Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 465 vom 10./11.12.1942


Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 10.12.42

Heute Nachmittag waren wir baden. Es war wieder sehr schön. So viel, wie das vorige Mal bin ich zwar nicht geschwommen, denn es waren viele Buben da, die immer ins Wasser gesprungen sind. Weißt Du, sie haben fangen gespielt, da war das Schwimmen keine so große Freude. Aber es hat auch so für uns gelangt. Helga konnte heute nicht so viel schwimmen, sie war ein wenig matt. Sie ist dafür so mit der Ingrid ins Wasser gesprungen und hat mit ihr gespielt. Das war ja auch recht. Jörg macht noch keine Fortschritte im Schwimmen. Er friert so schnell und er hat eben auch nicht die richtige Lust. Da ich mich doch in der vergangenen Woche etwas erkältet hatte, habe ich mich heute, eine Weile ehe wir heimgingen, ganz heiß geduscht. Das war fein. Ich bin jetzt noch richtig durchgewärmt. ¾ 5 Uhr sind wir heimgegangen, bzw. haben uns angezogen. Wir haben uns fest verpackt, damit wir uns nicht erkälten, denn das neblige Wetter ist dazu angetan. Es ist sehr unfreundlich.
Helga war heute wieder müd und ist um 7 Uhr ins Bett gegangen. Es hatte ihr auch in der vergangenen Nacht so gefallen, dass sie so lange schlafen konnte. Sie wollte Dir eigentlich noch schreiben, aber gern wäre sie auch ins Bett gegangen. Da hab ich ihr gesagt, dass Du ihr nicht böse bist, wenn sie nicht schreibt, Dir wäre es auch wichtig, dass sie gesund bleibt. Damit habe ich doch recht, nicht wahr? Jörg war vom Baden auch müd, und da er morgen auch um 8 Uhr in die Schule muss, ist er gleich mit schlafen gegangen. Jetzt ist es um 9 Uhr und ich bin schon eine Weile mit Aufräumen und Abwaschen fertig, so dass ich schon ein Bisschen stricken konnte.
Die Lehrerin von Jörg hatte die Kinder gefragt, an welchem Haus ein Ritter steht, der einen Drachen totsticht. Ich wusste es schon gestern, dass ich ihn gesehen hatte, kam aber nicht drauf. Heute fiel es mir ein, dass der Ritter auf dem Kasino stand. Da ist Jörg gleich heute vorm baden noch hin gegangen und hat ihn sich angesehen. Wenn es bis morgen niemand weiß, will es die Lehrerin den Buben sagen. Da kannst Du Dir denken, was Jörg jetzt für einen Stolz hat. Wer es weiß, dem hat die Lehrerin einen Apfel versprochen. Wir haben ja hier auch Äpfel, aber das ist natürlich ganz was anderes, der ist dann eben richtig verdient.
Resi hat mir heute durch Ingrid ausrichten lassen, wenn sie jetzt mal nicht mehr so viel zu tun hätte, käme sie mal her.
An Frau Diez habe ich heute auch endlich geschrieben. Sie wird schon darauf gewartet haben. Den Durchschlag lege ich bei. Ich weiß immer nicht, was ich schreiben soll.
Morgen früh gehe ich Lebensmittelkarten holen und besorge dabei gleich die Zeitungen für Dich. Ich bin heute gar nicht gegangen, weil sie jetzt schon zwei Mal am Donnerstag noch nicht da waren. Mit den Lebensmittelkarten gibt es morgen auch  die Karten für die Weihnachtssonderzuteilung. Nächste Woche werde ich da mit backen anfangen. Vor allen Dingen Kleingebäck, vielleicht 1 – 2 Stollen und zu Weihnachten haben sich die Kinder noch Streuselkuchen gewünscht. Dass ich das alles machen kann, verdanke ich auch nur Dir, denn wenn ich die Butter von Dir nicht hätte, müsste ich Manches streichen. Auch beim Essen ist es so. Wenn mir das jetzt zugeteilte mal nicht langt, greife ich zum Braten oder Kochen mal in den Buttertopf. Ich gehe damit zwar auch sparsam um, aber ich kann doch den Kindern mal ein dickeres Butterbrot schmieren und gerade Helga, wo sie so wächst und kräftiges Essen braucht, kann es vertragen. Die ausgelassene Butter von Frankreich ist nun schon bald ein Jahr alt und doch noch ganz prima.
Nächste Woche wird es wahrscheinlich auch Weihnachtsbäume geben. Da wollen wir wieder zusammen hingehen und uns einen aussuchen. Auf der Marktstätte ist gestern der große Tannenbaum aufgestellt worden. Den werden wir uns, wenn er brennt, auch einmal ansehen.  Zu Weihnachten wird wahrscheinlich im Theater „Die Mondscheinprinzessin“ gespielt. Ich werde sicher mit den Kindern hin gehen, sie freuen sich schon darauf. Helga meinte „jetzt weiß ich immer, aha, jetzt stehen sie schon hinter den Kulissen und warten, bis sie dran kommen“. Ich meinte erst, das würde sie etwas enttäuschen, aber es tut ihrer Begeisterung gar keinen Abbruch.
Lieber Ernst, der Blumenstock von Dir blüht immer noch ganz herrlich. Er hat noch keine Blüten verloren. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich in die Stube komme. Du hast mir damit eine große Freude gemacht.

                                                                                                                        11.12.1942
Ehe ich weg fahre in die Stadt, will ich den Brief noch beenden, damit ich ihn mitnehmen kann. Heute Morgen waren  unsere beiden Lauser so ausgeschlafen und frisch, dass das Anziehen ganz flink von statten ging. Sie waren schon ganz zeitig fertig zum in die Schule gehen. Das hat sie sehr gefreut und sie haben sich vorgenommen, nicht mehr so spät schlafen zu gehen.
Heute Nachmittag gehen die Kinder doch turnen. Da gehe ich mit ihnen in die Stadt, und während sie turnen, gehe ich meine Karten anmelden und einkaufen. Nach dem turnen hole ich sie wieder ab und wir schauen uns noch die Schaufenster beim Ackermann an, in dem die von der HJ angefertigten Spielsachen schon als Vorgeschmack zur großen Ausstellung ausgestellt sind. Natürlich wollen wir auch den großen brennenden Weihnachtsbaum auf der Marktstätte ansehen. Wenn ich heute alles erledige, brauche ich morgen gar nicht fortgehen.
Nun will ich mich fertig machen. Bleib Du, mein lieber Mann, recht gesund und sei herzlich gegrüßt und geküsst von deiner Annie. 

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