Kindern, die ins Turnen gingen, bis zur Rheinbrücke gelaufen, dann bin ich in die Stadt gefahren. Da traf ich zuerst Resi. Sie lässt Dir einen Gruß ausrichten. Fritz hat geschrieben, sie kämen nach dem Osten. Man weiß ja nicht, ob es sich durch die letzten Ereignisse geändert hat. Ich bin dann zum Kartenanmelden gefahren und habe hinterher die Zeitungen für Dich geholt. Ich hatte gestern immer nur an Dich gedacht und die Zeitungen ganz vergessen. Die Frau schaute mich ganz fremd an und sagte, sie habe keine Zeitungen zurückgelegt, denn ich habe sie ja abbestellt. Ich sagte, dass das wohl ein Irrtum sei. „Nein, der Herr, der sie das letzte Mal geholt hat, hat ausdrücklich betont, es sei das letzte Mal.“ Ich sagte ihr, dass es sich da doch nur um „Das Reich“ handle. Aber sie war ganz verbiestert. Dann habe ich doch noch „Die Post“ und den „Illustrierten Beobachter“ bekommen. Die grüne Post habe ich am Bahnhof geholt. So habe ich doch alle drei zusammen. Ich bin dann noch zum Metzger gefahren. Die haben jetzt auch die Nachricht erhalten, dass ihr Sohn gefallen ist, in Afrika. Nachdem ich beim Ellegast noch „Lohfix“ zum Anzünden geholt hatte, bin ich nochmals zur Luisenschule gefahren und habe die Kinder abgeholt. Ich hatte gar keine Lust, alleine heimzugehen und die Kinder haben sich sehr gefreut. Sie haben mich förmlich mit der Nachricht überfallen, dass sie jetzt doch zu Weihnachten mit auf der Bühne spielen können. Helga singt mit 8 Kindern zusammen. Sie sagte: „Beim Turnen, beim letzten Mal, da hat mich niemand weiter beachtet, weil es so viele waren. Aber diesmal bin ich dann ein „Sonderling“ und man sieht mich. Das habe ich schon lange gerne wollen. Wir müssen jetzt jeden Freitag um 3 schon kommen und nach 5 müssen wir noch dableiben, weil wir üben.“ Jörg freut sich auch schon sehr, dass er mit auf die Bühne darf.
Von Papa bekam ich heute eine Karte. Ich sollte ihm doch die Zeitungen aufschreiben, die ich immer selber kaufe. Die würde er dann Siegfried schicken. Der hätte jetzt schwere Langeweile. Die anderen Zeitungen würde er mir weiterhin schicken. Ein Paket habe er wieder auf den Weg gebracht. Eine Kleinigkeit, ein Andenken an Mama, läge noch bei. Davon sollte ich nichts erwähnen. Am Sonntag werde ich mal wieder meine sämtlichen Briefschulden erledigen. Es hat sich allerhand angesammelt.
In der vergangenen Nacht habe ich von Dir geträumt. Da warst Du wieder hier. Wenn doch nicht gleich das Erwachen hinterher käme und das Wissen, dass es mit dem Kommen wieder gute Weile hat. Aber wir wollen nicht undankbar sein. Wie vile würden uns um den Urlaub beneidet haben.
Für heute grüße und küsse ich Dich wieder recht sehr, mein liebster Mann, Deine Annie.

Sonntag, 12. November 2017

Brief 440 vom 12.11.1942


Mein liebster Ernst!                           Konstanz, 12.11.42

Heute war nun der Tag, an dem du, wenn alles richtig gegangen ist, in C. angekommen bist. Von der langen Fahrt wirst Du sicher sehr ermüdet gewesen sein. Lass Dir das Eingewöhnen dort nicht gar so schwer werden.
Wir waren am Nachmittag wieder baden. Da haben wir immer an Dich gedacht und von Dir gesprochen. Wie Du die vergangenen Male mit uns dort warst, wie Du ins Wasser gesprungen und auf dem Rücken gleich weitergeschwommen bist, wie Du Dir die Haare aus der Stirn gestrichen hast, wie Du uns zugelacht hast, wie Du Helga zum Springen ins Tiefe angeregt hast usw. An alles haben wir uns wieder erinnert. Es waren doch so schöne Tage, als Du hier warst. Wir werden immer daran denken. Helga ist wieder fest mit mir geschwommen, nur Jörg macht noch keine Fortschritte. Er hat einfach nicht die richtige Lust. Helga versucht sich schon im Unterwasserschwimmen. Bis Du wieder auf Urlaub kommst, will sie es ganz richtig können, damit Du Dich freuen kannst.
Ich bin auch ziemlich viel geschwommen. Zuletzt ist es mir aber ziemlich kalt geworden. Wir sind zum Schluss nochmal richtig unter die heiße Brause gegangen, ehe wir uns angezogen haben. Es war wieder dunkel, ehe wir heim kamen. Da habe ich auch an das letzte Mal denken müssen, wie Du mit Jörg schon daheim warst, als ich noch vom Einkaufen kam. Diesmal waren wir allein.
Am Vormittag habe ich heute mal wieder im Haus geschafft. Vor allem habe ich Jörg eine neue Badehose genäht, an der er seine Freude hat. Sie ist aus schwarzem Tricot. Seine Filzschuhe habe ich auch wieder in Ordnung gebracht. Sie sahen ja lieblich aus.
Das Päckchen mit Rauchwaren für Vater von Kurt kam heute an. Da hat er wieder einen schönen Vorrat. Vater ist heute gerade rauf gekommen, da kann er´s gleich mitnehmen.
Von Frau Dietz bekam ich heute eine Karte. Sie möchte für Jörg Nachthosenstoff für Weihnachten kaufen, braucht aber dazu seine Kleiderkarte. Ich möchte sie ihr schicken.
Heute ist in der Zeitung die Sonderzuteilung zu Weihnachten bekannt gegeben worden. Es ist wirklich ganz schön, was man da bekommt. Gestern standen auch Erklärungen für die 4.Kleiderkarte drin. Danach gibt es für Kinder jährlich 2 Paar Lederschuhe und ein Paar leichte Schuhe. Ein weiteres Paar leichte Schuhe gibt es ab Januar 44. Das geht nun auf Kleiderkarte, weil Kinder laufend Schuhwerk benötigen und es da mit Bezugsscheinen so umständlich ist. Wenn ich jetzt noch für Helga den Bezugsschein bewilligt bekomme, wird der erste Bezugsabschnitt auf der Kleiderkarte abgeschnitten. Bis jetzt habe ich ja noch keinen Bescheid erhalten.
Weißt Du, was Du hier auch noch vergessen hast? Deinen Löffel. Hast Du ihn unterwegs nicht schon vermisst? Ich muss mal sehen, ob man jetzt Päckchen schicken darf? Da schick ich ihn Dir bald, zusammen mit der Bürste zu.
Mit Deiner Gemüsekarte war ich am Samstag nochmals bei dem Lorenzi und habe noch 2 Rasierklingen geholt. Mit meiner Haushaltskarte habe ich auch noch drei Stück bekommen. Ich schicke sie Dir in Briefen mit zu.
Es ist jetzt nach 9 Uhr. Da wirst Du wohl auch bald schlafen gehen, nachdem Du die letzten Tage doch keine richtige Ruhe gehabt hast. Sicher denkst Du vor dem Einschlafen auch an uns, wie auch wir immer an Dich denken. Du bist doch mein liebster, bester Mann.
Für heute grüße und küsse ich Dich recht herzlich und wünsche Dir einen gesunden Schlaf und Morgen ein frohes Aufstehen. Deine immer an Dich denkende Annie.

Samstag, 11. November 2017

Brief 439 vom 11.11.1942


Mein liebster, bester Ernst!                            Konstanz, 11.11.42

Nun hast du das Meiste der Fahrt hinter Dir, und wenn alles nach dem Fahrplan gegangen ist, so triffst Du morgen an Deinem Bestimmungsort ein. Hoffentlich war die Fahrt nicht gar so beschwerlich und Du hast zeitweilig Gelegenheit zum Schlafen gehabt. Du wirst mir ja in Deinen Briefen davon berichten. Auf diese freue ich mich schon, denn sie sind ja ein Stück von Dir und es ist, als ob Du selber mit mir reden würdest. Es scheint mir dann, als ob Du doch nicht ganz so weit von uns fort wärst. Erst durch Deine lange Fahrt zu uns nun wieder fort, ist mir die große Entfernung, die zwischen uns liegt, richtig klar geworden. Aber die Gedanken überbrücken auch diese Weite und meine Gedanken sind ja immer bei Dir.
Ich habe heute wieder im Garten geschafft. Der große Garten war ja fertig. Also kam der hinterm Haus dran. Zuerst habe ich die Dahlienstöcke ausgegraben. Dann habe ich im Kreis einen kleinen Graben um den Baum ausgehoben und mit Gülle gefüllt. Hinterher habe ich den ganzen Garten umgegraben. Später habe ich an die Sträucher, die Brombeeren und Erdbeeren Mist getan. Vorm Haus habe ich am Zaun das Beet umgegraben und das Strauchwerk von den blauen Blumen abgeschnitten. Die kleinen Beete am Haus habe ich auch hergerichtet. Nun ist alles fertig bis auf das Spritzen bzw. Stäuben der Sträucher mit Kalk. Das mache ich mal bei Gelegenheit. Den Leimring habe ich auch an den Baum gemacht.
Bei uns ist es jetzt richtig kalt geworden. Gestern Morgen hatte es Reif, aber am Tag war es noch ganz nett warm. Heute hatte es noch mehr Reif und den ganzen Tag über war es kühl. Beim Schaffen habe ich aber nicht viel davon gespürt.
Von Kurt kam heute ein Brief. Er schreibt, dass sie jetzt immer noch viel zu arbeiten haben. An Dich habe er auch einen Brief geschrieben. Vielleicht findest Du ihn schon vor, wenn Du dort ankommst. Das Bild, welches ich ihm geschickt hatte, wo Vater auch mit drauf ist, hat ihm gefallen.  Er meint, Helga sei ja schon wieder ein Stück gewachsen. Ihm selber gehe es gut, nur sei er von der Arbeit und von der Wache etwas müd. Sie würden eben auch 5 – 7 Stunden pro Nacht Wache stehen. Wie es mit Urlaub würde, wüsste er noch nicht, doch würde er wahrscheinlich noch in diesem Jahr dazu kommen. An Vater hat er ein Päckchen mit Rauchwaren geschickt.
Während ich hier schreibe, hat mir Helga schon Arbeit abgenommen, indem sie abgewaschen und abgetrocknet hat. Dafür dürfen jetzt auch alle zwei den Brief mit fortschaffen. Das mögen sie gern, und außerdem können sie ja da die Leuchtplaketten anstecken.
Jörg brachte mir heute die erste Eisplatte. Er hatte sie aus einem Wasserkessel beim Gärtner Leirer geholt und musste sie mir natürlich gleich zeigen. Du siehst also, dass es schon ziemlich kalt ist.
Heute sind ja nun unsere Soldaten durch das unbesetzte Frankreich marschiert. Die Leute werden geschaut haben, denn bisher haben sie doch vom Krieg noch nicht viel gemerkt. Ich muss nachher nochmals richtig den Aufruf des Führers hören. Morgen wird er ja sicher in der Zeitung stehen.
Nun mein liebster Ernst, lass mich schließen. Bleib mir recht gesund und behalte uns lieb. Ich grüße und küsse Dich recht, recht herzlich Deine Annie.

Brief 438 vom 10.11.1942


Mein liebster, liebster Ernst!                           Konstanz, 10.11.42

Heute habe ich Deinen lieben Brief aus Berlin bekommen. Ich habe mich so sehr gefreut und gleichzeitig war ich doch traurig, denn es war mir, als würdest Du selber zu mir reden und doch bist Du so weit fort. Du hast Recht, wenn Du schreibst, wie schnell doch die schönen Urlaubstage vergangen sind. Ich kann es manchmal gar nicht glauben, dass es fast 3 Wochen gewesen sind. Dass Dir der Abschied diesmal schwer gefallen ist, das habe ich gemerkt. Wenn Du früher nach Frankreich gefahren bist, war doch die Entfernung nicht so groß und auch die Verhältnisse waren besser. Beim vorigen Urlaub wusstest Du ja schon, dass Du nach Russland kämst, aber eine richtige Vorstellung hattest Du doch noch nicht davon. Uns ist der Abschied auch sehr schwer gefallen. Die Kinder sind soweit wieder drüber weg, denn sie sind ja viel mit anderen Kindern zusammen und vergessen auch schneller. Mir ist das Herz noch sehr schwer, und ich schaffe und schaffe, damit ich nicht so allein dasitzen muss. Denken tue ich dabei aber immer an Dich und mein Herz ist bei Dir. Wir reden auch viel von Dir und rufen uns alles ins Gedächtnis zurück, wie schön es war, als Du hier warst. Helga denkt immer daran, wie Du ihr manchmal leicht auf die Backen geschlagen hast, bzw. sie gestreichelt hast, als wolltest Du damit sagen, wie lieb Du sie hast. (So hat sie es mir gesagt.) Jörg denkt daran, wie Du manchmal mit ihm gespielt hast, mit den Panzern. Und wieviele schöne Erinnerungen habe ich. Die kann man gar nicht alleaufzählen. Vor allem haben wir alle wieder erlebt,wie schön es ist, wenn Du hier bist. Wieviel besser und fröhlicher alles ist. Dafür möchte ich Dir auch noch recht sehr danken.
Ich habe heute im Garten geschafft, im großen Garten. Zuerst habe ich das Rot- und Weißkraut raus gemacht, dann die Möhren und habe die Stücke umgegraben. Das Kraut habe ich eingegraben. Nun habe ich die Roten Rüben raus gemacht und die Längsseite bei den Sträuchern umgegraben. An die Sträucher, die oberen Erdbeeren und den Rhabarber habe ich noch Mist getan. Am Nachmittag habe ich die unteren Erdbeeren ausgeputzt und noch umgegraben, sowie Mist dran getan. Den Rest des Haufens, der nicht verbrannt war, haben die Kinder hinter zum Friedhof geschafft. Der große Garten ist nun soweit fertig, nur die Sträucher habe ich noch nicht mit Kalk gespritzt. Die abgeschnittenen Triebe habe ich auch in die Erde gesetzt.
Im kleinen Garten habe ich die Dahlien abgeschnitten. Es hatte in der Nacht starken Frost, da hingen sie alle welk da. Dann habe ich die Möhren raus getan, das Stück umgegraben und das Brombeergerank verbrannt. Nun kann ich in den nächsten Tagen weiter umgraben.
Bis ich mit meiner Arbeit für heute fertig war, wurde es dunkel. Da habe ich eben aufgehört. Ich bin eigentlich nicht mal müde. Nur meine Hände sind wie ein Reibeisen, ganz rau. Dazu brennen noch die Ratzer von gestern von den Brombeeren ein Bisschen. Das ist alles.
Helga sagte gerade vorhin,  ehe sie ins Bett ging „ ach, wenn doch Vaterle da wäre, das wäre so schön“. Du siehst, auch die Kinder denken immer an Dich.
Ich habe mir heute gedacht, ob Du wohl heute schon bis Kiew gekommen bist. Nach der Zeit gerechnet, müsstest Du ziemlich dort sein. Wenn Du nur erst die Fahrt hinter Dir hast.
Weißt Du, was Du hier vergessen hast? Deine Handbürste. Ich schicke sie Dir bei Gelegenheit mit zu. Die Kölnisch-Wasser-Flasche hast Du wohl absichtlich hier gelassen?
Nun grüße und küsse ich Dich wieder ganz herzlich, mein liebster Mann, und denke immer an Dich,  Deine Annie.

Brief 437 vom 9.11.1942


Mein liebsterErnst!                                                    Konstanz, 9.11.42

Ob Du wohl heute, wie es in Deinem Fahrplan stand, den ganzen Tag in Kowel warst? Ich weiß es ja nicht, aber gedacht habe ich immer an Dich und auf der Karte habe ich mir Kowel öfter angesehen und geschaut, wie du ungefähr weiter fährst.
Deinen Fahrplan habe ich immer auf dem Tisch  neben mir liegen. Wie ich mir aufgeschrieben habe, fährst Du ja nun bis Mittwochabend ununterbrochen. Und dann nochmals bis Donnerstag. Wie froh wirst Du sein, wenn Du endlich an Deinem Bestimmungsort bist. Von uns bist Du nun schon wieder so weit fort und fehlst uns doch so sehr. Ich muss es mir immer wieder sagen, dass du wirklich fort bist. Immer meine ich, Du müsstest bald wieder hier sein.
Ich habe ja gestern gewaschen und konnte heute früh gleich aufhängen. Das Wetter war ganz günstig, sodass ich das Meiste ganz trocken bekommen habe. Das andere ist nur teilweise noch etwas feucht und ich trockne es am Ofen fertig, denn ich habe die Schlüssel für Waschhaus und Speicher gleich heute Morgen wieder abgegeben. Ich möchte die Freundlichkeit von Frau Nußbaumer nicht mehr als nötig in Anspruch nehmen.
Die Brombeeren habe ich heute angebunden. Das ist nun auch erledigt. Verkratzt habe ich mich nur ein Bisschen. Schwer war die Arbeit nicht. Gegen Abend kam Herr Zahn und wollte die Gartenpacht. Er hat das jetzt von Herrn Steimmel übernommen, der doch jetzt im Elsaß ist. Ich habe Herrn Steimmel nicht in die Wohnung gelassen, was ihm ja nicht ganz recht war. Ich habe es gemerkt. Aber er ist sonst auch nicht immer so freundlich zu uns.
Heute ist schon wieder eine Sondermeldung gekommen, dass U-Boote 16 Schiffe versenkt haben. Das geht jetzt aber rasch hintereinander. Was im vergangenen Monat anfangs weniger versenkt wurde, ist sicher schon aufgeholt.
Nun möchte ich Dir heute nochmals sehr danken für den schönen Blumenstock, den Du mir noch geschenkt hast. Ich freue mich jedes Mal darüber, wenn ich ihn ansehe. So habe ich auch damit noch eine schöne Erinnerung an diesen Urlaub.
Heute versuchte Jörg einige Male ein Bisschen bös zu werden. Ich habe gar nicht viel gesagt, sondern ihm einige drauf gewichst. Ich kann Dir sagen, da war er aber erstaunt. Geholfen hat es jedoch gut. Der Lauser, heute wär er mit seinem Holländer bald unter ein Motorrad gekommen. Ich habe es selber nicht gesehen, aber der Mann soll schwer geschimpft haben, was ja nur richtig ist und Jörg ziemlich beeindruckt hat. Ich habe ihm das Fahren auf dem Fahrweg nun verboten. Er ist da doch noch zu unvorsichtig.
Nun laß mich wieder schließen. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich. Wie hab ich Dich doch lieb, mein lieber, liebster Ernst. Denke immer an Deine Annie.

Mittwoch, 8. November 2017

Brief 436 vom 8.11.1942


Mein lieber, lieberErnst!                                          Konstanz, 8.11.42
                                                                                                                        morgens ½ 9 Uhr
Wenn Du bis Berlin gefahren bist, fährst Du nun in einigen Minuten weiter. Da wirst Du schon im Zug sitzen, und vielleicht wirst auch Du an unseren Abschied gestern denken, denn in der Zeit sind ja nur 5 Minuten Unterschied. Um 8:35 Uhr hattest Du Dir gerade Deinen Platz gesucht. So schnell kam ja der Abschied heran. Aber wir haben wenigstens noch den Weg von daheim bis zum Bahnhof mit Dir gehen können. Das war noch schöner, als ein längeres Stehen am Zug. Aber doch kommt der Abschied dann zu schnell. Man meint, man müsste Dich noch halten können. Und doch fragt niemand danach. Es ist so herb.
Sonntag soll heute dem Namen nach sein. Es ist keiner, nein, es ist keiner. Einen richtigen Sonntag gibt es ohne Dich ja sowieso nicht. Ich habe nie die Ruhe dazu. Aber heute ist es ein ganz besonders einsamer Tag. Heute Nacht war ich um 0:44 Uhr, um 3:05 Uhr und um 3:27 Uhr munter, weil ich ja nicht weiß, ob Du über Güsten oder Berlin gefahren bist. Auch sonst war ich öfter munter und habe immer an Dich gedacht. Ich habe mir Deine Decken genommen, unter denen Du geschlafen hast. Ich habe mir Deinen Schlafanzug unter den Kopf gelegt, als wäre es Deine Schulter, an der ich öfter gelegen bin. Und doch glaubte ich nicht, dass Du fort bist.
Heute Morgen habe ich Deinen Namen gerufen, als ich aufwachte. Vielleicht war es doch nur ein schlimmer Traum, dass Du fort bist. Aber nein, es war Wirklichkeit. Du antwortetest mir nicht. Alles war still. Du bist fort, wirklich fort. Mir ist es schwer, und auch Dir wird es schwer sein. Alles hast Du hinter Dir lassen müssen, und nun musst Du wieder so lange auf der Bahn sein. Ich habe Dich noch vor mir, wie Du gestern noch einmal durch die Stuben gingst, dann Deine Sachen nahmst und sagtest: „ Es hat ja alles keinen Zweck, wir wollen es uns nicht noch schwerer machen.“ Siehst Du, jetzt sitzen wir wieder hier am Tisch. Wie schön wäre es, wenn Du, wie in den letzten Wochen, aus dem Schlafzimmer heraus kommen würdest. Was für eine Freude wäre das. Aber bis dahin wird wohl noch eine Weile wieder vergehen. Die Hoffnung wollen wir nicht aufgeben, dass es doch nicht gar zu lange dauern möge. Bleibe nur gesund, bleibe gesund, mein lieber, lieber Ernst, das wir noch lange Jahre zusammen sein können. Ich habe sonst keine Wünsche, nur Dich, nur Dich und auch die Kinder möchte ich behalten. Alles andere ist nicht so wichtig. Das werden wir schon miteinander durchstehen. Komm mir wieder, ernst, komm wieder.
Es ist jetzt ¼ 10 Uhr geworden und Du fährst nun wieder. Ich esse nur schnell was und gehe dann ins Waschhaus. Ich halte es hier in der Wohnung nicht aus.

                                                                                                ¼ 8 Uhr abends

Mein lieber Ernst!

Um 5 Uhr war ich mit der Wäsche fertig. Die Kinder wollten heute in den Film „Schneewittchen“ gehen. Gegen ½ 4 Uhr kamen sie wieder und sagten, dass so ein Gedränge gewesen und dass zuletzt die Vorstellung ausverkauft gewesen sei. ¾ 4 sollte noch eine Aufführung sein, aber so lange hätten sie nicht gewartet, sondern seien dafür in die Ausstellung „Kunst der Front“ gegangen. Jörg hat sich eine Karte „Stukas“ gekauft und Helga ein Heft, in dem alle ausgestellten Bilder verzeichnet sind. Es hat ihnen gut gefallen. Als sie heim kamen, haben sie sich noch zu mir in die Waschküche gesetzt, bis wir um 5 Uhr herauf gehen konnten. Da habe ich dann in der Küche Feuer gemacht, damit wir nicht frieren mussten.Helga hat sich ihre Briefmarken geholt und verschiedene eingeklebt. Ich musste ein Bisschen mithelfen. Wir haben sie sortiert und schauen nun im Michel-Katalog nach, in welcher Reihenfolge sie eingeklebt werden müssen. Jörg hat seine Marken auch geholt, aber ich kann erst nur mal einem helfen. Er hat das auch eingesehen. Jetzt, während ich schreibe, schauen beide im Katalog nach. Inzwischen haben wir auch Abendbrot gegessen und die Kinder gehen bald ins Bett. Sie wollen nur noch den Brief mit wegschaffen. Vorhin hat Helga wieder Geschirr abgetrocknet und sie sagt immer wieder, dass sie sich freut, dass sie es Dir versprochen hat, mir mitzuhelfen. Sie möchte Dir doch so gern eine Freude machen.
Nun muss ich dir auch noch mitteilen, dass ich gestern einen Brief von Erna erhielt. Sie schreibt, dass sie sich in ihrer Wohnung schon etwas eingewöhnt hat. Raum hätten sie ja genug, und mit der Frau Ludwig käme sie schon aus. Dann schreibt sie, ich solle kein erstauntes Gesicht machen, ich würde nun auch Tante. Ende Mai käme bei ihnen ein kleines Schwälbchen an. Eilenburg hätte ihnen nun Glück gebracht und sie freuten sich beide sehr. Sie fühle sich soweit wohl, aber einen Marsch von der Reichenau bis nach Konstanz könnte sie nicht mehr mitmachen. Wenn sie daran denkt, müsste sie noch darüber lachen. Das nächste Jahr müssten wir nach Leipzig kommen. – Damit hat es ja noch gute Weile. – Erna sei einmal kurz in der Mockauer Straße gewesen, aber Papa war nicht da, und sonst mute sie alles so fremd an, sodass sie sich gar nicht lange aufgehalten habe. Zur Hochzeit würde sie hingehen, u des Friedens willen, wenn es ihr auch schwer werde. Die Wohnung ist in Leipzig C1, Nordstr.44 Hof II.
Gerade ist Vater gekommen. Er will sein Brot abholen und liest jetzt erst mal die Zeitung. Wahrscheinlich wird er sich noch die Führerrede anhören, die nachher wiederholt wird.
Mein liebster Ernst! Den ganzen Tag habe ich an Dich gedacht mit großer Sehnsucht. Immer waren meine Gedanken bei Dir. Es ist ja so einsam ohne Dich. Immer habe ich mir überlegt, wo du wohl sein magst? Morgen früh ½ 6 Uhr und ½ 7 Uhr werde ich daran denken, dass Du nun in Kowel bist. Wenn du nur eine gute Fahrt hast. Du musst ja so lange unterwegs sein.
Vielleicht hast du Gelegenheit, öfter einmal zu schlafen.
Nun, mein lieber, lieber Mann, grüße und küsse ich Dich oft und herzlich und bin immer Deine Annie.