Samstag, 11. Juni 2016

Brief 173 vom 11./12.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                           Konstanz, den 11.6.41 abends

Heute habe ich keinen Brief an Dich abgeschickt, trotzdem ich einen bekommen habe, vom 6.6. Heute hatte ja Helga keine Schule und so habe ich das benutzt und habe fast den ganzen Tag im Bett gelegen und geschlafen.
Nun will ich aber Deinen lieben Brief beantworten. Der Streik bei Euch hat sich also noch verschärft. Am schlimmsten ist es ja, wenn sich Frauen einmischen. Das hat man ja früher bei uns in Deutschland auch gesehen. Mir ist ja die Hauptsache, daß Dir nichts dabei passiert.
Mit den Schuhen  für mich ist es so. Ich habe doch fast alles Schuhe mit höheren Absätzen als sie bei den Sportschuhen, die Du besorgt hast, sind. Dadurch wirkt doch das Schuhmuster kleiner. Am besten richtet man sich nach der Nummer. Ich schicke Dir nun noch einen Fußabdruck mit. Vielleicht nützt Dir das eher etwas. Es tut mir leid, daß ich Dir die Überraschung so verpatzt habe, aber ich habe mir wirklich nichts dabei gedacht, wenn Helga und ich die gleichen Schuhe hätten. Vielleicht kommt es auch daher, daß ich krank bin, da macht man sich über alles weniger Gedanken. Jörg ist von seinen Schuhen auch begeistert. Er traut sie sich gar nicht anzuziehen, damit sie ja nicht kaputt gehen.
Nun wegen dem schießen. Du schreibst, ich hätte geschrieben, Du hättest „doch noch“ gut abgeschnitten. Da habe ich wirklich keinen Hintergedanken gehabt, denn es sind Deine eigenen Worte. Das bezieht sich doch auf den zweiten Schuß mit einer 7, von dem Du selbst schreibst, daß er Dich geärgert hat, so daß Du Dir noch einmal fest Mühe gegeben hast, so daß Du durch eine 12 „doch noch gut abgeschnitten hast“. Du siehst also, dass gar kein böser Gedanke dabei war. Das darfst Du auch nicht denken. Ich habe Dich doch viel zu lieb, als daß ich so boshaft schreiben würde. Es ist aber so, wir sind schon wieder eine ganze Weile voneinander getrennt, da schleichen sich schon wieder so Mißverständnisse ein. Also, lieber Ernst, Du darfst nicht bös von mir denken, nicht wahr!
Kurt wird sich sicher über den Artikel vom Killenweiher freuen, denn davon hat er doch oft gesprochen.
Inzwischen bist Du wahrscheinlich schon aus Deinem Zimmer ausgezogen und wohnst nun mit Deinen Kameraden zusammen. Ich bin ja gespannt, wie es Dir da gefällt. Du wirst dich auch erst wieder eingewöhnen müssen.

                                                                                                         12.6.    
Als ich gestern weiter an Dich schreiben wollte, kam Vater. Da ich ihm erzählt hatte, dass ich keinen Appetit habe, besonders nicht auf Butter, Wurst usw., brachte er mir ein großes Glas Marmelade mit. Es schmeckt mir auch wirklich und ich habe schon mehrere Brote gegessen. Etwas regt sich mein Appetit ja wieder. Mittags esse ich jetzt auch immer ein bißchen mit.
Heute Vormittag habe ich auch endlich einmal alle Wäsche wegbügeln können, die noch dalag. Es wurde ja endlich Zeit. Hinterher habe ich mich von dieser „Riesenarbeit“ wieder ausgeschlafen und bin nun wieder munter. Ich muß mir eben jetzt alles einteilen.
Heue ist das Wetter ein wenig besser als gestern. Es ist zwar noch bewölkt, aber es regnet wenigstens nicht. Jörg ist unten beim Soldatenspielen. Er ist natürlich der „Höchste“. Anders geht es gar nicht. Helga hat vorhin Schularbeiten gemacht. Jetzt hat sie aber schnell die Gelegenheit benutzt ehe sie den Brief wegschaffen, noch zum Seilspringen runter zu kommen.
Ich packe heute das Heft von Kurt an Dich ein. Im zusammengerollten Heft ist die Zahnbürste und die Zahnpasta. Hoffentlich kommt alles gut an. Einen Brief habe ich nicht beigelegt.
Die zurückgesandten Bilder hebe ich auf, bis Nanni einmal kommt. Bis jetzt hat sich noch niemand sehen lassen. Das ist ja jetzt auch ganz gut so.
Jörg wird auch schon ziemlich selbständig, seitdem ich krank bin. Er kann sie Brote schneiden und schmieren, und was die Hauptsache dabei ist, er vergeudet nicht. Auch zum Einkaufen kann man ihn schon allein schicken. Heute war er beim Metzger und in der Bodan-Apotheke. Schaden kann es ihm ja nichts, denn wenn er nun bald zur Schule muß, ist ihm der Weg doch nicht mehr so ungewohnt.
Nun will ich schließen, mein lieber, lieber Ernst. Ich glaube, wenn du hier wärst, wäre ich schon wieder gesund. Denn wenn ich Dich sehe, bin ich von ganzer Seele froh und Freude macht doch auch gesund. Das ist ja aber jetzt nicht möglich und  so beißen wir uns eben durch.
Sei für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Freitag, 10. Juni 2016

Brief 172 vom 10.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                                  Konstanz, den 10.6.41   

Ich danke Dir herzlich für Deinen lieben Brief vom 5.6. und Dein liebes Päckchen Nr. 11 mit den 5 Tafeln Schokolade. Von der Milchschokolade haben wir schon einmal probiert, d.h. ich nur ein ganz kleines Stück, denn sie ist ja schließlich für die Kinder. Die schmeckt noch besser als die andere mit Nuß. Sie ist ja auch teuer genug.
Eigentlich ist es mir schon über, Dir jeden Tag schreiben zu müssen, daß es mir noch nicht ganz gut geht. Du wirst vielleicht denken, „zum Donnerwetter, hat sie denn überhaupt keine Energie, daß das so lange dauert.“ Aber daran liegt es wirklich nicht, das darfst Du mir glauben. Ich gebe mir alle Mühe.  Aber ich war doch schon früher manchmal so kaputt und ich glaube, daß das jetzt mit zum Ausbruch kommt. Gestern habe ich noch die halbhohen Bohnen gehäufelt und Reisig dran getan. Das war aber schon wieder zu viel für mich, denn hinterher habe ich mich überhaupt nicht mehr auf den Füssen halten können. Ich werde vielleicht doch Herrn Steinmehl bitten, mir die Kartoffeln zu häufeln. Ich gebe ihm sehr gern etwas dafür.
Bei meinem Bronchialkatarrh kann es sich vielleicht auch um einen Luftröhrenkatarrh handeln, denn es tut fast bis zum Magen runter weh. Es ist ja schon viel besser geworden, aber richtig tief atmen kann ich immer noch nicht. In der Nacht habe ich meist bis 4 Uhr früh Ruhe. Dann wache ich auf und muß husten. Da ich mich dazu hoch setzen muß und doch immer nachts fest geschwitzt habe, mache ich es immer so, daß ich aufstehe, mich wasche, anziehe und dann die restlichen Stunden im Liegestuhl schlafe. Wenn ich dann husten muß, erkälte ich mich wenigstens nicht noch. Heute Morgen habe ich es so gemacht, daß ich gleich nach dem aufstehen und anziehen mit Salzwasser gegurgelt habe. Da habe ich dann die restlichen Stunden ohne husten schlafen können. Morgen werde ich es wieder so machen. Heute habe ich mich wieder einmal ausgeruht und jede Stunde gegurgelt. Außerdem habe ich mir von der Brust bis zum Hals ein Säckchen mit Zwiebeln aufgelegt, weil das gut sein soll. Vielleicht bringt es Linderung. Schaden kann es auf keinen Fall. Es beißt nur so in die Augen, dass es aussieht. als heule ich. So traurig ist es mir aber nun wieder nicht zu Mute. Ich bin sonst ganz guter Dinge, nur auf meine Schwäche habe ich eine Mordswut. Aber auch da werde ich Geduld lernen müssen. Dich bitte ich aber, lieber Ernst, mach Dir keine Sorge um mich. Ich faulenze eben, bis ich wieder gesund bin. So viel Egoist bin ich nun doch, daß ich mir sage, was nicht geht, bleibt liegen. Jetzt komme ich erst einmal (Bezüglich Egoismus habe ich doch schon ganz schöne Fortschritte gemacht, nicht wahr? Aber Du weißt ja, Unkraut vergeht nicht.)
Vorhin kam gerade das angekündigte Päckchen von Kurt. Es waren verschiedene Sachen drin zum aufheben. Außerdem Drops für die Kinder. Wie er schrieb, bekommen sie sie zugeteilt und er macht sich nichts daraus. Dann schickte er noch Muscheln für die Kinder zum spielen und den Federkasten. Darauf ist eine Madonna mit Kind und dazu steht geschrieben „St. Anne d`Auray“. Dort war oder ist er wahrscheinlich, denn er schrieb von einem Kloster in einem Wallfahrtsort, wo sie untergebracht sind. Wahrscheinlich auch wieder nur vorübergehend. Kurt hat auch eine Dose Ovomaltine mitgeschickt. Er hat zwar nichts davon geschrieben, aber ich denke doch, dass es für uns bestimmt sein wird. Ich könnte es ja jetzt ganz gut brauchen. Das ist doch zur Stärkung.
Es wird nun wieder Zeit, dass ich den Brief schließe, denn Helga ist heute bis um 6 Uhr in der Schule, die kann den Brief nicht fortbringen. So schafft ihn Jörg in die Schneckenburgstraße zum Briefkasten. Der wird 1/2 5 geleert und dann erst wieder morgen früh.
Sei also, mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Brief 171 vom 8./9.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, den 8.6.41  

Es gibt eigentlich jeden Tag weniger zu erzählen, wenn ein Tag wie der andere vergeht. Es ist nun schon der dritte Sonntag, an dem ich nicht fortgehen kann. Heute ist es aber wenigstens so, daß ich nicht mehr unbedingt liegen muß. Es geht mir also schon ganz gut. Natürlich ruhe ich mich nachher doch wieder aus, denn desto schneller werde ich wieder ganz gesund.
Es ist heute wieder ein ganz schöner Tag, wohl ein bißchen bewölkt, aber doch meist sonnig. Ich will dann einmal sehen, ob es zu windig ist, sonst setze ich mich ein wenig hinters Haus.
An Kurt und an die Eltern habe ich gestern noch geschrieben. Ich schicke Dir die Durchschläge mit. Sehr lang sind die Briefe ja nicht geworden, aber sie haben wenigstens wieder Nachricht von mir.
Die ersten Erbsen im Garten blühen schon. Sie sind eigentlich noch gar nicht so sehr hoch. Aber bei Leimenstolls ist es genau so. Das wird auch am Wetter liegen. Die Bohnen kommen jetzt auch fest. Das macht mir Freude. Die Kinder haben es mit dem Reisigholen immer noch hinausgeschoben, aber morgen oder übermorgen müssen sie doch gehen. Sonst krauchen uns die Bohnen am Boden lang.
Helga ist gerade wieder fleißig beim Abtrocknen, damit ich nicht so viel machen muß. Das ist schon eine große Überwindung für sie, denn Abtrocknen tut sie gar nicht gern. Das ist das schlimmste aller Arbeiten. Wir haben es jetzt auch so eingerichtet, daß Helga abends alle Schuhe einreiben und Jörg früh alle blank putzen muß. Früher haben sie ja auch daran nie wollen, aber jetzt, nachdem ich krank war, haben sie es schon tun müssen. Ich will natürlich, daß es auch weiterhin so bleibt.
Jetzt ist Helga gerade fertig. Da macht sie sich`s auf dem Liegestuhl noch ein wenig bequem. Wir haben ihn ans Fenster gerückt und da scheint sie die Sonne schön an. Jörg ist mit ein paar Soldaten im Hof und spielt. So hat jeder seine Beschäftigung.
Denk Dir mal, unsere Helga mag keinen Kuchen mehr. Wenn wir sonntags Kuchen haben, so ißt sie lieber Eingebrocktes. Den Kuchen überläßt sie gern uns. Was sagst Du dazu? Jörg dagegen nimmt gern Helgas Anteil zu seinem dazu. Er kann nicht genug bekommen. Quarkkuchen würde sie ja auch gern einmal essen, aber dazu reicht ja jetzt der Quark nicht. Vielleicht bekommt man ihn im Sommer wieder einmal ohne Marken. Da würde ich ihr diesen Wunsch erfüllen. 
Ich schließe nun für heute. Es hat sich inzwischen ziemlich bewölkt. Es sieht aus, als wenn ein Gewitter kommen will. Da möchte ich das bißchen Sonne noch ausnutzen.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                               Konstanz, 9.6.41

Ich hatte es gar nicht zu hoffen gewagt, daß ich heute schon einen Brief von Dir bekommen würde und nun sind es sogar zwei gewesen, beide vom 3.6. Ich danke Dir sehr dafür.
Nun warst Du also über die Pfingstfeiertage in Lille. Wie ich aus Deinen Briefen ersehe, hat es Dir auch ganz gut gefallen. Das freut mich. Leid tut es mir nur, daß Du noch vorher von meiner Krankheit erfahren hast. Aus den zwei Tagen, wie Du angenommen hast, sind inzwischen zwei Wochen geworden, daß ich krank bin. Aber das schlimmste ist ja nun vorbei.
Wenn ich wieder ganz hergestellt bin, werde ich nachher Erde über den Mist tun. Ich habe heute schon versucht, einige Beete zu hacken. Es ist auch gegangen, aber noch mit etwas Mühe. Dadurch bin ich dann so müd geworden, daß ich nun den halben Nachmittag verschlafen habe. Aber jetzt fühle ich mich ganz wohl. Mit dem „jeden Tag das volle Pensum schaffen“ ist es jetzt bei mir nicht weit her. Wenn man krank ist, ist einem manches nicht mehr so wichtig von dem man meinte, es müsse unbedingt getan werden.
Auch ich habe mich sehr über Helga gefreut, wie sie mir fest geholfen hat. Der ganz große Eifer hat ja jetzt etwas nachgelassen, was aber nach so langer Zeit bei einem Kind gar nicht zu verwundern ist. Aber helfen tut sie mir doch immer wieder. Über die Schuhe habe ich Dir ja schon geschrieben. Helga würde am liebsten überhaupt keine anderen mehr anziehen, so gut passen und gefallen sie ihr.
Die Zahnpasta besorge ich Dir und schicke sie Dir mit der Zahnbürste zu. Ob ich nun gerade Nivea bekomme, die wir ja meist haben, weiß ich nicht. Man muß jetzt nehmen, was gerade vorrätig ist.
Heute morgen waren die Kinder im Wald und haben Reisig geholt. Ich will einmal sehen, ob ich es heute noch schaffen kann, daß ich es an die Bohnen tue. Die Kinder haben schönes großes Reisig gebracht, wie ich es brauche. Sie haben sich ziemlich abgeschleppt.
Wenn ich gesund bin, werde ich wahrscheinlich auch wieder einmal ins Kino gehen. Ich gehe mit den Kindern am Nachmittag. Da brauche ich abends nicht fort.
Wir haben heute wieder einmal reichlich Salat gegessen. Ich habe ja sonst wenig Appetit, aber auf Salat habe ich direkt einen Heißhunger. Wir brauchen dadurch ja ziemlich Zucker, aber das ist mir erst einmal ganz gleich. Ich will vor allen Dingen einmal wieder gesund werden. Da spare ich jetzt nicht.
Ich habe Helga vorgelesen, wie Du Dich über ihren Brief und über ihre Arbeit gefreut hast. Sie hat ganz gestrahlt und gesagt, aber Vaterle soll mir ja wieder schreiben.
Helga fährt nachher noch in die Stadt zum einkaufen. Da will ich den Brief jetzt beenden, sonst wird es zu spät.
Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 7. Juni 2016

Brief 170 vom 6./7.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, den 6.6.41   

Du bist wirklich zu bedauern, dass Du so lange keine Post von mir erhalten hast. Vielleicht hat es aber das Gute, dass Du dann bis Pfingsten nicht erfährst, dass ich krank bin und so froher nach Lille fährst.
Ich erhielt heute Deinen lieben Brief vom 30.5. Ich muss ja sagen, dass es für mich gerade keine freudige Überraschung ist wenn Nanni uns einmal aufsuchen will. Wenn ich mir auch viel Mühe gegeben habe, so ist doch jetzt, nachdem ich bereits 14 Tage krank bin, manches nicht so wie es sein soll. Und man weiß doch, wie kritisch die lieben Verwandten sind. Bezüglich der Anredeangelegenheit hängt mir alles schon zum Hals heraus. Wenn sie erst Monate braucht, bis sie sich überlegt hat, ob sie mir erlauben kann, Du zu ihr zu sagen, dann soll sie es doch sein lassen. Ich pfeife darauf. Es sind jetzt 10 Jahre vergangen, ohne dass ich in den trauten Kreis der weiteren Verwandtschaft aufgenommen worden bin, da wird es auch weiterhin gehen. Ich dränge mich niemand auf, weiß Gott nicht. Vielleicht wird erst noch Familienrat bei Paula abgehalten, ob ich der großen Gnade teilhaftig werden kann, Du zu sagen. Wie gesagt, sie sollen mich mit der ganzen Angelegenheit  in Frieden lassen, das ist mir das liebste. Hoffentlich bist Du nun nicht mit mir böse, dass wir uns vielleicht noch wegen den Verwandten zanken, aber schließlich haben wir zwei ja immer zusammengehalten, auch gegen meine Eltern, wenn es sein mußte, da wirst Du mich auch verstehen.
Der Brief an meine Eltern ist gut. Da können sie sich wenigstens ein Bild machen, was Du alles zu schaffen hast.
Ich bin wirklich gespannt, was nun noch mit Deinem Zahn wird. Das zieht sich ja ziemlich lang hin.
Wenn Du Dir noch ein paar Schlafanzüge kaufen kannst, so kann das nichts schaden, denn richtige Nachthemden hast du ja auch nicht mehr.
Seit vielen Nächten habe ich die vergangene Nacht zum ersten Mal wieder richtig geschlafen. Ich war gestern Abend todmüde. Ich bin schon um 1/2 7 ins Bett, bin dann noch einmal kurz aufgestanden als die Kinder ins Bett gingen und habe dann bis früh geschlafen. Heute Vormittag habe ich wieder die meiste Zeit im Liegestuhl geschlafen. Ich muß, glaube ich, jetzt alles nachholen, was ich in den 2 Wochen versäumt habe. Ich denke, dass ich dadurch auch wieder etwas zu Kräften komme.
Gestern Nachmittag hat es wirklich noch ein Gewitter gegeben und heute regnet es immer noch. Dazu ist es ziemlich windig. Es hat auch gleich abgekühlt. Da müssen die Kinder oben spielen. Jörg ist gerade dabei, sich ein Segelflugzeug zusammenzunageln. Er hämmert umeinander wie ein Alter. Leider gelingt es noch nicht immer gleich, es soll doch ganz genau werden. Sogar das Steuer hat er angenagelt. Helga liegt inzwischen auf der Matratze und ruht sich aus. Die Matratze ist für unsere Kinder auch unentbehrlich geworden. Da kann man doch immer mal faulenzen.
Wenn Vater wieder einmal rauf kommt, werde ich die Grüße an ihn ausrichten. Er hatte mir schon am Sonntag gesagt, daß er wahrscheinlich diese Woche nicht rauf kommen könnte, weil er so viel im Garten zu tun hat.  Nun will ich wieder schließen. Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, den 7. 6. 41

Heute Morgen erhielt ich Deinen lieben Brief vom 31.5.Ich danke Dir sehr dafür. Jetzt werde ich mich ja sicher einige Tage gedulden müssen, da Du ja erst nach den Pfingstfeiertagen wieder geschrieben hast. Wegen der Schokolade brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Ich bin doch jetzt gut damit versorgt. Du brauchtest du also keine mehr zu kaufen. Du hast also doch wieder einmal Post bekommen und gleich drei Briefe. Da bist Du ja nicht ganz ohne Nachricht von daheim nach Lille gefahren.
Heute habe ich auch wieder einen Brief von Kurt erhalten. Ich will mal sehen, ob ich ihn bald beantworten kann. Denke Dir, er hat jetzt für Jörg eine Griffelschachtel besorgt. Damit wird Jörg ja bald ausstaffiert. Aber es ist so, man hebt eine auf, denn meist halten sie doch nicht die ganzen Jahre.
Du, an dem ganz kleinen Stachelbeerbäumchen sind auch schon ein paar Stachelbeeren dran. Ich will das Bäumchen auch bald ein wenig stützen, damit es nicht umgebrochen wird. Heute Morgen war Jörg ein bißchen im Garten und hat Unkraut raus gemacht, aber er hat nicht lange Geduld dazu, wenn ich nicht dabei bin. Heute Nachmittag geht nun Helga und schafft weiter. Sonst haben wir bald mehr Unkraut als Gemüse im Garten. Mich kränkt es ja schwer, dass ich nicht schaffen kann, wie ich gern wollte. Es geht aber einfach noch nicht. Ich bin ja froh, dass es sich schon viel gebessert hat. Während ich vor ein paar Tagen Tag und Nacht husten mußte, so daß ich überhaupt nicht schlafen konnte, muß ich jetzt meist nur morgens und abends fest husten, während ich nachts Ruhe habe. Das macht ja schon viel aus.  Durch das husten werde ich immer ganz kaputt, sodass es mir früh immer nicht so gut geht, während mittags meine beste Zeit ist. Ich dachte ja nicht, dass ich so lange dafür brauchen würde, aber ich kann es auch nicht ändern. Es ist doch gut, wenn man gute Nachbarn hat. So hat mir Frau Nußbaumer heute gesagt, dass sie das Treppenhaus putzt, nachdem es mir noch etwas schwerfällt. Das ist doch nett, nicht wahr. Sie hat auch schon die Waschwoche mit mir getauscht. Es nützt mir ja jetzt doch nichts. weil ich auch in der kommenden Woche noch keine große Wäsche waschen kann, aber nett ist es doch. Man sieht doch den guten Willen.
Da es mir heute etwas besser geht, werde ich wahrscheinlich noch an die Eltern schreiben.
Ich habe vorhin gerade einen Kuchen gebacken. Diese Woche ging es schon ohne Hilfe. Wenn man krank gewesen ist, freut man sich über jeden Fortschritt, den man verzeichnen kann.
Gerade war ich noch einmal im Garten drüben und habe mir alles angesehen. Herr Steinmehl sagte mir, dass er mir die Kartoffeln häufeln will, wenn ich nächste Woche noch nicht gesund werde. Ich werde ja sehen, daß ich es selber machen kann, aber für alle Fälle würde es doch gemacht werden.
Nun will ich für heute schließen, denn es ist schon etwas spät geworden.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Samstag, 4. Juni 2016

Brief 169 vom 4./5.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                                       Konstanz, den 4.6.41    

Einige Tage ist es mir wie Dir gegangen, ich habe einfach keinen Brief von Dir bekommen. Jetzt will mich aber scheinbar die Post entschädigen. Als wir gestern Nachmittag heimkamen, war Dein lieber Brief vom 26.5. da und vorhin erhielt ich die Briefe vom 28. und 29.5. Für alle recht vielen Dank.
Die Pralinen, die Dur mir geschickt hattest, sind nun bereits aufgegessen. Das macht doch nichts? Ich habe ja noch viel Schokolade aufgehoben. Fein haben sie geschmeckt, den Kindern auch, d.h. eigentlich waren sie nur auf die Füllung ganz wild. Da habe ich manchmal die Schokolade abgegessen und sie haben die Füllung bekommen. Du wirst denken, na, die machen ja nette Sachen. Weißt Du, ganz allein aufessen mag ich sie nicht, wenn die Kinder da sind, vor allen Dingen, wo ich auch noch Schokolade habe, die sie nicht essen.
Mit dem Paßbild bist Du  also nicht ganz zufrieden. Du mußt eben bedenken, für ein Paßbild ist eine bestimmte Haltung vorgeschrieben und außerdem muß das ganze Ohr frei sein. Dadurch kommt es Dir vielleicht etwas fremd vor.
Deine guten Pfingstgrüße sind ja nun nicht in Erfüllung gegangen, aber gefreut habe ich mich trotzdem darüber.
Wegen Deinem Zahn hatte ich schon immer wieder einmal fragen wollen. Ich habe es dann aber immer wieder vergessen. Hoffentlich kommt er nun bald in Ordnung.
Du mußt nicht denken, daß ich etwas dagegen habe, daß Du Dir Stiefel und Hose kaufen willst, im Gegenteil. Ein Soldat in Stiefeln sieht immer fein aus. Du weißt ja, daß mir das prima gefällt. So müßtest Du aber einmal heimkommen.
Den Durchschlag, der zu Deinem Schreiben an den Oberbürgermeister gehört, hebe ich auf. Wenn es auch nicht viel ist, was sie schreiben können, so ist es doch anders, als wenn Du nur von Dir aus geschrieben hättest. Schaden kann es auf keinen Fall.
Wir sind gestern Nachmittag mit dem Omnibus in die Stadt gefahren. Es ist mir soweit nicht schlecht bekommen, nur kann ich noch nicht viel laufen, ich bin doch noch ziemlich matt. Außerdem kann ich nur ganz langsam gehen, sonst langt der Atem nicht. Ich habe noch einen ziemlichen Bronchialkatarrh. Ich mache schon allerhand dagegen. Es muß doch einmal besser werden.
Wir sind auch beim Sattler mit vorbeigegangen wegen dem Ranzen. Er hatte schon die Riemen angenäht. Heute poliert er ihn noch auf, so daß wir ihn heute Nachmittag holen können. Helga freut sich schon so sehr darauf, als wäre es ein neuer. So hat Jörg dann einen Ranzen mit ganzer Klappe, wie es hier die Jungen haben und Helga hat einen richtigen Mädchenschulranzen. Da sind beide zufrieden.
Heute haben wir Salat aus unserem Garten geholt , dazu gibt es Bratkartoffeln mit Ei. Das ist doch ein feines Essen. Wir freuen uns alle schon auf den Salat. Ich habe ja meist auch nichts Appetit, aber beim Salat bin ich mit Begeisterung dabei.
Gestern sind die Kinder zum ersten Mal barfuß gelaufen. Es war aber auch heiß. Heute scheint auch die Sonne, aber es weht ein Lüftchen. Das ist dann gleich nicht so drückend. Unser Drahtfenster haben wir auch wieder in Gebrauch. Da kann man wenigstens den ganzen Tag  das Küchenfenster auflassen, ohne daß man von Fliegen aufgefressen wird.
Übrigens lag in dem Päckchen von meinen Eltern ein 5,-Markschein. Den sollte ich für Pfingsten verwenden, damit wir einmal einkehren können. Ich habe mich sehr darüber gefreut und ihn einstweilen aufgehoben.
Nun will ich für heute wieder schließen. Hoffentlich erhältst Du jetzt auch wieder regelmäßig Post.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                                     Konstanz, den 5.6.41

Einen Brief habe ich von Dir nicht bekommen. Ich habe ja eigentlich auch nicht viel zu berichten. Gestern haben wir den Schulranzen für Helga geholt. Er ist wirklich wieder ganz fein geworden. Helga braucht sich nicht mit ihm zu schämen. Sie ist auch ganz stolz darauf und hat ihn heute gleich mit zur Schule genommen. Beim anderen ist hinten, wo es zum aufhängen geht, die Schlaufe etwas eingerissen. Das lassen wir nun auch gleich mit machen, dann ist alles in Ordnung. Der Ranzen hat zum machen 2.50 gekostet. Ich finde es nicht zu viel.
Das wollte ich auch noch schreiben. Wenn du ja einmal telefonieren willst, dann bitte jetzt nicht. Weißt Du, ich brauche viel Schlaf und Ruhe, damit ich wieder bald zu Kräften komme. Da gehe ich meist schon gegen 9 Uhr ins Bett und vorher liege ich schon auf dem Liegestuhl. Da könnte es dann sein, daß ich nicht schnell genug zu Webers vor könnte und das würde mich  sehr ärgern. Mit geht es soweit ganz gut. Der Katarrh ist auch ein wenig besser geworden. In dem Eiltempo, wie ich es gern möchte, geht es eben nicht. Das einzige, mit was ich im Garten im Rückstand bin, sind die Kartoffeln. Aber ich muß eben doch erst sehen, daß ich selber wieder gesund werde.
Von Dora hatte ich zu Pfingsten übrigens auch eine Karte bekommen. Ich werde ihr so bald als möglich schreiben. Ebenso an alle anderen, von denen ich Briefe daliegen habe. Viel Briefe bekommen ist ja ganz schön, aber das Beantworten (außer an Dich) nicht so.
Es sieht aus, als gebe es heute noch ein Gewitter. Es ist ganz schwül draußen. Da will ich Helga noch zum Einkaufen schicken, ehe sie naß wird.
Bei unserem Baum haben die Blätter jetzt ihre normale Größe erreicht. Vorm Haus macht sich die Kapuzinerkresse gut heraus und unsere Gurken kommen jetzt alle heraus. Ich bin froh, daß ich die Bohnen, Gurken usw. schon gelegt hatte, ehe ich krank geworden bin. Jetzt wäre es doch schon ziemlich spät dazu. Da hätte ich mich sehr geärgert. So habe ich doch nicht so viel versäumt.
Daß man mit Frau Büsing aus dem Haus nicht in Frieden leben kann, hat jetzt auch Frau Leimenstoll erfahren müssen. Als ihr der Schlüssel weggekommen ist, hat sie mich, Frau Nußbaumer und Frau Büsing gefragt, ob wir ihn vielleicht gefunden hätten. Sie wollte ja niemanden verdächtigen. Wir haben natürlich gesagt, nein. Frau Büsing hat sie nun gleich angefahren: „Was sie sich einbildete, sie hätte schon ein paar mal so saudumme Fragen an sie gerichtet und wenn sie auch keine Beamtenfrau sei, so würde sie doch mit keiner aus dem Haus tauschen.“ Worauf Frau Leimenstoll sagte, sie solle vor allem die Beamtenfrau aus dem Spiel lassen, darauf käme es ja gar nicht an, was einer wär. Da ist sie dann ausfallend geworden, genau wie bei mir. Man sieht also, es ist bei ihr nur der Neid. Jetzt steht sie nun allein im Haus, aber sie versucht es durch doppelte und dreifache Bosheit wett zu machen. Bei dem Willi, der ja immer noch da ist, sieht man deutlich die Früchte der Erziehung. Als er herkam, war er ganz anständig, jetzt wird er aber genau so ein Flegel wie die anderen.
Unsere Amaryllis solltest Du einmal sehen. Die große Pflanze hat jetzt vier schöne starke Blätter und die kleine macht sich auch fein heraus. Ich denke, daß es Dich freuen wird, nachdem sie doch von Euch zuhause sind.
Nun will ich wieder schließen. Es wird sonst zu spät für Helga. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Freitag, 3. Juni 2016

Brief 168 vom 3.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                         Konstanz, den 3. Juni 1941  

Der Briefträger war ja noch nicht da, aber ich will doch gleich mit schreiben beginnen. Die Pfingstfeiertage sind ja auch wieder vorbei. Bei dem schönen Wetter ist, wie es auch in der Zeitung steht, überall mächtiger Betrieb gewesen. Die Leute haben kaum auf den Schiffen Platz gehabt. Da war es doch ganz gut, daß wir gestern nicht gefahren sind, abgesehen davon, daß ich ja nicht konnte.
Ich denke, daß ich wieder über den Berg bin. Gestern bin ich den ganzen Tag auf gewesen und heute will ich in die Stadt fahren. Natürlich nicht mit dem Rad, sondern erst einmal mit dem Omnibus. Ich will bei dieser Gelegenheit meine Kennkarte holen und Vater hat mir seine Gasrechnung über 56,70 M zum bezahlen mitgegeben. Das sind die 235 Kw.
Das einzige, was noch nicht in Ordnung ist, das ist der Hals. Es löst sich wohl immerzu, aber ich muß auch dauern aushusten, dadurch kann ich fast gar nicht schlafen. Ich denke aber, daß sich das auch bald geben wird.
Gestern wollte Vater gleich am Nachmittag kommen. Wollte! Als er auf ein paar Minuten kam, war es 1/2 9. Er brachte noch ein paar Stück  Kuchen mit. Eigentlich wollte er von seinem Streuselkuchen mitbringen, aber „der ist ein bißchen dunkel geworden. Ich habe das Gas ein bißchen größer gestellt, denn man will doch, daß es nicht so lange dauert, da war er gleich ein wenig dunkel.“ Da ich gestern den ganzen Tag auf war, habe ich schon 1/2 10 Schluß gemacht. Es  war ihm aber ganz recht, denn er wollte sowieso noch „etwas von dem harten Streuselkuchen essen, und da brauche  ich Zeit dazu. Früh ist mir die Zeit dazu zu kurz“ meinte er. 
Die Kinder hatten gestern Nachmittag den Brief für Dich weggebracht. Da haben sie in der Stadt einmal warten müssen, da der Omnibus besetzt war und in den zweiten sind sie gerade noch mit knapper Not hineingekommen. Helga erzählte mir, wie an allen Haltestellen die Leute lange Hälse gemacht haben, weil sie nicht mehr mit konnten.
Da habe ich denn doch ein friedlicheres Pfingsten gehabt. Ich habe mich wenigstens nicht drängeln brauchen. Ich habe gestern in Herzog und Vogt gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen.
Ich bin jetzt gerade erst einmal im Garten gewesen und habe mir alles angesehen. Es geht alles gut vorwärts. Die Erdbeeren blühen besser, als ich es erst dachte. Der Salat, den Du dazwischen gepflanzt hast, kann jetzt geholt werden. Die Beeren an den Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern sind schon ziemlich groß. Die Dahlien treiben Blätter, die Kartoffeln sind schon ziemlich weit heraus und sollten jetzt eigentlich einmal gehackt werden. Aber das kann ich jetzt leider noch nicht. Die Kohlrabi setzen Knollen an. Die Bohnen sind heraus oder sind gerade dabei, herauszukommen. Einzelne Gurken kommen auch schon. Ich denke, daß in den nächsten Tagen alle kommen werden.
Nachdem ich vor 4 Tagen Deinen Brief vom 24. erhielt, kam heute Dein Schreiben vom 27.5. Ich danke Dir recht herzlich dafür. Vielleicht war es ganz gut, daß die Telefonverbindung nicht geklappt hat, denn nachdem ich krank war, war ich um 1/2 10 schon lang im Bett.
Ich bin jetzt gespannt, was die Stadt auf Deinen Brief antworten wird. Ich denke mir jedenfalls, daß sie vor Wut schnauben werden, denn die können nur Leute brauchen, die vor ihnen im Staube kriechen. Dann fühlen sie sich erst richtig als Herren. Richtig ist es, was Du geschrieben hast, denn warum sollst Du, der Du selbständige Arbeiten machst, schlechter gestellt sein als die Mädel. Denn die sind noch ledig, während Du Familie hast. Vor allen Dingen, wenn man weiß, daß es nur daran liegt, daß einen ein Mann nicht leiden kann. Darunter kann man doch schließlich nicht das ganze Leben lang leiden. Da muß man eben doch sehen, daß man wo anders hinkommt.
Wegen der Schokolade ist es jetzt klar. So viel für Milchschokolade ausgeben wäre ja Unsinn.
Heute erhielt ich auch einen Brief von Alice. Ich schreibe ihn Dir gerade mit ab:

Meine liebe Marianne und Kinder!
Deinen lieben Brief mit Freude erhalten, vielen Dank dafür. Die Bilder von den Kindern haben uns sehr viel Freude bereitet, jetzt kann ich es Dir ja schreiben. Seit vielen Jahren habe ich darauf gewartet, wir selber haben keine Kinder und sind beide sehr kinderlieb. Manche Träne hat es mich gekostet, wenn ich sehe, wenn die Kinder zur Schule kommen, nur von uns keine. Es ist so im Leben, nicht jeder Wunsch wird einem erfüllt und manchmal packt das Leben hart an und da ist es schön, wenn man im Leben jemand hat, zu dem wir gehören. Schreib mir doch bitte, wann Jörg zur Schule kommt und ob wir nicht dem kleinen Kerl eine Freude machen können. Dass Du viel Arbeit hast, glaube ich gern, schöner ist es, wenn Dein lieber Ernst wieder daheim ist und mithelfen kann. Wir wollen hoffen, daß der Krieg bald zu unseren Gunsten entschieden ist. Daß ich auf Arbeit gehe, habe ich Dir schon mal geschrieben. Da fehlt es auch nicht an Arbeit. Im Krieg soll eben jeder helfen auf seine Art. Ich möchte Euch alle mal sehen und mit Dir mal plaudern. So recht nahe sind wir uns noch nicht gekommen. Als Du fortmachtest warst Du noch sehr jung und so kennen wir beiderseitig unseren Charakter noch  nicht richtig. Ich glaube, wir würden uns gut verstehen, ich habe sehr viel von Mutter. Später, wenn wir alle älter sind und die Eltern nicht mehr sind, freuen wir uns, wenn wir uns haben. (Verzeihung, ich sprach von mir, ich weiß nicht, ob Du, liebe Marianne, auch so denkst) Bitte schreib mal etwas mehr von den Kindern und in der Hoffnung auf ein gutes Verstehen grüßt Dich und die Kinder herzlich  gez. Deine Alice und Paul.

Also, über meinen Brief hat sie sich scheinbar doch gefreut. Ich werde ihr in den nächsten Tagen wieder antworten. Einen Wunsch für Jörg zur Schule habe ich ja nicht, denn einen Ranzen hat er, Schieferkasten bekommt er von Frau Diez und die Bücher hat er noch von Helga. Da wäre eigentlich nichts zu wünschen. Anzuziehen können sie sowieso nichts kaufen, da sie ja keine Kinderkarten haben.
Das Zeitungspaket ist vorhin auch gekommen. Die Kinder haben mich schon gleich bestürmt, ich solle es aufmachen, aber erst kommt einmal Dein Brief daran. Das ist noch viel wichtiger, nicht wahr, lieber Schatz?
Sei nun für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 31. Mai 2016

Brief 167 vom 31.5./2.6.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, den 31.5.41        

Heute habe ich keinen Brief von Dir erhalten, aber vorgestern sind ja gleich drei angekommen, da will ich nicht ungeduldig sein.
Wenn ich die Schuhe ansehe, die Du für mich geschickt hast, so tut es mir immer mehr leid, daß sie mir nicht passen. Sie gefallen mir so gut.
Mir geht es heute etwas besser. Der Druck auf den Kopf hat etwas nachgelassen. Gestern hatte ich sehr starkes Kopfweh, da habe ich am Abend, kurz hintereinander, 2 Kopfwehpulver genommen. Dadurch habe ich heute Nacht zum ersten Mal ein wenig ruhig geschlafen.
Von den Eltern erhielt ich gestern eine Karte, in der sie mir das Zeitungspaket ankündigen. Für mich wird es ja jetzt wenig Zweck haben, aber die Kinder werden sich sicher freuen. Vielleicht kommt es noch bis Pfingsten an, da könnten sie sich die Feiertage damit vertreiben. Aus Deinem Päckchen habe ich mir die zwei zusammengefalteten Blätter auch aufgehoben. Auf einem steht gleich etwas von Lille.
Du hattest in einem Brief etwas von einer Überraschung gesprochen. Die war doch im Schuhpaket nicht beigepackt? Ich frage nur, weil der Karton an der einen Seite ziemlich aufgerissen war, daß es evtl. verlorengegangen ist.
Von Gerhard Legler habe ich auch eine Pfingstkarte bekommen.
Ich habe vorhin mit Helga zusammen noch einen Streuselkuchen gebacken, sonst haben die Kinder ja überhaupt nichts von Pfingsten. Wenn ich gesund wäre, wären wir sicher einmal über den See gegangen bzw. gefahren. So müssen wir es eben auf später verschieben.
Gestern habe ich den ganzen Nachmittag mit dem Liegestuhl im Hof gelegen. Den Kopf habe ich ja nicht direkt der Sonne ausgesetzt. Da hatte ich einen Schirm aufgespannt. Aber schon durch die Wärme allein hatte ich dann doppelte Kopfschmerzen. Das war also nichts. Heute stand in der Zeitung, daß der Elser und der Strobel die Inspektorenprüfung bestanden haben. Von Dir habe ich nichts gelesen. Es könnte nur sein, daß es damals dringestanden hat, als Du noch hier warst. Da habe ich ja keine Zeitung gelesen. Auf jeden Fall, lieber Ernst, ärgere Dich nicht über die liebe Stadtverwaltung.
Nun lass mich für heute schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                                Konstanz, den 2.Juni 1941

Gestern habe ich Dir einmal nicht geschrieben. Du wirst mir aber sicher nicht böse sein. Einen Brief habe ich von Dir zu Pfingsten nun doch nicht bekommen, so daß ich seit 4 Tagen keine Post von Dir habe. Dein letzter Brief ist vom Samstag vor 8 Tagen. Hoffentlich hat morgen die Post ein Einsehen.
Ein Pfingstfeiertag ist ja nun schon herum. Wir merken ja nicht viel davon. Gestern Morgen kam Vater herauf. Ich hatte ihn gebeten, mir doch etwas gegen den Husten zu besorgen, da mir Tussamag absolut nicht geholfen hat. In den letzten Tagen habe ich husten müssen, daß es mich ganz aufgelöst hat. Brechen habe ich dadurch auch müssen. Es war eine Quälerei. Ich habe gekeucht wie eine alte Frau. Er brachte mir nun von Bayer „Kresival“ und Bronchial- Tabletten. Die Medizin schmeckt nun nicht so angenehm wie Tussamag, aber sie hilft wenigstens. Heute kann ich schon mit geschlossenem Mund atmen. Das Kopfweh bin ich ja ganz los, nur schwitze ich jede Nacht noch fest. Die meiste Zeit bin ich bei Tag schon auf.
Wie gesagt, Vater kam gestern morgen rauf. Er fragte mich dann, ob er etwas helfen könnte und hat mir dann Kartoffeln geschält. Auch Spinat hat er mir durchgedreht. Gegen Mittag ist er dann runter und hat bei sich weitergemacht. Gegen 8 Uhr abends ist er dann noch eine Weile raufgekommen. Heute will er schon am Nachmittag da sei. Er will an Kurt schreiben.
Er ist immer noch in seinem Garten, hat ihn jetzt zum dritten Mal umgegraben und beim letzten Mal hat er noch drei Engerlinge gefunden. Das war ihm nun recht. „Siehst Du, hätte ich nur zwei Mal umgegraben, dann hätten sie mir doch alles weggefressen. Mir soll keine Arbeit zuviel sein.“ Aber es ist so, vor lauter graben kommt er nicht zum setzen und wie bald ist der Sommer vorbei und er hat nichts oder nur ganz winziges Zeug. Jetzt will er erst noch die Brombeeren raus schneiden. Meines Erachtens nützt das Schneiden ja gar nichts, da müßte er schon ausgraben. Ich habe es ihm auch gesagt, aber er glaubt es nicht.
Bei uns herrscht das herrlichste Pfingstwetter. Hoffentlich ist es bei Euch auch so, daß Ihr Euch etwas vornehmen könnt. Die Kinder sind ganz untröstlich, daß es einfach nicht gehen will, daß wir über den See fahren. Jetzt haben sie mich nun gefragt, ob ich nicht wenigstens mit auf den Fürstenberg gehen könnte. Ich habe ihnen aber sagen müssen, daß mir das jetzt auch noch unmöglich ist. Ich habe sie jetzt einmal allein hingeschickt. Hoffentlich stellen sie nichts an. Wenn sie nachher kommen, werde ich ja sehen, wie es ihnen gefallen hat. Jörg interessiert sich vor allen Dingen für die Segelflieger. Da habe ich ihm die Segelfliegerbilder von Dir, die wir weg tun wollten, gegeben. Nun hat er so eine kleine Mappe, ungefähr wie die, wo ich Dir mein Paßbild darin geschickt habe. Da tut er so ein Bild hinein. Auf der Seite, mit der man zumacht, ist ein rundes Loch. Das ist nun sein Photoapparat. Er nimmt immer ein paar Bilder mit. Wenn er nun einen Flieger sieht, tut er das ähnliche Bild schnell hinein, macht zu, macht „knips“ und hat so den Flieger photographiert. Sein Photo ist jetzt sein Wichtigstes. Gerade sind die Kinder heimgekommen. Sie haben mir einen Blumenstrauß mitgebracht. Einen Flieger hat Jörg „photographieren“ können, wie er mit Begeisterung erzählt.
Die zweite Frage war gleich „dürfen wir heute Nachmittag wieder hin?“
Ich muß Dir überhaupt auch schreiben, daß sich Vater besorgt um mich bemüht. Trotzdem er selber jetzt eine ganze Weile nichts bekommen hat, brachte er mir doch in den letzten Tagen zwei Mal Pralinen und Bonbons. Das ist doch lieb von ihm? Ein gutes Herz hat er doch immer wieder, trotz seiner verschiedenen Eigenheiten. Wenn er jetzt da ist, wo ich krank bin, ist er besorgt um mich wie eine Henne um ihr Junges. „Bleib liegen, ich mache den Kindern schon auf.“ „Du sollst doch nicht immer aufspringen, das kann ich doch auch machen.“ „Kinder, schreit nicht so, man ist doch still, wenn die Mutter krank ist.“ usw. Am Samstagabend fragte er, ob ich etwas hätte backen können, sonst würde er gleich noch backen und am Sonntagmorgen ein paar Stücke rauf bringen. Das war ja nicht nötig, nachdem Helga mir beim backen eines Streuselkuchens geholfen hatte. Für sich will er wahrscheinlich heute backen, nachdem er gestern Vormittag hier war.
Lieber Ernst! Die vorigen Pfingstfeiertage haben wir doch noch schön verbracht. Es waren ja die letzten Tage, ehe Du fort mußtest. Die Erinnerung behält man doch immer. Dieses Jahr hättest Du ja nicht viel davon gehabt, wenn Du auch zuhause gewesen wärst.
Im Laufe dieser Woche waren übrigens die Kinder hinter den Siedlungshäusern und haben Erbsenreisig geholt. In den nächsten Tagen gehen sie noch Mal, um für die Bohnen zu holen. Ich habe ihnen nur gesagt, sie sollen sich immer in der Nähe der Häuser halten und nicht über den Buckel gehen. Die zweiten Erbsen sind nämlich auch schon so groß, daß sie dringend das Reisig gebraucht haben.
Ich würde Dir gern noch über den Garten berichten, aber ich bin gar nicht richtig im Bilde. Ich muß mir erst alles wieder ansehen. Arbeit wird es ja sicher genug geben. Soweit es möglich ist, werde ich die Kinder damit anstellen.
Die Kinder wollen jetzt, nachdem wir zu Mittag gegessen haben, wieder auf den Fürstenberg. Vorher sollen sie aber noch diesen Brief wegschaffen. Zu unserem Briefkasten können sie ihn nicht bringen, der  wird erst morgen früh wieder geleert. Da müßtest Du gar zu lange auf den Brief warten.
Sei Du, mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie