Mein liebster Ernst! Konstanz, 25.5.42
Weißt du, wo ich jetzt schreibe? Vom Fürstenberg. Es ist
heute ein wunderschöner Tag. Nun steht hinter dem Fürstenberg ein Karussell. Da
wollten die Kinder schon gestern gern fahren, aber da war schlechtes Wetter.
Heute habe ich ihnen ihren Wunsch nun erfüllt. Jörg ist zwei Mal, Helga ein Mal
gefahren und nun ist es beiden schwindlig. Weißt du, es ist so ein Karussell
mit kleinen Sitzen an Ketten, die dann frei fliegen. Wir sind jetzt auf die Seite
gegangen, wo man einen so weiten Ausblick hat. Da es ganz klar ist, sieht man
den Hohentwiel, den Hohenkrähen etc. Wenn man nach der anderen Seite schaut,
sieht man die Schweitzer Berge, die teilweise noch mit Schnee bedeckt sind.
Dazu blauer Himmel und überall frisches Grün und bunte Wiesen. Es lässt sich
hier schon eine Weile aushalten. Gerade kommt ein Zug. Er sieht aus, wie ein
Kinderspielzeug. Es ist schön, dass hier nicht viel Leute sind, in unserer
näheren Umgebung überhaupt keine.
Nun sind wir wieder daheim. Von ¼ 3 bis ¼ 6 waren wir fort.
Es war ganz schön, so ruhig und friedlich. Dann haben aber die Kinder Hunger
bekommen und wir sind heim gegangen. Wir haben erst Pudding mit Soße und
Kleingebäck gegessen, und dann habe ich noch etwas Abendbrot fertig gemacht.
Nun will ich den Brief fertig schreiben. Die Kinder sind noch auf der Straße
beim spielen. Helga hat heute ihr neues Kleid an, da ist sie ganz stolz.
Die kommenden Tage gibt es wieder ziemlich im Garten zu tun.
Erstens Kohlrabi und Salat setzen, restliche Bohnen stecken, Brombeeren
anbinden (die neuen Triebe), Stützen für Stachelbeerbäumchen fertig machen und
zuletzt Kartoffeln harken. Auch von den Fortschritten im Garten will ich dir
erzählen. Die Kohlrabisetzlinge setzen an, der zweite Spinat ist bald groß
genug, die Tomaten sind ein ganzes Stück gewachsen, die gesäten Zwiebeln sind
schon raus gekommen, ebenso die Buschbohnen. Die Stangenbohnen und Gurken sind
gerade dabei, die Erde aufzubrechen, die kleinen Krautsetzlinge stehen alle gut
da. Die neuen Erdbeersetzlinge haben sich gut heraus gemacht, weißt du, die an
dem schrägen Stück hinter dem Haus.
Nun sind die zwei Feiertage ganz friedlich vorbei gegangen.
Heute waren die Kinder ganz besonders brav. Helga war die letzten Tage ein
richtiges Hausmütterchen. Sie hat immer gleich den Tisch zum essen
hergerichtet, Kaffee aufgestellt, beim Kartoffelschälen geholfen usw. Das hat
mich gefreut.
Jörg hat doch von Siegfried den Merkur-Stahlbaukasten
bekommen. Bisher ließ ich ihn noch nicht damit spielen, weil ich meinte, er sei
noch zu klein dazu. Nach langem Bitten hat er ihn gestern einmal nehmen dürfen
und er bringt wirklich nach den Vorlagen Sachen zusammen. Gestern eine
Tragbahre und eine fahrbare Leiter, heute schon eine Seilbahn. Jörg hat einfach
dazu Geschick. Er geht mit dem Schraubenzieher um, als hätte er ihn schon immer
benutzt, um diese Modelle zusammen zu schrauben.
Von dem gesandten Dauerbrot haben wir gegessen. Es war noch
ganz frisch und schmeckte sehr gut. Ich möchte dir nochmals dafür danken.
Nun laß mich wieder schließen. Ich grüße und küsse dich
herzlich und denke immer an dich, Deine Annie.
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