Sonntag, 18. Juni 2017

Brief 350 vom 10.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 10.6.42

Heute bekam ich deine beiden lieben Briefe vom 27. und 28.5. Beim ersten hattest du ja noch keine Briefe erhalten. Das hat wirklich lange gedauert und du musst ja bald die Geduld verloren haben. Dafür bist du aber am nächsten Tag belohnt worden. Du hast recht, wenn du von einem Buch sprichst, das ich in der adresselosen Zeit geschrieben habe. Hoffentlich hat es dich nicht gelangweilt, denn es standen ja meist Sachen drin, die schon lange vergangen waren. Aber du hattest wenigstens einen Einblick, was während dieser Zeit alles gelaufen ist.
Du hast recht, wenn du schriebst, dass ich mich doch sicher über den Keks gewundert habe, den du geschickt hast. Ja gewundert und sehr gefreut. Das ist doch immer ein gewisser Rückhalt, den man zum ausgleichen da hat. Etwas haben wir ja schon davon gegessen, aber ich habe wieder mit selbst gebackenem aufgefüllt, sodass ich immer die Schachteln voll habe.
Wenn Du mehr bekommen könntest, das wäre fein. Wenn Du 5 Kg bekommen kannst, so ist das so viel, wie ich mir in 2 Monaten auf meine Marken kaufen kann. Das würde mir schon viel helfen.
Leider muss ich heute noch mal mit der Leipziger Sache anfangen. Ich habe mir die Sache noch mal eine Nacht überschlafen und habe nun an Erna laut beiliegendem Durchschlag geschrieben. Ich hoffe, dass es dir recht ist. Ich habe ja auf alle mögliche Art versucht, mit Papa gut auszukommen und habe auch in mancher Beziehung nachgegeben. Es wäre mir nach wie vor recht, wenn wir im Guten auseinander kommen könnten, aber wenn es gar nicht geht, werden wir uns wohl auf die Seite von Siegfried und Erna stellen. Meinst Du das auch?
Ich finde die Frau, bzw. das Fräulein ist so aufdringlich. Überall gleich mit hin gehen, sogar nach Neustadt, die sie doch gar nicht eingeladen hatten. Dann habe ich mir das auch überlegt. Papa hat wer weiß wie gemault, weil Erna zu Siegfried gefahren ist und er mal allein war. Was macht denn aber das Fräulein, wenn sie einfach einige Tage verreist? Sie lässt ja ihre Mutter auch allein, und die ist nicht mal gesund, während sich Papa doch schon mal die Sachen selber machen kann.
Von dem Zimmer habe ich Erna nun doch gleich geschrieben, damit sie sich schon etwas darauf einrichten kann. In unserer Wohnung ist es für längere Zeit doch zu eng.
Heute früh hatte ich im Garten angefangen mit Kartoffeln hacken, also im großen Garten. Leider fing es gleich wieder mit regnen an, sodass ich nur die Hälfte fertig bekommen habe. Ich musste dann auch gleich Brot holen fahren, da sie sonst wieder ausverkauft sind, wie es mir gestern ging. Da habe ich Jörg gleich mit in die Schule gefahren, worüber er gar nicht böse war. Heute Nachmittag ist er auf die Jahnwiesen gegangen, wo die Soldaten einen Panzer aus Holz zum üben aufgestellt haben. Da klettert er nun drauf herum. Ehe er aus der Schule heim kam, hatte er es auch schon gemacht. Helga ist zu ihrer Schulfreundin in die Gebhardstraße gegangen, sodass ich jetzt mal ganz allein zuhause bin. Kurt war am Vormittag hier. Es hat im trotz des unbeständigen Wetters doch gut in Bregenz gefallen. Er sagt, dass vom Pfänder aus wohl über den See nichts zu sehen gewesen sei, aber ins Hinterland hinein hätte man gute Aussicht gehabt. Nur eine Erkältung hat er sich auf dem Schiff geholt.
Ich habe heute 7 kleine Päckchen für dich verpackt, die zu deinem Geburtstag bestimmt sind. Ich habe sie heute schon weggeschickt, da sie wohl länger als die Briefe unterwegs sein werden.
Ich will nun noch in die Stadt fahren und einige Zeitungen für dich besorgen. Am Mittwochabend bekommen die Geschäfte sie schon immer herein.
Ich grüße und küsse dich für heute wieder recht herzlich, mein lieber Ernst, und denke immer an dich, Deine Marianne

Jetzt habe ich ganz aus Versehen mit Marianne unterschrieben, weil ich es vorhin bei dem anderen Brief so gemacht habe. Das tut ja wohl einmal nicht, nicht wahr?

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