Freitag, 9. Juni 2017

Brief 345 vom 5.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 5.6.42

Zwei liebe Briefe habe ich heute von dir erhalten, vom 22. und 26. In dem ersten führst Du ja Klage, dass du noch keinen Brief erhalten hast, und ich kann dich nur zu gut verstehen. Wenn die Briefe dorthin auch 14 Tage unterwegs wären, hättest du ja schon mindestens am 22. Post erhalten müssen. Hoffentlich hast du nicht mehr zu lange warten müssen. Aus dem Brief vom 26. geht ja nicht hervor, ob du inzwischen Nachricht bekommen hast. Ich hoffe es aber ganz fest.
Wie ich aus deinem Brief entnehme, hast du scheinbar auch nach Frankreich geschrieben, um zu erfragen, was du noch zu zahlen hast. Vielleicht schreibt da Herr Wittenburg an dich und du gibt’s mir nachher Bescheid. Es ist mir gar nicht recht, dass ich das Geld nicht schon fortschicken konnte, aber ich wusste bestimmt nicht, wohin. Hoffentlich bist du mir deshalb nicht böse.
Wenn es notwendig sein sollte, werde ich mir etwas mehr Wirtschaftsgeld nehmen, aber im Allgemeinen will ich in derselben Höhe bleiben. Wie du ganz recht gedacht hast, lege ich etwas auf die Sparkasse, damit man ein paar Pfennig hat, wenn man nach dem Kriege verschiedenes braucht. Mit Kleidung sind wir ja, dank deiner Vorsorge, noch versorgt. Darüber bin ich auch immer wieder froh. Du musst dir keine Gedanken machen, dass du uns keine Lebensmittel mehr schicken kannst. Ich werde es schon einteilen, dass es langt. Ich habe ja noch manches da, das ich erst nach und nach verbrauche. Wenn Du wirklich so viel Brot hast, dass du es nicht verbrauchen kannst, kannst Du ja mal etwas davon schicken. Wenn es nicht so feucht ist, dass es schimmelt, ginge es ja. Hart dürfte es ruhig sein. Man kann es ja einweichen und zu Brotsuppe usw. verwenden. Du kannst ja mal sehen, ob es zu machen geht. Aber bitte, nicht absparen!
Es muß wohl so sein, dass es einem nirgends zu gut gehen soll. Etwas ist also auch dort nicht ganz richtig. Manche hinken eben mit ihren Anschauungen Jahrzehnte hinterher und die anderen sollen sich danach richten.
Über Euern werten, ertrunkenen Hausgenossen hätte man ja bald trauern können, so traurig hast du diese Tragödie erzählt. Dass die Ratte sich in´s Wasser gestürzt hat, daran ist sicher nur Eure schlechte Behandlung schuld, denn an Sauberkeit ist doch den Bewohnern des Landes wenig gelegen.
Heute habe ich mal Nudeln selber gemacht. Sie sind mir auch gut gelungen. Die hebe ich noch auf, damit ich immer etwas Reserve da habe. Auf die Karten bekomme ich ja im Monat nur 1 ½ Pfund Teigwaren für uns drei.
Nun will ich schließen. Ich schaffe gleich noch den Brief und die Zeitungen für dich fort und hole Helga vom Turnen ab.
Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.

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