Mein liebster Ernst! Konstanz,
20.6.42
Heute will ich noch deinen Brief vom 7.6. beantworten.
Gestern bin ich nicht mehr dazu gekommen. Die 2 Bücher hat mir Papa also sauber
übersandt. Bei uns im Garten wächst auch alles gut. Die Johannisbeeren werden
auch schon rot. Mit der Heiratsangelegenheit sind wir also der gleichen
Meinung. Ich könnte auch nicht mehr so freundlich mit Papa sein, wenn er mich
so beiseiteschieben würde. Aber. Wie du schon schreibst, es hat keinen Zweck,
Papa auf seine Widersprüche aufmerksam zu machen, die in seinen Briefen immer
wieder auftreten. Ja, das hat Papa vollkommen vergessen, in welch scharfer und
ablehnender Weise er dir früher entgegengetreten ist. Oder er sieht das als
sein Recht an. Auf die Erbschaft lege ich wirklich keinen Wert. Einige kleine
Andenken von Mama habe ich ja.
Die Zeitung „Das Reich“ bekomme ich jetzt regelmäßig. Die
erste Sendung ist nur für die von früher her schon festen Bezieher, von der
Nachlieferung wird mir immer eine Zeitung zurückgelegt. Die kommt meist den
folgenden Donnerstag bis Samstag. Wie mir die Frau sagte, kommt die Zeitung aus
Oslo, darum dauert es so lange. Aber die anderen Leute können ja die Zeitung
auch erst an diesen Tagen kaufen. Heute habe ich „Das Reich“ auch an dich
geschickt.
Am Nachmittag habe ich mir heute einen freien Tag gemacht
und bin mit den Kindern in die Stadt gegangen. Erst haben wir uns in der
Eisdiele Eis gekauft, dann sind wir noch in den Hafen gegangen. Erst haben wir
aus Zeitungspapier ein Schiffchen gebaut und haben es schwimmen lassen. Dann
haben die Kinder noch ein Bisschen im Wasser geplanscht. Später sind wir
heimgegangen und haben Abendbrot gegessen. Es gab Erdbeeren mit Quark und mit
Milch. Nach dem Essen haben die Kinder noch gebadet und sind ins Bett gegangen.
Ich habe noch Radio gehört, was mit dem neuen Apparat immer wieder ein Genuss
ist. Nun gehe ich bald schlafen, sobald Vater heimgegangen ist.
21.6.
Nun ist wieder Sonntag. Nach anfänglicher Bewölkung hat es
sich aufgeheitert und wir wollen nachher baden gehen. So warm, wie vor 14 Tagen
wird ja das Wasser sicher nicht sein, aber wir probieren es mal. Wir wollen
schon ganz zeitig essen, damit wir zeitig fort können. Vorhin bin ich noch
schnell zu Vater gefahren und habe ihm ein paar Erdbeeren gebracht.
Nun will ich alles zum Fortgehen fertig machen und schließe
deshalb.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
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