Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 467 vom 12.12.1942


Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 12.12.42

Wir haben es gestern so gemacht, wie ich Dir schon schrieb, wir sind zusammen in die Stadt gegangen, die Kinder zum Turnen und ich Karten anmelden. Dann habe ich die Kinder wieder abgeholt und wir haben uns die Spielsachen beim Ackermann angesehen. Jörg wünscht sich von den Sachen einen Flieger, evtl. ein Auto und einen Panzer. So viel kommt natürlich nicht in Frage, denn er hat ja schon viele Spielsachen. Es kommt ja auch darauf an, was man noch bekommt. Es wird bei dieser Ausstellung sowieso ein arger Trubel sein. Helga wünscht sich eine kleine Wiege.
Als ich mit den Kindern ging, wollte ich bei der Laube abbiegen und nicht erst mit zur Schule hingehen. Aber Jörg meinte, ich solle doch mitgehen, vielleicht hätten sie gar kein Turnen (was ihm sehr lieb gewesen wäre) und sie könnten gleich wieder mit mir gehen. Es war aber nichts damit. Er war ziemlich enttäuscht. Für Sport hat Jörg bis jetzt überhaupt nichts übrig, viel mehr fürs Spielen. Da kann er nicht genug bekommen.
Gestern hat sich Helga beim Turnen ein wenig den Fuß vertreten. Ich habe ihn jetzt eingebunden. Ganz gut kann sie ja nicht gehen und sie dachte erst, sie könne nicht mit dem Großvater in die Stadt gehen. Jetzt hat sie´s aber doch versucht. Großvater hatte doch die Kinder bestellt, damit sie zusammen in die Stadt gehen, um für mich was zu besorgen, wozu Du den Auftrag gegeben hast.
Ich habe heute geputzt, denn es ist ja Samstag und gestern hatte ich keine Zeit. Am Nachmittag sitze ich beim Handschuh stricken. Den zweiten Handschuh habe ich halb fertig. Nachher muss ich noch bügeln, dann kann der Sonntag kommen. Es ist alles soweit fertig.
Es ist jetzt inzwischen 7 Uhr abends geworden und ich schreibe noch fertig. Die Kinder sind vorhin ½ 7 Uhr heim gekommen. Ich dachte schon, wo bleiben sie denn so lange, sie sollten doch gleich nach dem Mittagessen zum Großvater kommen und sind auch gegangen. So gegen ½ 3 Uhr waren sie unten, mussten aber bis ¾ 4 Uhr bei ihm warten, weil er erst noch seine Marken zusammengesucht hat. Dann sind sie in die Stadt gegangen. Sie haben mir erzählt, dass sie noch eine Weile beim Tannenbaum gestanden haben, wo eine Kapelle gespielt hat. Das hat ihnen so gefallen und sie meinten, da müsste ich auch einmal mit. Vater wollte eigentlich gleich mit rauf kommen, aber in der Wilhelmstraße merkte er, dass er seine Butterkarte vergessen hatte. Da ist er erst nochmals heim gelaufen und hat sie geholt. Von der Molkerei aus will er dann gleich hier her kommen.
Als die Kinder heim kamen, war gleich die erste Frage: „was gibt’s zum Abendbrot?“ Als ich ihnen sagte, dass es Quarkkeulchen (aber ohne Quark) gäbe, waren sie ganz glücklich. Sie haben jetzt auch tüchtig gegessen und Jörg kann den obersten Knopf an seiner Hose gar nicht mehr zu machen. (Er steht jetzt gerade neben mir und meint, er könne schon 2 nicht mehr zu machen). Na, hat er da nicht fest gefuttert?
Während die Kinder fort waren, habe ich für morgen noch eine Zwiebacktorte fertig gemacht. Sie wissen noch nichts davon und werden sicher morgen staunen. (Jetzt, während ich das schreibe, steht natürlich Jörg nicht mehr  neben mir).
Die Kinder wollen wieder bald ins Bett gehen, aber vorher wollen sie noch den Brief mit wegschaffen. Das freut sie doch immer, so im Dunkeln draußen herum laufen. Natürlich mit den Leuchtplaketten.
Nächste Woche müssen wir wieder die Raucherkarte holen. Ich wollte auch jetzt auf meine Karte Stumpen für Vater holen, aber auf Frauenkarten bekommt man nur noch Zigaretten. Das ist eigentlich ein Quatsch, denn viele Frauen kaufen doch Rauchwaren nicht für sich, sondern für ihre Männer. Und da raucht doch mancher auch Stumpen. Aber was will man machen? Sind wir zufrieden. Es könnte ja sein, dass sie Frauen überhaupt keine Karte mehr geben würden. Da könnte man auch nichts machen. Für mich sind die Rauchwaren ja auch nicht so wichtig, ich freue mich vielmehr über die Weihnachtssonderzuteilung. Nett habe ich es gefunden, dass da Zeichen diesmal auf der Karte eine kleine Glocke ist, das sieht gleich so weihnachtlich aus.
Nun lass mich schließen. Es grüßt und küsst Dich recht herzlich Deine immer an Dich denkende Annie.

Gerade als ich den Brief zu machen wollte, kam Vater. Er sagte mir als große Neuigkeit, dass in seiner Firma die Hälfte der Belegschaft vorübergehend aussetzen muss, da augenblicklich keine Arbeit da ist. Er schafft ab Montag, natürlich auch nur vorübergehend, bei einem Zimmermann. Auch die anderen Leute schaffen vorübergehend woanders. Arbeitskräfte werden ja überall gebraucht.

Brief 466 vom 11.12.1942


Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 11.12.42

Vorhin bekam ich Deine beiden Briefe vom 21. Und 28.1. Ich danke Dir sehr dafür.
Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, ob Du auch richtig hinkommst. Es ist doch immerhin einen sehr lange Strecke. Ich war sehr froh, als ich Deinen ersten Brief von dort bekam.
Der Brief, den Du den Kindern zum Nikolaus geschrieben hast, ist noch nicht angekommen. Vielleicht trifft er doch noch ein, es wäre schade, wenn er verloren gegangen sein sollte.
Den Brief von und an Siegfried habe ich gelesen. Dir gegenüber hat er sich ein Bisschen ausführlicher über das Verhältnis zu der Frau meines Vaters ausgesprochen. Ich muss sagen, ich kann mir noch kein rechtes Bild von der Frau machen. Nach den Zeilen von ihr zu urteilen, gibt sie sich Mühe, uns näher zu kommen, nach dem Brief von Siegfried ist es aber so, dass sie gegen Erna hetzt. Ich muss ja sagen, ich lege keinen großen Wert auf die Freundschaft mit der Frau. Es ist aber auch so, dass Papa auch ohne einen Einfluss von anderer Seite von jeher so war, dass er immer für jemanden nur eine Weile begeistert ist und ihn dann auf einmal nicht mehr richtig leiden kann. Du weißt ja, dass er es auch bei mir nicht anders gemacht hat und dass ich immer andere als Vorbild hingestellt bekommen habe. Ich sagte ja schon früher einmal, „Papa ist ja schrecklich begeistert von Erna und kann gar nicht genug loben. Hoffentlich hält das auch an“. Es hat nicht angehalten, denn jetzt gehört ja Erna zur Familie, da ist es nichts Besonderes mehr. In der Beziehung hat Siegfried Recht, Papa vergisst sehr schnell, denn sonst könnte er doch nicht mit fester Überzeugung erzählen, dass Mama und er immer glücklich zusammen gelebt hätten. Das viele Leid, das er Mama zugefügt hat, ist schon lange bei ihm vergessen. Und Du weißt ja, er hat auch schon längst vergessen, wie er immer gegen Dich eingestellt war. Aber Schluss damit, das kennen wir ja alles schon auswendig.“
Den Film „Der große König“ haben wir ja auch gesehen. Mir hat er auch ganz gut gefallen.
Einen Brief habe ich Dir am 7.11. geschrieben. Es ist der Flugpostbrief, den Du wahrscheinlich inzwischen über die Nummer 00220 erhalten haben wirst. Er hat ja nun genug Unruhe gestiftet und ich hoffe, dass er endlich bei Dir landet und nicht mehr in der Welt herumreist.
Das Päckchen mit dem Löffel und der Bürste ist also auch angekommen. Man ist immer wieder froh, wenn man das hört. Vielmals erzählen die Leute, was alles verloren gegangen ist auf dem Weg zur Front, da wird man ganz ängstlich.
Ich habe doch heute Lebensmittelkarten geholt, dabei hat man auch die Sonderzuteilungskarten erhalten und denke Dir, für die Kinder von 3 – 10 Jahren, zu denen ja auch Jörg gehört, gibt es 1 Pfund Bienenhonig. Ist das nicht sehr  schön? Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut. Ich meine, zu beanspruchen hat man ja so Sonderzuteilungen nicht. Im 4. Kriegsjahr ist man ja froh, wenn man immer zu essen hat.
Es gibt ja immer wieder Leute, die auch bei den Zulagen zu maulen haben, aber ich muss sagen, ich freue mich sehr. Das ist doch auch ein richtiges Weihnachtsgeschenk.
Heute haben wir auch wieder richtig nebliges Wetter, dabei ist es aber kälter, als in den letzten Tagen. Alle Bäume sind voller Reif.
Die Zeitungen für Dich habe ich heute auch bekommen. Ich nehme sie nachher gleich mit in die Stadt. Da bekommst Du sie vielleicht bald.
Ich grüße und küsse Dich nun wieder recht herzlich und denke immer an Dich, Deine Annie.

Ich habe die letzten Tage immer versäumt, auf den Brief von Nannie zurückzukommen. Was meinst Du eigentlich zu ihrem Vorschlag wegen eines Steines für das Grab Deiner Mutter? Am Geld liegt es ja nicht, denn das hätten wir ja da, auch wenn die anderen nichts dazu geben würden. Es war ja Deine Mutter, da wäre es uns doch auch bestimmt nicht zu viel. Schreib mir doch bitte mal darüber.

Brief 465 vom 10./11.12.1942


Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 10.12.42

Heute Nachmittag waren wir baden. Es war wieder sehr schön. So viel, wie das vorige Mal bin ich zwar nicht geschwommen, denn es waren viele Buben da, die immer ins Wasser gesprungen sind. Weißt Du, sie haben fangen gespielt, da war das Schwimmen keine so große Freude. Aber es hat auch so für uns gelangt. Helga konnte heute nicht so viel schwimmen, sie war ein wenig matt. Sie ist dafür so mit der Ingrid ins Wasser gesprungen und hat mit ihr gespielt. Das war ja auch recht. Jörg macht noch keine Fortschritte im Schwimmen. Er friert so schnell und er hat eben auch nicht die richtige Lust. Da ich mich doch in der vergangenen Woche etwas erkältet hatte, habe ich mich heute, eine Weile ehe wir heimgingen, ganz heiß geduscht. Das war fein. Ich bin jetzt noch richtig durchgewärmt. ¾ 5 Uhr sind wir heimgegangen, bzw. haben uns angezogen. Wir haben uns fest verpackt, damit wir uns nicht erkälten, denn das neblige Wetter ist dazu angetan. Es ist sehr unfreundlich.
Helga war heute wieder müd und ist um 7 Uhr ins Bett gegangen. Es hatte ihr auch in der vergangenen Nacht so gefallen, dass sie so lange schlafen konnte. Sie wollte Dir eigentlich noch schreiben, aber gern wäre sie auch ins Bett gegangen. Da hab ich ihr gesagt, dass Du ihr nicht böse bist, wenn sie nicht schreibt, Dir wäre es auch wichtig, dass sie gesund bleibt. Damit habe ich doch recht, nicht wahr? Jörg war vom Baden auch müd, und da er morgen auch um 8 Uhr in die Schule muss, ist er gleich mit schlafen gegangen. Jetzt ist es um 9 Uhr und ich bin schon eine Weile mit Aufräumen und Abwaschen fertig, so dass ich schon ein Bisschen stricken konnte.
Die Lehrerin von Jörg hatte die Kinder gefragt, an welchem Haus ein Ritter steht, der einen Drachen totsticht. Ich wusste es schon gestern, dass ich ihn gesehen hatte, kam aber nicht drauf. Heute fiel es mir ein, dass der Ritter auf dem Kasino stand. Da ist Jörg gleich heute vorm baden noch hin gegangen und hat ihn sich angesehen. Wenn es bis morgen niemand weiß, will es die Lehrerin den Buben sagen. Da kannst Du Dir denken, was Jörg jetzt für einen Stolz hat. Wer es weiß, dem hat die Lehrerin einen Apfel versprochen. Wir haben ja hier auch Äpfel, aber das ist natürlich ganz was anderes, der ist dann eben richtig verdient.
Resi hat mir heute durch Ingrid ausrichten lassen, wenn sie jetzt mal nicht mehr so viel zu tun hätte, käme sie mal her.
An Frau Diez habe ich heute auch endlich geschrieben. Sie wird schon darauf gewartet haben. Den Durchschlag lege ich bei. Ich weiß immer nicht, was ich schreiben soll.
Morgen früh gehe ich Lebensmittelkarten holen und besorge dabei gleich die Zeitungen für Dich. Ich bin heute gar nicht gegangen, weil sie jetzt schon zwei Mal am Donnerstag noch nicht da waren. Mit den Lebensmittelkarten gibt es morgen auch  die Karten für die Weihnachtssonderzuteilung. Nächste Woche werde ich da mit backen anfangen. Vor allen Dingen Kleingebäck, vielleicht 1 – 2 Stollen und zu Weihnachten haben sich die Kinder noch Streuselkuchen gewünscht. Dass ich das alles machen kann, verdanke ich auch nur Dir, denn wenn ich die Butter von Dir nicht hätte, müsste ich Manches streichen. Auch beim Essen ist es so. Wenn mir das jetzt zugeteilte mal nicht langt, greife ich zum Braten oder Kochen mal in den Buttertopf. Ich gehe damit zwar auch sparsam um, aber ich kann doch den Kindern mal ein dickeres Butterbrot schmieren und gerade Helga, wo sie so wächst und kräftiges Essen braucht, kann es vertragen. Die ausgelassene Butter von Frankreich ist nun schon bald ein Jahr alt und doch noch ganz prima.
Nächste Woche wird es wahrscheinlich auch Weihnachtsbäume geben. Da wollen wir wieder zusammen hingehen und uns einen aussuchen. Auf der Marktstätte ist gestern der große Tannenbaum aufgestellt worden. Den werden wir uns, wenn er brennt, auch einmal ansehen.  Zu Weihnachten wird wahrscheinlich im Theater „Die Mondscheinprinzessin“ gespielt. Ich werde sicher mit den Kindern hin gehen, sie freuen sich schon darauf. Helga meinte „jetzt weiß ich immer, aha, jetzt stehen sie schon hinter den Kulissen und warten, bis sie dran kommen“. Ich meinte erst, das würde sie etwas enttäuschen, aber es tut ihrer Begeisterung gar keinen Abbruch.
Lieber Ernst, der Blumenstock von Dir blüht immer noch ganz herrlich. Er hat noch keine Blüten verloren. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich in die Stube komme. Du hast mir damit eine große Freude gemacht.

                                                                                                                        11.12.1942
Ehe ich weg fahre in die Stadt, will ich den Brief noch beenden, damit ich ihn mitnehmen kann. Heute Morgen waren  unsere beiden Lauser so ausgeschlafen und frisch, dass das Anziehen ganz flink von statten ging. Sie waren schon ganz zeitig fertig zum in die Schule gehen. Das hat sie sehr gefreut und sie haben sich vorgenommen, nicht mehr so spät schlafen zu gehen.
Heute Nachmittag gehen die Kinder doch turnen. Da gehe ich mit ihnen in die Stadt, und während sie turnen, gehe ich meine Karten anmelden und einkaufen. Nach dem turnen hole ich sie wieder ab und wir schauen uns noch die Schaufenster beim Ackermann an, in dem die von der HJ angefertigten Spielsachen schon als Vorgeschmack zur großen Ausstellung ausgestellt sind. Natürlich wollen wir auch den großen brennenden Weihnachtsbaum auf der Marktstätte ansehen. Wenn ich heute alles erledige, brauche ich morgen gar nicht fortgehen.
Nun will ich mich fertig machen. Bleib Du, mein lieber Mann, recht gesund und sei herzlich gegrüßt und geküsst von deiner Annie. 

Brief 464 vom 9./10.12.1942


Mein liebsterMann!                                       Konstanz, 9.12.42

Wie ich Dir schon schrieb, waren wir heute im Kino in „Ferien vom Ich“. Das Buch habe ich doch. Es ist natürlich ziemlich umgemodelt, aber doch war der Film schön. Es ist ein ausgesprochen heiterer Film und alles Traurige ist weggelassen. Den Kindern hat er auch sehr gut gefallen. Nach dem Kino sind wir noch die Stadt gegangen, es war aber nichts zu sehen, da ja am Mittwochnachmittag alle Geschäfte geschlossen und deshalb auch nicht beleuchtet sind. Wir sind dann heimgegangen, haben Abendbrot gegessen und Helga ist schon um 7 Uhr ins Bett gegangen, weil sie müde war. Jörg braucht ja früh nicht immer so zeitig aufstehen, drum ist er auch munterer. Er ist ¼ 9 Uhr schlafen gegangen. Ich bin jetzt am Handschuh stricken. Die sollen doch bis Weihnachten noch fertig werden. Da muss ich mich ein wenig dazuhalten.

                                                                                                                        10.12.

Vorhin erhielt ich Dein liebes Päckchen Nr.49 mit Seife, Kölnisch Wasser und Mundwasser. Ich danke Dir sehr dafür. Das Kölnisch Wasser kann ich ja sehr gut brauchen bei Kopfweh, was ja leider öfter mal vorkommt. Ich dachte gar nicht, dass Du so etwas bekommen würdest. Du bist jedenfalls ein sehr lieber Kerl, dass Du mir die Sachen geschickt hast. Die kommen mit auf den Weihnachtstisch. Ich danke Dir ganz fest.
Heute Nachmittag gehen wir baden. Die Ingrid will wahrscheinlich mitgehen und sie wollte noch jemanden mitbringen, ebenso Jörg seine Kameraden. Ich habe aber gesagt, es ist mir gleich, wer zum Baden geht, aufpassen tu ich auf niemanden. Da wäre ja das Baden für mich eine große Hetzerei. Ich habe genug mit unseren Beiden zu tun. Ich habe doch schließlich keinen Kindergarten.
Heute Morgen war Helga einmal richtig ausgeschlafen. Das ist auch nötig, denn es geht ihr jetzt, wie mir früher, dass ihr der Schulranzen zu schwer zum Tragen ist. Sie ist eben jetzt in der Entwicklung. Jörg hatte es wieder gut, er hat bis ½ 9 Uhr geschlafen.
Nun laß mich schließen. Sei recht oft und fest geküsst und herzlich gegrüßt von Deiner Annie.

Freitag, 8. Dezember 2017

Brief 463 vom 8./9.12.1942



Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 8.12.42

Heute Nachmittag war ich beim Nähen. Die Kinder waren mit. Sie sind manchmal ein Stück spazieren gegangen oder haben am Tisch neben mir gelesen. Um 6 Uhr habe ich aufgehört und wir sind heimgegangen, haben Abendbrot gegessen und die Kinder haben noch ein Bisschen gespielt. Jetzt sind sie eben ins Bett gegangen. Das ist doch eine Rasselbande. Sie haben vorhin vor Übermut nicht gewusst, wohin? Einmal habe ich auch schimpfen müssen, aber dann wurde ich von ihrem Lachen wieder angesteckt. Helga sagte: „Schau, was Mutterle für ein Gesicht macht, wenn sie geschimpft hat und wird dann wieder fröhlich. Das kenne ich schon.“ Jörg meinte: „Siehst Du, wir haben doch gesiegt, wir haben Dich zum Lachen gebracht und du uns nicht zum Weinen.“ Was sagt man da zu solchen Lausern?

                                                                                                            9.12.42

Nun ist es wieder Mittag. Ich war am Vormittag in der Stadt und habe Zahnscheine geholt. Ich bin dann gleich zum Beck. Er hat nachgesehen. 2 schlechte Zähne hat er bisher gefunden, hat sie ausgebohrt und eine provisorische Füllung rein gemacht, weil jemand kam, den er bestellt hatte. Am Dienstag ½ 3 Uhr muss ich wieder hinkommen und Helga mitbringen.
Ich habe heute noch ein paar biegsame Holzsohlen für ein Paar Schuhe von Jörg mitgebracht. Da spare ich schon Leder und eine Weile halten die Sohlen schon. Ich probiere es mal aus.
Das Päckchen an Papa kam mir so kahl vor. Ich hatte es schon fertig gepackt, aber zufrieden war ich nicht damit. Heute habe ich noch ein Buch bekommen „Lachendes Leben“. Ich glaube, Du hast es auch. Das schicke ich noch mit.
Da wir heute nicht mehr zum Zahnarzt müssen, spanne ich einmal aus und gehe mit den Kindern ins Kino „Ferien vom Ich“ wird gespielt. Ob es viel ist, weiß ich nicht.
Am 18./19. findet hier im Konzil eine Weihnachtsausstellung statt. Da werden Spielsachen, die die H.J. ausgeführt hat, verkauft. Es stand in der Zeitung, dass so viel da sei, dass jede Mutter ihrem Kind was schenken könnte. Hingehen werde ich sicher mal. Sollte ich etwas Passendes finden, kann ich ja noch eine Kleinigkeit kaufen.
Heute ist wieder schwer nebliges Wetter. Das ist ja keine schöne Zeit. Aber man muss sie auch mit hinnehmen. Kalte, trockene Witterung wäre aber schöner.
Nun lass mich schließen. Jörg kommt gleich heim. Wir werden bald essen und dann fortgehen. Ich grüße Dich, mein liebster ernst, recht herzlich, Deine Annie.

Liebes Vaterle!
Gestern habe ich Dir doch nicht geschrieben. Dafür schreibe ich Dir heute mit Tinte. Eigentlich hätte ich heute zum Zahnarzt gehen müssen, aber Mutter war heute Morgen bei ihm und da hat er ihr gleich ein Bisschen gemacht am Zahn. Der Zahnarzt hat gesagt, wir sollen nicht heute Mittag kommen, sondern am Montag, da hat Mutterle gesagt, da hätte ich Schule, da hat der Zahnarzt gesagt, wir sollten am Dienstag, den 15.Dezember kommen. Da sind wir aber nicht traurig, da hat Mutterle gesagt, wir gehen in den Film, da wird gespielt „Die Ferien vom Ich“. Ich freue mich schon fest.
Also bei Mitter war Vorgestern im Adventsfensterle eine Brezel, bei Jörg eine Handtasche und bei mir ein „Fräule“. Gestern war bei Mutterle eine Torte, bei Jörg eine Frau mit einem Tannenbaum, und bei mir war ein Männle. Heute war bei Mutter ein Paket, bei Jörg ein Sternle und bei mir war wieder eine Frau drin.
Viele Grüße und Küsse von deiner Helga.

Brief 462 vom 7./8.12.1942


Mein lieberMann!                                         Konstanz, 7.12.42

Heute Morgen habe ich Dir ja schon etwas geschrieben. Es ist eigentlich nicht mehr viel zu berichten. In der Hauptsache habe ich heute gestopft. Am Nachmittag bin ich noch schnell in die Stadt gefahren und habe eingekauft. Als ich heim kam, war Helga schon von der Schule da und auch Jörg war in der Küche. Erst war er im Vorraum beim Spielen mit dem Richard und seinem Schulfreund Karl, den er bestellt hatte. Es war heute kein schönes Wetter, bei Tag war leichter, am Abend dicker Nebel. Man ist froh, wenn man daheim ist. Wir haben bald Abendbrot gegessen als ich daheim war, dann hat Helga an Dich geschrieben und Jörg hat mir Wolle aufwickeln geholfen. Ich habe einen weißen Unterrock aufgetrennt, den Mama gestrickt hat, da ich ihn doch nicht hätte verwenden können. So habe ich wieder einen Wollvorrat da. Nachher hat Jörg noch ein Bisschen auf meinem Schoß gelegen, denn wenn er auch schon groß ist, Zärtlichkeit kann er doch vertragen.
Später haben wir dann mit der Mundharmonika Weihnachtslieder gespielt. Das gefällt den Kindern sehr. Nun liegen sie schon längere Zeit im Bett.
In dieser Woche haben wir jeden Nachmittag was vor. Morgen geht es nähen, die Kinder wollen mit; am Mittwoch zum Zahnarzt, Helga und ich haben was kaputt und bei Jörg lasse ich nachsehen; am Donnerstag geht es baden, am Freitag haben die Kinder turnen und am Samstag sollen sie mit dem Großvater in die Stadt gehen. Das ist doch ein großes Programm.
Vorhin war Vater da. Er hat aber Augen gemacht, als die Tür am Schränkchen dran war. Er wollte erst was aussetzen und meinte, er hätte sie von der anderen Seite dran machen wollen, aber ich konnte ihm gleich beweisen, dass das nicht wahr ist. Dann schaute er, ob ich die Bänder eingelassen hatte, das war aber auch geschehen. Da hat er es dann aufgegeben.

                                                                                                             8.12.42
Guten Morgen liebster Mann!

Zwar, so spät stehst Du ja auch nicht auf, es ist nämlich schon Vormittag. Ich bin gerade mit Reparieren von Schuhe fertig. D.h., alle sind es noch nicht, aber auf die restlichen 2 Paare müssen ganze Sohlen. Dazu bin ich heute noch nicht gekommen. Ich habe nur auf drei Paar Flecken draufgesetzt. Mit ganzen Sohlen muss man sparsam sein, die kommen nur drauf, wenn es unbedingt nötig ist.
Vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 24. Du armer Kerl, kriegst Du jetzt auch Kopfweh. Ich kenne das und weiß, dass man da keine rechte Lust zum Schreiben hat. Deshalb danke ich Dir auch, dass Du mir trotzdem einen Gruß geschickt hast.
Den Brief von und an Nannie habe ich noch nicht gelesen, ich will lieber erst fertig schreiben, damit der Brief noch rechtzeitig fort kommt.
Von dem einen Theater hast Du also genug. Das glaube ich gern, lieber kein Theater, als eine Vorstellung, bei der man in jeder Beziehung enttäuscht ist.
In unserer Zeitung stand heute der beiliegende Artikel über die Weihnachtsaufführung von „KdF“. Helga sagte, ich sollte ihn Dir mitschicken und das unterstreichen, wo sie mitgespielt hat. Das habe ich auch getan.
Nun lass mich schließen, ich muss noch ans Mittagessen denken. Wenn unsere Lauser heimkommen, haben sie Hunger.
Viele, viele Grüße und Küsse von deiner Annie.

Brief 461 vom 6./7.12.1942


Mein liebsterMann!                                       Konstanz, 6.12.42

Ich beginne heute spät mit schreiben, es ist gleich ¼ 11 Uhr. Vielleicht werde ich nicht mehr ganz fertig, (ich bin nämlich schon sehr müde) da schreibe ich gleich morgen früh weiter.
Am Nachmittag waren wir im Theater. Es war wirklich sehr schön und Helga hat ihre Sache auch gut gemacht. Nur aufgeregt war sie heute Abend. Sie hat Dir noch einen Brief geschrieben, aber die Schrift ist dermaßen scheußlich, dass sie ihn nicht schicken kann und auch selbst nicht will. Sie schreibt ihn morgen, wenn sie wieder ruhiger ist, nochmals.
Vorhin ¼ 9 Uhr, gerade als die Kinder sich ausziehen wollten, war Fliegeralarm. Es hat bis ¼ 10 Uhr gedauert. Dann haben sich die Kinder fertig gemacht und lagen ¾ 10 im Bett. Ich musste mich erst noch ein bisschen ausruhen, denn ich hatte Kopfweh.
Am Nachmittag erhielt ich Deine beiden lieben Briefe vom 22. Und 23.11 Ich danke Dir sehr dafür.

7.12.
Bis hier her bin ich gestern mit dem Schreiben nur gekommen, dann fielen mir immer die Augen zu und es ging nicht mehr. Aber heute früh will ich Dir nun gleich Deine Briefe beantworten.
Wie ich lese, wartest Du so auf das Beamtengesetz. Es tut mir sehr leid, dass ich es Dir noch nicht schicken konnte, aber wie ich Dir schrieb, wird es neu verlegt und ist erst nach einiger Zeit zu haben. Da wirst Du in der ganzen Angelegenheit wohl vorläufig gar nichts unternehmen können.
Ich bin schon erstaunt, dass Ihr dort sogar Torte umsonst bekommt, und scheinbar sogar noch gute. Lass es Dir nur schmecken. Und wenn sonst die Verpflegung auch gut ist, wie Du schreibst, so ist das nur zu begrüßen.
Briefe hast Du auch von mir bekommen. Da brauche ich also nicht zu befürchten, dass sie zurückkommen, wie es mit dem ersten geschah. Das hatte mir einen tüchtigen Schreck eingejagt. Ich sah schon alles wieder hier landen. Weil nun auf Deinem Brief auch der Stempel 00220 war, meinte ich, sie hätten inzwischen die Nummer wieder geändert und Dir nur noch nichts davon gesagt. Jetzt ist ja alles gut, und ich bin froh.
Von Schnee haben wir bisher wenig gemerkt. Es war aber in den letzten Tagen auch nicht mehr so sehr kalt, wie einige Zeit. Erkältet habe ich mich trotzdem ein bisschen, ich weiß nicht, vom Bad oder von der Wäsche. Ich habe so eine Art ukrainische Krankheit. Das ist ziemlich unangenehm. Ich hoffe, dass es bald wieder vorbei geht.
Der Dr. Thomas ist doch eigentlich der Beste Deiner Kameraden gewesen. Und er schreibt Dir auch immer wieder. Ich glaube, dass Du Dich sicher darüber freust.
Mit Urlaub haben sie es ja im Westen doch noch besser gehabt, aber wir wollen froh sein, dass Du jetzt Urlaub haben konntest, denn andere haben es ja noch viel schlimmer.
Gerade erhielt ich Deinen lieben Brief vom 20.11, der von der Feldpostprüfstelle geöffnet worden ist, und den großen Brief mit Durchschlagpapier. Scheinbar gehen meine Briefe jetzt wieder laufend bei Dir ein, was mich sehr freut. Sie sind eigentlich nicht einmal so sehr lange unterwegs.
Du hast Recht, wenn Du schreibst, dass wir mit unseren Kindern bis jetzt zufrieden sein können. Sie sind eine fröhliche Gesellschaft. Dass sich beide öfter händeln müssen, das ist ja nicht nur bei ihnen so. Die Hauptsache ist, dass man hinterher ist und keine Unart durchgehen lässt und einen festen Willen ihnen gegenüber hat.
Den Brief an Papa hast Du schön geschrieben. Da wird er sicher zufrieden sein. Du hast ihm ja sogar alles Gute für seine Ehe gewünscht. Da legt er bestimmt besonderen Wert darauf.
Heute werde ich die Päckchen für Leipzig ganz fertig machen. Es ist drin:
Für Erna 1 Brettchen, 1 Glasuntersetzer, 1 Tuch, 1 Stopfpilz, 1 Tüte Gebäck und für Siegfried Zigaretten. Für Papa Zigaretten, 1 Tüte Gebäck, für seine Frau habe ich keine weiteren Taschentücher gekauft, sondern nur aus einem kleinen Rest eine runde Tasche fürs Taschentuch gehäkelt, wie ich sie mal von Frau Lämmel bekommen habe. Das kostet mir nichts, macht nicht viel Arbeit und sieht doch nicht so schäbig aus. Die Form habe ich Dir hier aufgezeichnet. Weißt Du, wenn ich gar nichts für die Frau schicke, ist Papa beleidigt, und ich habe genug von dem Zank.
Nun lass mich schließen. Ich grüße und küsse Dich, mein lieber Mann, recht herzlich, Deine Annie.