Donnerstag, 1. Juni 2017

Brief 337 vom 28.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 28.5.42

Gerade bin ich vom Garten gekommen, wo ich die Kartoffeln fertig geharkt und alle Setzlinge gegossen habe. Im Briefkasten fand ich deinen lieben Brief vom 15.5. Gern habe ich gelesen, wie du dich an unsere Trennungen und Wiedersehen erinnerst, sehe ich doch daraus, dass du uns auch weit von daheim nicht vergisst. Ich habe auch schon oft daran gedacht, aber durch deinen Brief hast du mir es nochmals vor Augen geführt. Ja, die Trennungen waren nie leicht und auch so während deines Fernseins ist mir manchmal das Herz schwer. Man meint dann, der Krieg nähme überhaupt kein Ende und doch lebt man nur in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Aber wir müssen ja durchhalten und hier in der Heimat alles in Ordnung halten damit ihr, wenn ihr später heim kommt, nicht enttäuscht seid.
Und siegen müssen wir in diesem Krieg, denn unsere Feinde würden uns ja nicht das nackte Leben lassen, wenn sie in unser Land könnten. Dafür steht ihr ja draußen, dass die Heimat behütet ist.
Das Gefühl, dass man sich wie ein Gefangener vorkommt, kenn ich auch, am Abend, wenn ich so ganz allein dasitze, noch mehr, als bei Tag. Am liebsten gehe ich dann immer gleich schlafen, in der Hoffnung, dich vielleicht im Traum zu sehen. Auf jeden Fall vergisst man dann für eine Weile alles.
Ich möchte dir noch verschiedene Sachen berichten. Von Herrn Wittenburg habe ich noch keine Nachricht bekommen. Vielleicht hatte er noch keine Zeit. Ich habe also auch noch kein Geld wegschicken können.
Du hattest doch Stiefel mitgeschickt, die ich evtl. anziehen sollte. Am Fuß passen sie gut, da die Schäfte aber oben enger werden, schneidet es mir unterm Knie das Blut ab, dass ich einen richtigen Krampf im Bein bekomme. Ich müsste die Schäfte höchstens etwas kürzer machen lassen, aber das wirst du wohl auch nicht wollen.
Ich habe wieder versucht, eine Butterdose für dich zu bekommen. Es gab aber keine.
Von dem Schinken, den du mal mitgebracht hattest, habe ich immer noch was im Keller hängen. Er ist noch gut. Da ich doch nicht so oft auf´s Brot welchen esse, mache ich es jetzt anders. Das Magere koche ich mit in weißen Bohnen, das Fette lasse ich aus und habe dadurch wieder Fett. Heute hat es auch wieder zwei kleine Schüsseln voll gegeben. Es ist mir also auch so wieder eine Hilfe.
Heute komme ich erst dazu, dir das Päckchen mit zwei Schachteln Inspirol-Tabletten zu schicken. Ein paar Feuersteine habe ich noch beigefügt. Es sind nur fünf Stück.
Vom 1. Juni an bekommen wir auch Magermilch-Bezugsscheine. Pro Person gibt es ¾ Liter pro Tag. Es ist noch nicht bestimmt, ob die Kinder außer ihrer Vollmilch noch ¼ Magermilch bekommen. Wenn es so wäre, könnte man ja gut auskommen. Bisher haben die Kinder ja ziemlich Milch trinken können. Bis vor einem Monat hatten wir 2 Liter Mager- und ½ Vollmilch. Bis auf den Rest für´s Frühstück haben das die Kinder immer ausgetrunken.
Nun laß mich schließen. Ich will noch auf die Post fahren und das Päckchen wiegen, damit es nicht zu schwer ist. Meine Waage wiegt nicht so genau.
Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.

Brief 336 vom 27.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 27.5.42

Ich schreibe wieder am Abend, denn den ganzen Tag über war ich im Garten. Zuerst habe ich alles Unkraut bei den Erdbeeren entfernt, später habe ich die Brombeeren verschnitten (es ist manches erfroren gewesen) und die neuen Triebe angebunden. Am Nachmittag habe ich die restlichen Bohnen gestupft, das Beet, auf dem erst Spinat war, umgegraben und die Hälfte der im großen Beet stehenden Kartoffeln geharkt. Ich habe schon manchmal daran gedacht, wie ungern ich früher, als du noch hier warst, Unkraut rausgerissen habe und jetzt tue ich es immer.
Während ich am Nachmittag im Garten war, sind die Kinder mit Frau Nußbaumer und Frau Erath in den Wald gegangen. Frau Nußbaumer hatte die Kinder gefragt, ob sie mit gehen wollten. Sie sollten auch einen kleinen Sack mitnehmen, da könnten sie Zapfen oder Holz sammeln. Sie kamen auch mit dm kleinen Sack voll Zapfen heim. Auch einen Strauß von Buchenlaub brachten sie mit. Ich habe mich sehr gefreut.
Vater hat gestern einen Brief von Kurt bekommen. Er ist augenblicklich in Karlsruhe und wird sicher Anfang Juni in Urlaub kommen.
Nun war ich noch mal im Garten und habe für das große Stachelbeerbäumchen Stützen gemacht. Es ließ mir keine Ruhe, denn die Äste sind schon wieder so schwer. Wenn es etwas stürmisch würde, könnten sie höchstens abbrechen.
Nun will ich schließen. Ich habe zwar nur vom Garten erzählt, aber du wirst mir deshalb nicht böse sein. Ich grüße und küsse dich herzlich, Deine Annie.

Brief 335 vom 26.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 26.5.42

Ich erhielt deinen lieben Brief vom 10.5. Nun habe ich alle fortlaufend bis 14.5., den ja ein Kamerad mitgenommen hatte und der deshalb schon zeitiger ankam.
In dem Schreiben der Stadt zu deiner Anstellung als Assistent Heißt es: „ Nach Ziffer 22 der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Anwärter des Mittleren Dienstes sind die Anwärter, welche die Prüfung für den Mittleren Gemeindeverwaltungsdienst bestanden haben, von ihrer Anstellungsbehörde als außerplanmäßiger Beamte mit der Dienstbezeichnung „Außerplanmäßiger Stadtassistent“ anzustellen. Ich denke, dass du das meinst und bin deshalb auf´s Rathaus gegangen. Erst war ich bei Fräulein Bucher, die mich zu Herrn Mettenberger schickte. Ich fragte, ob er die Ordnung da habe und ob ich mir evtl. den Artikel abschreiben könnte. Er sagte, er müsste sie erst heraussuchen und würde mir dann eine Abschrift des Artikels zusenden. Ich weiß nun nicht, ob dir damit gedient ist. Jedenfalls schicke ich dir die Abschrift, sobald ich sie erhalte, zu.
Inspirol-Tabletten habe ich auch besorgt. Leider erhielt ich nur eine Schachtel und sonst nur andere Tabletten. Eine angebrochene Schachtel habe ich aber noch da, die ich dir auch mit zuschicke. Ich packe ein kleines Päckchen. Damit du aber gleich etwas hast, sende ich dir heute im Brief ein paar andere Tabletten mit. Die Schachtel ist flacher, als die von Inspirol.
Mit dem Garten komme ich ganz gut zurecht. Ich kenne mich dieses Jahr noch besser aus, als im vergangenen Jahr. Na ja, es heißt ja auch, Übung macht den Meister, wenn ich es auch trotz aller Übung noch nicht zum Meister gebracht habe. Aber das macht ja nichts. Heute früh ist Jörg schon um 7 Uhr mit mir in den Garten gegangen. Ich habe Kohlrabi, Salat und etwas vom Rosenkohl gepflanzt. Jörg hat inzwischen den älteren, abgeernteten Spinat heraus gerissen, denn er fing an mit blühen. Jörg ist im Garten überhaupt ein ganz fleißiger Helfer und er geht auch öfter mal mit mir rüber, um den Fortschritt anzusehen. Da hat er große Freude dran. Helga schlief heute Morgen noch, als wir in den Garten gingen. Ihr geht es wie mir, wenn sie etwas später in´s Bett kommt, ist sie früh nicht richtig auf der Höhe. Da muß sie sich erst ausschlafen. Jörg ist da nicht so empfindlich. Als wir nun heute vom Garten kamen, es war inzwischen ½ 9 geworden, hatte Helga schon den Tisch gedeckt, Kaffee frisch gekocht und den kleinen Kuchen, den uns Vater gestern Abend mitgebracht hatte, auf den Tisch gestellt. Wir haben uns sehr gefreut, dass wir gleich essen konnten.
Von Papa erhielt ich heute eine Karte, dass er sich über meinen Brief gefreut habe, und dass ich ihm damit eine Pfingstfreude bereitet habe. Ich bin froh, dass der Streit behoben ist, hoffe aber, dass mir nun Siegfried nicht böse ist. Ich warte nur noch Erna´s Brief an, dann werde ich ihnen schreiben. Warum sich nun Papa über diesen Brief gefreut hat, und der andere beleidigend war, verstehe ich ja nicht ganz, denn ich habe ja in beiden geschrieben, dass er wegen mir heiraten soll und dass ich das Fräulein noch nicht kennenlernen will. Die einzige Sorge ist mir, ob du mit allem einverstanden bist. Ich hoffe es mit ganzem Herzen, denn das ist mir das Wichtigste.
Nun sende ich dir wieder recht herzliche Grüße und küsse dich recht viele Male, Deine Annie.

Brief 334 vom 25.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 25.5.42

Weißt du, wo ich jetzt schreibe? Vom Fürstenberg. Es ist heute ein wunderschöner Tag. Nun steht hinter dem Fürstenberg ein Karussell. Da wollten die Kinder schon gestern gern fahren, aber da war schlechtes Wetter. Heute habe ich ihnen ihren Wunsch nun erfüllt. Jörg ist zwei Mal, Helga ein Mal gefahren und nun ist es beiden schwindlig. Weißt du, es ist so ein Karussell mit kleinen Sitzen an Ketten, die dann frei fliegen. Wir sind jetzt auf die Seite gegangen, wo man einen so weiten Ausblick hat. Da es ganz klar ist, sieht man den Hohentwiel, den Hohenkrähen etc. Wenn man nach der anderen Seite schaut, sieht man die Schweitzer Berge, die teilweise noch mit Schnee bedeckt sind. Dazu blauer Himmel und überall frisches Grün und bunte Wiesen. Es lässt sich hier schon eine Weile aushalten. Gerade kommt ein Zug. Er sieht aus, wie ein Kinderspielzeug. Es ist schön, dass hier nicht viel Leute sind, in unserer näheren Umgebung überhaupt keine.
Nun sind wir wieder daheim. Von ¼ 3 bis ¼ 6 waren wir fort. Es war ganz schön, so ruhig und friedlich. Dann haben aber die Kinder Hunger bekommen und wir sind heim gegangen. Wir haben erst Pudding mit Soße und Kleingebäck gegessen, und dann habe ich noch etwas Abendbrot fertig gemacht. Nun will ich den Brief fertig schreiben. Die Kinder sind noch auf der Straße beim spielen. Helga hat heute ihr neues Kleid an, da ist sie ganz stolz.
Die kommenden Tage gibt es wieder ziemlich im Garten zu tun. Erstens Kohlrabi und Salat setzen, restliche Bohnen stecken, Brombeeren anbinden (die neuen Triebe), Stützen für Stachelbeerbäumchen fertig machen und zuletzt Kartoffeln harken. Auch von den Fortschritten im Garten will ich dir erzählen. Die Kohlrabisetzlinge setzen an, der zweite Spinat ist bald groß genug, die Tomaten sind ein ganzes Stück gewachsen, die gesäten Zwiebeln sind schon raus gekommen, ebenso die Buschbohnen. Die Stangenbohnen und Gurken sind gerade dabei, die Erde aufzubrechen, die kleinen Krautsetzlinge stehen alle gut da. Die neuen Erdbeersetzlinge haben sich gut heraus gemacht, weißt du, die an dem schrägen Stück hinter dem Haus.
Nun sind die zwei Feiertage ganz friedlich vorbei gegangen. Heute waren die Kinder ganz besonders brav. Helga war die letzten Tage ein richtiges Hausmütterchen. Sie hat immer gleich den Tisch zum essen hergerichtet, Kaffee aufgestellt, beim Kartoffelschälen geholfen usw. Das hat mich gefreut.
Jörg hat doch von Siegfried den Merkur-Stahlbaukasten bekommen. Bisher ließ ich ihn noch nicht damit spielen, weil ich meinte, er sei noch zu klein dazu. Nach langem Bitten hat er ihn gestern einmal nehmen dürfen und er bringt wirklich nach den Vorlagen Sachen zusammen. Gestern eine Tragbahre und eine fahrbare Leiter, heute schon eine Seilbahn. Jörg hat einfach dazu Geschick. Er geht mit dem Schraubenzieher um, als hätte er ihn schon immer benutzt, um diese Modelle zusammen zu schrauben.
Von dem gesandten Dauerbrot haben wir gegessen. Es war noch ganz frisch und schmeckte sehr gut. Ich möchte dir nochmals dafür danken.
Nun laß mich wieder schließen. Ich grüße und küsse dich herzlich und denke immer an dich, Deine Annie.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Brief 333 vom 24.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 24.5.42

Deinen lieben Brief vom 11.5. habe ich heute erhalten. Nun hast Du also ein festes Arbeitsgebiet bekommen. Wenn auch deine Tüchtigkeit für mich keiner Bestätigung bedarf, so habe ich doch eine große Freude an dem Lob des Oberinspektors und des Oberst und bin stolz auf dich, dass du die Aufgaben meisterst.
Du schreibst, dass es bei Euch nicht warm werden will. Nun hörte ich gestern im Radio, daß bei Charkow bis zu 30 Grad Wärme herrscht. Ist das jetzt bei Euch auch der Fall?
Den Brief an Kurt hebe ich auf, bis ich seine neue Adresse weiß, oder bis er her kommt.
Schönes Pfingstwetter herrscht bei uns nicht, es regnet. Aber ich bekam heute noch ein Zeitungspaket von Papa. Da habe ich ja zu lesen. Die zwei Bücher „Bodenseebuch“ und „Krieg im Westen“ von dir lagen auch bei. Von Erna, bzw. Erna und Siegfried, kam ein Buch an „Luftwaffe von Sieg zu Sieg“ mit einer Widmung „Unseren Lieben gewidmet Erna und Siegfried“. Eine Karte lag bei, in der Erna schreibt: “…dass ich noch nicht geschrieben habe, wirst du, glaube ich, verstehen. Nach den Feiertagen bekommst du dann einen ausführlichen Brief…“ Und darauf warte ich jetzt wirklich. Ich möchte gern wissen, was sie zu schreiben hat. Und damit komme ich nochmals auf die Heiratsgeschichte. Du hast ja sicher inzwischen Papa´s Brief und meine Antwort erhalten. Da wirst du ja gesehen haben, dass ich auf manches in Papas Brief nicht eingegangen bin. Und mit Absicht, denn es führt zu nichts und ich ärgere mich nur noch mehr. Aber mit dir möchte ich deshalb doch noch einmal davon reden. Hast Du eigentlich gefunden, dass mein vorhergehender Brief beleidigend gewesen ist? Hast Du gemerkt, dass er erst schreibt, er sei mit Siegfried überein gekommen, bis Ende des Krieges mit der Heirat zu warten (so schrieb mir auch Siegfried, Papa schreibt ja jetzt „evtl.“), und hinterher gleich schreibt er vom heiraten im Oktober oder November? Hast Du gemerkt, dass er schreibt, er hätte nicht an´s heiraten gedacht, wenn nicht alles anders gekommen wäre, als er dachte, denn Erna würde seit 1 – 2 Monaten nicht mehr so für ihn sorgen? Aber vom heiraten war ja schon vorher die Rede. Ich kann Erna einesteils auch verstehen, denn wenn man sieht, man wird so langsam zur Seite gedrückt, hat man auch zu nichts mehr die rechte Lust. Ich bin sicher, dass Papa auch mit daran schuld ist. Dann schreibt Papa, wie es uns passen würde, wenn man uns von vor herein verdammen würde, das würde uns auch weh tun. Ich glaube, daran hat es uns, vor allem auch dir, von seiner Seite aus nicht gefehlt. Was hat er dir alles vorgeworfen, trotzdem er dich noch gar nicht richtig kannte. Ich bin auf alle diese Sachen nicht eingegangen, weil ich, wenn es geht, einen offenen Bruch vermeiden will. Es gäbe doch ein ewiges hin und her und ich bin der ganzen Sache müde. Es ist jetzt wieder etwas besser, aber in letzter Zeit hatte ich jedes Mal, wenn so ein Brief kam, so Kopfweh, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich werde ja nun sehen, was Papa schreibt. Sollte er mir wieder Vorwürfe machen, wo ich doch bestimmt friedfertig geschrieben habe, dann ist meine Geduld auch zu Ende. Solltest Du noch etwas schreiben wollen, so ist mir das, was du schreibst, natürlich jederzeit recht, denn ich gehöre zu dir. Im Allgemeinen bin ich der Meinung, dass das ganze reden gar keinen Zweck bei dieser Sache hat. Doch nun genug davon.
Dein erstes Päckchen mit Dauerbrot ist heute früh auch gut angekommen. Ich danke dir sehr dafür.
Von den Illustrierten Zeitungen, die Papa geschickt hat, sende ich dir auch einige hin. Wenn sie auch nicht ganz neu sind, interessieren werden sie dich vielleicht doch noch und vielleicht auch noch deine Kameraden.
Nun lass mich schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.


Brief 332 vom 23.5.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 23.5.42

Sehr spät fange ich heute zu schreiben an. Es ist bereits 10 Uhr durch. Aber schreiben muss ich noch, denn wir haben heute allerlei erlebt. Ganz verschwenderisch sind wir gewesen, so, wie lange nicht. Wir haben schon vorher Pfingsten gefeiert. Erst waren wir im Film „Zwei in einer großen Stadt“. Es war ein harmloser, lustiger Film, der uns gut gefallen hat. Auf dem Heimweg sind wir noch in ein Cafe gegangen, zum ersten Mal ohne dich, und haben ein Stück Torte und ein Eis gegessen. Bist Du da nicht erstaunt? Ich denke aber, du wirst uns nicht böse deshalb sein, denn wir werden über die Feiertage ja nichts mehr verbrauchen. Die Kinder waren ganz begeistert, dass wir einmal eingekehrt sind. Gleich kommt es ja nicht mehr vor.
Eine Unterlassungssünde muss ich dir noch beichten. Ich habe dir auch zum Pfingstfest keine Grüße gesandt. Beim Osterfest hast du mir ja noch verziehen, ob du es aber jetzt auch tust? Verlangen kann ich es eigentlich nicht, denn ich kann gar nicht versprechen, dass es nicht wieder geschieht. Ich vergesse jetzt alle Feiertage, erst wenn sie da sind, denke ich daran. Das kommt auch daher, weil ich mich nicht darauf freue. Da kann man nicht so schaffen, wie sonst, und da habe ich doppelt und dreifach Sehnsucht nach dir.
Heute Abend ist Vater hier. Er brachte uns ein halbes Pfund Pralinen mit, die wir uns teilen sollten. Jetzt liest er gerade die Zeitung von heute, die ich dir mitschicken will. Vielleicht interessiert sie dich ein wenig.
Heute schickte mir Papa den Durchschlag des Briefes an Dich. Da war ja für mich sehr interessant, zu lesen, dass es der Vater von Alice war, der im vergangenen Jahr an Mama geschrieben hat. Zwischen Papa und Alice kommt es also auch zum Bruch. Ich kann Alice einesteils verstehen, wenn sie Papa die Adresse nicht geben will. Denn wer weiß, was er evtl. schreiben würde, und sie ist vielleicht froh, mit ihm in Briefwechsel gekommen zu sein. Ich habe die Adresse des Mannes ja noch. Aber daran denkt Papa sicher nicht.
Heute früh brachte mir Jörg einen großen Wiesenstrauß. Ich habe ihn teilen und in zwei Vasen tun müssen. Wir haben jetzt alles voll Blumen stehen, aber besonders Jörg ist ja ein großer Freund davon. Er hat schon gesagt, wenn er mal groß ist, pflanzt er sich viele Blumen an.
Nun laß mich schließen. Vater nimmt den Brief gleich noch mit. Er geht dann sicher bald heim, denn es ist bereits ¾ 12 Uhr.
Nimm recht viele Grüße und herzliche Küsse von Deiner Annie.

Montag, 22. Mai 2017

Brief 331 vom 22.5.1942


Liebster, bester Ernst!                                       Konstanz, 22.5.42

Ich habe heute eine große Überraschung erlebt. Da kommt der Briefträger und gibt mir nach und nach 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 Briefe in die Hand. 6 für mich und einer für die Kinder. Ich habe es gar nicht glauben können, dass alle für mich sind. Es sind die Briefe vom 7., 8., 9., 12., 13. und 14. Da hatte ich viel zu lesen und viel Freude. Wie schon oft, bin ich immer wieder froh, dass du mir deine Erlebnisse berichtest. Ich bekomme doch dadurch ein wenig einen Begriff, wie du dort lebst. Von Eurer Fahrt bist du also wieder in deinem jetzigen Aufenthaltsort gelandet. Du hast ja in diesen Tagen mancherlei gesehen und erlebt.
Ich habe mich wirklich gewundert, dass es dort auch mal fließendes Wasser und WC gibt. Ich wurde da auch an eine Geschichte erinnert. Ich weiß nicht, habe ich sie gelesen oder gehört -, - nein, gelesen habe ich sie. Da fanden Soldaten auch ein WC in Russland. Es entstand ein kleiner Streit, wer diesen Luxus zuerst benutzen durfte. Endlich war der glückliche ausgewählt. Als er nun den Wasserzug in Bewegung setzen wollte, kam wohl kein Wasser, aber der ganze Wasserkasten herunter und dem Soldaten auf den Kopf. Glücklicherweise ist dir das nicht passiert.
Das Rezeptbuch meines Großvaters würde mich schon interessieren. Aber wer weiß, ob es Papa noch rausrückt.
Für die Butter danke ich dir schon im Voraus. Mal sehen, wann sie ankommt. Ich denke bestimmt, dass ich sie noch zum kochen brauchen kann. Die Briefmarken hebe ich mit auf.
Daß du einen Jammerbrief geschrieben hättest, denke ich bestimmt nicht, und es ist auch keiner. Daß du mir schreibst, was dir am Herzen liegt, ist doch wohl selbstverständlich. Ich tue es doch auch. Wir stehen uns doch nächsten. Ich kann es dir auch sehr gut nachfühlen, wenn du dich manchmal einsam fühlst. Du hast ja auch niemand dort, den du kennst, und die Kameraden, mit denen du Freund warst, sind auch nicht bei dir. Dazu die öde Landschaft und die Menschen. Ich bin hier in der gewohnten Umgebung und habe die Kinder, und doch habe ich so große Sehnsucht nach dir. Du fehlst mir so. Ich möchte mich manchmal mit dir aussprechen, gerade in letzter Zeit wegen meinem Vater. Ich habe dir ja da auch geklagt, nicht wahr? Aber ich musste es dir schreiben, ich wusste nicht mehr aus und ein. Hoffentlich ist es dir auch recht, was ich geschrieben habe. Ich denke, wir streiten uns deshalb nicht mit Papa herum.
Wie gerne hätte ich dich hier, es ist manchmal so einsam. Aber wir müssen ja durchhalten und ohne Sieg gibt es keinen frieden. Wir haben es ja 1918 gesehen. Wir wollen aber ganz, ganz fest hoffen, dass wir uns gesund wiedersehen.
Von den Storchennestern habe ich Helga und Jörg erzählt. Am liebsten würden sie es selbst sehen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass es das wirklich gibt. Die anderen Vogelschilderungen haben mich auch erfreut.
Das ist echt sowjetisch, dass sie schon den Kindern ihre Parolen einhämmern. Man hat es ja früher bei uns gesehen, wie die Kommunisten die Kinder verhetzten. So haben es die Kinder eben gleich auf dem Teller stehen, was sie tun sollen. Aber es muss eben auch das nötige Essen da sein.
Du hast um Zeitungen gebeten und ich freue mich, dass ich schon vorher daran gedacht habe, denn gestern habe ich ja schon einige Zeitungen weggeschickt. Ich wollte es schon in der vergangenen Woche tun, da ich aber erst am Freitagnachmittag danach gefahren bin, war es schon zu spät. Es gibt Illustrierte Zeitungen ja nicht mehr so viel, wie früher, bzw. schicken viele Leute welche an die Front. Darum sind sie knapp. Diesmal bin ich schon eher gefahren und habe welche bekommen. 3 Stück schicke ich heute noch fort. Schimpf nicht, wenn es dir zu viel sind, du kannst dir ja das lesen einteilen, denn es ist ja nicht bestimmt, ob ich nächste Woche auch wieder welche erwische. Aber die Bodensee-Rundschau habe ich ab 1.6. für dich bestellt. Vorläufig für einen Monat. Ich hätte dir unsere geschickt, aber die liest Vater noch mit. Sollte die diese Zeitung nicht zusagen und du magst lieber eine andere, so schreibst du mir´s. Aber die Freude, dass ich dir eine Zeitung schicken kann, musst du mir schon lassen., du liebster, bester Kerl. Ich habe ja besonders in den letzten zwei Jahren so viel von dir genommen, dass es mich direkt froh macht, dir auch einmal einen kleinen Wunsch erfüllen zu können. Noch dazu, wo ich dir jetzt kein Geld mehr schicken soll. Da bin ich ja direkt wohlhabend. Aber du kannst mir glauben, verschwenden tue ich nicht. Ich kaufe, was wir brauchen und das andere lege ich zurück. Bis jetzt habe ich 253.-Mk auf der Kasse. 50.-Mk. gehen für das Kaspertheater ab.
Daß wir das Geld in Frankreich ausgegeben haben, brauchen wir wirklich nicht bereuen. Denn du hast mir wirklich sehr viel geholfen, mir manche Erleichterung verschafft und manchen Weg erspart. Den Nutzen spüre ich heute noch und wohl noch lange Zeit.
Die Dieterkarten schicke ich dir heute mit.
Es freut mich, dass dich der Oberst gelobt hat. So ist dir doch einmal eine kleine Anerkennung für deine Arbeit zuteil geworden. Anerkennungen sind ja meist so selten, wenn man auch sein bestes schafft.
Die Blumen zum Muttertag sind mir ja gebracht worden, wie ich dir schon schrieb, und es war eine wunderbare Überraschung. Eine größere Freude hättest du mir gar nicht machen können.
Dadurch, dass du einem Kameraden deine Briefe mitgegeben hast, sind sie nun schon nach 8 Tagen angekommen. Böse bin ich deshalb bestimmt nicht, es ist ja so fein, so schnell einen Brief zu erhalten.
Bekommt ihr eigentlich auch die Flugpostmarken, von denen in der Zeitung stand? 4 Stück sollte es doch geben, 2 für die Front, 2 für die Heimat pro Monat. Oder gilt das nur für die vorderste Front?
Mit deinen Erinnerungen an unsere früheren Fahrten hast du sie mir alle wieder ins Gedächtnis zurück gerufen. Schön waren die Fahrten ja alle, wenn wir uns auch damals von Schaffhausen ein ganzes Stück heimwärts quälen mussten.
Mit den großen Pfingstferien für die Kinder ist es ja nichts. Sie haben nur von Morgen, Samstag, bis einschließlich Dienstag frei. Ebenso sind die großen Ferien auf 4 statt 7 Wochen gekürzt worden, weil sie im Winter so lange frei hatten. Sie beginnen Ende Juli und enden im August.
Gestern habe ich ein Beet Weißkraut, 1 Beet Rotkraut und 1 Beet Wirsing gesetzt. In den nächsten Tagen kommt noch Salat und Rosenkohl dran. Grünkohl muß ich noch säen. Das hat ja auch Zeit.
Nun laß mich schließen. Ich grüße und küsse dich ganz herzlich, Deine Annie.
Etwas habe ich doch noch vergessen zu berichten, von der großen Freude der Kinder über deinen lieben Brief und die Karten. Helga und Jörg wollen dir in den nächsten Tagen schreiben. Die Bilder haben sie schon über ihr Bett gehängt.